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Die 108. Bayreuther Festspiele stehen im Fadenkreuz einer neuen Tannhäuser-Inszenierung und des 100. Geburtstags von Wolfgang Wagner. Mit der personellen Neuordnung bei der Leitung der Festspiele scheint auch Ruhe auf dem Grünen Hügel einzuziehen. Dazu passt, dass neben der einen Premiere nur Wiederaufnahmen zu sehen sein werden. Der Vorteil: Noch nie war es so leicht, eine Eintrittskarte zu bekommen.

Friedliche Festspiele“ wie im Vorjahr erwartet Pressesprecher Peter Emmerich für die 108. Richard-Wagner-Festspiele, die am 25. Juli mit einer Neuinszenierung des Tannhäuser eröffnet werden. Die langjährigen Familien-Fehden um die Ablösung und Nachfolge Wolfgang Wagners sind in der Tat Geschichte, seitdem seine Tochter Katharina die Intendanz allein bestimmen kann. Ohne ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier und auch ohne Störfeuer von Seiten Nike Wagners aus dem rivalisierenden Wieland-Wagner-Clan. Nike Wagner macht sich derzeit unter anderem in Bonn als Intendantin des dortigen Beethovenfests unbeliebt, indem sie ihre Weigerung, ihren im nächsten Jahr auslaufenden Vertrag zu verlängern, mit der geringen „Aufgeschlossenheit“ des Bonner Publikums begründete. „Bequem und altmodisch“ sei es, „noch nicht im 21. Jahrhunderthundert angekommen.“
Ein harmonisches Einvernehmen besteht dagegen zwischen Katharina Wagner und Christian Thielemann, dem erfahrensten Bayreuther Dirigenten und seit zwei Jahren mit dem neugeschaffenen Amt des „Musikdirektors“ betraut. Worin seine spezifischen Aufgaben bestehen sollen, bleibt zwar nach wie vor nebulös. Dass er sein Amt jedoch nutzen wollte, um missliebige, zu starke Platzhirsche vom Pult des Festspielorchesters fernzuhalten, ist ihm zwar zuzutrauen, bleibt aber reine Spekulation. Immerhin wird den neuen Tannhäuser niemand Geringerer als Valery Gergiev dirigieren, seines Zeichens Chef der Münchner Philharmoniker und des Mariinski-Theaters St. Petersburg. Die Befürchtung, dass es aufgrund von Gergievs feindlichen Statements gegenüber Homosexuellen und seiner engen Freundschaft mit Vladimir Putin zu heftigen Protesten und Störungen kommen könnte wie unlängst in München, als sein Vertrag mit den dortigen Philharmonikern verlängert wurde, dürfte in Bayreuth unbegründet sein. „Hier gilt‘s der Kunst“. Und selbst künstlerische Provokationen wie Frank Castorfs Ring-Inszenierung werden längst nicht mehr mit Trillerpfeifen und Boykott-Aufrufen beantwortet, sondern mit einer Zurückhaltung beim Kartenverkauf. So leicht wie in den letzten Jahren an die sonst heiß begehrten Karten für den Ring, das Herzstück der Festspiele, zu kommen, war es noch nie. Was sich mit der neuen Ring-Produktion im kommenden Jahr wohl ändern wird. Zumindest vorübergehend.
Dass es in Bayreuth nicht immer so friedlich zuging, daran könnte der 100. Geburtstag Wolfgang Wagners am 30. August erinnern. Dann sind die Festspiele zwar vorbei, aber am Vorabend der Eröffnung wird mit einem Festakt seiner Leistungen gedacht. Die Laudatio hält der langjährige Direktor der Wiener Staatsoper, Ioan Holender. Zudem wird eine Ausstellung im Richard-Wagner-Museum sein fast 60-jähriges Wirken auf dem Grünen Hügel dokumentieren. Titel: „Der Prinzipal. Wolfgang Wagner und die ‚Werkstatt Bayreuth‘.“
Die zurückliegenden zehn Jahre unter der Leitung seiner Tochter Katharina haben die Festspiele verändert: Unter Wolfgang Wagners eiserner Prinzipientreue wäre es undenkbar gewesen, einen Star wie Anna Netrebko für zwei einzelne Aufführungen einzuladen und ihr die übliche Pflicht zur Teilnahme am gesamten Probenverlauf zu ersparen. Wer Netrebkos Bayreuther Debüt hören möchte, kann sie als Elsa in den Lohengrin-Aufführungen am 14. und 18. August erleben.
Auch sonst geht es, was die Besetzung angeht, lockerer zu. Den Lohengrin teilen sich Klaus Florian Vogt und Piotr Beczala, den Tristan Stephen Gould und Stefan Vinke. Stephen Gould wird zugleich die Titelpartie des neuen Tannhäuser singen. An der Seite der derzeit hoch gehandelten norwegischen Sopranistin Lise Davidsen als Elisabeth.
Tobias Kratzer, Jahrgang 1980, inszeniert zwar erst seit elf Jahren Opern, hat sich jedoch als Wagner-Regisseur bereits einen schillernden Namen machen können. Den Tannhäuser inszeniert er nach neun Jahren zum zweiten Mal, wobei er mit der in Bayreuth gewählten ursprünglichen Dresdner Fassung andere Akzente setzen will als in der Pariser Fassung, die er in Bremen inszenierte.
Im letzten Ring-losen Jahr wird der neue Tannhäuser ergänzt durch Wiederaufnahmen des Lohengrin, der Meistersinger von Nürnberg, des Parsifal und von Tristan und Isolde.
Pedro Obiera