O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Bildschirmfoto

Der Ring aus dem Wohnzimmer

Derzeit sind viele Häuser damit beschäftigt, „Ersatz­ver­an­stal­tungen“ für die ausge­fal­lenen Auffüh­rungen im Internet zu erfinden. Das gelingt nicht immer zur Zufrie­denheit aller, vor allem bei den techni­schen Lösungen scheint man sich oft mit dem absoluten Minimum zufrie­den­zu­geben. Die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg versucht sich derzeit an einem digitalen Talk zum ausge­fal­lenen Ring des Nibelungen.

Bildschirmfoto

Vom 7. bis zum 13. April sollte eigentlich am Düssel­dorfer Opernhaus Richard Wagners Ring des Nibelungen als Zyklus auf die Bühne gebracht werden, doch bekann­ter­maßen machte die Corona-Epidemie in Deutschland einen gehörigen Strich durch die Rechnung; alle Theater sind derzeit geschlossen. Um den so erhal­tenen Phantom­schmerz etwas zu lindern, haben der General­mu­sik­di­rektor der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf und Duisburg, Axel Kober, sowie der Spiel­leiter und Regie­as­sistent Dorian Dreher kurzerhand entschieden, an den jewei­ligen Ring-Spiel­tagen aus dem heimi­schen Wohnzimmer einen digitalen Talk zu senden, der sich mit dem jeweils an dem Abend auf dem Spielplan stehenden Bühnenwerk beschäftigt. So begrüßt Kober in der ersten Folge der neuen digitalen Talkreihe die Zuschauer via Stream vom heimi­schen Klavier mit den ersten Takten in Es-Dur des Rheingold. Dreher ist per Videos zugeschaltet, sitzt vor einer großen Regalwand und erzählt von seinen Aufgaben als Spiel­leiter und Regie­as­sistent für den Ring. Von den berühmten ersten 136 Takten des Rheingold ausgehend, besprechen sie das Zusam­men­wirken von Szene und Musik bei Wagner und insbe­sondere im Ring.  Der Orches­ter­schlag­zeuger der Duisburger Philhar­mo­niker, Christoph Lamberty, wird aus dem heimi­schen Wohnzimmer per Video zugeschaltet und erläutert sehr plastisch, mit welchen Hilfs­mitteln man die Ambosse im Rheingold imitieren kann.

Zur Walküre haben die beiden sich dann was ganz Beson­deres ausge­dacht. Nach einer kurzen musika­li­schen und szeni­schen Erläu­terung des Einstiegs in die Oper werden Inhalt und die wichtigsten musika­li­schen Szenen von Kober und Dreher in schon gewohnt lockerer und leicht verständ­licher Art vorge­stellt. Als Überra­schungs­gäste in diesem Talk werden die beiden Baritone Simon Neal und James Rutherford aus den heimi­schen Wohnzimmern in ihrer engli­schen Heimat zugeschaltet. Beide erzählen in ihrer Mutter­sprache auf heitere Art und Weise über ihrer beider Umgang mit der großen Rolle des Wotan in der Walküre unter Einbe­ziehung des typisch briti­schen Humors. Inter­essant auch die durchaus unter­schied­liche Sicht- und Heran­ge­hens­weise der beiden Baritone an diese Rolle. Zum Schluss des spannenden Gespräches gelingt Axel Kober ein ganz beson­deres Bonbon für Wagner-Fans.

Simon Neal und James Rutherford singen im Duett, von Axel Kober am Klavier begleitet, Wotans letzte Worte aus der Walküre: „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durch­schreite das Feuer nie!“ Auch technisch eine große Heraus­for­derung, immerhin sind es drei verbundene Videos. Neal hat zur Unter­stützung noch einen Wischmopp als Speer in der Hand, und dann geht das kurze und wohl einmalige Duett zweier stimm­ge­wal­tiger Wotane in die Geschichte des digitalen Talks ein, bevor zum Schluss die Überblendung des Klavier­spiels zur Orches­ter­musik der Duisburger Sympho­niker den zweiten Teil beendet.

Der dritte Teil zur Oper Siegfried beginnt genauso humorvoll und musika­lisch, wie der zweite Teil zur Walküre endete. Tenor Cornel Frey, Darsteller des Mime im Düssel­dorfer Ring, ist aus seiner „Quarantäne“ im Oberber­gi­schen zugeschaltet und begrüßt die Zuschauer mit Mimes ersten Worten aus dem Siegfried: „Zwang­volle Plage, Müh ohne Zweck …“ und schlägt statt mit einem Hammer auf ein Schwert mit einem Suppen­löffel auf eine Konser­vendose, so wie er sie auch in der Insze­nierung von Dietrich W. Hilsdorf in der Hand hält. Aber es muss sich keiner Sorgen um den guten Frey machen, ihm geht es gut, nur leidet er wie alle unter der Zwangs­pause. Freys Einstieg in den Düssel­dorfer Ring ist wie so häufig die Geschichte des kurzfris­tigen Einspringens für einen erkrankten Kollegen, des Lernens von Text und Noten über Nacht und des Durch­han­gelns von Szene zu Szene, um dann am Ende doch grandios zu überzeugen. Diese Geschichten passieren immer wieder in der Opern­szene, aber sie von einem Betrof­fenen selbst zu hören, ist durchaus spannend und nimmt den im Opern­ge­sche­henen nicht so erfah­renen Zuschauer mit hinter die Kulissen des Theater­be­triebs. Natürlich steht die Oper Siegfried im Vorder­grund des dritten Teils, und passend dazu wird Corby Welch, der Haupt­dar­steller der Premiere, aus Südengland zugeschaltet. Welch, der der Deutschen Oper am Rhein seit über 17 Jahren verbunden ist, erzählt über seine Sicht­weise der Rolle und die Heraus­for­de­rungen an einen Sänger, wenn er neben dem Gesang auch noch rhyth­misch hämmern muss. Eine weitere Heraus­for­derung in jeder Siegfried-Aufführung sind die Solo-Hornrufe, und dazu ist Uwe Schrumpf, der Solo-Hornist der Düssel­dorfer Sympho­niker aus dem heimi­schen Wohnzimmer zugeschaltet.

Inter­essant für den Wagner-Freund ist die Inter­aktion zwischen dem Darsteller, der das Horn auf der Bühne führt, aber das Spiel natürlich nur imitiert, und dem Solo-Hornisten im Graben, der dazu synchron die Melodie spielt. Das verlangt eine intensive Abstimmung und Probe, damit beides schön synchron zu sehen und zu hören ist. Schrumpf spielt aber nicht nur das Horn, sondern auch die ganz besondere „Wagner-Tube“. Schrumpf spricht über die histo­rische Entwicklung des Musik­stückes, das von Wagner über viele Jahre selbst betrieben wurde, und über die techni­schen Schwie­rig­keiten und Heraus­for­de­rungen des Instru­mentes. Auch der Unter­schied zwischen einer Vorstellung, in der man als Orches­ter­mu­siker im Graben sitzt und den beson­deren Heraus­for­de­rungen einer konzer­tanten Aufführung, in der man auf der Bühne sitzt, wird von Schrumpf sehr plastisch erläutert. Mit der szeni­schen und musika­li­schen Erläu­terung des Finales von Siegfried durch Axel Kober und Dorian Dreher endet der dritte Teil der digitalen Talkreihe zum Ring des Nibelungen.

Bildschirmfoto

Mit der Götter­däm­merung steht dann der letzte Abend auf dem Programm, sowohl im Ring als auch im Talk. Wieder grüßen Axel Kober und Dorian Dreher aus dem Homeoffice und analy­sieren szenisch und musika­lisch die ersten zwei Aufzüge des letzten Abends der Tetra­logie. Ausgehend von der Nornen-Szene, in der endlich klar wird, warum Wotan nur ein Auge besitzt, über die schwierige Figur des Hagen bis zu der Chorszene und den Mannen­rufen Hagens sowie der Demütigung Brünhildes vor dem gesamten Volk. Dreher stellt in dieser Szene eine inter­es­sante und sicher diskus­si­ons­würdige Verbindung zu Verdis Othello und der korre­spon­die­renden Szene mit Desdemona her. Kober vergleicht dann die Szene der Rhein­töchter im dritten Aufzug der Götter­däm­merung mit dem ersten Bild im Rheingold und stellt vor allem die Unter­schiede heraus. Als erster Gast des Abends wird aus Berlin Michael Weinius zugeschaltet, der Premieren-Siegfried in Düsseldorf. Er spricht auf Englisch über die Unter­schiede der beiden Siegfried-Partien im Siegfried und in der Götter­däm­merung. Als zweiter Überra­schungsgast des Abends wird dann Linda Watson aus der Nähe von Wien zugeschaltet. Watson, die Düssel­dorfer Brünn­hilde und vor drei Monaten von der Wiener Staatsoper mit dem Titel „Kammer­sän­gerin“ ausge­zeichnet, debütierte 1995 in Paris als Brünn­hilde und sang diese Partie nach eigenen Angaben mittler­weile in fünfund­zwanzig verschie­denen Ring-Produk­tionen. Sie erzählt im besten Deutsch vor allem über die unter­schied­lichen Heran­ge­hens­weisen von Regis­seuren an das Sujet des Rings.

Da gibt es Regis­seure wie Dietrich W. Hilsdorf, der den aktuellen Ring an der Deutschen Oper am Rhein auf die Bühne gebracht hat und der vom Wort ausgeht. Dagegen gibt es Regis­seure wie Robert Wilson oder Achim Freyer, denen der Text völlig egal sei. Wiederum andere Regis­seure wollen das ganz große Bild, während Linda Watson selbst am liebsten mit Regis­seuren zusam­men­ar­beitet, die die Perso­nen­regie in den Vorder­grund stellen und die Bezie­hungen der handelnden Personen auf der Bühne unter­ein­ander genau beleuchten. Von denen gäbe es aber leider nur sehr wenige. Unzählige Dirigenten und Tenöre hat sie seit ihrer ersten Ring-Produktion erleben und begleiten dürfen. Und trotz aller Routine und Abgeklärtheit sei sie auch heute immer noch neugierig auf Neues. Auf die Frage an Weinius, was das für ein Gefühl gewesen sei, als Rollen­de­bütant mit einer so erfah­renen Brünn­hilde zusam­men­singen zu dürfen, antwortet dieser ganz frank und frei „the perfect bless for a rookie.“ – frei übersetzt: Das Beste, was einem blutigen Anfänger passieren kann. Und für Watson ist zudem sehr wichtig, in der teils langen Probe­phase auch eine persön­liche Beziehung zu ihren Kollegen aufzu­bauen, insbe­sondere zu den Siegfried-Darstellern. Das Gespräch mit der zweifachen Kammer­sän­gerin Watson darf sicher als ein Höhepunkt dieser Talk-Reihe gewertet werden.

Zum Schluss widmen sich Dreher und Kober ihrer Lieblings­be­tä­tigung und besprechen das große musika­lische Finale der Götter­däm­merung. Dreher, der in der szeni­schen Analyse richtig aufgeht und gerne wieder auf die Urauf­führung in Bayreuth 1876 zu sprechen kommt, und Kober, der mit Liebe zum Detail am heimi­schen Klavier das letzte Erlösungs­thema erläutert, haben sich fachkundig, aber auch für Nicht-Wagne­rianer oder Nicht-Musik­ex­perten mit verständ­lichen Worten diesem gigan­ti­schem Komplex genähert. Als Abspann und auch als kleiner Lecker­bissen werden zu den noch nicht veröf­fent­lichten Schluss­klängen des Mitschnitts der Duisburger Götter­däm­merung Richard Wagners „Original-Regie­an­wei­sungen“ des Schlusses eingeblendet.

Was aus der Not für den wegen der Corona-Epidemie abgesagten Ring des Nibelungen an der Deutschen Oper am Rhein geboren wurde, hat sich über die vier Ausgaben des digitalen Talks zu einem sehens- und hörens­werten Exkurs entwi­ckelt, der natürlich nicht das entgangene Ring-Vergnügen ersetzen kann, aber vielleicht bei denen, die den Düssel­dorfer oder Duisburger Ring noch gar nicht kennen, die Lust geweckt hat, sich dieses Werk, wenn wieder alles zur Norma­lität zurück­ge­kehrt ist, live anzuschauen.

Auch wenn es technisch in der ersten Folge bisweilen etwas geklappert hat, so wurde das doch weitest­gehend in den folgenden drei Reihen bis auf wenige Ausnahmen behoben, es hatte aber dafür etwas sehr Privates und Persön­liches, der Blick ins Wohnzimmer oder Büro der vielen Mitwir­kenden. Es wird im Übrigen noch zum Ende dieser Woche eine fünfte Folge geben. Es hat so viele Zuschriften und Fragen zum Ring an Kober und Dreher gegeben, dass die Beant­wortung innerhalb der vier Folgen das Format gesprengt hätte. Somit darf man sich freuen, die beiden Herren noch einmal zu erleben, und man darf auf die vielen Fragen zum Ring schon gespannt sein.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie sich mit: