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Peter Wäch - Foto © privat

„Die mittel- und langfristigen Schäden sind noch nicht absehbar.“

Dieter Kaegi ist Intendant beim Schweizer Städte­bund­theater Theater Orchester Biel Solothurn, kurz TOBS, Präsident des Schwei­ze­ri­schen Bühnen­ver­bands sowie Leiter des Black­water Valley Opera Festivals. Vor einem Jahr baten wir den Opern­kenner und Regisseur aufgrund des ersten Bühnen-Lockdowns zum Interview. Damals musste seine innovative wie spannungs­ge­ladene Regie­arbeit von Bartoks Einakter Herzog Blaubarts Burg in die Zwangs­pause. Kaegi klang trotzdem optimis­tisch, was die Saison 2020/​2021 anbelangte. Seine unerschüt­ter­liche Zukunfts­hoffnung ist trotz der darauf folgenden und einschnei­denden Schlie­ßungen geblieben. Der Theater­di­rektor erlebte aber auch traurige Geschichten und macht sich vor allem Sorgen um Künstler, die heute nicht mehr als Bariton auf der Bühne stehen und eine Karriere verfolgen, sondern für einen Fahrrad­kurier arbeiten müssen. 

Dieter Kaegi – Foto © Suzanne Schwiertz

Peter Wäch: Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass wir mit Ihnen über die ersten Corona-bedingten Theater und Opern­haus­schlie­ßungen gesprochen haben. Damals waren Sie recht optimis­tisch, mussten aber in der folgenden Saison 2021 die Häuser auch bei Theater Orchester Biel Solothurn lange Zeit dicht­machen und Tourneen absagen. Was macht das mit einem passio­nierten Theatermann wie Ihnen, der auch viele Künstler betreut?
Dieter Kaegi: Es war und ist sehr schmerzhaft zu sehen und hautnah mitzu­er­leben, wie viele Künstler leiden müssen, ihren Beruf nicht ausüben können und in einigen Fällen ihre Passion sogar ganz aufgeben müssen.

Wäch: Über die Verhält­nis­mä­ßigkeit der Corona-Maßnahmen tobt bis heute ein Streit zwischen Befür­wortern und Gegnern. Mindestens 25 Bühnen­künstler, darunter Bariton Christian Gerhaher, wollen gerichtlich gegen die pauschale Schließung von Konzert- und Opern­häusern zur Bekämpfung der Corona-Pandemie vorgehen. Sie sehen bei den aktuellen Maßnahmen den Verfas­sungsrang von Kultur nicht ausrei­chend berück­sichtigt. Ist Protest, auch im Stil von #alles­dicht­machen, legitim oder sogar Pflicht von Kulturschaffenden?
Kaegi: Protest ist dort und dann legitim, wenn die Kultur im Vergleich zu anderen Branchen nicht gleich behandelt wird, und dies war während der Pandemie der Fall, nicht nur bei uns in der Schweiz.

Wäch: Vor einem Jahr sagten Sie noch: Wenn wir den Betrieb in den nächsten Wochen oder Monaten wieder­auf­nehmen können und sich die Lage relativ schnell norma­li­siert, gäbe es keine Langzeit­schäden für die Kultur und die Künstler. Gilt das noch oder wird sich nun so manch junger Tenor oder aufstre­bende Sopra­nistin fragen, ob das der richtige Beruf ist für die Zukunft?
Kaegi: Nicht nur das, einige haben ihren Beruf ganz aufgeben müssen, um zu überleben, zum Beispiel der großartige Bariton Sébastien Soules, der bei uns vor ein paar Jahren die Titel­partie in Man of La Mancha sang. Der Mann arbeitet jetzt als Fahrrad­kurier.  

Wäch: Im Sinne von neuem Vertrauen schaffen: Braucht es post corona eine unabhängige Kommission oder Task-Force, die gerade die Kultur-Lockdowns seriös aufar­beitet, damit man den Nutzen der Schutz­kon­zepte klar nachver­folgen und die tatsäch­lichen Anste­ckungen eruieren kann?
Kaegi: Wissen­schaft­liche Unter­su­chungen und Messungen sind gemacht worden, und die Ergeb­nisse liegen schon lange vor. Sie haben gezeigt, dass ein Besuch in einem Theater oder Konzert unter Berück­sich­tigung der Schutz­kon­zepte ungefährlich ist. Das hat die Politik aber leider nicht beeindruckt.

Wäch: Eine provo­kante Frage: Noch vor 100 Jahren gab es kein Penicillin und erst recht davor war die Medizin längst nicht so weit wie heute. Wo wäre die rund 400-jährige Oper heute, wenn man in Zeiten von Seuchen, Schweiß­fiebern und schweren Grippe­en­demien den Laden immer ganz dicht gemacht hätte?
Kaegi: Ich weiss nicht genau, wie man zum Beispiel vor hundert Jahren auf die Spanische Grippe reagiert hat, und ob Theater und Konzertsäle geschlossen wurden. Aber sicher wird die Oper auch diese Krise überleben.

Wäch: Können sie es abschätzen, wie viele Häuser hier in Europa in finan­zielle und perso­nelle Schieflage geraten sind?
Kaegi: Alle! Und die mittel- und langfris­tigen Schäden sind noch nicht absehbar.

Wäch: Obschon die Maßnahmen härter ausfielen und ausfallen, als noch vor einem Jahr erhofft, ist bei TOBS mit Puccinis selten gespielter Oper Edgar nur eine Produktion ausge­fallen. Šárka von Leoš Janáček sowie Zaïs von Jean-Philippe Rameau haben sie während den Lockdowns geprobt und spielen die beiden Werke jetzt noch im Schnell­durchlauf vor 50 Leuten pro Vorstellung. Gab es in dieser Zeit keine Anste­ckungen mit Sars-Cov2 oder mussten sie pausieren?
Kaegi: Es gab glück­li­cher­weise keine Anste­ckungen beim künst­le­ri­schen Personal bei  TOBS, aber wir mussten in verschie­denen Produk­tionen Pausen einlegen, weil sich einzelne Künstler in Quarantäne zu begeben hatten.

Wäch: Die verschollene Opern-Perle Casanova in der Schweiz von Paul Burkhard, die von O‑Ton besprochen wurde, kommt zur Wieder­auf­nahme in der Saison 2122. Warum gerade diese Oper?
Kaegi: Weil wir nur gerade eine Presse­pre­miere dieser Oper spielen konnten. Es handelt sich zudem um ein Stück, das seit seiner Urauf­führung 1943 am Opernhaus Zürich nie mehr gezeigt wurde. Das Publi­kums­in­teresse ist daher sehr groß.

Wäch: Dürfen Puccini-Freunde auch auf Edgar hoffen in ihrem Städte­ver­bund­theater? Das gleiche gilt für die Co-Produktion einer neuen, weil im Pasticcio-Stil konzi­pierten Vivaldi-Oper.
Kaegi: Wir sind noch in der Planung, was Edgar betrifft. Die Produktion von Vivaldis Les Liaisons dange­reuses mussten wir während der Probe­arbeit im ersten Lockdown abbrechen, nun wird die Oper am Ende der nächsten Saison fertig geprobt und sozusagen uraufgeführt.

Szenenbild Šárka – Foto © Suzanne Schwiertz

Wäch: Das Black­water Valley Opera Festival, bei dem Sie als künst­le­ri­scher Leiter invol­viert sind, hat ihre Produk­tionen 2020 sistiert. In Irland machen sie 2021 immerhin Puccinis Einakter Gianni Schicchi. Wie geht es mit solchen Festivals im Allge­meinen weiter oder sind die Gelder inzwi­schen zu knapp geworden?
Kaegi: In Irland haben wir es glück­li­cher­weise geschafft, unsere Sponsoren zu halten und können somit das Jahr ohne Festival überbrücken.

Wäch: Apropos Kurzopern im Freien: In früheren Zeiten waren auch diverse Opern­gruppen oder Schau­buden im Stil der Commedia dell‘arte unterwegs. Kleine Bühne, große Wirkung. Warum hat es kein Haus in der Schweiz und auch in weiten Teilen Europas geschafft, eine Sommeroper zu reali­sieren, die von einem guten Sicher­heits­konzept getragen wird?
Kaegi: Wir sind gerade daran, ein solches Projekt zu planen und zu realisieren.

Peter Wäch: Sie sind bekannt dafür, dass Sie praktisch mehr selten gespielte Opern spielen als das ewig gleiche Reper­toire. Das hat freilich auch mit der Größe und den Möglich­keiten der Häuser zu tun. Werden Sie das post corona wieder gleich handhaben oder sehen wir jetzt aufgrund der finan­zi­ellen Einbrüche weltweit noch mehr Figaro & Co. als nötig?
Kaegi: Figaro & Co. sind heute leider keine Garanten mehr für einen Kassen­erfolg. Bei TOBS zeigt sich das immer wieder. Es ist höchs­ter­freulich, dass das Publikum neugierig ist und sich auch weniger bekannte Opern ansehen will.

Wäch: Kommen wir zurück auf ihren unerschüt­ter­lichen Optimismus, nicht zuletzt auch wegen einer Art Herden­im­mu­nität durch genesene und geimpfte Personen. Werden Sie die Saison 2122 durch­spielen und wenn ja, wie?
Kaegi: Ich gehe davon aus. Welche Regeln für einen Theater­besuch gelten sollen, ist noch in Abklärung. Hier versuchen wir, uns mit den anderen Insti­tu­tionen abzusprechen.

Wäch: Zum Schluss noch etwas Erfreu­liches: Die von Stephan Bundi für Theater Orchester Biel Solothurn entworfene Plakat­kam­pagne wurde beim Swiss Poster Award 2020 prämiert: Sechs Plakate wurden als Serie in der Kategorie Culture von der Jury des wichtigsten Plakat­wett­be­werbs mit Gold ausge­zeichnet: Die Panne, All you can be!, Les liaisons dange­reuses, Herzog Blaubarts Burg, Casanova in der Schweiz sowie Romeo und Julia. Das ist mit Sicherheit ein schöner Trost für die vielen stillen Monate während des Lockdowns.
Kaegi: Absolut, wir sind Stephan Bundi unendlich dankbar für seine großartige Arbeit. Seine Plakate für TOBS sorgen regel­mässig weltweit für Furore.

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