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In den letzten Jahren hat ein langsamer Bewusstseinswandel eingesetzt, was die Wertschätzung der Gastarbeiter angeht. Allmählich beginnen die Deutschen zu verstehen, welchen Anteil die Gastarbeiter zum Wohlergehen des Landes beigetragen haben. Damit erfahren sie zumindest nachträglich noch Genugtuung. Ihre Kinder und Kindeskinder nicht. Die haben bis heute keine Heimat gefunden. Die Künstlerin Elissavet Hasse hat sich jetzt dieses Themas in einer Kunstreihe angenommen. Ein Projekt, das in Corona-Zeiten kaum Chancen hat, von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Aber der Anfang ist gemacht.

Als ich Kind war, habe ich bei meinen Großeltern im Dorf, mitten in Anatolien, gelebt. Wir hatten zwar keinen Strom, aber das Leben dort war so, wie es sich ein Kind wünscht. Meine Eltern habe ich alle zwei Jahren gesehen.“ So beginnt einer der biografischen Texte, die neben den Installationen im Lichthof aufgehängt sind. Der Lichthof ist eine ehemalige Fabrik im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, deren Räume heute in Ateliers und Lofts aufgeteilt sind. Hier findet der Auftakt zu einer neuen Kunstreihe von Elissavet Hasse statt. Hasse wurde im griechischen Veria geboren und ist dort aufgewachsen. Heute lebt sie in Köln und arbeitet in unterschiedlichsten Theaterprojekten. Daneben entwickelt sie auch eigene Projekte. Das Neueste ist Ich bin ein Gastarbeiterkind. Für sie selbst ist es die konsequente Fortführung ihres Projekts Inkognito, das 2010 begann und sich seitdem auf verschiedene Weisen mit dem Thema Ausländische Künstler in Deutschland auseinandersetzt.
Zwei Jahre hat Hasse an ihrem Projekt gearbeitet, in der Zeit mehr als 100 Interviews geführt. Am Ende stehen zwei Veranstaltungen: eine performative Ausstellung am 22. Oktober, eine Performance eine Woche später. Der Corona-Virus ist auch ihr mächtig in die Pläne gefahren. Für die Ausstellung verzichtet die Künstlerin auf Eintrittsgelder, hat bis zur Straße hin alles auf Sicherheit ausgelegt. Im Innenhof sammeln sich die Gäste mit Sicherheitsabstand, ehe sie nach Händedesinfektion und Herkunftsnachweis mit Masken in Gruppen für maximal 25 Minuten den Loft betreten dürfen, der in anderen Zeiten ein „griechisches Guerilla-Restaurant“ beherbergt. Hier zeigen Pfeile die Einwegbahn an, durchbrochen von Kreuzen, die den Abstand markieren. Hasse selbst passt auf wie ein Schießhund, dass bloß alle Sicherheitsregeln eingehalten werden. Ihre Nerven sind angespannt, da bleibt keine Zeit, die Vernissage zu genießen.
Verlorene Seelen
Dabei hätte sie allen Grund dazu. Das Interesse an der Ausstellung ist unerwartet hoch, vor allem – wenn man nach dem Aussehen geht, was natürlich politisch unkorrekt ist, aber hilft – von eben diesen Gastarbeiterkindern oder deren Kindern. Später wird Hasse von vielen Dankesbekundungen berichten können, die sie an diesem Abend oder auch später noch per Telefon erreichen. Offenbar hat sie einen Nerv getroffen, ist diejenige, die für viele das Schweigen bricht. Aus deutscher Sicht offenbart sich zunächst gar nicht, was diese Gastarbeiterkinder betrifft. Schließlich ist es längst Alltag, miteinander umzugehen. Die Kassiererin ebenso wie der Arzt mit „türkischstämmigem“ Aussehen sind selbstverständlich Deutsche. Schließlich sind 60 Jahre vergangen, seitdem die ersten Gastarbeiter – damals noch als ehrenvoller Begriff verstanden – nach Deutschland kamen. Wer sich da heute noch als, um dieses hässliche Wort zu benutzen, Biodeutscher damit beschäftigt, woher die Oma seines Gegenübers kam, hat sicher ein anderes Problem. Und Müller, Mayer, Schmidt sind sicher nicht die wohlklingendsten Namen, die Deutschland zu bieten hat.
Nein, die Probleme liegen auch gar nicht so sehr im Miteinander, sondern vielmehr in der Person des Gastarbeiterkindes begründet, erzählt Hasse. Das waren Kinder, die „nicht in die Pläne ihrer Eltern“ passten. Wer als Gastarbeiter seinen Weg in Deutschland machte, hatte kaum Zeit, sich darum zu kümmern, ob seine Kinder in der Schule gehänselt wurden. Viele brachten ihre Kinder auch erst gar nicht mit nach Deutschland, weil sie ja ohnehin bald wieder heimkehren wollten. Da wuchsen die Kinder bei den Großeltern, Tanten und Onkels in der Türkei, Griechenland oder Italien auf. Sie bekamen nicht das mit, was für deutsche Kinder selbstverständlich war. Das Urvertrauen. Und das fehlt bis heute. Stattdessen sind da Erinnerungen an die Eltern, die nur alle zwei Jahre mal „nach Hause“ kamen, um ihren Wohlstand zu zeigen. Die Kinder konnten mit diesen Fremden wenig anfangen, und bei der Familie waren sie auch nicht gern gesehen, die Angeber. Bis heute gibt es Schimpfwörter in Italien, Griechenland oder der Türkei für die Landsleute, die es in Deutschland zu meist bescheidenem Wohlstand brachten.
In der deutschen Gesellschaft sind die Gastarbeiter in den vergangenen sechs Jahrzehnten immer wieder Thema gewesen. Über ihre Kinder hat keiner gesprochen, vielleicht abgesehen davon, dass mal wieder ein Mädchen einem Ehrenmord zum Opfer gefallen ist. Und so geht Hasse das Thema auch nicht unter aktuellen Aspekten an, sondern versucht, es unter dem Aspekt der Erinnerung aufzubrechen. In Installationen, Videos und Fotos tauchen viele der altbekannten Bilder auf, ergänzt um die Bilderrahmen mit den biografischen Kurztexten.
Schwierige Kindheitserinnerungen

„Als ich Kind war, bin ich zu einer türkischen Hochzeit gegangen. Das war magisch. Viele Menschen gut gekleidet haben gegessen, gelacht und vor allem viel getanzt. Das war für mich das erste Mal, dass ich mit Tanz Erfahrung gemacht habe. Von da an war alles nur noch Tanz. Meine Mutter ist so eine Art Priesterin, die von einer Tochter als Bauchtänzerin nichts wissen wollte. Was sollen die Leute denken? Mein Ruf wird ruiniert, hat sie gesagt. Was ist aber mit mir? Ich bin meinen Weg gegangen und als sie verstanden hat, wie lebenswichtig es für mich war, auch mit ihrem Segen“, erzählt der biografische Text von Safak Pedük, die im türkischen Balikesir geboren ist und heute in Köln als Sängerin, Schauspielerin und Tänzerin arbeitet. Sie hat auch die Aufgabe, den performativen Anteil an der Ausstellung zu leisten. Und das gelingt bis zur Gänsehaut. Während sie sich schminkt und offenbar auf einen Tanzauftritt vorbereitet, erzählt sie, inzwischen längst erwachsen und sehr „deutsch“, was auch immer das ist, von ihrem Weg, ehe sie die Besucher mit ein paar Bauchtanzschritten erfreut. Nein, es gibt keine Heimat für diese Kinder, wenn es ihnen nicht geht wie Pedük. Die hat ihren Lebensmittelpunkt in Köln gefunden und die Türkei als Urlaubs- und Erholungsort akzeptiert. Damit kann sie inzwischen gut leben, auch wenn sie weiß, dass es vielen ihrer Freunde anders geht.
Die Ausstellung, so überschaubar sie ist, greift ein facettenreiches Thema auf und macht Lust, sich näher damit zu befassen – vor allem auch mit den Betroffenen in Kontakt zu kommen, mit ihnen zu sprechen und zu hören, wie sie mit ihren Erinnerungen und Traumata umgehen. Da schließt sich die Aufführung in der kommenden Woche nahtlos an. Da werden dann acht Menschen zusammenkommen, die, künstlerisch aufgearbeitet, ihre Erinnerungen und die daraus resultierende Gegenwart reflektieren. Die Vorstellung ist ausverkauft, was nicht so sehr mit übergroßem Interesse zusammenhängt, sondern an den Vorschriften der Behörden liegt, die die Zuschauerzahl bezogen auf den Raum auf ein beschämendes Minimum begrenzen.
Aber Hasse verspricht, dass sie baldmöglichst in angemessenem Rahmen wiederholt wird, sobald die Krisenbedingungen das zulassen. Und in der Zwischenzeit wird eine Aufzeichnung bei Rausgegangen veröffentlicht. Dringend notwendig scheint das zu sein, stellt sich doch im Dialog wieder eine neue Sprachlosigkeit ein, weil die Menschen sich vor lauter „politischer Korrektheit“ kaum mehr trauen, einander zu fragen: Und woher kommen Deine Großeltern?
Michael S. Zerban