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Das Mozartfest Würzburg existiert seit 1922 und ist damit das älteste Mozart-Festival Deutschlands. In diesem Jahr sind vom 24. Mai bis zum 23. Juni mehr als 50 Konzerte in der Residenz zu erleben. Ein ambitioniertes Motto zwingt die Musiker in nicht immer ganz glückliche Programme, doch ab und zu ergeben sich auch interessante Entdeckungen, etwa bei den Liedern von Clara Schumann; und mitunter kann ein Abweichen von der Routine auch neugierig machen.

Mozart und die Romantik, unter diesem Motto erklingen beim Würzburger Mozartfest zahlreiche exklusiv erstellte Programme. Schon das Eröffnungskonzert mit dem Freiburger Barockorchester und dem Tenor Julian Prégardien will „romantische“ Gefühle, von Sehnsucht nach dem unbegreiflich Schönen bis hin zum Erschauern über Geheimnisvolles, ergründen. Der Abend beginnt mit der relativ unbekannten Konzertarie KV 431 Mozarts, die zwischen Traum, trostlosen Visionen und tiefer Trauer wechselt; als nächste Gesangsnummern schließen sich die sehnsuchtsvolle Bildnis-Arie des Tamino aus der Zauberflöte an, ihr folgt die Klage des Orfeo von Haydn, und nach der Pause erklingt der Preis der Liebe in der Romanze des Palmerin aus Schuberts Zauberharfe. Die Darbietungen werden immer wieder „eingerahmt“ von Sätzen aus Mozarts früher g‑Moll-Sinfonie KV183, um ein Bild innerer Zerrissenheit zu verstärken. Erst der zweite Teil bringt positivere Stimmungen mit idyllisch verspielten, tänzerisch beschwingten Menuetten und Trios von Schubert, bevor dann die düstere 1. Sinfonie g‑Moll von Ètienne-Nicolas Méhul das Ganze energisch mit Auftrumpfen und geheimnisvollen Stimmungen beschließt. Das Orchester unter Leitung von Lorenza Borrani vermittelt solches differenziert abgestuft, mit viel Schwung und Elan. Prégardien gestaltet sehr variabel im Ausdruck, deutet manches jugendlich-empfindsam und kann seine schön timbrierte Stimme mühelos glanzvoll weiten. Am meisten beklatscht wird aber seine Zugabe, die Arie des Don Ottavio Dalla sua pace, der er feinen, hellen Schmelz und aufblühende Linien verleiht.
Das Verzahnen von Lieddarbietung mit instrumentalem Spiel scheint hier interessant, bei der Kombination von kurzen Mozart-Klavierstücken mit dem Zyklus der Winterreise von Franz Schubert jedoch wirkt das weitgehend unnötig, nimmt der genialen Vertonung der Müller-Gedichte viel von ihrer innerlich packenden Prägnanz, auch wenn die ausgewählten Klavier-Nummern in Moll-Tonarten durchaus Melancholie und Weltschmerz enthalten. Irgendwie relativiert das die tieftraurige Dramatik des Abschieds eines Menschen, eines Wanderers, vom Leben. Schuberts Zyklus „schauerlicher Lieder“ vermittelt ausweglose Trostlosigkeit, die sich immer mehr steigert. Diese Entwicklung, dieser Weg in den Winter, wird leider immer wieder unterbrochen von Mozartischen Klavierstücken, vom Rondo a‑Moll, 2 Sätzen der Sonate c‑Moll, dem Fantasie-Fragment d‑Moll und schließlich vom Adagio h‑Moll, sicher passend in der tiefen inneren Zerrissenheit, aber nur eine Bestätigung der weitaus differenzierteren Aussage der Lieder. Ganz unpassend aber scheint zu Beginn des zweiten Teils Mozarts Lied Das Traumbild, denn es wirkt irgendwie oberflächlich und obendrein musikalisch nichtssagend, während Schuberts Lieder tiefe menschliche Probleme wie Einsamkeit, Todessehnsucht oder das vergebliche Weiterleben-Müssen berühren. Natürlich will ein Pianist von Rang nicht „nur“ Klavierbegleiter sein, obwohl gerade das Schubertsche Werk ein Höchstmaß an Können verlangt, Farben, variablen Anschlag, illustrierende Schilderung und vieles mehr. Kit Armstrong kann in Mozarts kurzen Klavierstücken seine stupende Kunst der Formung emotionaler und kluger Gestaltung beweisen, seine unaufdringlich bravouröse Brillanz entfalten, auch wenn manches etwas manieriert scheint. Der Klavierpart von Schuberts Liedzyklus aber gelingt ihm ausgezeichnet. Julian Prégardien erweist sich als äußerst differenzierter Liedgestalter, dem die Interpretation der Gedichttexte offensichtlich ein intellektuelles Vergnügen bereiten. Bei ihm fasziniert die Unmittelbarkeit tiefer Empfindungen von Trauer, Resignation, kurzer Fröhlichkeit, Verzweiflung, vergeblicher Hoffnung; in den Kontrasten zwischen starker Aufgewühltheit und friedlicheren Momenten, trügerischer Beruhigung klingt die innere Zerrissenheit an. Prégardien gerät dabei nie in Versuchung zu übertreiben; so klingt sein Lindenbaum ganz schlicht und innig, Frühlingstraum und Die Post beginnen bewegt, ändern sich aber in sehnsüchtige Beschwörung, und vom Wegweiser bis zum ganz verhaltenen, fast weich gesungenen Leiermann, der hier offen endet, scheint alles eine unbeantwortete Frage an Leben und Schicksal. Solch eine nachdenkliche Haltung durchzieht die gesamte Interpretation von Prégardien, der hier mit dem fein leuchtenden, jugendlich männlichen Timbre seines Tenors und die natürliche Gestaltung mehr als überzeugt.
Nicht ganz so zufrieden sein kann man mit dem Programm, das das Kammerorchester Basel unter dem inspirierenden Heinz Holliger mitbringt: zwei frühe Schubert-Sinfonien, Nr. 2 und Nr. 3, die in B‑Dur geradezu mozartisch, wobei die filigranen Streicher manchmal etwas „verwischt“ klingen mit einem trotzig auftrumpfenden Menuett und einem lieblichen Trio, alles aber fast übermütig hüpfend. Auch die D‑Dur-Sinfonie erinnert an Mozart mit ihrem Flöten-Idyll nach starken Anfangsakzenten, mit Gute-Laune-Schwung, charmant sich entfaltenden Themen und tänzerischen Momenten. Wie ein erratischer Block wirkt zwischen diesen zwei freundlichen Sinfonien Schuberts das einzige Violinkonzert Schumanns in d‑Moll. Isabell Faust ist hier die Solistin, und mit ihrem verinnerlichten Spiel, das nie mit technischer Brillanz auftrumpft, obwohl es immense Schwierigkeiten aufweist, sondern gegen die „düsteren“ Gedanken des Orchesters gespannte Energie setzt, kann sie gerade im zweiten Satz intimen Glanz, Elegisches zeigen. Auch im Finalsatz ordnet sie sich eigentlich immer dem Orchester unter, mit hell geschliffenem, fein dezentem Ton und virtuosem Schmuck.

Immer wieder ein Erlebnis sind konzertante Aufführungen von Mozart-Opern, keine Regie-Verrenkungen lenken hier ab von der Musik. Auch beim Don Giovanni ist das zu registrieren; leider behindert da die breit gezogene Bühne ein bisschen das lebendige Miteinander der Sänger-Akteure. Dafür aber bringt Wolfgang Katschner mit seiner fulminanten Lautten-Compagney Berlin richtig viel Schwung und eine Vielfalt von Ausdrucksfacetten in den prächtigen Kaisersaal. Da gibt es zupackende Akzente, Düsteres, Liebliches, aber auch witzige Momente und einen Reichtum an emotionalem Ausdruck bis zum faszinierenden Untergang eines erotischen Wüstlings und Verführers, der alles respektlos bis zum Äußersten ausreizt und schließlich seine Quittung von höheren Mächten erhält, ein, so man will, „romantischer“ Aspekt. Bei der exzellenten Sängerriege aber kommt solches nicht unbedingt zum Tragen. Das liegt an den beiden Hauptfiguren: Den Don Giovanni gestaltet Bariton William Berger mit eher heller Stimme meist freundlich, keineswegs diabolisch, und Simon Robinson als sein Diener Leporello legt seine Rolle allzu buffesk an, wenig aufbegehrend gegen seinen Herrn; auch für seine Registerarie hätte man sich mehr profunde Tiefe gewünscht. Auch der Komtur, Andrew Nolen, hat keinen dunklen, kräftigen Bass, und so fehlt ihm das Gespenstische eines Toten. Dagegen aber sind die Frauen gut besetzt. Herausragend als Donna Anna Sopranistin Erica Eloff mit ihrer großen, klaren, strahlend schönen Stimme in ihren wunderbar gestalteten Arien. Ihre „Gegenspielerin“ ist Francesca Lombardi Mazzulli als eifersüchtige Donna Elvira mit dazu passendem hell-kräftigem, elanvollem Sopran. Die dritte im Bunde, die anfangs etwas naive Zerlina wird von Hanna Herfurtner sehr überzeugend mit lichtem, fein glänzendem Sopran gezeichnet. Ihr jugendlich empörter Masetto ist bei dem temperamentvollen Lorenzo de Cunzo bestens aufgehoben. Für mitreißenden tenoralen Glanz aber sorgt Patrick Grahl als Don Ottavio mit hellem Schmelz in seinen berühmten Arien Dalla sua pace und Il mio tesoro. Am Ende gibt es nach über drei Stunden in der ausverkauften Residenz stehenden Beifall.
Nichts ist so romantisch wie das Lied, und die Mozart-Verehrerin Clara Schumann, die heuer 200 Jahre alt geworden wäre, hat Gedichte vertont, auch wenn sie als gefeierte Pianistin wenig Zeit hatte, denn sie musste das Geld für die Familie mit ihren Konzerten verdienen. Unmittelbar nach ihrer schwer erkämpften Heirat mit Robert Schumann schenkte sie ihrem Gatten zu Weihnachten ein Volkslied nach einem Gedicht von Heinrich Heine. Beim Würzburger Mozartfest erklingen nun drei ihrer Liedvertonungen als Uraufführung, für Streichquartett transkribiert von Aribert Reimann. Auch wenn diese einst für Klavierbegleitung gedacht waren, vom warmen, seelenvollen Ton des Schumann-Quartetts gespielt erhalten sie besonders emotional berührende Tiefe. Der Abend in der Neubaukirche aber gedenkt auch der anderen Weggefährten dieser genialen Musikerin Clara, geborene Wieck; so kommen die fünf Ophelia-Lieder ihres lebenslangen Verehrers Johannes Brahms, die sechs Lieder des Theodor Kirchner Die schönen Augen der Frühlingsnacht, die der begabte, aber spielsüchtige, kurzzeitige Liebhaber der Witwe Clara komponiert hatte, und sechs Gesänge op. 107 ihres Gatten Robert Schumann zur Aufführung, alle wiederum für Streichquartett einfühlsam und deutend transkribiert von Aribert Reimann. Die Kirchner-Lieder aber werden unterbrochen und gleichzeitig verbunden von Bagatellen Reimanns, die mit ihren Dissonanzen, wahnwitzigen Flageoletts und Arco-Einschüben die innere Zerrissenheit und emotionale Einsamkeit Claras nachzeichnen. Als verbindende Elemente werden Tagebuch- und Briefausschnitte von Birte Leest verlesen, leider nicht immer gut verständlich. Im Mittelpunkt aber stehen die Lieder, begleitet vom wunderbaren Schumann-Quartett und so mit einer anderen Bedeutungs-Ebene unterstützt. Mit ihrem klaren, hellen, nie angestrengten Sopran kann Anna Lucia Richter die bestens artikulierten Texte in ihren Abschattierungen, inneren Beweggründen und kurzen freundlichen Momenten äußerst überzeugend vermitteln. Die eigentlich melancholischen, todessehnsüchtigen Inhalte werden überstrahlt vom Glanz der Stimme und ergeben so doch insgesamt ein tröstliches Bild einer Frau, die sich gegen alle äußeren Misshelligkeiten in der Zuversicht auf die Kraft der Musik das Leben erträglich machen konnte.
Die angebliche Rivalität von Mozart und Salieri ist ein romantisches Märchen. Das steht im Mittelpunkt eines abwechslungsreichen Abends mit den Bamberger Symphonikern und zwei Sängern, dem Tenor Julian Prégardien für Mozart und dem Bariton Roman Trekel für Salieri. Beide Figuren treffen in der Kammeroper Mozart und Salieri von Nikolai Rimski-Korsakov aufeinander, die der Komponist 1898 nach Puschkins Kleiner Tragödie von 1830 schuf, um den Gegensatz zwischen dem erfolgreichen Hofmusiker und dem musikalischen Genie zu unterstreichen, in rezitativischer Tonsprache, mit Zitaten aus Mozarts Werken, und auch als Parodie auf sinnentleertes Virtuosentum. Es geht hier um die „romantische“ Legende, dass Salieri seinen „Kontrahenten“ vergiftet habe. So darf auch Mozarts Requiem dabei nicht fehlen. Die Bamberger unter dem sich ganz in sein Dirigat hineinknienden, fast beschwörend leitenden Ainars Rubikis machen die Gegensätze der beiden Musiker-Größen auch durch ihre sehr effektvollen, nachdrücklichen Akzentuierungen, die melodischen Momente und auftrumpfende Dramatik deutlich bis zum schmerzlichen Ende, als Mozart stirbt. Der Bariton Trekel ist schon durch sein strenges Äußeres und seine kraftvoll-kernige Stimme die perfekte Verkörperung des angeblich von Neid, aber auch Bewunderung zerfressenen Salieri; Prégardien kann mir seinem jugendlich hellen Tenor, seinem bewegtem Parlando, seinem wonnigen Preis des Lebens den passenden Kontrast zu seinem düsteren Komponisten-Kollegen liefern. Daneben aber gilt es, den beiden Musikern mit ihren eigenen Werken nahe zu kommen. Das gelingt mit Salieris Ouvertüre zu Les Horaces; die Bamberger geben sie mit prächtigem, mächtigem Anfang, mit großem Bläser-Einsatz, dann aber mit eleganten, schwungvollen Elementen, mit leichter Melancholie und einer Prise Empfindsamkeit, effektvoll endend in großer Wucht. Dagegen lebt Mozarts 4. Violinkonzert D‑Dur mit seiner Gute-Laune-Melodienseligkeit ganz vom hellglänzenden, flüssigen, flinken, von musikantischem Impuls getragenen Spiel des hervorragenden Solisten Ilian Garnetz. Ganz im stimmigen Einklang mit seinem Orchester – er ist der Erste Konzertmeister der Bamberger – treibt er alles durch seine singende, temperamentvolle Tongebung an, kostet die Linien klangschön aus, gestaltet die Kadenzen klug und spannend, imponiert mit satten, samtigen Tiefen und stupender, scheinbar mühelos virtuoser Technik, lässt das Rondo tänzerisch, heiter, vergnügt dahinlaufen und ganz leicht enden. Für den lauten Jubel bedankt er sich mit zwei exzellenten Zugaben.
Renate Freyeisen