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Der 19. Maritim-Musikpreis am Timmendorfer Strand bietet neben dem Gesangswettbewerb der norddeutschen Musikhochschulen auch ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm. Zwischen den beiden Halbfinals gibt es einen besonderen Höhepunkt: Die Mezzosopranistin Milana Butaeva stellt sich in einem Gesprächskonzert mit Torsten Statz vor. Das lassen sich auch viele Wettbewerbsteilnehmer nicht entgehen. Wann lernt man schon mal die eigene Jurorin so hautnah kennen?

Auf der Bühne ist neben dem prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum eine kleine Sitzgruppe aufgebaut, in der Moderator Torsten Statz Platz genommen hat, der eigentlich dafür zuständig ist, die korrekte Durchführung des Wettbewerbs zu überwachen und sich um die Juroren und Künstler zu kümmern. Links davon ist der Flügel aufgestellt, vor dem Jasón Alejandro Ponce Guevara sitzt. Heute arbeitet er hauptberuflich als Korrepetitor an den Musikhochschulen Lübeck und Hamburg. 2010 studierte er noch. Da gewann er beim Maritim-Musikpreis den Ersten Preis der Klavierbegleiter. Kaum sind die ersten Piano-Klänge angeschlagen, erschallt aus dem Hintergrund des Saals die Habanera aus Georges Bizets Carmen. Langsam kommt Milana Butaeva ins Licht. Im schwarzen Kleid schlendert sie zur Bühne, wo sie bei den letzten Worten der ersten Strophe die Stufen emporschreitet.
Milana Butaeva wird 1973 als Tochter eines Architekten und einer Buchhalterin, „beide sehr musikalisch, in Moskau geboren. Ihr zehn Jahre älterer Bruder arbeitet bereits als Musiker, als Milana das Studium im Fach Chorleitung beginnt, das auch eine gründliche Klavierausbildung beinhaltet. Nach dem Abschluss des Studiums hält ihr Professor einen Rat für sie bereit, der ihr Leben verändern wird. „Milana“, sagt er, „du musst etwas machen, bei dem Du selbst auf der Bühne stehst, wenn du glücklich werden willst“. Sie beginnt ein Schauspielstudium, kann es aber nicht beenden, weil die Eltern 1995 beschließen, nach Hannover zu gehen. Dort nimmt Milana ein Gesangsstudium auf. Sie gerät an Carol Richardson-Smith, von der sie nach dem Studium, das sie mit Auszeichnung abschließt, sagen wird „Ich habe meiner Lehrerin alles zu verdanken!“
Um möglichst viel von ihrer Bandbreite zu Gehör zu bringen, beschränkt Butaeva sich auf kurze Auszüge, wie beispielsweise aus der Kanzone der Azucena Stride la vampa – Lodernde Flammen – aus Il trovatore von Giuseppe Verdi oder der Romanze der Santuzza Voi lo sapete aus Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni. Ihre Lehrerin ist es auch, die ihrer Karriere den richtigen Anstoß gibt. Richards-Smith stellt die junge Butaeva dem Dirigenten Valery Gergiev vor. Damit beginnt für die Sängerin das, was sie heute ihre „Märchenzeit“ nennt. Mit der Todesverkündung der Brünnhilde Siegmund! Sieh auf mich aus Richard Wagners Walküre leitet Butaeva zu einem Kapitel ihrer Geschichte über, das ihr Leben erneut entscheidend verändern wird.
Wir schreiben das Jahr 2004. Am Vorabend hat Butaeva einmal mehr als Marie in der vielgelobten Inszenierung des Wozzeck von Christine Mielitz in Dortmund geglänzt. Also startet sie ihren Flug zum nächsten Engagement bei den Weißen Nächten in Sankt Petersburg am nächsten Morgen von Düsseldorf aus. Schon im Bus zum Flieger fällt ihr ein Mann auf, der nicht wie ein Russe aussieht. Nicht auf der Bühne, sondern später im kleinen Kreis wird sie erzählen, warum er ihr eigentlich auffiel. „Er sah einfach durch mich hindurch.“ Bis heute macht sie aus ihrer Entrüstung keinen Hehl. Vor ein paar Stunden noch auf der Bühne von Hunderten Menschen gefeiert, soll sie hier und jetzt ein Nichts und Niemand sein? Der Zufall will, dass sie im Flugzeug eine Reihe vor diesem Ignoranten sitzt. Sie hält ihre deutschsprachige Zeitung über Kopfhöhe, damit der Mann erkennen kann, dass sie des Deutschen mächtig ist. Und was macht der? Er sieht aus dem Fenster. Inzwischen glauben viele Zuschauer längst zu wissen, dass die Geschichte auf einen berühmten Dirigenten hinauslaufen wird und rätseln schon an dem Namen. Der Flug wird über Helsinki umgeleitet, und so steht Butaeva nach einer gründlichen Verspätung allein am St. Petersburger Flughafen. Immerhin kümmert sich Gerhard jetzt um Milana. Und damit kann die Romanze beginnen, die nach der Heirat und Geburt zweier Töchter bis heute anhält.
In der Hitze des Abends
Trotzdem ist es nicht die Hitze der Liebe, die den Feueralarm im Hotel auslöst. Für die Gäste im Saal eher ein dumpfes Brausen, verbunden mit ein paar Signalen hinter der Bühne. „Der Bäcker hat den Zuckercouleur anbrennen lassen“, erklärt der technische Abteilungsleiter nach ein paar Minuten. Da das Hotel über eine der modernsten Brandmeldeanlagen verfügt, erfährt das Publikum, kann nur die Feuerwehr den Alarm abschalten. Bis zu deren Eintreffen erzählt Butaeva gegen den Lärm hinter ihr die nächste Anekdote. An der Semperoper Dresden spielt sie die Hexe in Katharina Thalbachs Inszenierung von Hänsel und Gretel. Nach dem Hexenritt hat sie „ohnmächtig“ auf der Bühne zusammenzubrechen. Was das Publikum nicht weiter beeindruckt, erschreckt die Tochter zu Tode. „Mama!“ erschallt ihr Ruf vom Rang in den Saal hinein.

Nach einer Romanze von Pjotr Petrowitsch Bulachov, die Butaeva gleich selbst begleitet, und einem Auftritt als Knusperhexe – später wird sie im Freundeskreis noch ein Foto von ihr im Kostüm zeigen – wird es nachdenklich. Denn was die Sängerin als „mein größtes Glück“ bezeichnet, erweist sich nach Ende der Elternzeit als vorläufiges Ende ihrer Karriere. Die Kontakte sind abgebrochen, die Entscheider in den Häusern haben ihre Positionen gewechselt. Vorsingen als ein Niemand, nachdem der Lebenslauf eigentlich schon mit eindrucksvollen Engagements gefüllt war. Makulatur. Einladungen zu Engagements bleiben aus. Milana Butaeva fängt wieder bei Null an. Ganz nüchtern erzählt sie das. Trotzdem fährt einem der Schreck in die Glieder. Weil Butaeva mit einer solchen Entwicklung ganz gewiss nicht allein dasteht. Und kein Mensch weiß, wie viele Sängerinnen den Weg zurück nicht gefunden haben. Bei Butaeva ist es gut gelaufen. Sie singt heute wieder in Dresden, Hannover, wo auch ihre Töchter im Chor untergekommen sind, und Eutin. Bei den Sommerfestspielen wurde sie inzwischen als Carmen gefeiert und noch heute denken viele verzückt an ihr Debüt als Orlofsky. Als dramatischer Mezzosopran mit einer ungewöhnlichen Spielfreude kann sie in eine vielversprechende Zukunft blicken.
Mit zwei Volksliedern, die Milana Butaeva am Klavier mit viel russischer Seele intoniert, geht ein sehr persönlicher Abend zu Ende, der alles hat, was eine gute Weihnachtsgeschichte braucht. Dass das letzte Lied des Abends den Titel Auf einem weiten Weg trägt, rührt die Alten, weil sie wissen, wovon Milana singt, und die Jungen, weil sie gerade eine Ahnung davon bekommen haben, was es für sie bedeuten kann.
Michael S. Zerban