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Der Besuch einer Freilicht- oder Freiluftbühne ist bei den Bürgern sehr beliebt. Und so gibt es eine hohe Dichte solcher, oft kleiner und mit viel Liebe und ehrenamtlichem Aufwand gestalteten Veranstaltungsorte. Wie aber sieht es mit der politischen Wertschätzung, der Finanzierung und dem Einsatz professioneller Darsteller aus?

Sommerzeit – das ist Freiluftzeit: Wie der Urlaub an der See, das Klettern in den Bergen oder verträumtes Wandern in der Heide ist für viele Theaterfans der Besuch einer Freiluft- oder Freilicht-Theateraufführung fester Bestandteil des Sommers – in der nächsten Scheune eines Bauernhofes, auf dem Innenhof eines der vielen Schlösser auf dem Lande, in der umgebauten Burg auf dem nächsten Höhenzug wie etwa im Teutoburger Wald oder in Bad Hersfeld, an prominenten Orten wie der Bregenzer Seebühne oder, wie gerade von Sir Simon Rattle und den Berliner Symphonikern praktiziert, der Waldbühne in Berlin-Charlottenburg mit Platz für gut 20.000 Besucher. Ob Schauspiel, Oper, Musical oder Kindertheater – die Programme sind bunt und vielfältig, an (fast) jeden Geschmack ist gedacht.
Die kleine Freilicht-Bühne des westfälischen Städtchens Billerbeck lässt sich nicht lange bitten und bietet ihren kleinen und großen Besuchern routiniert das Familienstück Emil und die Detektive und als Abendvorstellung In 80 Tagen um die Welt an. Bei mäßiger Besucherzahl erleben die Zuschauer den schrullig-pingeligen Engländer Mr. Fogg, seinen französisch-flippigen Diener Passepartout und deren robuste Köchin Ms. Potts in einem Dutzend haarsträubender Situationen auf ihrer Weltreise von London über Bombay, Kalkutta und Hongkong zurück nach London in 79 Tagen, 23 Stunden 59 Minuten. Genau eine Sekunde vor Ablauf einer Wette, deren Verlust Mr. Fogg den Rest seines Vermögens gekostet hätte, erreichen sie ihren Club in London. Er gewinnt, versteht sich. Diesen vergnüglichen Schwank, in dem eigentlich immer Witz und Humor gewinnen, bringen die Billerbecker Amateure mit Routine, Spiellust und immer ein wenig überdreht auf die Bühne, zur Freude der (zu) wenigen Zuschauer, die sicht- und hörbar ihren Spaß daran haben. Denn wieder einmal hat ein Schiff schon abgelegt ohne die beiden Weltreisenden, doch Passepartout und Mr. Fogg fällt wieder ein neuer, ebenso unwahrscheinlicher Ausweg ein, wie sie doch noch die Wette gewinnen können. Dass ganz am Rande Mr. Fogg endlich die zu ihm passende attraktive Dame findet, ist der noch fehlende, goldene Pinselstrich an diesem von niemandem ernst zu nehmenden Porträt. Ein gelungener Spaß an diesem Sommerabend im Grünen.
Die Freilichtbühne im benachbarten Coesfeld hat sich seit mehreren Jahren neben Familienstücken wie Michel aus Lönneberga in dieser Saison wieder dem Musical zugewandt und bringt das wenig bekannte, neue Musical 9to5 heraus , hinter dem sich eine ziemlich banale Bürogeschichte verbirgt. Auf der Basis einer US-amerikanischen Filmkomödie hat Dolly Parton 2008 die Musik und die Gesangstexte geschrieben, für das Buch zeichnet Patricia Resnick verantwortlich, die deutsche Fassung hat Kevin Schroeder besorgt, leider mit wenig Sorgfalt. Harald Kratochwil bleibt bei seiner Regie ziemlich realistisch, die Choreografie von Kati Heidebrecht ist schwer zu erkennen, Oliver Haug führt die verschiedenen Gesangspartien sicher durch die off-Musik, die Musical-mäßig sehr laut daherkommt. Mit Heike Hansen als Violet, Lisa Schmohl als Doralee und Celine Bergerbusch als Judy sind die weiblichen Hauptrollen mit sicheren Stimmen gut besetzt, Jörg Middendorf als Fiesling Hart jr. meistert mit dunkel gefärbter Songstimme seine Partie ohne Mühe. Die etwas müde Handlung plätschert vor allem im Mittelteil ohne rechte Spannung dahin, das Stück wirkt dramaturgisch insgesamt zu lang. Als zuverlässige Stütze der Aufführung erweist sich der stark auftretende Chor, der die Zuschauer mehrfach zu Szenenbeifall motiviert.
Mit Les Miserables bietet die Tecklenburger Bühne ein klassisches Musical, das nach seiner Uraufführung 1980 in Paris von den Spielplänen der Sommertheater nicht mehr wegzudenken ist. Ulrich Wiggers inszeniert das Sozialschauspiel in historischem Kontext, wozu die Burgruine geradezu einlädt: Ob Marktplatz, ein verträumtes Zimmer, versteckte Gänge oder ein Platz für den Aufmarsch der aufsässigen Studenten – die Tecklenburger Bühne bietet fast alle Variationen meist ohne Umbau. So kommt das Bühnenbild mit einigen angedeuteten Fensterreihen aus, Karin Alberti präsentiert vor allem die Damen in üppigen Gewändern des Bürgertums und Kati Heidebrecht hat für die Choreografie auf einer breiten Bühne viel Platz für die Akteure. Mit eingespielter Musik und einer erprobten Mikrofon-Anlage sind die Darsteller bis in die hinteren Reihen gut zu sehen und zu verstehen. Patric Stanke als Jean Valjean, Kevin Tarte als Polizeihauptmann Javert, Florian Soyka als Bischof von Digne sowie Milica Jovanovic als Fantine und Bettina Meske als Madame Thénardier erweisen sich als gelungene Besetzungen, die darstellerisch wie stimmlich keine Langeweile aufkommen lassen. Die Freilichtspiele Tecklenburg in dem alten Burggemäuer der Tecklenburg, einem wichtigen Schutzpunkt des damaligen Handelsweges Lübeck-Münster-Köln können sich dank guter lokaler Einbindung für die diesjährige Inszenierung von Les Miserables über 20 Profis mit unterschiedlichen Ausbildungen leisten. Sie erhalten zwischen 5000 und 10.000 Euro für ihr Engagement und kosten das Theater insgesamt rund 100.000 Euro pro Saison. Zu den Profis gehören neben den Darstellern der Hauptrollen noch der Regisseur, der musikalische Leiter, der Chorleiter und die Bühnenbildner. Die Investitionen sind qualitativ bemerkbar und kommen dem Publikum zugute. In zahlreichen Nebenrollen und dem Chor engagieren sich Theaterfreunde und Vereinsmitglieder, die kostenlos gern bei den Stücken mitwirken. Hört man sich um, erfährt man bald, dass das Ensemble wie bei vielen anderen Freilichtbühnen eine starke lokale Basis hat. Erster Vorsitzender und Intendant Radulf Beuleke kann sich auf einen großen Verein stützen, der den Freilichtspielen ein sicheres Fundament und verlässliche Unterstützung garantiert, die dieser fast ohne öffentliche Mittel arbeitenden freien Bühne ihre künstlerische Arbeit und eine überregionale Beachtung sichert.
Organisiertes Veranstaltungswesen
Der Verband Deutscher Freilichtbühnen (VDF) Nord mit Sitz in Hamm, in dem sich 42 Amateurbühnen aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Nord-Hessen zusammenschließen, schätzt, dass trotz unbeständigen Wetters im Frühsommer und der Konkurrenz der Fußballweltmeisterschaft auch in dieser Saison wieder gut 550.000 Zuschauer den Weg in die Aufführungen der meist als Amateurtheater arbeitenden Freilicht- oder Freilufttheater finden. Im Regionalverband Süd treffen sich 48 Bühnen, Bayern fügt noch einmal zehn Bühnen hinzu – natürlich in einer Sonderrolle. Die meisten Aufführungsstätten sind inzwischen regensicher ausgebaut – zumindest für die Besucher. Den Schauspielern und Sängern wird allerdings oft jedes Wetter zugemutet, und mancher Mitarbeiter der Maske musste schon erleben, wie sich das mühsam gestaltete Makeup des Helden oder der Liebschaft langsam, aber unaufhaltsam im Regen auf dem Gesicht des Darstellers verteilt.
In den beiden großen Sparten Erwachsenentheater und Kinder- oder Familientheater reichen die am häufigsten gespielten Titel von Alice im Wunderland und Dracula über Heisse Ecke bis zu den Kinderklassikern Dschungelbuch, Michel aus Lönneberga, Ritter Rost und Die kleine Hexe. Die Liste des VFD weist für die Saison 2017 knapp 150 Stücke und 1733 Aufführungen auf, darunter 56 Kinderstücke. Fast eine Million Besucher fanden den Weg in die Freilichttheater, die oft „ihr“ örtliches Publikum haben. Gegenüber 2016 zeichnet sich eine leichte Steigerung ab, 49 Aufführungen mussten meist wegen ungünstigen Wetters ausfallen. Nur wenige Bühnen erlangen überregionale Bedeutung wie etwa die Schlossfestspiele in Schwerin, die Karl-May-Festspiele in Elspe oder Bad Segeberg oder die Seefestspiele in Bregenz. Einige Amateurtheater haben sich thematisch spezialisiert wie die Winnetou-Inszenierungen oder die Seeräubergeschichten des wilden Klaus Störtebeker in Ralswiek auf Rügen. Dazu kommt noch eine ganze Reihe von Mundarttheatern wie etwa die Holtebütteler Plattsnackers nahe Bremen oder die Heimspiele Marklohe nördlich von Hannover.
Die Rollen, meist zahlenmäßig übersichtlich, sind durchweg mit Amateuren besetzt. Nur wenige freie Bühnen können es sich leisten, für die Hauptrollen junge Profis zu engagieren und zu bezahlen. Mehrere Bühnen verfügen über einen umfangreichen Fundus mit inzwischen erstaunlichen Kostümbeständen, die sie gerne – und gegen Gebühren – an Nachbarbühnen ausleihen: Kostüme für ein Musical, für Rapunzel, Peter Pan, Winnetous Lederhaut, Siegfrieds Panzerhemd oder die Mütze für Jim Knopf – kein Problem. Die Musik, für solche Aufführungen produziert, wird meist eingespielt, die Gesangspartien erklingen live dazu. Die verwendeten Musikkonserven und ihr Copyright sind über musikalische Fachverlage gut erhältlich – gegen teures Geld. Nur sehr selten haben Amateurtheater die finanziellen Möglichkeiten, eigene Kompositionsaufträge zu vergeben. Neben den oft in Vereinen organisierten Amateurtheatern bietet eine Reihe von örtlichen Theatern wie Erfurt, Osnabrück oder Schwerin in ihrem Sommerprogramm besondere Open-Air-Aufführungen beliebter Klassiker an, so 2018 die Domstufenfestspiele in Erfurt Bizets Carmen, im Schlosstheater Schwerin Puccinis Tosca oder in Gandersheim die Musical- Aufführung The Addams Family.
Der Verband Deutscher Freilichtbühnen kümmert sich um die Außendarstellung der Mitgliedsbühnen und um ihre Kooperation und Vernetzung. Er unterstützt die Jugendarbeit und organisiert Schulungen für die Akteure. Dem Verband ist es gelungen, Sonderkonditionen bei der GEMA, der Künstlersozialkasse und bei verschiedenen Versicherungen zu erreichen. Auffallend ist, dass sich die Bühnen in den östlichen Bundesländern anders organisieren und bisher dem VDF nicht beigetreten sind. Insgesamt scheint das Bedürfnis nach überregionalen Verbänden und einer solidarischen Zusammenarbeit in den neuen Bundesländern (noch) gering zu sein, was sich in der Abstimmung der Öffentlichkeitsarbeit wie in der Kontaktpflege zur Kulturpolitik negativ bemerkbar macht. Der VDF arbeitet eng mit dem Bund Deutscher Amateurtheater (BDAT) zusammen, der mit nahezu 100.000 Mitgliedern einer der größten Interessenverbände für Darstellende Künste in Europa und Mitglied im Weltamateurtheaterverband ist.
Wertschätzung auf internationaler Ebene

Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, in dem sich viele Theater zusammengeschlossen haben, lobt die deutsche Theaterdichte und deren einzigartige Vielfalt gern als „die reichste Theaterlandschaft der Welt“. Deshalb hat der Deutsche Kulturrat die deutsche Theater- und Konzertlandschaft auch für die Aufnahme in die Liste der immateriellen Weltkulturerbe vorgeschlagen, die Entscheidung der UNESCO steht für kommendes Jahr an. Bis dahin – und darüber hinaus – werden der Kampf um öffentliche Gelder und die Konkurrenz um die Gunst der Zuschauer weitergehen, und jedes Haus, jeder Träger, jeder Verein ist auf diese Unterstützung und die dazu erforderliche politische Wertschätzung angewiesen. Dabei geht es nicht nur um künstlerische Solidarität, sondern um die Wahrnehmung der politischen Realitäten und ihrer Regeln. Auf der politischen Bühne wird der wahrgenommen, der sich deutlicher als andere bemerkbar macht. Auf die Frage, wie oft sie Stadt- oder Landtagsabgeordnete in ihrem Theater sehen, zucken viele Bühnenvertreter ahnungslos mit den Schultern. Das kann, wie Beispiele zeigen, auf Dauer die gelobte Theaterdichte beschädigen – auch unter den Freilichttheatern.
Horst Dichanz