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Seit fünf Jahren ist Thomas Gabrisch Leiter des Konzertchores Ratingen. In dieser Zeit ist es ihm nicht nur gelungen, zweimal im Jahr ein Konzert in der Stadthalle Ratingen aufzuführen, sondern auch Konzertreisen für den Chor zu organisieren. Der bekommt plötzlich eine ganz andere Attraktivität. Mit dem Frühjahrskonzert geht Gabrisch einen Schritt weiter – und gewinnt.

Der Chorgesang erfreut sich in Deutschland großer Beliebtheit. Mehr als vier Millionen Menschen singen in über 20.000 Chören verschiedenster Gattungen. Damit ein Chor so attraktiv ist, dass er genügend Mitglieder für seine Aufgaben zusammenbekommt, braucht er ein ansprechendes Repertoire, ein funktionierendes Gemeinschaftsleben, einen ansprechenden Mehrwert und einen charismatischen Leiter, welchen Geschlechts auch immer. Ein solcher Mensch ist Josef A. Waggin, der den Konzertchor ´73 gründete, in Konzertchor Ratingen umbenannte und ihn 40 Jahre lang leitete, ehe er ihn 2013 an Thomas Gabrisch übergab.
Da hatte den Chor bereits eine gewisse Müdigkeit erfasst. Auf 55 Mitglieder war er zusammengeschrumpft. Dabei ist ohnehin erstaunlich, wie es einem Chorleiter gelingt, die Hobby-Sänger über vier Jahrzehnte zu motivieren. Das Potenzial erkannte auch Dirigent Gabrisch, der neben Gastdirigaten in aller Welt hauptberuflich für die Opernklasse an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf verantwortlich ist. Und er setzte gleich an zwei Punkten an. Die Choristen wollen gefordert sein – schließlich opfern sie ihre Freizeit – und sie wollen etwas erleben. Singen kann man schließlich überall. Nach einer Konzertreise an die Amalfi-Küste und einer Einladung nach Kuba im vergangenen Jahr ist der Weg geebnet. In anderthalb Jahren geht es nach Buenos Aires. „Ich glaube schon, dass das zusätzlich motivierend ist“, sagt Franzjoseph Esser, Vorsitzender des Chores und im Hauptberuf niedergelassener Frauenarzt in Ratingen. „Wir haben wieder was Schönes vor uns. Und da freuen wir uns natürlich alle schon sehr drauf. Und die Vorbereitung darauf läuft ja schon.“ Die Vorbereitung. Das ist das Frühjahrskonzert des Chors. Zum ersten Mal seit Gabrischs Amtsübernahme steht er diesmal nicht selbst am Pult. Dirigent Sebastiano de Filippi ist eigens aus Argentinien angereist, um mit dem Konzertchor und der Sinfonietta Ratingen zu arbeiten.
Die Sinfonietta ist das choreigene Orchester, das Gabrisch gleich nach Amtsantritt ins Leben rief, um unabhängig von anderen Organisationsstrukturen zu sein. Das Orchester wird flexibel aus Instrumentalisten der Umgebung besetzt. Da kommen Musiker zusammen, die man sonst nur in den Gräben der großen umliegenden Häuser erleben kann, aber natürlich auch Dozenten und besonders talentierte Studenten der Robert-Schumann-Hochschule. Sabine Schneider sorgt regelmäßig für die notwendige Neubesetzung, so auch für das unmittelbar bevorstehende Konzert in der Stadthalle von Ratingen. Auf dem Programm stehen neben einer Danse Bacchanale von Camille Saint-Saëns das Te Deum von Georges Bizet und die Cäcilienmesse von Charles Gounod.
Die heiße Phase beginnt

In der Endphase ist der Probenplan eng gesetzt. Donnerstagabend Chorprobe, Freitagnachmittag Orchesterprobe, Freitagabend Generalprobe, Samstag Konzert. Natürlich hat Gabrisch seine Musiker in den vorangegangenen Wochen bereits bestens vorbereitet, aber nun übernimmt de Filippi. Die Chormitglieder haben sich in ihrem Probenraum, der Aula der Liebfrauenschule, aufgestellt, die Noten fest im Blick, motiviert bis in die Haarspitzen. Gabrisch hat am Flügel Platz genommen. Neben ihm am Pult steht de Filippi und leitet die Choristen durch das Te Deum. Milde Abendsonne fällt in den Saal. De Filippi gibt zahlreiche Tipps. Ein paar Hinweise zu viel vielleicht. „Es ist schon etwas gewöhnungsbedürftig für uns. Weil manches jetzt anders gewünscht wird, als wir es einstudiert haben“, erklärt Esser in der Pause. In Anbetracht der dahineilenden Zeit macht sich schon ein wenig Anspannung breit. Aber der Chorvorsitzende bleibt eisern zuversichtlich. „Wir sind anpassungsfähig, und wir werden das so vortragen, wie er das wünscht“, Esser kennt seinen Chor und weiß, dass er sich auf das Engagement der Mitglieder verlassen kann. „Das muss jeder für sich zuhause vor der Generalprobe noch einmal durchgehen, damit wir all die Dinge, die wir heute neu erfahren, auch umsetzen.“ Die gute Laune, die de Filippi verbreiten möchte, will nicht so recht durchdringen, auch wenn er als Sympathieträger durchaus ankommt. Aber so mancher geht an diesem Abend mit dem Gefühl nach Hause, dass ein paar Proben mehr nicht geschadet hätten. Der Chorleiter geht indes wesentlich optimistischer an die Sache ran. Er weiß inzwischen, was er seinem Chor zutrauen kann. „Ich glaube, dass diese neuen Impulse dem Chor sehr gut tun werden und dass es ein richtig schönes Konzert werden wird“, freut sich Gabrisch.
Am Freitagnachmittag treffen Orchester, Gesangssolisten und der Dirigent aus Argentinien zum ersten Mal aufeinander. Im Gegensatz zu Choristen sind Instrumentalisten und Solisten es gewohnt, mit den unterschiedlichsten Dirigenten zu arbeiten. Und so zeigt sich Konzertmeister Noé Inui schon nach kürzester Zeit von dem Temperamentbündel am Pult begeistert. „Er bringt neue Sichten, würde ich sagen. Es ist interessant zu sehen, wie jemand anders so arbeitet. Er hat schon ein deutliches Interesse an Details und möchte auch Kleinigkeiten üben. Was auch für uns wichtig ist. Das ist richtig gut“, begeistert sich der junge Geiger für de Filippi, der sich derweil immer wieder auf Diskussionen mit den Bläsern zur Danse Bacchanale einlässt. Auch Bass-Bariton Rolf A. Scheider – Thomas Gabrisch und er kennen sich seit vielen Jahren, hatten aber noch nie Gelegenheit, miteinander zu musizieren, deshalb ist die Freude ohnehin groß – ist voll des Lobes über den Argentinier, der im schwarzen T‑Shirt am Pult der Stadthalle steht und die Musiker vor ihm mit großer Geste abholt. „Ich finde auf jeden Fall, dass er sehr temperamentvoll und sehr saftig musiziert“, zeigt sich Scheider hocherfreut darüber, dass de Filippi insbesondere bei Gounods Cäcilienmesse den „romantischen Kitsch“ voll rauslässt. „Ich habe es auch schon mal anders erlebt, und dann muss ich sagen, dann gefällt mir das Stück nicht so gut. Das Stück ist nun mal so angelegt, und wenn man das dann nicht will, dann weiß ich auch nicht, warum man es aufführt.“ Der Sänger, der unter anderem in der Kirchenmusik zu Hause ist, gerade am Musiktheater im Revier die Menschen in der Hauptrolle von Tscherjomuschki begeistert, findet es einfach schön, dass „der so groß reingeht“.
„Kitschig, aber wunderschön“

Thomas Gabrisch, der das Experiment zu verantworten hat, ist, und das muss furchtbar sein, raus aus der Sache. Ihm bleibt zu diesem Zeitpunkt kaum anderes, als vom Zuschauersaal aus die Partitur zu verfolgen, zwischenzeitlich mal verschiedene Positionen einzunehmen. Jetzt hat er die Geschichte endgültig aus der Hand gegeben. Sebastiano de Filippi bemerkt das gar nicht. Er geht ganz und gar in seiner Arbeit auf. Schon am Vorabend war er von der Arbeit des Chores begeistert, erzählt er, jetzt gefällt ihm die Auseinandersetzung mit dem Orchester. Der schönste Moment an seinem Aufenthalt in Deutschland? Kann und will er noch gar nicht sagen. Momentan genießt er das Laboratorium der Probensituation. Aufwecken, anstacheln, letzte Unklarheiten beseitigen, die Richtung vorgeben. Alles wird ihm hier in die Hand gelegt. Und er ist – ebenso wie Gabrisch – fest davon überzeugt, dass am nächsten Tag alles funktionieren wird. Die Stimmung ist jetzt gut, produktiv, ja, heiß. Auch wenn die Beteiligten nach außen hin scheinbar gelassen bleiben.
Und noch, bevor die Hochzeit von Chor und Orchester in der Generalprobe stattfindet, bekommt man das Gefühl dafür, dass es was werden wird mit dem Konzert. Gabrisch und de Filippi wissen es längst: Die Profis aus dem Orchester haben ihre Sache im Griff, die Solisten sind mit Empathie dabei und der Chor wird alles geben. Das beglückende Gefühl, das die beiden Musiker schon jetzt haben, werden die übrigen Beteiligten erst einen Tag später erleben.
Was die gute Laune von Chor, Solisten und Orchester seit zwei Tagen beflügelt hat, wird am Tag des Konzerts zur Falle: Der Mai führt sich hochsommerlich auf. Da kann man am Samstag froh sein um jeden, der nicht rechtzeitig dazu gekommen ist, Grillgut einzukaufen. Trotzdem ist der Saal nicht vollkommen ausverkauft. Für den Konzertchor Ratingen wird es ein großer Tag. Die Aufführung gelingt, das Publikum applaudiert stehend und die Konzertreise nach Buenos Aires ist gesichert. Der Chorleiter wusste schon vorher, dass seine Strategie greifen wird. Vor allem eines dürfte ihn freuen: Die Mitgliederzahl seines Chors ist in seiner Amtszeit auf über 80 gestiegen. In den vergangenen fünf Jahren hat er sie also um mehr als die Hälfte steigern können. Da weiß man nicht, was der größere Erfolg ist. Und bevor der Sommer noch begonnen hat, darf man sich darauf freuen, was sich Gabrisch für das Winterkonzert einfallen lässt. Denn seine Choristen sind jetzt hungrig.
Michael S. Zerban