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Ensemble Schönbrunn - Foto © Susanne Schulte

Europas Holzbläser-Festival

Nach fünf Jahren Programm, einer ständig wachsenden Zahl von Konzerten, immer neuen Auffüh­rungs­orten und inzwi­schen zahlreichen Stamm­be­su­chern kann man das Summer­winds-Festival der Gesell­schaft zur Förderung der Westfä­li­schen Kultur­arbeit mit Sitz in Münster als etabliert betrachten. Origi­na­lität und Qualität setzen sich durch, fast alle Konzerte sind ausver­kauft – angekommen bei Zuhörern und in der Szene. 

Vienna Clarinet Connection – Foto © Susanne Schulte

Neben den beliebten Pättkes-Touren, den kleinen Dorfbraue­reien und den versteckten Badeseen hat sich das Münsterland längst als Kultur­land­schaft mit inter­na­tio­nalem Niveau entwi­ckelt. Von der Festival-Reihe Musik­land­schaft Westfalen mit Klassik am Schloss im Schlosspark Velen über Münsters Opern­szene, die zahlreichen Freilicht­theater bis hin zu den Bagno-Konzerten und der Konzert­reihe Summer­winds, Europas größtem Holzbläser-Festival, ist die Kultur im Münsterland breit aufge­stellt, bestens sortiert und längst überre­gional konkurrenzfähig.

Zum Auftakt des diesjäh­rigen Summer­winds-Festivals bietet die GWK, die Gesell­schaft zur Förderung der Westfä­li­schen Kultur­arbeit, erneut die sehr spezielle und außer­ge­wöhn­liche Ausstellung Block­Buster 2018 an, bei der sich alles um Block­flöten dreht. Im Sitz der Bezirks­re­gierung am Domplatz in Münster treffen sich namhafte Block­flö­ten­bauer und ‑firmen und stellen ihre Block­flö­ten­mo­delle vor. Wer diese Vielfalt sieht und den zahlreichen Kostproben zuhört, die Fachleute dort erklingen lassen, vergisst schnell sein Bild des ewig gleich klingenden Kinder-Block­flö­ten­chores der Adventszeit und merkt sich das Datum für das nächste Konzert vor. „Das Instrument jubelt und brilliert, wenn Maurice Steger, der charis­ma­tische Schweizer Block­flöten-Star, zusammen mit dem La Cetra Barock­or­chester Basel das Eröff­nungs­konzert spielt und das gemischte Ensemble Prisma und Tabea Debus am folgenden Abend ein Doppel­konzert im barocken Erbdros­tenhof geben“, sagt Susanne Schulte, Inten­dantin des Festivals. Besucher können die Vielfalt der Block­flöten bestaunen, „Instru­mente auspro­bieren, fachsimpeln. Man kann sich ein neues Instrument kaufen oder sein eigenes reparieren lassen“. Zudem bieten Verlage Noten­edi­tionen und Musika­li­en­hand­lungen alles rund um die Block­flöte an. Der klingenden Wirklichkeit begegnet der Besucher dann auf inzwi­schen gut 40 Konzerten, breit gestreut im gesamten Münsterland.

Ungewöhn­liche Kombi­na­tionen sind normal

Mit seinem Programm Café Europa 2.0 lädt die Vienna Clarinet Connection, ein Klari­netten-Quartett, seine Besucher in die Kultur­scheune Walstedde südlich von Münster ein. Diese ansehnlich restau­rierte Scheune auf dem Gelände eines weitläu­figen Gesund­heits­zen­trums im Zentrum von Walstedde erweist sich als einla­dender Ort für besondere Events – vor allem, wenn über den gepflegten Anlagen die Sonne lacht.

Zwei Klari­netten, eine Basskla­ri­nette und ein Bassethorn reichen dem Quartett, um von feinem Klari­net­tensolo bis zum vollen Bläser­klang die innen schmucklose, aber akustisch gut geeignete Scheune klanglich zu füllen. Musiker und Zuhörer trennen keine zehn Meter, das ist Musik zum Mitsummen. Und so gelingt es dem Ensemble und dem als Confé­rencier auftre­tenden Rupert Frank­hauser auch bald, eine lockere Atmosphäre herzu­stellen. Unter­haltend führt er das Publikum durch das bunte Programm mit Stücken aus der öster­rei­chi­schen Literatur, der deutschen Klassik, neu arran­gierte Stücke wie Mendelssohn-Bartholdys Scherzo aus dem Sommer­nachts­traum oder Franz Schuberts Klavier­konzert Impromptu Nr. 2 Es-Dur. Volks­tüm­liche Klänge und Tänze erklingen neben Eigen­kom­po­si­tionen der Musiker, und immer wieder, ob in der Schubert-Bearbeitung oder bei den Tradi­tionals, mischen sich Jazzele­mente in die Stücke.

Neben Frank­hauser erweisen sich Helmut Hödl, ebenfalls Klari­nette, Wolfgang Kornberger, Basskla­ri­nette und Hubert Salmhöfer, Bassethorn, als Virtuosen ihrer Instru­mente. Rasend schnelle Läufe der beiden Klari­netten, die leicht wehkla­genden Melodien ungari­scher Stimmung in den Czerno­witzer Skizzen, die orches­terhaft klingende Bearbeitung von Mendelssohn Bartholdys Scherzo, die getragene Melodie eines bulga­ri­schen Volks­liedes  ein bunter, abwechs­lungs­reicher Strauß anspruchs­voller Klari­netten-Literatur. In schönem Kontrast erklingen das harmo­nische Duna-Lied und anschließend der von Helmut Hödl formu­lierte flotte Tribute to Itchy Fingers, einem ebenfalls bekannten Sax-Quartett. Eine gelöste, fröhliche Stimmung macht sich unter den Besuchern breit. Natürlich sind die Zuhörer nach dem Schluss­stück nicht zufrieden und freuen sich über die jazzigen Zugaben. Erst mit der dritten Zugabe signa­li­siert die Clarinet Connection, dass dieser beschwingte, lockere und anspruchs­volle Klari­net­ten­abend in Walstedde zu Ende geht. Mit dem swingenden Glenn-Miller-Klassiker Moonlight Serenade im Kopf und dem Mond über dem Münsterland verlassen die Besucher zögernd und ein wenig verträumt  diesen stimmungs- und klang­vollen Musikabend.

In die Kolvenburg, einem trutzigen Herrensitz aus dem 13. Jahrhundert und eines der Kultur­zentren des Kreises Coesfeld, lädt das Trio Akk:zent  Musik­lieb­haber zu  „Jazz mit Ethno oder Techno, mit Balkan‑, Tango‑, Klezmer-Klängen, mit Klassik, Minimal Musik und Neuer Musik, mit Pop“ ein, wie in der Vorankün­digung zu lesen ist – mal sehen und hören.

In ungewöhn­licher Besetzung präsen­tiert das Trio mit Victoria Pfeil, Saxophon, Paul Schubert und Johannes Münzner, Akkordeon, ein Programm, in dem keines der genannten Elemente fehlt. Vom inter­na­tio­nalen Akkor­de­on­fes­tival über zahlreiche Auftritte im Öster­rei­chi­schen Rundfunk bis zu einem Auftritt in der Wiener Sargfabrik scheuen sie vor kaum einem Experiment zurück. Sie „entlocken den tonge­wal­tigen Instru­menten Musik, die wohl irgendwo im Grenz­be­reich oder gar außerhalb der Grenzen zwischen World Music, Jazz, Pop, Neuer Musik und Techno“ liegt. Paul Schuberth, meist zuständig für die melodie­füh­rende Stimme, gelegent­lichen Gesang und Kompo­si­tionen, kann sich völlig auf seinen Mitspieler Johannes Münzer verlassen,  der mit einfachsten Mitteln wie dem Akkordeon-Balg die Percussion besorgt und sich mit  Gesang und eigenen Kompo­si­tionen  am Programm beteiligt. Beide stellen sich als Virtuosen auf ihrem chroma­ti­schen  Knopf­ak­kordeon vor, auf dem sie mit schnellen Läufen und Trillern ebenso brillieren wie mit gefühl­vollen, harmo­nisch ausge­spielten Akkord­fi­guren. Victoria Pfeil berei­chert das Programm um melodische Akzente und schön ausge­spielte Melodie­bögen, gelegentlich auch um raue, mitreißend fetzige Saxophon­pas­sagen, die manchem Zuhörer in die Beine gehen. Dabei zeigt sie sich auf dem Sopran­sa­xophon ebenso zu Hause wie auf dem Alt‑, Tenor- oder Baritonsaxophon.

Die Musik des Trio Akk:zent ist schwer einzu­ordnen. Den Zuhörern dürfte es schwer­fallen, die angekün­digten Elemente von Ethno über Techno bis zum Jazz wieder­zu­er­kennen, das Klangbild des breit gefächerten Reper­toires ist ungewohnt. Alles in allem lässt sich dieser Musikstil am besten in die Kategorie Weltmusik einordnen. Die überschaubare Zahl der Besucher in dem kleinen Saal der Kolvenburg hat keine Probleme, sich musika­lisch zu orien­tieren. Vor allem rhyth­misch betonte jazzige Stücke, die dem Saxophon Raum geben, erhalten beson­deren Beifall. Ein beschwingtes, fröhlich gestimmtes Publikum macht sich nach zwei Zugaben sehr zufrieden auf den Weg zum Dämmerschoppen.

Entspannte Atmosphäre beim Festival – Foto © O‑Ton

In die Räume eines ehema­ligen Kinder­heimes katho­li­scher Träger­schaft in Wettringen, in die westfä­lische Prärie zwischen Wersetal und den Emsauen, lädt die GWK zum Konzert mit dem Quartett 4 Times Baroque ein – und die Zuhörer sind überrascht. Hier, wo sich die Landschaft immer weiter öffnet und Gehöfte und Orte sich in der Parkland­schaft verlieren, findet ein Konzert statt, das ein wenig des leichten, fröhlichen Lebens­ge­fühls des Barocks vermittelt. Vier jungen Musikern, alle Spezia­listen auf ihren Instru­menten, gelingt es, ihren Zuhörern einiges der italie­ni­schen Virtuo­sität zu übermitteln, die sie selbst bei ihrer Musik empfinden. Mit Kompo­si­tionen von Händel, Prowo, Vivaldi, Corelli und Sammartini präsen­tieren sie wichtige Vertreter der leichten Barock­musik. Jan Nigges, Block­flöten, Jonas Zsychen­derlein, Violine, Karl Simko, Violon­cello, und Alexander von Heissen, Cembalo, präsen­tieren die Werke in einer unprä­ten­tiösen, leicht spiele­ri­schen Weise, die zu diesem heißen Spätnach­mittag bestens passt. Ob die Kompo­si­tionen der Barock-Klassiker Händel, Vivaldi oder Corelli oder die Triosonate des Altonaers Pierre Prowo oder die herrlich virtuose Ciaccona von Merula: Immer sind es Stücke in leichter, fröhlicher Grund­stimmung. Nigges hat das Talent, in einer leben­digen, Fakten gesicherten Moderation Wissens­wertes und Unter­halt­sames zu verbinden und den Zuhörern manche Geschichte über die Entstehung der Instru­mente und einzelner Kompo­si­tionen zu erzählen. Die Aufmerk­samkeit ist ihm sicher, in den Schluss­ap­plaus mischen sich einige Bravorufe.

Vom Barock bis in die Gegenwart

In die prunk­volle, kleine Kirche des Franzis­ka­ner­klosters in Warendorf, das der Fürst­bi­schof von Münster als Bollwerk gegen die Refor­mation gründete, lädt das Ensemble Schön­brunn ein. In klassi­scher Streicher- und Holzblä­ser­be­setzung überrascht das Nonett die Zuhörer mit relativ neuen Kompo­si­tionen der Französin Louise Farrenc und des Nieder­länders Frans Coenen. Im Unter­schied zu den strengen Formen vieler Barock­stücke nutzen beide Kompo­nisten alle erdenk­lichen kompo­si­to­ri­schen Freiheiten und spielen „in freien Melodien“, wie Frans Coenen so schön schrieb.

So springt das Eingangs­thema des Farrenc-Nonetts Es-Dur zunächst von Instrument zu Instrument, dann entwi­ckelt sich ein munteres Wechsel­spiel zwischen Horn und den Strei­chern. Die Bläser formen schöne, harmo­nische Melodie­bögen, über denen häufig die Flöte klingt. Ein einge­streutes Violin-Solo verändert den Klang, feine, auch gezupfte Strei­cher­rhythmen geben dem Klang etwas leicht Fliehendes, Fagott und Horn sichern dem Klangbild ein solides rhyth­mi­sches Fundament. Im Finale treffen sich noch einmal Flöte und Oboe zu einem melodiösen Schlussakkord.

In Frans Coenens D‑Dur-Kompo­sition mit fünf Sätzen breiten zunächst die Bläser ein lebhaftes, fröhlich stimmendes Thema aus, das das Horn im Bass begleitet. Streicher und Bläser spielen sich in harmo­ni­schem Wechsel wohlklin­gende Melodie­bögen zu, in denen die Tonkas­kaden der Flöte und die Staccati der Streicher sich abwechseln. Auch diese Kompo­sition, noch freier kompo­niert als die von Farrenc, erklingt in einer fröhlichen Grund­stimmung, die Musiker wie Zuhörer ansteckt. Unter verhal­tener Leitung von Marten Root, Flöte, lassen die Musiker ihre Spiel­laune bald ins Publikum überspringen und überzeugen durch Präzision, Leich­tigkeit und Musika­lität. Das durchweg grauhaarige Publikum muss  sich erst ein wenig warm klatschen, bis  es das Ensemble dann doch noch zu einer Zugabe bewegt und einige Bravo-Rufe zu hören sind.

Auch wenn noch nicht alle Konzerte aufge­führt sind, lässt sich feststellen: Das Summer­winds-Holzbläser-Festival mit rund 40 hochka­rä­tigen Konzerten aus Klassik, Crossover und Weltmusik ist eine Reise wert. Seine Spielorte, eine „trutzige Renais­sanceburg oder der umgenutzte münster­län­dische Gutshof, das klassi­zis­tische Herrenhaus, die Indus­trie­gie­ßerei oder das Barock­schloss, Kirchen, Kloster­an­lagen, neue private Kunst­museen, die alte Zeche, Mühle, Schnaps­bren­nerei“, zählt Schulte auf, werden zu Kultur­orten, an denen sich Alltag und Kunst begegnen, zum Nutzen beider und als Anregung für eine offene, flexible Kulturpolitik.

Horst Dichanz

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