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Nach fünf Jahren sieht Alexej Botvinov das von ihm gegründete Klassik-Festival in Odessa ganz am Anfang einer großen Karriere, obwohl schon jetzt das Publikum in Scharen strömt. Die großen Pläne kommen nicht von ungefähr. Schließlich kann der Pianist an eine große Vergangenheit anknüpfen.
Ein besonderes Flair, eine besondere Anziehungskraft liegt über der Stadt Odessa, der Perle am Schwarzen Meer. Katharina die Große träumte von einem St. Petersburg im Süden, ihr Liebhaber General Potemkin entwarf 1789 einen ersten Plan, bevor er kurz darauf starb. Entstanden ist eine elegante, großzügige Stadt, die sehr bald Künstler, Adelige und Kaufleute aus vielen Teilen Europas anzog. Dann kam der Hafen dazu, der sich zu einem wichtigen Umschlagplatz vor allem für Getreide entwickelte. Die Geschichte der Stadt ist eng mit ihrer jüdischen Bevölkerung verbunden, die über Jahrzehnte die größte Bevölkerungsgruppe bildete und der Stadt Reichtum verschaffte, den der Besucher jetzt mit Staunen entdeckt. Kultur und besonders Musik sind in dieser Stadt zu Hause, verfügt die doch über eine der ältesten und größten Musikschulen der Ukraine und zuvor Russlands. Das prachtvolle Opernhaus, von den Wiener Architekten Helmer und Fellner entworfen, ist Zeugnis des kulturellen Lebens in der Stadt. Das Odessa Classic Festival, vor fünf Jahren von Alexej Botvinov gegründet, soll an das ehemalige lebendige Kulturleben als private Initiative anknüpfen und der heimischen Bevölkerung international erfolgreiche Künstlerpersönlichkeiten vorstellen sowie die internationale Anerkennung der Stadt als bedeutendes Kulturzentrum der Ukraine wieder generieren. Mit großem Einsatz arbeitet der in Odessa geborene Pianist an dieser Aufgabe. Bekannt geworden ist er als außerordentlich einfühlsamer Begleiter von modernen Ballettabenden des Choreografen Heinz Spoerli, seine Interpretation der Goldberg-Variationen sind legendär. Seine persönlichen Kontakte ermöglichen, ein ansprechendes Programm über zehn Tage jeweils Anfang Juni zu kreieren. Ein vielbeachtetes Open-Air-Konzert auf der berühmten Potemkin-Stiege, das alljährlich bis zu 10.000 Besucher begeistert, gehört dazu wie ein Klavierwettbewerb. Nur ein geringer Teil des Budgets wird von der Stadt zur Verfügung gestellt, Sponsoren und Kartenverkauf sind die wesentlichen Finanzquellen.
Auffallend und sehr erfreulich ist der hohe Anteil junger Besucher, die das breit gefächerte Programm bereitwillig annehmen. Vergleichbar zu anderen bedeutenden Festspielen wird der Eröffnungsabend im frisch renovierten Opernhaus zu einem gesellschaftlichen Ereignis, roter Teppich, Presse und Fernsehen inklusive. Einmal im Gebäude, staunt man über die prunkvollen Treppen mit vergoldeten Leuchtern, liebevoll gestalteten Stuckaturen und vielen weiteren Details. Der Zuschauerraum fasst 1.400 Zuhörer und ist in edlem, rotem Samt ausgeschlagen. Der Francozypriote Cyprian Katsaris ist Preisträger verschiedener Wettbewerbe, nach einem Schlaganfall während eines Konzertes ist es ruhiger um ihn geworden. Begleitet vom Orchester des Opernhauses spielt er Klavierkonzerte von Mozart und Beethoven. Ausgiebig widmet er sich seinen Kadenzen, über das Tempo einigt er sich bei Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 KV 467 schwerer mit dem Dirigenten Igor Shavruk. Beethovens drittes Klavierkonzert wird packend und dynamisch im Wechselspiel des Solisten mit dem Orchester.
Heimatliche Klänge schwingen mit
Farbenfroh und jazzig wird der folgende Abend mit dem als „Teufelsgeiger“ angekündigten Roby Lakatos. Sein „Zigeunerblut“ lebt er mit seinem Ensemble musikalisch aus und präsentiert ein Feuerwerk an Rhythmus und schmissigen Melodien. Hervorragend wird er am Piano von Robert Lakatos und am Cimbalon von Jeno Lisztes begleitet und auch solistisch unterstützt. Puszta-Klänge füllen den Saal der Philharmonie. Vormals fungierte das Gebäude als Börse, jetzt als neugotischer Konzertsaal mit viel Flair und guter Akustik. Das Publikum aller Altersklassen wird mitgerissen und der mitteleuropäische Besucher des Festivals fühlt sich in der Grenzstadt zur unendlichen Steppe der Ukraine angekommen. Yehudi Menuhin entdeckte das außergewöhnliche Talent und die ausgefeilte Technik von Roby Lakatos in London und verhalf ihm zu internationalem Ruhm als klassischer Violinist. Seine Heimat ist aber spürbar seine Virtuosität in den schwungvollen Melodien und akrobatischen Improvisationssoli geblieben, die für alle Mitglieder seines ausgezeichneten Ensembles gilt.
Giya Kancheli ist ein in unseren Breiten nahezu unbekannter georgischer Komponist, in den Ländern des ehemaligen Ostblocks genießt der 95-Jährige durchaus Bekanntheit. Ein ganzer Abend wird seinen Kompositionen mit verschiedenen Solisten gewidmet. Seine Werke klingen spätromantisch, mit impressionistischen Klangfärbungen durchsetzt. Immer wieder brechen atonale Disharmonien durch und wühlen den bedächtigen, meditativen Klangstil auf. Botvinov selbst stellt ein Stück für Klavier und Orchester mit dem Titel Boston vor. Französische Chanson-Melodien muten an, melodisch eingebunden in vornehme Zurückhaltung. Das Piano antwortet den Streichern, und langsam entwickelt sich aus Zweiklang Einklang. Charmant und ansprechend ist die Gestaltung, moderne zeitgenössische Harmoniespiele sind eingebunden, ohne den ruhigen Fluss zu unterbinden. Kancheli hat auch Filmmusik geschrieben, der bildhafte Stil ist in seiner Musik allgegenwärtig. Der aus Odessa stammende und in Kanada lebende Klarinettist Julian Milkis musiziert im Anschluss mit der russischen Pianistin Polina Osetinskaya einen Satz elegischer Stücke, unterbrochen von unbeherrscht anmutenden Ausbrüchen. Langgezogen werden schwermütige Gefühle bis zur Selbstaufgabe mit wallendem Aufbegehren aufgearbeitet. Für die Musiker eine anspruchsvolle Aufgabe, Takt und Rhythmus einzuhalten. Eine Aufgabe, die die beiden bestens meistern, die Konzentration und Anstrengungen bei erhöhten Temperaturen im Saal sind spürbar. Viel verdienten Applaus und, wie in diesen Breiten üblich, viele Blumensträuße belohnen alle Musiker für ihre Leistungen.
Ein gutes Zeichen für die Ukraine
Das Festival läuft noch weitere fünf Abende unter anderem mit zwei Konzerten des Künstlers in Residenz, Daniel Hope, und dem Züricher Kammerorchest. Sie bestreiten auch das diesjährige große Open-Air-Konzert.
Für die Zukunft hat sich der engagierte und umtriebige Intendant viel vorgenommen, um Odessa auf der Landkarte der Festspiele einen festen Platz zu erobern. Fernsehaufzeichnung und Übertragung des Open-Air-Konzertes, Ausbau des Wettbewerbs und weitere Anreicherung mit internationalen Künstlern, aber auch die Förderung des nationalen Nachwuchses stehen fest auf dem Plan. Der Preisträger des diesjährigen Wettbewerbs wird in das Programm 2020 aufgenommen werden. Auch Opernaufführungen sollen das Programm einmal ergänzen.
Es bleibt viel zu tun, aber Odessa ist schon jetzt auf alle Fälle eine wertvolle Entdeckung. Die Stadt lehrt den Besucher viel über die osteuropäische Geschichte und lebendige Kultur und wird ihren Platz im Festspielkalender erobern.
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