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Annäherungsversuche

Das Seoul Inter­na­tional Dance Festival gibt es seit 1998 und reprä­sen­tiert die asiatische Tanzszene, will aber auch inter­na­tional bekannte Choreo­grafen und Compa­gnien in Südkorea vorstellen. In diesem Jahr findet das Festival online statt. Ja, man sieht Auffüh­rungen „nur“ auf dem Monitor, aber wenn man sich die Zugriffs­zahlen anschaut, werden damit auch ganz neue Reich­weiten möglich. Einer der Filme, die dort in diesem Jahr gezeigt werden, ist Insular Bodies der Kölner Choreo­grafin Stephanie Thiersch.

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Manchmal schlägt das Leben Kapriolen. Das jeden­falls erschien Stephanie Thiersch so. Im April erhielt sie die Absage von der Ruhrtri­ennale, ihr Stück Archipel, das sie gemeinsam mit Brigitta Muntendorf konzi­piert und geplant hatte, aufzu­führen. Viel Zeit für Enttäu­schung blieb aller­dings nicht. Denn kurz danach erreichte sie der Anruf aus Griechenland. Sabine Toelle, eine Bekannte, die sie seit rund 25 Jahren nicht mehr gesehen hatte, hatte eben ihr Leben umgekrempelt und zwei Charter-Boote und ein uraltes, kleines Haus auf Korfu erstanden. Weil der Tourismus zusam­men­brach, hatte sie die Idee, Thiersch und ihre Compagnie Mouvoir zu einer künst­le­ri­schen Residenz auf die Boote einzu­laden. „Ich wollte etwas Ungewöhn­liches schaffen; es war das kreative Element bei so einem Experiment, was mich besonders inter­es­siert hat“, erinnert die Firmen­chefin von Windven­tures sich. Die Choreo­grafin besprach sich mit ihren Tänzern. Mit „guter Planung und Sicher­heits­vor­keh­rungen“ müsste eine solche Residenz machbar sein. Und Thiersch hatte auch schon eine Idee, wie man die Zeit sinnvoll nutzen könnte.

20 Jahre ist es her, dass Stephanie Thiersch ihre ersten Tanzfilme erstellte. Damals beendete sie gerade ihr Studium an der Kölner Kunst­hoch­schule für Medien im Bereich Medien­kunst, nachdem sie bereits ein Tanz- und ein geistes­wis­sen­schaft­liches Studium mit dem Master abgeschlossen hatte. Eine Zeit, die sie prägen sollte. „Die Ausein­an­der­setzung mit Bildern und Bildtech­niken wie Montage, Collage und Licht­dra­ma­turgie spielt ja auch in meinen Stücken eine wichtige Rolle. Ich würde fast sagen, ich denke auch beim Choreo­gra­fieren sehr filmisch, in Stimmungen, Tableaus, Cuts, Zooms“, erzählt sie. Da lag der Plan nahe, nach den großen Projekten wie zuletzt die Bilder­schlachten nun ein Filmprojekt anzuschließen. Denn Bühnen­pro­jekte, das war der Künst­lerin schon zu diesem Zeitpunkt klar, würde es in abseh­barer Zeit nicht geben. Zusätz­lichen Mut gab ihr, dass Griechenland für sie ein zweites Zuhause war. Seit dem Ende des Studiums verbrachte sie eigentlich jedes Jahr den Sommer im Haus ihrer Familie dort, das die sich mit anderen Familien teilte.

Die darauf­fol­genden Monate verbrachte sie damit, sich ein Skript für einen Film zu überlegen. Dabei half ihr Hajo Schomerus, ein Kameramann, den sie schon länger kannte. Kann man mit einem Thema wie Klima­wandel noch irgend­je­manden hinter dem Ofen hervor­locken? Wohl kaum. Und egal, wie man zu Menschen steht, die daraus eine Religion ableiten, bleibt ja die Frage im Raum, ob eine Welt überleben kann, in der der Mensch die wichtigste Rolle spielt. Für Thiersch stand undog­ma­tisch fest: Eher nicht. Und damit war die Idee für den Film geboren. Auf Korfu wollte sie unter­suchen, wie ein gesundes Zusam­men­spiel zwischen Mensch und Natur funktio­nieren kann. Muss der eine oder der andere sich unter­ordnen? Oder müssen beide im Gleich­ge­wicht zuein­ander finden? Können sie das?

Hochmo­ti­viert brach die Crew auf nach Griechenland. Alle Gespräche waren geführt, das Abenteuer konnte beginnen. Auch Thiersch war sehr zuver­sichtlich. „Ich versuche die Tänzer bei schwie­rigen Situa­tionen und auch in der Absprache von künst­le­ri­schen Konzepten immer mitein­zu­be­ziehen. Wir arbeiten in flachen Hierar­chien, das ist wichtig. Jeder übernimmt Verant­wortung, jeder kann sich auf den anderen verlassen“, sagt die künst­le­rische Leiterin des Abenteuers.

Fels an Haut

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Heraus­ge­kommen ist ein beein­dru­ckender, mehr als 20 Minuten dauernder Film, der Utopien, Visionen und Träume­reien neben­ein­an­der­stellt. Nackte Körper finden sich in Felsspalten, treiben im Wasser, tanzen auf Platt­formen, werfen sich zurück auf eine urmensch­liche Ebene des Wohlbe­findens, des Innehaltens, ohne einen morali­schen Zeige­finger zu erheben. Erotik weicht hier einer höheren Ebene des Einklangs zwischen dem mensch­lichen Körper und natür­lichen Texturen. Thiersch pocht hier nicht auf einen Wirklich­keits­bezug, sondern stellt mit Instal­la­tionen, Tanz und körper­licher Annäherung Fragen nach den Möglich­keiten. Auch Sehnsüchte fließen hier mit ein, wenn scheinbar unwirk­liche Landschaften gezeigt werden, die im Sonnen­licht zerfließen oder – seltener – im Regen auf der Wasser­ober­fläche tanzen.

Begleitet wird der Film mit Musik von Brigitta Muntendorf, wie auch die letzten Arbeiten von Thiersch schon. „Sisters in Crime sind wir auf alle Fälle. Brigitta und ich verstehen uns künst­le­risch und persönlich gut. Wir ergänzen und inspi­rieren uns. Solche Verbin­dungen gibt es nicht viele im Leben. Ich mag ihren analy­ti­schen und dennoch sehr tempe­ra­ment­vollen Angang an die Musik. Sie ist bereit Experi­mente zu wagen, und dennoch scheut sie nicht die große Form. Darin sind wir uns irgendwie ähnlich“, begründet Thiersch die musika­lische Auswahl, die den Film abrundet.

Die Inten­sität, mit der sich die Compagnie Insular Bodies gewidmet hat, wird in jeder Sekunde deutlich, wenn man das Endre­sultat anschaut. Bis dahin aller­dings war es noch ein arbeits­reicher Schritt. „Die Montage, mit der ich Sinn und Stimmung ändern kann, Assozia­ti­ons­ketten bauen kann, ist mir wichtig. Ich habe den Film vorge­schnitten und dann mit der Cutterin Julia Franken, die ein tolles Gefühl für Bewegung und Stimmungen hat, eng zusam­men­ge­ar­beitet“, berichtet Thiersch von den letzten, entschei­denden Schritten, die so gut sein müssen, dass auch die Tänzer sich in dem Film wieder­finden. Und das ist gelungen.

Trotzdem bleibt die Bühne für Thiersch unersetzlich. Aber jetzt ist nicht die Zeit dafür. Sondern jetzt ist die Zeit, sich online darzu­stellen. Längst war eine Einladung der Choreo­grafin nach Korea im Gespräch. Mit dem Film konnte sich Thiersch in das Seoul Inter­na­tional Dance Festival einbringen. Ein Festival, das einer­seits den korea­ni­schen Tanz in der Welt verbreiten, anderer­seits aber auch die europäische Tanzszene in Korea zeigen will. Mit dem Film Insular Bodies von Stephanie Thiersch ist den Juroren wohl ein ausge­sprochen gutes Beispiel europäi­scher Tanzkunst im Film in die Hände gefallen, auch wenn es kein „Tanzfilm“ ist. Thiersch selbst reicht den Film bei anderen Festivals ein, und es besteht kein Zweifel, dass sie damit weitere Erfolge erzielen wird. Sie selbst fühlt sich mit dem Ergebnis wohl. „Die Erfah­rungen des Drehs, des inten­siven Mitein­anders ist bei allen Betei­ligten tief verankert. Daher bin ich neben dem Künst­le­ri­schen glücklich, das Wagnis einge­gangen zu sein und dass ich dieser intui­tiven und doch überlegten Form des Filme­ma­chens eine Chance gegeben habe“, resümiert die Choreo­grafin mit dem Blick auf das Große und Ganze. Im Januar wird sie den Film, unabhängig von Festivals, noch einmal online stellen.

Michael S. Zerban

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