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Zum 19. Mal wurde der Maritim-Musikpreis in diesem Jahr am Timmendorfer Strand ausgetragen. Studenten der fünf norddeutschen Musikhochschulen hatten sich im Vorfeld qualifizieren müssen, um an den Finalrunden im Seehotel des mondänen Badeortes teilnehmen zu können. Hier war dann allerdings alles opulent. Angefangen von der Jury bis hin zum Essen.

Rainer Wulff kann zufrieden sein. Es ist Sonntagvormittag, und soeben verabschiedet er die letzten Gäste der zurückliegenden drei Tage. Es waren ziemlich aufregende Tage für alle Beteiligten, für Wulff und seinen Ehemann Torsten Statz waren sie vor allem von Arbeit geprägt. Seit vielen Jahren leitet und moderiert der Journalist, der früher beim Norddeutschen Rundfunk arbeitete, den Maritim-Musikpreis; Statz ist so etwas wie die „Mutter der Kompanie“ und kümmert sich um die großen und kleinen Sorgen von Wettbewerbsteilnehmern, Jury-Angehörigen, aber auch darum, dass die Regeln befolgt werden. Haben die beiden – wieder einmal – meisterhaft hinbekommen. Dabei sah es nach dem Wettbewerb im vergangenen Jahr erst mal ziemlich mau aus. Wenn eine Veranstaltung über einen solch langen Zeitraum läuft, muss sie sich verjüngen, sonst werden die Jury-Mitglieder und die Sponsoren weniger. Wulff und Statz haben richtig hart arbeiten müssen – und sie haben es geschafft.
Rechtzeitig vor den Finalrunden kann der frühere Opernredakteur stolz drei neue Jury-Mitglieder begrüßen. Erstmals ist die Gesangspädagogin und Regisseurin Brigitte Fassbaender dabei, die vielen Menschen noch als Sängerin, Intendantin und Leiterin der Richard-Strauss-Festspiele in Garmisch-Patenkirchen in Erinnerung ist. Ebenfalls zum ersten Mal sitzt am Tisch der Jury Peter Maus. Der Tenor wirkte fast 40 Jahre an der Deutschen Oper Berlin und ist Gesangsprofessor an der Universität der Künste in Berlin. Der dritte im Bunde ist Hans-Jürgen Mende, Kulturjournalist und Moderator beim Norddeutschen Rundfunk. Damit ist die Jury auf profunde elf Personen angewachsen. Für Rainer Wulff sind der wichtigere Gradmesser für den Erfolg des Maritim-Musikpreises allerdings immer die Sponsorengelder gewesen, die den Teilnehmern in voller Höhe ausgeschüttet werden. Und auch hier kann er dank neuer Sponsoren Zugewinne verbuchen, ja, sogar Rekordeinnahmen verkünden. Und so ist der Gesangswettbewerb der norddeutschen Musikhochschulen besser aufgestellt denn je.
Ausgefallene Programme zählen
45 Sänger aus 19 Nationen meldeten sich zu den Vorrunden in den Musikhochschulen von Hannover, Bremen, Hamburg, Lübeck und Rostock an. Da mussten sie bereits ihr Wettbewerbsrepertoire für eine Dauer von rund einer halben Stunde festgelegt haben, das die Bereiche Oper, Operette, Lied und Oratorium abdecken soll. Vierzehn von ihnen finden den Weg in das Seehotel am Timmendorfer Strand. Begrüßenswert, dass viele der Pädagogen ihre Schützlinge begleiten. Beklagenswert, dass sie in der Beratung bei der Repertoire-Auswahl offenbar wenig Erfolg zeigten. Und so enttäuschen die Halbfinals durch eine gewisse Eintönigkeit im Programm. Von 173 Strauss-Liedern sind gefühlt gerade mal drei zu hören, die aber gerne immer wieder. Wolfgang Amadeus Mozart immerhin gibt es in Variationen, dafür aber umso häufiger. Extrem wird es bei den Sängerinnen mit Près des remparts de Séville – An den Stadtmauern von Sevilla – aus George Bizets Carmen. Das möchte man nach den zwei Tagen des Halbfinals wirklich nicht mehr hören. Ein Fehler ist die Wahl noch dazu. Denn für eine Anfängerin, die beeindrucken will, ist diese Arie sicher nicht geeignet. Im Übrigen unterscheiden sich die Fehler der Vortragenden nicht von denen ihrer Vorgänger oder denen anderer Wettbewerbe. Zu zaghaft oder auch selbstüberheblich kommen die jungen Leute daher, schätzen die Schwierigkeiten der selbstgewählten Stücke oft falsch ein, verlassen sich lieber auf „Gassenhauer“, anstatt Werke zu wählen, die ihrem Kenntnisstand und ihrer Stimme entsprechen. Der Klassiker ist dann die Aussprache, etwa, wenn der Tenor ein heftiges „Ohne disch kann isch nischt sein“ schmettert, schon ganz siegessicher, dass ihm mit der Arie Dein ist mein ganzes Herz aus Das Land des Lächelns von Franz Léhar ohnehin die Herzen des Publikums zufliegen.
Ganz so leicht machen es die überwiegend älteren Herrschaften im Publikum den Wettbewerbsteilnehmern allerdings nicht. Da werden Ungenauigkeiten genauso geahndet wie Textunverständlichkeiten oder flache Koloraturen. Dem kritischen Gehör der Jury entgehen allerdings auch die schönen Momente nicht. Und dazu gehört der Auftritt von Alina Behning, die als Mezzosopran derzeit ihren Masterstudiengang in Rostock absolviert. Eine wunderbare Stimme, die die schwierige Briefarie der Charlotte aus Jules Massenets Werther mit Bravour meistert und das Publikum mit Johannes Brahms‘ Rote Abendwolken schier beeindruckt. Eine Stimme, die aufhorchen lässt und eine Sängerin, die mit viel Ausdruck sicher die Bühne beherrscht. Sie wird eines der wenigen Ausnahmetalente des Wettbewerbs werden. Brahms hat es auch Anna Schaumlöffel angetan, die derzeit ihren Master in Hannover absolviert. Von ewiger Liebe heißt das anspruchsvolle Lied, mit dem sie den Weg ins Finale freiräumt. Großartig auch Melina Meschkat, Mezzosopran im Masterstudiengang bei Jörn Dopfer in Hamburg, die Publikum und Jury mit dem Zwerg von Franz Schubert aus den Socken haut. Erneut am Timmendorfer Strand zu erleben ist Dorothee Bienert, Mezzosopran im Masterstudiengang bei Manuela Uhl in Lübeck. Sie beweist ihr Gespür für Alte Musik mit dem Vortrag von Georg Friedrich Händels Svegliatevi nel core – Erwacht in meinem Herzen – der Arie des Sesto aus Giulio Cesare in Egitto und sorgt dann mit keckem Auftritt für viel Spaß mit Ich lade gern mir Gäste ein, dem Couplet des Orlofsky aus Johann Strauß‘ Fledermaus. Nach zwei ausgesprochen anstrengenden Tagen in jeder musikalischen Hinsicht fallen die ersten Entscheidungen. Unter den Klavierbegleitern zeichnen sich nach Ansicht der Jury vor allem Hikaru Kanki und danach auf einem geteilten zweiten Platz Anastasia Sokolova und Daan Boertien aus. Allerdings fiel auch Da Yun Choi mit einem außergewöhnlichen, zupackenden Zugriff auf, als sie das Halbfinale musikalisch eröffnete.
Der Maritim-Musikpreis gewinnt
Außerdem stehen am zweiten Abend die Finalteilnehmer fest. Bedauerlich, dass es sich – wie bei anderen Wettbewerben auch – ausschließlich um eine reine Auszählung der abgegebenen Stimmen handelt; eine Aussprache findet nicht statt. Da kann es schon mal zu Verschiebungen kommen, die so eigentlich nicht gewollt sind. Aber natürlich ist auch das System einer vorangehenden Aussprache fehleranfällig. Also bleibt es bei der Stimmabgabe. Und die sorgt dafür, dass sich sechs von vierzehn Teilnehmern von ihren Kommilitonen feiern lassen dürfen. Mehr als ein Drittel der angetretenen Sänger sind asiatischer Herkunft. Im Finale ist es dann die Hälfte der Bewerber. Ein wenig glücklicher Ausgang, der zudem nicht mit dem Erlebten übereinstimmt. Aber so ist das mit der Demokratie.

Und während sich die Jury-Angehörigen bei Spaziergängen in der Nachmittagssonne eines kalten Wintertages an der Ostseeküste entspannen und die Annehmlichkeiten des Hotellebens genießen können, schallen durch die Flure des Hotels die Stimmen der Finalteilnehmer, die sich mit Inbrunst auf den letzten, den alles entscheidenden Abend vorbereiten. Nein, es wird niemand an den Folgen dieses Abends sterben, aber immerhin werden über 20.000 Euro ausgeschüttet werden. Da macht sich schon eine gewisse Anspannung breit. Nach einem ausgiebigen Gala-Diner ist es dann soweit. In allen Programmen haben sich noch durchaus interessante Titel auf den hinteren Rängen versteckt. Die hat die Jury nach vorn gekehrt, so dass der Abend in zweifacher Hinsicht interessant wird. Ob man beide Tenöre, die es vollkommen unverständlich in die Endrunde geschafft haben, ihre unterdurchschnittlichen Vorträge von Mein ist dein ganzes Herz wiederholen lassen muss, ist Geschmackssache. Die Jury jedenfalls findet es eine gute Idee. Nach gut zwei Stunden stehen die Gewinner des Abends fest. Die Siegerin des Maritim-Musikpreises heißt nach Auszählung Ekatarina Chayka-Rubinstein, die mit ihren 20 Jahren die jüngste aller Teilnehmerinnen an diesem Wettbewerb ist. Mit ihrem Chanson d’amour von Gabriel Fauré kann sie auch das Publikum überzeugen. Tenor Seungwoo Yang aus Südkorea landet auf dem zweiten Platz. Anna Schaumlöffel darf gleich doppelt abräumen. Die Mezzosopranistin überzeugt insbesondere mit dem Vortrag von George aus den Cabaret Songs von William Bolcom. In der Jury kennt das kein Mensch, aber es klingt bei Schaumlöffel einfach wunderbar und so ist ihr der dritte Platz sicher. Auch dem Intendanten des Hamburger Allee-Theaters, Marius Adam, sagt der Auftritt einer Persönlichkeit auf der Bühne so zu, dass Schaumlöffel hier ein Engagement gewinnt. Und das ist mehr als verdient.
Am Ende ist es wie bei fast jedem Wettbewerb. Einige Juroren schnauben vor Wut, weil sie hier wirklich Talente entdeckt haben, die nicht auf dem Siegerpodest auftauchten. Die asiatischen Teilnehmer, die nach Abschluss ihres Studiums aller Voraussicht nach wieder in die Heimat reisen werden, haben satt abgeräumt. Aber auch das zeichnet den Wettbewerb am Timmendorfer Strand aus: Der Service im Hotel war vorzüglich, die Luft am Strand sorgte für freie Atemwege und die Nachwuchssänger haben sich durch die Bank vorzüglich präsentiert. Also auf ein Neues.
Michael S. Zerban