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Villa Wahnfried - Foto © Peter E. Rytz

„Die Eigentümlichkeit der freundlichen Stadt“

Die Bayreuther Festspiele sind ein univer­saler Begriff in der Welt der Musik. Warum aber entscheidet sich Richard Wagner 1871 ausge­rechnet für Bayreuth, als er das fränkische Städtchen fernab aller urbanen und kultu­rellen Metro­polen sowie modernen Verkehrs­ver­bin­dungen besucht? Eine Spuren- und Quellen­suche im Bemühen um Antworten, die ähnlich rätselhaft ausfallen wie das Leben des Kompo­nisten.

Unterer Markt mit Spital­kirche – Foto © Peter E. Rytz

Am 29. August gehen die Richard-Wagner-Festspiele 2018 zu Ende. Rund 30 Auffüh­rungen, darunter die Neupro­duktion von Lohengrin, werden dann Geschichte, annähernd 60.000 Karten­wünsche erfüllt sein. Wagne­rianer aus aller Welt werden frühzeitig ihr Interesse auf die Festspiele 2019 und speziell die Neuin­sze­nierung des Tannhäuser richten. Wie kaum ein zweites Klassik­event verfügen die bekann­testen Musik­fest­spiele Europas über einen festen Platz in den Kalendern von Verbänden, Kultur­or­ga­ni­sa­tionen und Reise­ver­an­staltern weltweit, die sich auf die Richard-Wagner-Festspiele spezia­li­siert haben. Quasi festge­mauert wie Walhall im Rheingold. Wie selbst­ver­ständlich reisen Jahr für Jahr Besucher aus allen Teilen Europas, aus China und Japan, den USA und Kanada in die Stadt im Oberfrän­ki­schen. Sie nehmen Stunden auf Holzbänken im Festspielhaus in Kauf, auch bei brütender Hitze, pilgern zur Villa Wahnfried und dem Grabmal von Richard und Cosima, in dessen Nähe eine Stein­platte auch auf Russ hinweist, Wagners dort beigesetzten Hund.

Noch in den 1970-er Jahren spotten Satiriker wie der Jurist und Litera­tur­wis­sen­schaftler Herbert Rosen­dorfer, ein Vorteil Bayreuths bestehe darin, das Städtchen über gleich zwei BAB-Auffahrten jederzeit verlassen zu können. Von solchen Stiche­leien haben sich die praktisch denkenden Bayreuther nicht irritieren lassen. Haben sich doch die 1876 mit der kompletten szeni­schen Urauf­führung der Tetra­logie Der Ring des Nibelungen eröff­neten Festspiele zumindest für Bayreuth und die Region als wahrer Goldschatz erwiesen. Außerhalb von Juli und August bilden die Stadt und ihre Festspiele weitgehend eine Paral­lel­ge­sell­schaft. In der Festspielzeit dagegen funktio­niert eine perfekte wirtschaft­liche Symbiose. Hotel­lerie und Gastro­nomie, zahlreiche Vermieter von privatem Wohnraum und die lokale Geschäftswelt profi­tieren vom Boom der Gäste.

Warum nicht Leipzig, Dresden, München?

Sind die Festspiele für Bayreuth ein elemen­tarer Wirtschafts­faktor, so sind sie es nicht minder als globaler Image­faktor. Bereits im 19. Jahrhundert, heißt es auf der Homepage der Stadt, „bescherten Leben und Schaffen Wagners der ehema­ligen fränki­schen Residenz­stadt eine weitrei­chende neue Ausstrahlung“. Warum aber, bleibt zu fragen, gerade Bayreuth? Warum nicht Leipzig, Wagners Geburts­stadt? Warum nicht Dresden, wo der junge Wagner entschei­dende Jahre verbringt, wo Der Fliegende Holländer und Tannhäuser urauf­ge­führt werden? Warum nicht München, Macht­zentrum des bayeri­schen Königs Ludwig II., in dem der Komponist seinen wahren Mäzen findet? Antworten auf die Frage finden sich bei keineswegs üppiger Quellenlage vor allem in der Biographie und der künst­le­ri­schen Ideen­ge­schichte Wagners.

Die Vorge­schichte der Festspiele im engeren Sinne beginnt im März 1870. Wagner, der sich schon seit Jahrzehnten mit der Idee eines eigenen Theaters als adäquater Auffüh­rungs­stätte seiner Werke beschäftigt, wird durch einen Lexikon­ar­tikel und durch Gespräche auf das Markgräf­liche Opernhaus in Bayreuth aufmerksam. Seine Pläne, mit der Hilfe von Ludwig II. durch den Archi­tekten Gottfried Semper in München ein monumen­tales Natio­nal­theater bauen zu lassen, sind gerade gescheitert.

Markgräf­liches Opernhaus – Foto © Peter E. Rytz

Zu der Zeit ist das Markgräf­liche Opernhaus das Theater mit der größten Bühne in deutschen Landen. Hieran erinnert sich der Komponist, als er am 16. April 1871 in Begleitung von Cosima auf einer ausge­dehnten Reise durch Deutschland in Bayreuth eintrifft. Oberflächlich ist ihm der Ort von einem Besuch im Jahr 1835 vertraut. Er besichtigt das Opernhaus, hält es aber für seine Pläne für ungeeignet. Gleichwohl findet er Gefallen an dem barocken Provinz­städtchen, trifft den Entschluss, sich in Bayreuth nieder­zu­lassen, ein Theater zu errichten und Festspiele vorzubereiten.

Was nach einem spontanen Votum aussieht, ist in Wirklichkeit Ergebnis einer jahre­langen Überlegung. „Der Ort sollte keine Haupt­stadt mit stehendem Theater, auch keiner der frequen­testen großen Badeörter sein, welche gerade im Sommer mir ein durchaus ungeeig­netes Publikum zuführen würden“, schreibt Wagner in einem Brief am 1. November 1871 aus Luzern. Der Sitz des künftigen Festspiel­theaters, heißt es dort weiter, „sollte dem Mittel­punkt von Deutschland zu gelegen, und ein bayeri­scher Ort sein, da ich zugleich an eine dauernde Übersiedlung für mich dabei denke, und diese im Fortgenuß der vom Könige von Bayern mir erwie­senen Wohltaten, nur in Bayern zu treffen für schicklich finden muß.“ Gerichtet ist das Schreiben an Friedrich Feustel. Der Bayreuther Bankier ist zusammen mit dem Bayreuther Bürger­meister Theodor Muncker die Instanz, die nachhaltig Wagners Pläne unter­stützt. Noch im selben November stellt der Gemein­derat Wagner Baugrund für sein Festspielhaus zur Verfügung, kostenlos.

Exklu­si­vität für Person und Werk

In seiner Autobio­grafie Mein Leben vermerkt Wagner, er fühle sich in Bayreuth durch „die Eigen­tüm­lichkeit der freund­lichen Stadt“ angezogen. Zu diesen „Eigen­tüm­lich­keiten“ gehört die geogra­fische Lage Bayreuths fernab den Zentren des noch jungen Indus­trie­zeit­alters mit ihren Ruß- und Rauch­schwaden. Der Meister meidet alles Urbane im Zeichen von Kohle und Stahl, dem er in der Nibelheim-Szene seiner Oper Rheingold gleichwohl tiefen Respekt zollt. Wagner schätzt nicht zuletzt die idyllische Verwun­schenheit des gerade 17.000 Einwohner zählenden Städt­chens am Ende des Tals der Pegnitz. Mit den modernen Verkehrs­ver­bin­dungen lassen sich Berlin und Leipzig, Nürnberg und München erreichen. Nur Bayreuth lassen sie quasi links liegen. Wer sich auf die durchaus beschwer­liche Reise zu seinen Festspielen macht, lautet das Kalkül des extrem selbst­be­zo­genen Kompo­nisten, soll sich exklusiv auf ihn und sein Werk konzentrieren.

So kurios manches, so plausibel für den Pionier eigener Festspiele. Weniger bekannt ist Wagners Affinität zu einem weiteren Mosaik­stein in diesem Bild der Eigen­tüm­lich­keiten, der religiösen Eigenart Bayreuths. Die Stadt ist in der Zeit nach Napoleon eine protes­tan­tische Diaspora im überwiegend katho­li­schen Bayern. Wagner, im August 1813 in der Leipziger Thomas­kirche, der Kirche Johann Sebastian Bachs, getauft, sieht sich in einer seiner Wunsch­vor­stel­lungen bestätigt. Eine evange­lisch geprägte Stadt soll der Schau­platz seines Festspiels und der Vollendung seines künst­le­ri­schen Anspruchs sein. Bayreuth, Hort des oberfrän­ki­schen Protes­tan­tismus mit calvi­nis­ti­scher Kompo­nente, erfüllt auch dieses Kriterium. Ein demons­tra­tiver Fingerzeig des Kompo­nisten hierauf fehlt aller­dings. Mittelbar ist die Sache indes nachvoll­ziehbar. „So direkt hat sich Wagner nie geäußert“, weiß Sven Friedrich, studierter Theater­wis­sen­schaftler und Direktor des Richard-Wagner-Museums Haus Wahnfried mit Natio­nal­archiv und Forschungs­stätte der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth. „Vielleicht aber gilt der Zusam­menhang mittelbar.“

Protes­tan­tische Sozialisation

Wagner macht aus seiner protes­tan­ti­schen Sozia­li­sation keinen Hehl, verhält sich aber nicht so, wie man es von einem prakti­zie­renden Christen erwarten könnte. Weder geht er regel­mäßig in die Kirche, noch gibt er dem Kirch­lichen in seinem privaten Leben nennens­werten Raum. „Er hatte“, gibt Friedrich zu bedenken, „mit der Insti­tution Kirche grund­sätzlich Probleme.“ Aus der wachsenden Entfernung indes entwi­ckelt sich eine neue Philo­sophie, die mit der Enge des religiösen Konfor­mismus der Bayreuther produktiv korre­spon­diert. Werk für Werk bis hin zum Parsifal arbeitet sich Wagner an den überkom­menen Insti­tu­tionen ab. „Seine zentrale Intention des Gesamt­kunst­werks erschöpft sich ja nicht in der Verei­nigung der Kunst­arten und der ästhe­ti­schen Gemein­schaft von Schaf­fenden und Schau­enden“, erläutert Friedrich. „Wagner geht es letztlich um die Aufhebung von Staat, Gesell­schaft, Ökonomie, Religion, der Kirchen und der konfes­sio­nellen Schranken in der Kunst.“

Die Entscheidung des Kompo­nisten, die „theatra­lische Stadt“, wie sie der Kritiker Norbert Ely nennt, zum Schau­platz seiner Festspiele zu erwählen, ist in ihren Zufäl­lig­keiten und Wider­sprüchen, Egoismen und Visionen auch ein Nukleus der Existenz Wagners als Künstler. Bayreuth ist bis heute stark von der refor­mierten Kirche mit ihrem Logozen­trismus geprägt, die in Luthers Sola scriptura eine ihrer Säulen aufweist. Ausge­rechnet in diesem gesell­schaft­lichen Klima einer besonders betonten Frömmigkeit und Abgeschlos­senheit vollendet Wagner seine künst­le­rische Utopie. „Erstaunlich“ findet das der Bayreuth-Experte Friedrich. Wagners Ästhetik des 19. Jahrhun­derts mit ihren roman­ti­schen und also katho­li­schen Erschei­nungs­formen, die ja gerade Wagner mit seinem Musik­theater wesentlich entwi­ckelt habe, sei den Bayreuther Verhält­nissen „diametral entgegengesetzt“.

Im Leben Wagners unter­scheidet sich das Bayreuther Kapitel nicht sonderlich von seinen anderen Lebens­ab­schnitten, die ähnliche Antinomien aufweisen. 1874 bezieht der Begründer von Bayreuths Weltruhm samt Familie Haus Wahnfried. Ihn zieht es aber in den Folge­jahren immer wieder nach Italien, wo er dann auch im Februar 1883 in Venedig stirbt. Das Geheimnis aller Kunst, schreibt der Wagner-Kenner und Buchautor Dieter Borchmeyer, bestehe darin, nie vom Verstand entschlüsselt zu werden und doch Offen­barung zu sein. Die Passage ist eine Anspielung auf die Grund­stein­legung des Festspiel­hauses im Mai 1872 und einen in den Grund­stein einge­mau­erten „Weihegruß“ von Ludwig II und von Wagner. Die Geschichte des Votums für Bayreuth als Festspielort ist selbst ein solches Geheimnis, nicht ganz erfassbar und doch plausibel.

Ralf Siepmann

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