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The Strangers - Bildschirmfoto

Der Fluss der Identität

Die vom Judentum inspi­rierte Kunst­musik – Konzert, Oper, Lied, Kammer­musik – ist nach 1933 weitgehend von der Shoa bestimmt. Im Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ werden auch Ambitionen verfolgt, die jüdische Musik­kultur der Gegenwart zu vermitteln.

Jean Goldenbaum – Foto © privat

Drei Männer­stimmen und eine Frauen­stimme schweben im Raum, offen­kundig im Inneren einer Synagoge. Sie finden sich filigran zusammen zu einem verhau­chenden Halle­lujah. Ein einzelner Sopran führt die musika­lische Stafette weiter, jetzt von der Laute begleitet. Das auf Youtube zu erlebende Stück könnte in seiner moderaten Schlichtheit fast von Claudio Monte­verdi sein. Aber nur fast. Das Ensemble The Strangers intoniert tatsächlich Lieder von Salomone de Rossi. Der italie­nische Komponist und Geiger schreibt Sonaten, Kanzone und Madrigale, entwi­ckelt am Hofe der Gonzaga zu Mantua Formen und Techniken der Instru­men­tal­musik wesentlich weiter.

Rossi vertont zudem hebräische Psalmen und Cantici. Hinter­grund: Der 1570 in Mantua geborene Komponist entstammt einer jüdischen Familie. Er lebt und agiert zeitgleich zu Monte­verdi, der als Hofka­pell­meister in Mantua 1607 mit Orfeo die Gattung Oper begründet.

„Rossi“,sagt Jean Goldenbaum, Komponist und Musik­wis­sen­schaftler am Europäi­schen Zentrum für Jüdische Musik Hannover, „ist ein bedeu­tender Künstler der Renais­sance und der erste, der jüdische Musik in den Kosmos von Musik überhaupt einge­bracht hat.“ Populär seien zu seiner Zeit insbe­sondere seine Villa­nella gewesen, meist dreistimmige homophone Tanzlieder mit volks­tüm­lichen Texten, „die auch von den großen Meistern gepflegt werden“.

Kompo­si­tionen aus dem KZ

Rossi dürfte vermutlich den wenigsten auf der Suche nach dem jüdischen Anteil an der Kunst­musik einfallen, wenn nach heraus­ra­genden jüdischen Kompo­nisten gefragt wird. Gustav Mahler, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Meyerbeer, Arnold Schönberg, Samuel Barber, Leonard Bernstein und Viktor Ullmann könnten wohl am häufigsten genannt werden. Ullmanns im Konzen­tra­ti­ons­lager There­si­en­stadt entstandene Kammeroper Der Kaiser von Atlantis ist in letzter Zeit auf zahlreichen Bühnen in der Welt aufge­führt worden. Eine in den Jahren 1920 bis Mitte der 1930-er Jahre als Prager Schule benannte Entwicklung hin zur Moderne ist mit den Kompo­nisten Gideon Klein, Pavel Haas, Erwin Schulhoff und Hans Krása verbunden. Krásas Kinderoper Brundibar, 1942 im KZ There­si­en­stadt urauf­ge­führt, ist vor zwei Jahren in der Bonn Oper zur Aufführung gelangt.

Sind nun Werke dieser Künstler bereits „jüdische Musik“ nur weil sie von jüdischen Kompo­nisten stammt? Eine Antwort sei komplex, findet Goldenbaum, „sie hängt davon ab, welchen Standort man einnimmt“.

Bis Ende des 19. Jahrhun­derts ist jüdische Musik in Europa weitgehend litur­gische Musik, der struk­tu­relle Rahmen für den Gottes­dienst in der Synagoge. Im Judentum, beschreibt der Musik­wis­sen­schaftler und Ausbilder von Kantoren Jascha Nemtsov die Grundlage, seien Religion und Musik so eng mitein­ander verbunden, „dass fast nur singend gelesen und gebetet wird“. Jüdisch sein, lautet Golden­baums Credo, „heißt musika­lisch sein, künst­le­risch sein. Die Musik steht im Zentrum dieser Kunst, auch weil in der Synagoge gesungen wird, selbst wenn der Rabbiner kein guter Sänger ist“. Ähnlich die Position des in Bonn lebenden Opern- und Theater­re­gisseur Brian Michaels. Die jüdische Liturgie, betont Michaels, sei eine „gesungene oder musika­li­sierte Liturgie, die im Laufe der Geschichte immer wieder erneuert wurde. Ein jüdischer Komponist hätte seine ersten Erfah­rungen mit Musik wahrscheinlich in diesem Kontext gemacht.“

Erst im 20. Jahrhundert entwi­ckelt sich eine eigene jüdische Musik, die – so Goldenbaum – „nicht mehr christ­liche Musik mit jüdischen Texten ist“. Und, wie sich fortfahren lässt, die im Konzert- wie im Kammer­mu­siksaal, in der Oper bis hin zum Jazz eigene Wege geht und eigene Stile heraus­bildet. Dem Judentum originär zugerechnet werden können diese Hervor­brin­gungen, weil die Kompo­nisten sich entweder der Religion oder der Gemein­schaft der Juden zurechnen oder jüdische Themen in ihren Werken verar­beiten, die auch religiös sein können, nicht aber liturgisch.

Zu nennen wären etwa Gustav Mahler, der in seinen Sinfonien jüdische Elemente aufgreift, oder Arnold Schönberg insbe­sondere mit seiner unvoll­endet geblie­benen Oper Moses und Aron. Ferner Leonard Bernstein, speziell seine dritte, die Kaddish-Sinfonie, eine Thema­ti­sierung des jüdischen Toten­gebets. Weiterhin der 1942 im Ghetto Krakau umgekommene Dichter und Komponist Mordechaj Gebirtig und der aus München stammende Paul Ben-Haim, vor seiner Emigration 1933 nach Tel Aviv Kapell­meister in Augsburg. Deren Werke und Biografien stehen mittelbar oder unmit­telbar mit der Shoa, der Vernichtung von Millionen Juden durch das Nazi-Regime, in Verbindung.

Die Shoa und das aus dem Holocaust resul­tie­rende Exil, in dem viele Juden nach Auswan­derung und Vertreibung eine neue Existenz finden, quasi in der Diaspora, sind ein wichtiger Schlüssel, um die jüdische Musik, auch die jüdische Kunst­musik, in ihrer Wirkungs­weise zu verstehen. Stefan Zweig erkennt in seinem autobio­gra­fi­schen, 1941 erschie­nenen Werk Welt von gestern als „eigent­lichen Willen des Juden, sein immanentes Ideal“ den „Aufstieg ins Geistige, in eine höhere kultu­relle Schicht.“ Gut zwei Genera­tionen später spricht der in Brasilien geborene und nach Deutschland einge­wan­derte Goldenbaum von der „großen Trieb­kraft der Musik bei der Suche von Juden nach Identität“.

Dezidiert politisch

Der Künstler mit brasi­lia­ni­scher und deutscher Staats­an­ge­hö­rigkeit sieht sich als Reprä­sentant zweier Kulturen, „zweier Welten“. Als „Haupt­iden­tität“ gibt Goldenbaum aller­dings an, Jude zu sein. „Wenn ich kompo­niere, zum Beispiel Kammer­musik, erlebe ich mein Werk wie einen Fluss von Identität.“ Auch dann, „wenn ich politisch bin“. Dezidiert politisch ist beispiels­weise seine Kompo­sition Mögen alle Dikta­toren fallen für Sologi­tarre und Gitar­ren­quartett. Das Stück ist auf YouTube zu finden.

Andrei Kovacs – Foto © Verein 321

Die Beschäf­tigung mit der Musik aller Gattungen und Genres sieht Andrei Kovacs, Leitender Geschäfts­führer des in Köln ansäs­sigen Förder­vereins 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, als „Riesen­chance, mehr über die Gefühlslage der Welt zu erfahren“. Wer sich speziell mit jüdischer Musik befasse, meint Kovacs, ausge­bil­deter Pianist und Dirigent, vor Jahren Assistent von Daniel Barenboim in Berlin, „lernt die Geschichte der Juden überhaupt kennen“. Der Komponist Kurt Weill habe, so in Zusam­men­arbeit mit Bertolt Brecht, bis zur Emigration 1933 vor den Nazis eine jüdische Perspektive auf die Weimarer Republik ermög­licht. Auch heute komme es darauf an, über die Musik „Zugänge zu schaffen, um die Geschichte des jüdischen Volkes und somit des Judentums überhaupt besser zu verstehen“.

Paradig­men­wechsel

Das Festjahr „1700 jüdisches Leben in Deutschland“ hat sich der Zielsetzung verschrieben, jüdische Kultur und Alltags­kultur gerade heute sichtbar zu machen. Insbe­sondere also einen Paradig­men­wechsel, wie Kovacs sagt, aus der Opfer­per­spektive hin zur Gegenwart zu unter­stützen, ohne die Kultur der Erinnerung zu vernach­läs­sigen. Der Förder­verein infor­miert regel­mäßig über geeignete Projekte von Partnern bundesweit.

Wie fordernd die Ambition sein kann, Zugänge zur jüdischen Kunst­musik der Gegenwart zu schaffen, unter­streicht exempla­risch die Rezeption einiger weniger zeitge­nös­si­scher Werke für das Musik­theater. Lost Highway, das 2003 in Graz urauf­ge­führte Musik­theater der öster­rei­chi­schen, aus einer jüdischen Familie stammenden Kompo­nistin Olga Neuwirth zum Beispiel ist ohne nennens­werte Auffüh­rungs­praxis. Neuwirths Oper Orlando nach dem Roman von Virginia Woolf ist das erste von der Staatsoper Wien beauf­tragte Werk, das ein abend­fül­lendes Format aufweist und von einer Frau mit jüdischen Wurzeln kompo­niert wurde. Es ist offen, ob sich das Werk auf weiteren Bühnen behaupten wird.

Jüdische Gegen­warts­kultur lebendig, für jedermann hör- und sichtbar zu machen, hat sich erklär­ter­maßen das seit 2005 bestehende Jewish Chamber Orchestra Munich zur Aufgabe gemacht. Daniel Grossmann, Gründer und Dirigent, versteht das Orchester aus jüdischen und nicht-jüdischen Musikern als „zeitge­nös­sische jüdische Stimme“ mit Präsenz auf inter­na­tio­nalen Konzert­bühnen. Program­ma­tisch sei die Entschlos­senheit, „immer neue Allianzen und Formate auf ungewöhn­lichen Wegen“ einzu­gehen. Grossmann ist die Pflege der „reichen jüdische Musik­tra­dition“ wesentlich. Und eines Reper­toires „vom Barock bis in die Gegenwart“.  Das Orchester bringt selten gespielte Werke zur Aufführung und vergessene jüdische Kompo­nisten, wie Grossmann betont, „ans Licht“. Eine Ambition wie gezeichnet für die Ausfüllung des Festjahres jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Deutschland.

Ralf Siepmann

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