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Foto © O-Ton

Metamorphosen

Wie man in diesen Tagen die Motivation aufrecht­erhält, obwohl überall in Deutschland Auftritts­verbot herrscht, zeigen Blicke in die Veran­stal­tungs­häuser. Hier rücken die Kultur­schaf­fenden zusammen, proben auf Teufel komm raus, haben ihre Deadlines im Dezember gesetzt, auch wenn jeder vernünftige Mensch davon ausgeht, dass im Dezember überhaupt nichts statt­finden wird. Auch in der ehema­ligen Kölner Wachs­fabrik beim Künst­ler­kol­lektiv Barnes Crossing herrscht emsige Geschäf­tigkeit auf der Bühne. Das El Cuco Projekt bereitet sein neues Stück für den 5. Dezember vor.

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Auf dem Weg zur ehema­ligen Wachs­fabrik im Kölner Vorort Roden­kirchen ist es regne­risch trüb. Der Feier­abend-Verkehr am Freitag­mittag rund um Köln nervt. Am Eingang des Geländes herrscht noch ein wenig Betrieb, weil die Eltern gerade ihre Kinder aus dem dort gelegenen Kinder­garten abholen. Wenige Meter später herrscht gespens­tische Stille. Man muss das Gelände einmal durch­queren, um zum Foyer des Künst­ler­kol­lektivs Barnes Crossing zu kommen. Die Tür zum Eingangs­be­reich ist offen, der Vorraum menschenleer. Pfeile deuten die Laufrichtung des Einbahn­stra­ßen­systems an, das einge­richtet wurde, um ein Hygiene-Konzept zu imple­men­tieren, das seit Anfang November Makulatur ist.

Im Bühnenraum ein gewohntes Bild. Auf der Fläche zwei Tänze­rinnen, am Rand stehen Sonia Franken und Gonzalo Barahona, am Bühnenrand sind eine Vielzahl von Requi­siten aufgebaut, in der Mitte der Zuschau­er­reihen steht eine Kamera, weit dahinter die Technik. Eine erfri­schende Norma­lität, hätte man nicht die inzwi­schen scheinbar unver­meid­liche Maske vor Nase und Mund. An vielen der Stühle sind noch die Zettel mit der Aufschrift „Gesperrt“ hängen­ge­blieben. Franken und Barahona bilden die künst­le­rische Einheit des Kuckucks­pro­jekts, das sich zum Ziel gesetzt hat, visuelle Kunst und Tanz mitein­ander zu vereinen und dabei Tiermasken einzu­setzen. Das klingt erst mal sperrig, löst sich aber schnell auf, wenn man die Arbeiten der beiden kennenlernt.

Auf der Bühne ist links eine Wandecke aufgebaut, die den Eingang zu einer Wohnung markiert. Hier treten abwech­selnd Hannah Krebs und Carla Jordão auf, unter­brochen durch Schwarz­blenden. Sie tragen Trainings­hosen und T‑Shirts. Der Aha-Effekt ergibt sich durch die kunstvoll gefer­tigten Masken, die sie tragen. Zunächst sind es die Köpfe von Echsen, aber sie werden später zu Vögeln und Fleder­mäusen wechseln. Das wirkt skurril.

Unter den Masken, wird Franken später erzählen, können die Tänze­rinnen kaum etwas erkennen. Schmale Augen­schlitze und der Blick auf Silikon­zungen, die sich in der Bewegung verselbst­stän­digen, und Zähne bestimmen das Sichtfeld, das die Tänze­rinnen zunächst in eine völlig neue Wahrnehmung zwingt. Es gehört mit zum Proben­prozess, dass sie mit der Unsicherheit des einge­schränkten Blick­felds leben lernen müssen. Noch nach rund drei Vierteln dieser Entwicklung sind sie mit der Einschränkung beschäftigt, wie aus den Gesprächen in der Probe heraus­zu­hören ist. Zur Aufführung wird jede Bewegung sitzen.

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Der Anblick der Zwitter­wesen entschädigt für jede Mühsal. Barahona erklärt die Beziehung zwischen Menschen und Masken. Wenn es gut läuft, wachsen beide zusammen, werden zu einer Art Zwitter. Denn die Tänze­rinnen studieren die tieri­schen Bewegungen ein, bewegen sich stacca­tohaft, wenn sie die Echsen-Masken tragen, werden flatterig, sobald der Vogelkopf aufge­zogen ist, und kommen aus der anein­an­der­drän­genden Bewegung kaum mehr heraus, wenn sie zu Fleder­mäusen mutieren. Bis dahin ist darin gar nicht viel Beson­deres zu sehen. Erst wenn diese Tierwesen den mensch­lichen Alltag absol­vieren wollen, wird genau der in Frage gestellt. Zusätzlich werden die Bewegungen in ihre Bestand­teile zerlegt, um sie auf einer künst­le­ri­schen Ebene zu befragen.

Noch wird fleißig auspro­biert, was da alles geht. Valerij Lisac kompo­niert dazu eine minima­lis­tische Musik, die sich passgenau auf die Bewegungen legt. Warum Franken englische Texte einspricht, erschließt sich nicht. Das könnte auf Deutsch noch deutlich eindrucks­voller gelingen. Künstler eben. Erinnern schon manchmal an Kinder, die ihren Eltern trotzen, wenn die doch nur Deutsch sprechen. Da kann man sich ja schon mal absetzen, auch wenn Poesie und Durch­schlags­kraft des Deutschen sehr viel stärker wären. Ein Randaspekt.

Rund eine Stunde wird die endgültige Fassung dauern. Da wird zum jetzigen Zeitpunkt noch vieles probiert, was schließlich verworfen wird. Es ist eine Lust, den kreativen Prozess nachzu­voll­ziehen, der sich hier in wechselnden Bildern äußert, von denen man jedes genießt und schon jetzt die künst­le­rische Leitung nicht beneidet, auf vieles verzichten zu müssen.

Man kann in diesen Tagen viel über das künst­le­rische Selbst­ver­ständnis lernen. Auf die Frage, ob die Aufführung, wenn sie denn nicht am 5. Dezember statt­finden wird, als Livestream gezeigt wird. Die Antwort Frankens ist entschieden deutlich. Es ist eine Bühnen­auf­führung, und die soll es bleiben. Solange die Förderer nicht verlangen, das Geschehen im Internet abzubilden, bleibt es auf der Bühne. Und, ach ja, es findet auf jeden Fall Anfang Dezember eine komplette Aufführung statt, egal, wie viele Zuschauer dann anwesend sind.

Als die Probe zu Ende ist, wirken alle Betei­ligten zufrieden mit dem Weg, auf dem sie sind. Die Entwicklung stimmt, und für das, was noch an Ideen und Einfällen ansteht, bleibt ausrei­chend Zeit. Bleibt jetzt nur noch zu hoffen, dass der Titel des neuen Stücks – Just Before Falling – sich ausschließlich auf das Stück und nicht auf die Kultur­szene bezieht.

Michael S. Zerban

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