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Vom 23. Oktober bis zum 2. November fand in Essen zum neunten Mal das NOW!-Festival statt, der Versuch, dem Essener Publikum Neue Musik schmackhaft zu machen. Und schon das diesjährige Motto Transit verriet, dass die Veranstalter in 25 Konzerten einen zeitlich weiten Bogen vom vergangenen Jahrhundert zur Gegenwart schlagen wollten.

Transit: Ein vieldeutiges Motto, das das neunte Essener Festival für Neue Musik NOW! in 25 Konzerten mit 15 Uraufführungen bis zum 3. November unter verschiedenen Aspekten reflektiert, wobei unter dem Begriff Transit Übergänge zur musikalischen Moderne und zum digitalen Zeitalter des 21. Jahrhunderts, aber auch fließende Prozesse innerhalb von Schlüsselwerken und ganz neuen Stücken unserer Zeit verstanden werden sollen.
Die Veranstalter des Festivals, zu denen maßgeblich die Philharmonie Essen, die Folkwang-Universität der Künste, die Zeche Zollverein und die Krupp-Stiftung gehören, freuen sich über die im Laufe der neun Jahre gewachsene Akzeptanz des Festivals, das neben treuen Stammbesuchern aus allen Altersgruppen immer neue Hörerschichten erschließt. Philharmonie-Intendant Hein Mulders sieht in der lockeren, familiären Atmosphäre der Veranstaltungen, bei denen Publikum und Künstler in legerem Rahmen miteinander in Kontakt kommen, einen wichtigen Grund für die wachsende Beliebtheit.
Und auch wenn man großen Wert auf die Aktualität der Programme legt, werden die neuesten Stücke meist mit traditionelleren und vertrauteren Werken der Moderne gekoppelt. Vor Arnold Schönbergs gewaltigen Gurreliedern aus seiner noch tonalen Zeit, mit denen der zweiwöchige Konzertreigen am 24. Oktober von den Essener Philharmonikern eröffnet wurde, braucht sich niemand zu fürchten.
Deuten die Gurrelieder den Übergang in die musikalische Moderne an, bieten Karlheinz Stockhausens Kontra-Punkte als weiterem Schlüsselwerk Einblicke in kompositorische Übergänge von statischen in fließende Bewegungen. Und der Einstieg ins digitale Zeitalter wurde unter anderem mit einem Synthesizer-Wochenende auf PACT Zollverein intensiv beleuchtet, wobei auch der von Folkwang betreute erste analoge, noch schrankwandgroße Mammut-Synthesizer Synlab zum Einsatz gekommen ist. Einen Hingucker bot auch eine Installation mit vier computergesteuerten Klavieren im RWE-Pavillon der Philharmonie, für die vier Professoren der Folkwang-Universität neue Stücke generiert haben. Und auch die DJ-Szene kam im Rahmen eines Late-Night-Konzerts nicht zu kurz, als Szene-Stars wie Sacha Ketterlin und Roman Flügel ein besonders junges Publikum anlockten.
Neben den Gurreliedern standen vier prominent besetzte Orchesterkonzerte auf dem Programm, so mit den Sinfonieorchestern des WDR und des SWR sowie dem Ensemble Musikfabrik und dem Ensemble Modern.
Großer Wert wird auf gleich drei Workshops und Kompositionsprojekte für Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren gelegt, und zwar mit praktischen Einführungen in elektroakustische Musikproduktionen, einem Schlagzeugprojekt und einer Kompositionswerkstatt.
Gewaltiger Auftakt
Den gewaltigen Auftakt stemmte Essens Generalmusikdirektor Tomáš Netopil mit einer eindrucksvollen Aufführung der abendfüllenden Gurrelieder von Arnold Schönberg. Ein Werk aus den Jahren 1900 bis 1910, in denen sich Schönberg schleichend von der traditionellen Tonalität verabschiedete. In den Gurreliedern blieb er freilich noch spätromantischen Gefilden treu. Sehr zum Wohlgefallen des damaligen Publikums und auch die Essener Besucher konnten sich angesichts der wohligen Klänge noch genüsslich zurücklehnen, bevor ihnen die folgenden Konzerte eine größere Toleranz gegenüber experimentellen Neuerungen abverlangten.
Auch wenn man für die Gurrelieder auf die reduzierte Fassung von Erwin Stein zurückgriff und nicht, wie bei der Uraufführung, 400 Musiker und Sänger aufbot, wurde es so eng auf der Bühne der Essener Philharmonie, dass die vier engagierten Chöre vom WDR-Rundfunkchor bis zum Philharmonischen Chor Essen auf den Emporen Platz nehmen mussten.
Das Libretto nach einer dänischen Dichtung um die unglückliche Liebe zwischen Waldemar und Tove wirkt heute, wie auch weite Teile der Musik, recht schwülstig. Vor allem mit Blick auf die weitere Entwicklung Schönbergs. Netopil drehte die orchestralen Regler so mächtig auf, dass sich selbst die stark besetzten Chöre nicht immer durchsetzen konnten.
Besondere Rücksicht nahm Netopil auch nicht auf die Sänger, wobei der Riesenstimme des Wagner-erprobten Tenors Torsten Kerl in der zentralen Partie des Waldemar der dynamische Dauerbeschuss am wenigsten zusetzte. Das Lied der Waldtaube instrumentierte Schönberg zum Glück etwas schlanker, so dass es Deirdre Angenent leichter hatte als Julia Borchert in der Rolle der Tove. Ein monumentaler Auftakt mit einem leicht anachronistischen Anstrich, was sich in den folgenden Tagen ändern sollte.
So mit dem Gastspiel des WDR-Sinfonieorchesters Köln. „Ich komponiere nicht mit Noten, sondern mit Klängen“. Dieses Bekenntnis des Komponisten Gérard Grisey trifft den Kern des anspruchsvollen Programms in der mäßig besuchten Essener Philharmonie. Transit, das Motto des diesjährigen NOW!-Festivals, bezog sich an diesem Abend auf enge Verbindungen zwischen Musik und visuellen Künsten, die sich vor allem in den Klangstrukturen der drei Werke aus den Federn italienischer und französischer Komponisten niederschlugen.
Dass die Interpretationen der zwischen 1972 und 2016 entstandenen Werke an schillernder Leuchtkraft und spieltechnischer Präzision kaum zu übertreffen sein dürften, überrascht angesichts im Umgang mit Neuer Musik so erfahrener Interpreten wie das WDR-Sinfonieorchester und dem nicht minder versierten Gastdirigenten Sylvain Cambreling nicht im Geringsten.

Die starke Affinität Cambrelings zu seinem 1998 verstorbenen französischen Landsmann Gérard Grisey führte zu einem besonders eindringlichen Vortrag der Tondichtung L’Icône paradoxale – Das paradoxe Bild – eine Hommage an das Gemälde Die Madonna der Geburt des Malers Piero della Francesca aus dem 15. Jahrhundert, das die schwangere Madonna in einem erstaunlich realitätsnahen Zustand darstellt. Das komplexe Klangbild erhält durch den Einsatz zweier Frauenstimmen, vorbildlich Katrin Baerts und Kora Pavelic, ein zusätzliches „humanes“ Register. Die aufgewühlten, zerrissenen, an Geburtsschmerzen erinnernden Klangblöcke des Anfangs münden nach gewaltigen Steigerungen in einen entspannten, choralartigen Schlussgesang.
Weichere, bisweilen geradezu süßliche Töne prägen das jüngste Stück des Abends, Francesco Filideis vor drei Jahren uraufgeführtes Konzert für Flöte und Orchester, das unter dem Titel Sull’essere angeli – Über das Sein der Engel – an die bizarren Selbstportraits der jung aus dem Leben geschiedenen Fotografin Francesca Woodman erinnern soll. Der von Mario Caroli souverän beherrschte Flötenpart bildet die quasi in Anlehnung zum Körper der sich selbst aus unterschiedlichen Perspektiven darstellenden Fotografin angedachte Grundsubstanz des Werks. Tönende Portraits, die durch subtile, bisweilen an Ravel erinnernde Klangfolien des Orchesters filigran und differenziert ausgeleuchtet werden.
Die Moderne blickt auf ihre Klassiker
1973, im Geburtsjahr Francesco Filideis, starb Bruno Maderna, ein Schwergewicht der postseriellen Ära, ein mehr an Klangsinnlichkeit als an struktureller Logik interessierter Klassiker der Moderne, der mit seinem späten Orchesterstück Aura virtuos demonstriert, was sich mit einem in etliche Kleingruppen aufgesplitterten Sinfonieorchester zaubern lässt. In 15 Minuten präsentiert er eine Mixtur unterschiedlichster Farbwerte und Farbmischungen. Eine modellhafte Demonstration feiner Klangästhetik mit beachtlichem Einfluss auf folgende Generationen.
Das Ensemble Musikfabrik gehört zu einem Festival für Neue Musik, das auf sich hält und sich wie die Essener „NOW!“-Tage auf der Höhe der Zeit präsentieren will, so selbstverständlich wie die Taste zum Klavier. Seit 29 Jahren setzen die Kölner Spezialisten als eins der versiertesten und experimentierfreudigsten Ensembles unserer Zeit Maßstäbe auf dem kniffligen Parkett der Avantgarde. In der relativ gut besuchten Essener Philharmonie stellten sich jetzt die Kölner Gäste mit unterschiedlich ausgerichteten Werken dreier etablierter Komponisten vor, die sich dem Ensemble persönlich besonders eng verbunden fühlen.

Im Falle des französischen Altmeisters Georges Aperghis geht die Liebe so weit, dass er seine 30-minütigen Intermezzi vor vier Jahren den einzelnen Musikern individuell auf den Leib geschrieben hat. Je nach Temperament und Persönlichkeitsprofil fließen dadurch so viele disparate Elemente simultan in das Klanggemälde ein, dass, durchaus nicht ungewollt, eher von einem ästhetischen Chaos als von einer logisch geformten Komposition gesprochen werden kann. Da wird gesungen, rezitiert, mit Dämpfern experimentiert, da werden leise Töne angespielt und eruptive Energien freigesetzt. Befeuert durch eine besondere Portion persönlich motivierter Spiellaune, angerichtet und ausgeführt auf Top-professionellem Niveau.
Auch die Engländerin Rebecca Saunders hat ein Faible für das Ensemble. Ihre Vorliebe für Raumklang-Effekte gipfelt in dem 80-minütigen Zyklus Yes, aus dem in Essen das Teilstück Nether für Sopran und 19 Instrumentalisten ausgekoppelt wurde, das eigens für die Essener Aufführung um eine fünfminütige Coda erweitert wurde. Die Sopranistin Juliet Fraser singt und rezitiert Molly Blooms Monolog aus James Joyces Ulysses, überlagert von raffiniert gestrickten Klangfeldern. Möglichkeiten, den Klang räumlich zu streuen, wie man es von Rebecca Saunders kennt, wurden allerdings nicht genutzt.
Lassen die Stücke von Saunders und Aperghis zarte Spuren theatralischer Einflüsse erkennen, will Stephan Winkler seine für zwei Sänger, fünf Instrumentalisten und Elektronik bestimmte Arbeit Schweres tragend bewusst als „kleines Musiktheater“ verstanden wissen. Stilistisch Saunders Nether nicht unähnlich, bleiben die darstellerischen Anteile freilich allenfalls angedeutet. Da hatte schon das alte Instrumentale Theater Mauricio Kagels vor 60 Jahren mehr an Aktion zu bieten.
Alle Konzerte stoßen auf große Zustimmung beim Publikum. Dass in der Essener Philharmonie etliche Stuhlreihen unbesetzt blieben, darf angesichts der speziellen Angebote nicht verwundern. Quantitativ lockt das Festival mehr Besucher an, als es die Konzerte in der großen Philharmonie vermuten lassen. In räumlich überschaubareren Spielorten wurde es für die Besucher bisweilen sogar richtig eng.
Pedro Obiera