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Die Bayreuther Festspiele sind ein universaler Begriff in der Welt der Musik. Warum aber entscheidet sich Richard Wagner 1871 ausgerechnet für Bayreuth, als er das fränkische Städtchen fernab aller urbanen und kulturellen Metropolen sowie modernen Verkehrsverbindungen besucht? Eine Spuren- und Quellensuche im Bemühen um Antworten, die ähnlich rätselhaft ausfallen wie das Leben des Komponisten.

Am 29. August gehen die Richard-Wagner-Festspiele 2018 zu Ende. Rund 30 Aufführungen, darunter die Neuproduktion von Lohengrin, werden dann Geschichte, annähernd 60.000 Kartenwünsche erfüllt sein. Wagnerianer aus aller Welt werden frühzeitig ihr Interesse auf die Festspiele 2019 und speziell die Neuinszenierung des Tannhäuser richten. Wie kaum ein zweites Klassikevent verfügen die bekanntesten Musikfestspiele Europas über einen festen Platz in den Kalendern von Verbänden, Kulturorganisationen und Reiseveranstaltern weltweit, die sich auf die Richard-Wagner-Festspiele spezialisiert haben. Quasi festgemauert wie Walhall im Rheingold. Wie selbstverständlich reisen Jahr für Jahr Besucher aus allen Teilen Europas, aus China und Japan, den USA und Kanada in die Stadt im Oberfränkischen. Sie nehmen Stunden auf Holzbänken im Festspielhaus in Kauf, auch bei brütender Hitze, pilgern zur Villa Wahnfried und dem Grabmal von Richard und Cosima, in dessen Nähe eine Steinplatte auch auf Russ hinweist, Wagners dort beigesetzten Hund.
Noch in den 1970-er Jahren spotten Satiriker wie der Jurist und Literaturwissenschaftler Herbert Rosendorfer, ein Vorteil Bayreuths bestehe darin, das Städtchen über gleich zwei BAB-Auffahrten jederzeit verlassen zu können. Von solchen Sticheleien haben sich die praktisch denkenden Bayreuther nicht irritieren lassen. Haben sich doch die 1876 mit der kompletten szenischen Uraufführung der Tetralogie Der Ring des Nibelungen eröffneten Festspiele zumindest für Bayreuth und die Region als wahrer Goldschatz erwiesen. Außerhalb von Juli und August bilden die Stadt und ihre Festspiele weitgehend eine Parallelgesellschaft. In der Festspielzeit dagegen funktioniert eine perfekte wirtschaftliche Symbiose. Hotellerie und Gastronomie, zahlreiche Vermieter von privatem Wohnraum und die lokale Geschäftswelt profitieren vom Boom der Gäste.
Warum nicht Leipzig, Dresden, München?
Sind die Festspiele für Bayreuth ein elementarer Wirtschaftsfaktor, so sind sie es nicht minder als globaler Imagefaktor. Bereits im 19. Jahrhundert, heißt es auf der Homepage der Stadt, „bescherten Leben und Schaffen Wagners der ehemaligen fränkischen Residenzstadt eine weitreichende neue Ausstrahlung“. Warum aber, bleibt zu fragen, gerade Bayreuth? Warum nicht Leipzig, Wagners Geburtsstadt? Warum nicht Dresden, wo der junge Wagner entscheidende Jahre verbringt, wo Der Fliegende Holländer und Tannhäuser uraufgeführt werden? Warum nicht München, Machtzentrum des bayerischen Königs Ludwig II., in dem der Komponist seinen wahren Mäzen findet? Antworten auf die Frage finden sich bei keineswegs üppiger Quellenlage vor allem in der Biographie und der künstlerischen Ideengeschichte Wagners.
Die Vorgeschichte der Festspiele im engeren Sinne beginnt im März 1870. Wagner, der sich schon seit Jahrzehnten mit der Idee eines eigenen Theaters als adäquater Aufführungsstätte seiner Werke beschäftigt, wird durch einen Lexikonartikel und durch Gespräche auf das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth aufmerksam. Seine Pläne, mit der Hilfe von Ludwig II. durch den Architekten Gottfried Semper in München ein monumentales Nationaltheater bauen zu lassen, sind gerade gescheitert.

Zu der Zeit ist das Markgräfliche Opernhaus das Theater mit der größten Bühne in deutschen Landen. Hieran erinnert sich der Komponist, als er am 16. April 1871 in Begleitung von Cosima auf einer ausgedehnten Reise durch Deutschland in Bayreuth eintrifft. Oberflächlich ist ihm der Ort von einem Besuch im Jahr 1835 vertraut. Er besichtigt das Opernhaus, hält es aber für seine Pläne für ungeeignet. Gleichwohl findet er Gefallen an dem barocken Provinzstädtchen, trifft den Entschluss, sich in Bayreuth niederzulassen, ein Theater zu errichten und Festspiele vorzubereiten.
Was nach einem spontanen Votum aussieht, ist in Wirklichkeit Ergebnis einer jahrelangen Überlegung. „Der Ort sollte keine Hauptstadt mit stehendem Theater, auch keiner der frequentesten großen Badeörter sein, welche gerade im Sommer mir ein durchaus ungeeignetes Publikum zuführen würden“, schreibt Wagner in einem Brief am 1. November 1871 aus Luzern. Der Sitz des künftigen Festspieltheaters, heißt es dort weiter, „sollte dem Mittelpunkt von Deutschland zu gelegen, und ein bayerischer Ort sein, da ich zugleich an eine dauernde Übersiedlung für mich dabei denke, und diese im Fortgenuß der vom Könige von Bayern mir erwiesenen Wohltaten, nur in Bayern zu treffen für schicklich finden muß.“ Gerichtet ist das Schreiben an Friedrich Feustel. Der Bayreuther Bankier ist zusammen mit dem Bayreuther Bürgermeister Theodor Muncker die Instanz, die nachhaltig Wagners Pläne unterstützt. Noch im selben November stellt der Gemeinderat Wagner Baugrund für sein Festspielhaus zur Verfügung, kostenlos.
Exklusivität für Person und Werk
In seiner Autobiografie Mein Leben vermerkt Wagner, er fühle sich in Bayreuth durch „die Eigentümlichkeit der freundlichen Stadt“ angezogen. Zu diesen „Eigentümlichkeiten“ gehört die geografische Lage Bayreuths fernab den Zentren des noch jungen Industriezeitalters mit ihren Ruß- und Rauchschwaden. Der Meister meidet alles Urbane im Zeichen von Kohle und Stahl, dem er in der Nibelheim-Szene seiner Oper Rheingold gleichwohl tiefen Respekt zollt. Wagner schätzt nicht zuletzt die idyllische Verwunschenheit des gerade 17.000 Einwohner zählenden Städtchens am Ende des Tals der Pegnitz. Mit den modernen Verkehrsverbindungen lassen sich Berlin und Leipzig, Nürnberg und München erreichen. Nur Bayreuth lassen sie quasi links liegen. Wer sich auf die durchaus beschwerliche Reise zu seinen Festspielen macht, lautet das Kalkül des extrem selbstbezogenen Komponisten, soll sich exklusiv auf ihn und sein Werk konzentrieren.
So kurios manches, so plausibel für den Pionier eigener Festspiele. Weniger bekannt ist Wagners Affinität zu einem weiteren Mosaikstein in diesem Bild der Eigentümlichkeiten, der religiösen Eigenart Bayreuths. Die Stadt ist in der Zeit nach Napoleon eine protestantische Diaspora im überwiegend katholischen Bayern. Wagner, im August 1813 in der Leipziger Thomaskirche, der Kirche Johann Sebastian Bachs, getauft, sieht sich in einer seiner Wunschvorstellungen bestätigt. Eine evangelisch geprägte Stadt soll der Schauplatz seines Festspiels und der Vollendung seines künstlerischen Anspruchs sein. Bayreuth, Hort des oberfränkischen Protestantismus mit calvinistischer Komponente, erfüllt auch dieses Kriterium. Ein demonstrativer Fingerzeig des Komponisten hierauf fehlt allerdings. Mittelbar ist die Sache indes nachvollziehbar. „So direkt hat sich Wagner nie geäußert“, weiß Sven Friedrich, studierter Theaterwissenschaftler und Direktor des Richard-Wagner-Museums Haus Wahnfried mit Nationalarchiv und Forschungsstätte der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth. „Vielleicht aber gilt der Zusammenhang mittelbar.“
Protestantische Sozialisation
Wagner macht aus seiner protestantischen Sozialisation keinen Hehl, verhält sich aber nicht so, wie man es von einem praktizierenden Christen erwarten könnte. Weder geht er regelmäßig in die Kirche, noch gibt er dem Kirchlichen in seinem privaten Leben nennenswerten Raum. „Er hatte“, gibt Friedrich zu bedenken, „mit der Institution Kirche grundsätzlich Probleme.“ Aus der wachsenden Entfernung indes entwickelt sich eine neue Philosophie, die mit der Enge des religiösen Konformismus der Bayreuther produktiv korrespondiert. Werk für Werk bis hin zum Parsifal arbeitet sich Wagner an den überkommenen Institutionen ab. „Seine zentrale Intention des Gesamtkunstwerks erschöpft sich ja nicht in der Vereinigung der Kunstarten und der ästhetischen Gemeinschaft von Schaffenden und Schauenden“, erläutert Friedrich. „Wagner geht es letztlich um die Aufhebung von Staat, Gesellschaft, Ökonomie, Religion, der Kirchen und der konfessionellen Schranken in der Kunst.“
Die Entscheidung des Komponisten, die „theatralische Stadt“, wie sie der Kritiker Norbert Ely nennt, zum Schauplatz seiner Festspiele zu erwählen, ist in ihren Zufälligkeiten und Widersprüchen, Egoismen und Visionen auch ein Nukleus der Existenz Wagners als Künstler. Bayreuth ist bis heute stark von der reformierten Kirche mit ihrem Logozentrismus geprägt, die in Luthers Sola scriptura eine ihrer Säulen aufweist. Ausgerechnet in diesem gesellschaftlichen Klima einer besonders betonten Frömmigkeit und Abgeschlossenheit vollendet Wagner seine künstlerische Utopie. „Erstaunlich“ findet das der Bayreuth-Experte Friedrich. Wagners Ästhetik des 19. Jahrhunderts mit ihren romantischen und also katholischen Erscheinungsformen, die ja gerade Wagner mit seinem Musiktheater wesentlich entwickelt habe, sei den Bayreuther Verhältnissen „diametral entgegengesetzt“.
Im Leben Wagners unterscheidet sich das Bayreuther Kapitel nicht sonderlich von seinen anderen Lebensabschnitten, die ähnliche Antinomien aufweisen. 1874 bezieht der Begründer von Bayreuths Weltruhm samt Familie Haus Wahnfried. Ihn zieht es aber in den Folgejahren immer wieder nach Italien, wo er dann auch im Februar 1883 in Venedig stirbt. Das Geheimnis aller Kunst, schreibt der Wagner-Kenner und Buchautor Dieter Borchmeyer, bestehe darin, nie vom Verstand entschlüsselt zu werden und doch Offenbarung zu sein. Die Passage ist eine Anspielung auf die Grundsteinlegung des Festspielhauses im Mai 1872 und einen in den Grundstein eingemauerten „Weihegruß“ von Ludwig II und von Wagner. Die Geschichte des Votums für Bayreuth als Festspielort ist selbst ein solches Geheimnis, nicht ganz erfassbar und doch plausibel.
Ralf Siepmann