O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Die vom Judentum inspirierte Kunstmusik – Konzert, Oper, Lied, Kammermusik – ist nach 1933 weitgehend von der Shoa bestimmt. Im Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ werden auch Ambitionen verfolgt, die jüdische Musikkultur der Gegenwart zu vermitteln.

Drei Männerstimmen und eine Frauenstimme schweben im Raum, offenkundig im Inneren einer Synagoge. Sie finden sich filigran zusammen zu einem verhauchenden Hallelujah. Ein einzelner Sopran führt die musikalische Stafette weiter, jetzt von der Laute begleitet. Das auf Youtube zu erlebende Stück könnte in seiner moderaten Schlichtheit fast von Claudio Monteverdi sein. Aber nur fast. Das Ensemble The Strangers intoniert tatsächlich Lieder von Salomone de Rossi. Der italienische Komponist und Geiger schreibt Sonaten, Kanzone und Madrigale, entwickelt am Hofe der Gonzaga zu Mantua Formen und Techniken der Instrumentalmusik wesentlich weiter.
Rossi vertont zudem hebräische Psalmen und Cantici. Hintergrund: Der 1570 in Mantua geborene Komponist entstammt einer jüdischen Familie. Er lebt und agiert zeitgleich zu Monteverdi, der als Hofkapellmeister in Mantua 1607 mit Orfeo die Gattung Oper begründet.
„Rossi“,sagt Jean Goldenbaum, Komponist und Musikwissenschaftler am Europäischen Zentrum für Jüdische Musik Hannover, „ist ein bedeutender Künstler der Renaissance und der erste, der jüdische Musik in den Kosmos von Musik überhaupt eingebracht hat.“ Populär seien zu seiner Zeit insbesondere seine Villanella gewesen, meist dreistimmige homophone Tanzlieder mit volkstümlichen Texten, „die auch von den großen Meistern gepflegt werden“.
Kompositionen aus dem KZ
Rossi dürfte vermutlich den wenigsten auf der Suche nach dem jüdischen Anteil an der Kunstmusik einfallen, wenn nach herausragenden jüdischen Komponisten gefragt wird. Gustav Mahler, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Meyerbeer, Arnold Schönberg, Samuel Barber, Leonard Bernstein und Viktor Ullmann könnten wohl am häufigsten genannt werden. Ullmanns im Konzentrationslager Theresienstadt entstandene Kammeroper Der Kaiser von Atlantis ist in letzter Zeit auf zahlreichen Bühnen in der Welt aufgeführt worden. Eine in den Jahren 1920 bis Mitte der 1930-er Jahre als Prager Schule benannte Entwicklung hin zur Moderne ist mit den Komponisten Gideon Klein, Pavel Haas, Erwin Schulhoff und Hans Krása verbunden. Krásas Kinderoper Brundibar, 1942 im KZ Theresienstadt uraufgeführt, ist vor zwei Jahren in der Bonn Oper zur Aufführung gelangt.
Sind nun Werke dieser Künstler bereits „jüdische Musik“ nur weil sie von jüdischen Komponisten stammt? Eine Antwort sei komplex, findet Goldenbaum, „sie hängt davon ab, welchen Standort man einnimmt“.
Bis Ende des 19. Jahrhunderts ist jüdische Musik in Europa weitgehend liturgische Musik, der strukturelle Rahmen für den Gottesdienst in der Synagoge. Im Judentum, beschreibt der Musikwissenschaftler und Ausbilder von Kantoren Jascha Nemtsov die Grundlage, seien Religion und Musik so eng miteinander verbunden, „dass fast nur singend gelesen und gebetet wird“. Jüdisch sein, lautet Goldenbaums Credo, „heißt musikalisch sein, künstlerisch sein. Die Musik steht im Zentrum dieser Kunst, auch weil in der Synagoge gesungen wird, selbst wenn der Rabbiner kein guter Sänger ist“. Ähnlich die Position des in Bonn lebenden Opern- und Theaterregisseur Brian Michaels. Die jüdische Liturgie, betont Michaels, sei eine „gesungene oder musikalisierte Liturgie, die im Laufe der Geschichte immer wieder erneuert wurde. Ein jüdischer Komponist hätte seine ersten Erfahrungen mit Musik wahrscheinlich in diesem Kontext gemacht.“
Erst im 20. Jahrhundert entwickelt sich eine eigene jüdische Musik, die – so Goldenbaum – „nicht mehr christliche Musik mit jüdischen Texten ist“. Und, wie sich fortfahren lässt, die im Konzert- wie im Kammermusiksaal, in der Oper bis hin zum Jazz eigene Wege geht und eigene Stile herausbildet. Dem Judentum originär zugerechnet werden können diese Hervorbringungen, weil die Komponisten sich entweder der Religion oder der Gemeinschaft der Juden zurechnen oder jüdische Themen in ihren Werken verarbeiten, die auch religiös sein können, nicht aber liturgisch.
Zu nennen wären etwa Gustav Mahler, der in seinen Sinfonien jüdische Elemente aufgreift, oder Arnold Schönberg insbesondere mit seiner unvollendet gebliebenen Oper Moses und Aron. Ferner Leonard Bernstein, speziell seine dritte, die Kaddish-Sinfonie, eine Thematisierung des jüdischen Totengebets. Weiterhin der 1942 im Ghetto Krakau umgekommene Dichter und Komponist Mordechaj Gebirtig und der aus München stammende Paul Ben-Haim, vor seiner Emigration 1933 nach Tel Aviv Kapellmeister in Augsburg. Deren Werke und Biografien stehen mittelbar oder unmittelbar mit der Shoa, der Vernichtung von Millionen Juden durch das Nazi-Regime, in Verbindung.
Die Shoa und das aus dem Holocaust resultierende Exil, in dem viele Juden nach Auswanderung und Vertreibung eine neue Existenz finden, quasi in der Diaspora, sind ein wichtiger Schlüssel, um die jüdische Musik, auch die jüdische Kunstmusik, in ihrer Wirkungsweise zu verstehen. Stefan Zweig erkennt in seinem autobiografischen, 1941 erschienenen Werk Welt von gestern als „eigentlichen Willen des Juden, sein immanentes Ideal“ den „Aufstieg ins Geistige, in eine höhere kulturelle Schicht.“ Gut zwei Generationen später spricht der in Brasilien geborene und nach Deutschland eingewanderte Goldenbaum von der „großen Triebkraft der Musik bei der Suche von Juden nach Identität“.
Dezidiert politisch
Der Künstler mit brasilianischer und deutscher Staatsangehörigkeit sieht sich als Repräsentant zweier Kulturen, „zweier Welten“. Als „Hauptidentität“ gibt Goldenbaum allerdings an, Jude zu sein. „Wenn ich komponiere, zum Beispiel Kammermusik, erlebe ich mein Werk wie einen Fluss von Identität.“ Auch dann, „wenn ich politisch bin“. Dezidiert politisch ist beispielsweise seine Komposition Mögen alle Diktatoren fallen für Sologitarre und Gitarrenquartett. Das Stück ist auf YouTube zu finden.

Die Beschäftigung mit der Musik aller Gattungen und Genres sieht Andrei Kovacs, Leitender Geschäftsführer des in Köln ansässigen Fördervereins 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, als „Riesenchance, mehr über die Gefühlslage der Welt zu erfahren“. Wer sich speziell mit jüdischer Musik befasse, meint Kovacs, ausgebildeter Pianist und Dirigent, vor Jahren Assistent von Daniel Barenboim in Berlin, „lernt die Geschichte der Juden überhaupt kennen“. Der Komponist Kurt Weill habe, so in Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht, bis zur Emigration 1933 vor den Nazis eine jüdische Perspektive auf die Weimarer Republik ermöglicht. Auch heute komme es darauf an, über die Musik „Zugänge zu schaffen, um die Geschichte des jüdischen Volkes und somit des Judentums überhaupt besser zu verstehen“.
Paradigmenwechsel
Das Festjahr „1700 jüdisches Leben in Deutschland“ hat sich der Zielsetzung verschrieben, jüdische Kultur und Alltagskultur gerade heute sichtbar zu machen. Insbesondere also einen Paradigmenwechsel, wie Kovacs sagt, aus der Opferperspektive hin zur Gegenwart zu unterstützen, ohne die Kultur der Erinnerung zu vernachlässigen. Der Förderverein informiert regelmäßig über geeignete Projekte von Partnern bundesweit.
Wie fordernd die Ambition sein kann, Zugänge zur jüdischen Kunstmusik der Gegenwart zu schaffen, unterstreicht exemplarisch die Rezeption einiger weniger zeitgenössischer Werke für das Musiktheater. Lost Highway, das 2003 in Graz uraufgeführte Musiktheater der österreichischen, aus einer jüdischen Familie stammenden Komponistin Olga Neuwirth zum Beispiel ist ohne nennenswerte Aufführungspraxis. Neuwirths Oper Orlando nach dem Roman von Virginia Woolf ist das erste von der Staatsoper Wien beauftragte Werk, das ein abendfüllendes Format aufweist und von einer Frau mit jüdischen Wurzeln komponiert wurde. Es ist offen, ob sich das Werk auf weiteren Bühnen behaupten wird.
Jüdische Gegenwartskultur lebendig, für jedermann hör- und sichtbar zu machen, hat sich erklärtermaßen das seit 2005 bestehende Jewish Chamber Orchestra Munich zur Aufgabe gemacht. Daniel Grossmann, Gründer und Dirigent, versteht das Orchester aus jüdischen und nicht-jüdischen Musikern als „zeitgenössische jüdische Stimme“ mit Präsenz auf internationalen Konzertbühnen. Programmatisch sei die Entschlossenheit, „immer neue Allianzen und Formate auf ungewöhnlichen Wegen“ einzugehen. Grossmann ist die Pflege der „reichen jüdische Musiktradition“ wesentlich. Und eines Repertoires „vom Barock bis in die Gegenwart“. Das Orchester bringt selten gespielte Werke zur Aufführung und vergessene jüdische Komponisten, wie Grossmann betont, „ans Licht“. Eine Ambition wie gezeichnet für die Ausfüllung des Festjahres jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Deutschland.
Ralf Siepmann