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Meisterkurse erfreuen sich im Operngesang größter Beliebtheit. Nicht nur junge Profis profitieren gern von den Tipps erfahrener Kollegen, sondern auch der Nachwuchs ist heiß auf den begehrten Zusatz im Lebenslauf. Die Robert-Schumann-Hochschule spendierte ihren Gesangsstudenten jetzt einen Meisterkurs mit Brigitte Fassbaender.

Der Laie wundert sich, der Fachmann schlägt die Hände vor Entzücken über dem Kopf zusammen. Da gibt eine bekannte Opernsängerin einen Meisterkurs, und die jüngeren Kollegen rennen ihr die Bude ein. Dabei hat die erfahrene Sängerin kaum mehr als ein paar Minuten Zeit für einen einzelnen Teilnehmer. Doch viele der Teilnehmer kommen aus dieser Begegnung wie aus einem Rausch, fühlen sich wie neu geboren. Wie geht das?
Die Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf hat einigen ihrer angehenden Sängern jetzt einen hochschulinternen Meisterkurs bei Brigitte Fassbaender spendiert. Sie war eine der ganz großen Mezzosopranistinnen ihrer Zeit. Der Octavian im Rosenkavalier von Richard Strauss gehörte von 1967 bis 1988 zu ihren Paraderollen. 1994 beendete die begnadete Sängerin zum Entsetzen ihrer zahllosen Anhänger ihre Karriere als Opern‑, Lied- und Konzertsängerin. Von den heute anwesenden Studenten hat sie also niemand jemals live auf der Bühne erlebt. Aber die Legende lebt fort.
Christina Blaschke hat gleich ihre zweite Begegnung mit Fassbaender. Die 26-jährige Altistin studiert auf Bachelor im neunten Semester und wird ihr Studium voraussichtlich im kommenden Jahr beenden. Mit Juliane Banse hat sie eine Gesangsprofessorin, bei der sie sich gut aufgehoben fühlt. Dass sie sich auch mal einer anderen Expertise stellen will, ist nachvollziehbar. Dass sie vor der Begegnung mit der berühmten, ehemaligen Opernsängerin aufgeregt ist wie vor ihrer ersten Gesangsstunde, überrascht. Nach fast fünf Jahren Gesangsausbildung hat sie schon viel Praxiserfahrung gesammelt. Und von der Begegnung hängt nichts ab. Bestenfalls kann sie ein paar Tipps mitnehmen. Ein paar Minuten vor ihrem Termin betritt sie den Kammermusiksaal der Robert-Schumann-Hochschule. In der Hand hat sie die Noten, die sie selbst ausgewählt hat. Es ist das erste Stück aus Gustav Mahlers Kindertotenliedern – Nun will die Sonn‘ so hell aufgehn – einem Liederzyklus, den er zwischen 1901 und 1904 nach Texten einer gleichnamigen Gedichtsammlung von Friedrich Rückert komponierte. Ein Lied, das eigentlich wie für sie gemacht ist. Im Saal, den die späte Herbstsonne in wechselhaftes Licht taucht, herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Links steht der Flügel, an dem Silvie Decramer als Korrepetitorin sitzt. Davor der Notenständer für den Sänger. Ein paar Meter entfernt auf der rechten Seite sitzt Fassbaender hinter einem Notenständer auf einem Stuhl. Hinter ihr ein Tisch mit Erfrischungsgetränken und einem kleinen Blumenstrauß, der hier reichlich verloren wirkt. Blaschke verteilt die Noten an Pianistin und Mentorin.
Da sitzt sie also, die heute 79-jährige Gesangspädagogin, die dereinst mit ihrem Gesang die Welt begeisterte. Lässig gekleidet, leicht vornübergebeugt, aber hellwach. Freundlich begrüßt sie die angehende Kollegin, fragt nach ihrem Vortrag, um sich dann anzuhören, wie Blaschke „ihren“ Mahler erklingen lässt. Die überspielt ihre Aufgeregtheit mit forschem Auftritt. Den Zahn zieht die Pädagogin ihr alsbald. Später wird sich zeigen, dass auch Fassbaender das pädagogische Prinzip solcher Meisterkurse beherrscht: Anhören, loben, Eitelkeit brechen, um dann konzentriert zu arbeiten. Nach einer fast fünfjährigen Ausbildung hat man ein Recht darauf, auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und ein gewisses Selbstvertrauen zu entwickeln. Aber das hilft nicht weiter, wenn der Gesang verbessert werden soll. Fassbaender geht milde vor, hat Tipps, lässt wiederholen, bis die Studentin das gesamte Lied zur Zufriedenheit der lebenserfahrenen Frau durchgegangen ist. Heftiger Beifall der Kommilitonen, die den Kurzunterricht im Kammermusiksaal mitverfolgt haben. Applaus für die „bestandene Prüfung“ oder ob der gesanglichen Leistung? Egal. Die junge Sängerin ist froh, dass der Auftritt so glimpflich abgegangen ist. Wie viel sie aus der 20-minütigen Begegnung mitnimmt, weiß sie zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht. Das wird sie erst später herausfinden. Von anderen Sängerinnen wissen wir, dass solche Momente ihr Leben verändert haben.
Auch Tomas Kildišius stellt sich der Herausforderung. Der gerade mal 23-jährige Bass studiert im fünften Semester bei Konrad Jarnot und will sein Studium 2020 abschließen. Gebürtig stammt er aus Moletai, einer Stadt in Litauen. Er spricht fließend Deutsch, auch wenn ihm das noch immer ein wenig Ungemach bereitet. Umso mutiger, dass er sich für seinen Vortrag das Lied Fahrt zum Hades von Franz Schubert ausgesucht hat. Der Text stammt von Johann Mayrhofer. Komponiert hat Schubert das Lied 1817, veröffentlicht wurde es erst 1832. So richtig verständlich ist die Dichtung bis heute nicht. Sagt Fassbaender, spaßeshalber. Kildišius hebt an, und man möchte erschauern. Da leuchtet schon in den ersten Sekunden ein riesiges Potenzial auf. Selbst Fassbaender lässt sich davon beeindrucken, wenn auch nur für einen Augenblick. Denn natürlich gibt es auch hier Verbesserungsmöglichkeiten. Zum Beispiel typische Fehler eines Sängers, der in einer anderen Sprache singen muss. Da wird viel Wert auf die Beherrschung der Sprache gelegt, der Sinn des Gesangs wenig hinterfragt. Die Pädagogin legt viel Wert darauf, mit dem Studenten den Sinn des Textes zu erarbeiten. Da kann auch manch einer im Publikum noch vieles für sich mitnehmen. Wie Fassbaender sich und den anderen Stück für Stück den Gehalt des Liedes erarbeitet, beeindruckt nicht nur den jungen Sänger. Der darf auch gleich noch eine Lektion in Sachen Textverständlichkeit mitnehmen. Wann sind es Quallen? Nein, es sind nicht die Glibbertierchen, die uns den Urlaub am Strand vermiesen, es handelt sich hier um menschliche Emotionen. Und allmählich werden auch bei Kilpišius Qualen daraus. Erstaunlich, wie schnell sich solche Änderungen in einem Meisterkurs einstellen, an denen die Gesangsprofessoren oft über Jahre arbeiten.
Auch Eva Marti versucht es erst mal mit Forschheit. Der Bühnenauftritt gehört für sie mit ihren 28 Jahren längst zur Selbstverständlichkeit. Im kommenden Jahr wird sie ihren Master bei Jarnot abschließen. Mit ihren kleingelockten Haaren erinnert sie erst mal an eine Israeli. Tatsächlich ist sie aus Mailand nach Düsseldorf gekommen, um Gesang zu studieren. Mit ihrem Vortrag von Voi che sapete, der Arie des Cherubino, aus Le nozze di figaro von Wolfgang Amadeus Mozart vermag sie Fassbaender wenig zu beeindrucken. Marti weiß, wo ihre Stärke liegt: Sie geht auf die Bühne und entzückt. Damit kommt sie hier nicht durch. Macht ja nichts. Ein paar Handgriffe und Tipps von der Meistersängerin, und schon klingt die Studentin gehaltvoll, überzeugend, textverständlich und noch einmal viel glaubwürdiger. Faszinierend. Viel deutlicher wird das noch bei ihrem Vortrag von Non so più cosa son, cosa faccio. Die Korrekturen der Lehrerin sind auch für das Publikum nachvollziehbar, und dass Marti zum Abschluss richtig glänzen darf, macht nicht nur die Sängerin glücklich.
Bleibt die Frage: Warum können die Professoren in Jahren nicht, was der Opernsängerin „aus der Vergangenheit“ auf Anhieb gelingt? Die Antwort ist einfach. Die Professoren haben die Vorarbeit geleistet.
Dass Brigitte Fassbaender hier mit leichter Hand, einer Prise Humor und viel Nachdenklichkeit große Wirkung erreicht, macht in erster Linie eins: Einen großen Gewinn für die Studenten und eine Bestätigung für Professoren wie Banse und Jarnot, die hier an drei Tagen erleben können, welch großartige Arbeit sie geleistet haben, dass es nur noch kleiner Korrekturen und Hinweise bedarf, um die Sänger ganz weit nach vorn zu bringen.
Zum Abschluss des Meisterkurses wird es noch eine Besonderheit geben. Auf Einladung des Richard-Wagner-Verbandes Düsseldorf wird sich Brigitte Fassbaender noch einem Künstlergespräch stellen, in dem es unter anderem darum gehen wird, ob sich all die Mühe des Nachwuchses lohnt.
Michael S. Zerban