In der Muschel

Laulu ja tantsu pidu – so heißt das größte Sänger- und Tanzfest der Welt in der Landes­sprache. Alle fünf Jahre strömen die Menschen nach Tallinn, um gemeinsam Volks­lieder zu singen. Unter dem Motto „Minu arm“ – zu Deutsch „Meine Liebe“ – dient das Volksfest vor allem der natio­nalen Identi­täts­be­stä­tigung. In diesem Jahr wurde vom 4. bis zum 7. Juli das 150-jährige Jubiläum gefeiert.

Foto © Sven Zacek

Du stehst inmitten von fast 150.000 Menschen und singst mit – ein Lied so ergreifend und schön und einfach wie nur ein altes Volkslied sein kann – unwei­gerlich und spontan kommen dir Tränen der Rührung.  Ja, so ist es fast allen Teilnehmern am gerade zu Ende gegan­genen Laulupidu-Fest im estni­schen Tallinn ergangen. Erwachsene Männer, Frauen, Kinder und Senioren, aktive Teilnehmer oder nur Zuhörer – kaum ein Auge blieb trocken am Ende des fast achtstün­digen Sängerfestes.

Einige Zahlen, um die Dimension dieser Veran­staltung überhaupt zu begreifen: 1020 Chöre mit insgesamt mehr als 35.000 Sängern. 713 Tanzgruppen mit mehr als 11.500 Tänzern. Die jüngste Teilneh­merin ist 5, der älteste 90 Jahre alt. 25 Chorgruppen und 15 Tanzgruppen sind estnische Gruppen aus dem Ausland. Das estnische Fernsehen überträgt die wichtigsten Veran­stal­tungen an vier Tagen live – insgesamt sind das fast 24 Stunden Sendezeit. Und dann sind noch die etwa 100.000 Zuschauer, die es sich auf Bänken und auf der Wiese bequem machen … Glück­li­cher­weise und entgegen den ursprüng­lichen Schlecht­wet­ter­vor­aus­sagen, spielt das Wetter mit moderaten Tempe­ra­turen und immer wieder durch­schei­nender Sonne mit.

Die viertägige Veran­staltung ist in zwei Teile aufge­teilt:  Die ersten zwei Tage sind dem Tanzfest gewidmet, und dann kommen zwei Tage Sängerfest. Das Tanzfest wird im Kalev-Stadion abgehalten und ist bunt und fröhlich. Kompli­zierte Choreo­grafien zu Volks­liedern mit schönen Titeln wie Die Seele von Mutter Erde, Eine Brosche für meinen Liebling, Wir sind die Archi­tekten unseres Glücks mit zum Teil tausenden Teilnehmern zeugen von langen und inten­siven Proben.

Mit der Parade zur Muschel 

Foto © O‑Ton

Ab Mittag des dritten Tages geht das Sängerfest los. Vom Freiheits­platz aus startet eine Parade, die an der Sänger­wiese endet.  Das sind stolze vier Kilometer, die alle Teilnehmer in einem langen und feier­lichen Zug zu Fuß und ohne Pause gehen. Nur die vielen enthu­si­as­ti­schen Zuschauer, die den Weg säumen, feuern sie an. Sie alle ziehen in die speziell zugedachte Sänger­fest­wiese ein, mit ihrer 1960 von dem estni­schen Archi­tekten Alar Kotli entwor­fenen, gigan­ti­schen Halbmu­schel. Danach folgt die feier­liche Eröffnung mit einigen wenigen Danksa­gungen und dem Anzünden des Laulupidu-Feuers – ganz wie bei den Olympi­schen Spielen.  Und auch wie bei diesen, wandert die Fackel schon Monate vorher durch die vielen teilneh­menden Dörfer und Städte, um an diesem Tag feierlich auf die Sänger­wiese einzu­ziehen. Hier wird sie noch von Hand zu Hand der vielen Verant­wort­lichen des Sänger­festes und Dirigenten den 42-Meter hohen Turm hinauf­ge­reicht. Mit dem Zünden der Biogas-Flamme ist das Fest offiziell eröffnet.

Sogar die Präsi­dentin des Landes, Kersti Kaljulaid, singt als ganz normale Teilneh­merin eines Chores mit. Sie ist sicherlich nicht die einzige Politi­kerin oder Würden­trä­gerin – beim Tanz- und Sängerfest machen alle mit. Viele Teilnehmer erzählen vom ersten Mal, als sie dabei waren – als achtjäh­riger Knabe oder Mädchen wurden die tradi­tio­nellen Lieder schon monatelang vorher einstu­diert. Diese Verbin­dungen und Freund­schaften ziehen sich oft durch das ganze Leben. Nicht selten singt die gesamte Familie mit – jeder in seinem Mädchen‑, Knaben‑, Männer‑, Frauen- oder Gemischtchor. Alle Teilnehmer sind auf diese Tradi­tionen sichtbar stolz. Wie steht es mit der russi­schen Bevöl­kerung des Landes, macht sie mit? „Solange sie auf Estnisch singen, sind sie willkommen“, sagt Peeter Perens, Künst­le­ri­scher Leiter.

Die Teilnehmer tragen ihre Tracht mit großem Selbst­be­wusstsein – farbenfroh die Frauen mit unter­schied­lichen, meist gestreiften, bunten, langen Röcken und weißen Blusen mit aufwän­diger floraler Stickerei; strenge dunkle Gehröcke, oft mit Hut, für die Männer. Viele Mädchen tragen handge­flochtene Girlanden aus weißen Margue­riten und blauen Kornblumen, während die Frauen eine standes­gemäße bestickte Kopfbe­de­ckung tragen. Wie bei allen Trachten, gibt es unzählige Herkunfts- und Standes­hin­weise auf Tradi­tionen, die in den Details abzulesen sind.

Jedes Lied wird in unter­schied­licher Konfi­gu­ration gesungen – mal sind es nur Männer­chöre oder nur Frauen­chöre, dann wieder alle zusammen. Somit dauern die Umbau­phasen schon mal 20 bis 30 Minuten, immerhin sind es dann Tausende, die die Treppen der großen Halbmu­schel hinauf oder hinab gehen müssen. Das Publikum nimmt’s gelassen und holt sich vielleicht noch ein Eis – immerhin wird die Statistik von 180.000 in biokom­pos­tier­barem Papier einge­wi­ckelten, verkauften Portionen verkündet.

Als Chordi­rigent im Sängerfest teilzu­nehmen, ist als besondere Ehre angesehen. Sie alle – es sind an die 60, inklusive Neeme Järvi und die in Deutschland bekannte Kristiina Poska, wie auch die Kompo­nisten der diesjäh­rigen neuen Lieder und alle wichtigen Organi­sa­toren – erhalten jeder zum Schluss feierlich einen großen Kranz aus heimi­schen Eichenlaub umgelegt.

Aufhebung der Leibeigenschaft

Foto © O‑Ton

Die Veran­stal­tungen spielen ohne Pause, am ersten Tag sind es vier Stunden, am zweiten fast acht Stunden. Das ist für das kleine Orchester, welches inmitten der Orches­ter­mu­schel aufgebaut ist, ein langer Arbeitstag. Besonders schön ist es, wenn die Teilnehmer selbst eine Wieder­holung eines Stückes fordern – nicht der Applaus des Publikums bestimmt ein da capo, sondern die Sänger. Und das geschieht sehr oft. Die aufge­führten Lieder sind von Sängerfest zu Sängerfest thema­tisch aus dem reichen Reper­toire an Volks­liedern und speziell für die Sänger­feste kompo­nierte Lieder, ausge­sucht. So auch in diesem Jahr, manche datieren aus dem späten 19. Jahrhundert, andere sind Auftrags­kom­po­si­tionen für dieses Laulupidu. Ausschließlich von estni­schen Kompo­nisten, versteht sich.

Das alle fünf Jahre statt­fin­dende Fest hat einen inter­es­santen Ursprung im Jahr 1869.  Damals wollten die estni­schen Bürger das 50-jährige Jubiläum der Aufhebung der Leibei­gen­schaft durch Zar Alexander I. im gesamten russi­schen Reich feiern.  Aber wie? Auch damals gab es schon Männer­ge­sangs­vereine, die aber eher deutsche Kirch- und Volks­lieder vortrugen. Um das aufstre­bende estnische Selbst­be­wusstsein zu stärken, hat man estnische Volks­lieder gesammelt oder neue in Auftrag gegeben. Allen voran der damalige Organi­sator in Tartü, Johann Voldemar Jannsen. Seine Tochter, Lydia Koidula, schrieb die Texte für grund­le­gende Lieder wie Mu isamaa on minu arm – das Land meiner Väter, das Land, welches ich liebe – die heute noch gesungen werden. Auch in der Sowjet-Zeit wurden die Sänger­feste abgehalten, aller­dings wurde die Program­mierung stark von Propa­gan­da­liedern infil­triert. Immerhin durften die Esten auch viele ihrer eigenen Lieder behalten, und das Zusam­men­kommen der Lands­leute trug viel zur Aufrecht­erhaltung des eigenen Identi­täts­sinnes bei.

Heutzutage ist das Tanz- und Sängerfest, und insbe­sondere diese Ausgabe zum 150-jährigen Bestehen, das auch mit dem 100-jährigen Jubiläum der Ausrufung der ersten estni­schen Republik zusam­men­fällt, die vorrangige Veran­staltung zur Identi­täts­be­stä­tigung.  Bei einem Volk, das nur eine knappe Million Zugehörige zählt, ist es ein Fest, das an Symbol­kraft weit über die viertägige Feier ihre Wichtigkeit und Wirkung behält und ausstrahlt.

Um einen Einblick in diese einmalige Veran­staltung zu werfen, hier der Link zur Mediathek des estni­schen Fernsehens.

Zenaida des Aubris

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