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Foto © O-Ton

Die alte Weise

Am 30. April hielt Sabine Sonntag, Opern­re­gis­seurin und Musik­wis­sen­schaft­lerin aus Hannover, beim Richard-Wagner-Verband Nürnberg einen Vortrag unter dem Titel Hör ich das Licht? über die Insze­nie­rungs­ge­schichte von Tristan und Isolde zwischen 1865 und 2022. Neben inter­es­santen Details spielte auch ein Instrument eine ganz besondere Rolle.

Sabine Sonntag – Foto © O‑Ton

Manche Theater­leute empfinden eine leise Ironie dabei, dass Wagner seine Oper Tristan und Isolde eine „Handlung in drei Aufzügen“ genannt hat – ist doch dieser Tristan so arm an äußerer Handlung wie keine andere Oper vor und nach ihm. Aber es ist die herkömm­liche Aktion, die fehlt – die Seele dagegen handelt unentwegt. Doch wie zeigt man das? Vieles ist seit der Urauf­führung 1865 versucht worden: statua­rische Darstellung, symbo­lis­tische Bühnen­bilder, Realismus, Entmys­ti­fi­zierung, Visua­li­sierung durch Videos, Schrift­ein­blen­dungen, gar Ballett­akro­batik hinzu erfun­dener Figuren. In einem Vortrag des Richard-Wagner-Verbandes Nürnberg versucht die Opern­re­gis­seurin und Musik­wis­sen­schaft­lerin Sabine Sonntag, Antworten auf diese Fragen zu geben. Sonntag ist Schülerin des Regis­seurs Götz Friedrich, sie war stell­ver­tre­tende Inten­dantin der Oper von Hannover, ist Regis­seurin und Autorin und seit 2001 Dozentin für Histo­rische Musik­wis­sen­schaften an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Sie ist den anwesenden Zuhörern schon bekannt durch ihre Vorträge zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner, über das kontro­verse Verhältnis von Richard Wagner zu Beethovens Oper Fidelio und über die Geschichte der Bayreuther Festspiele seit 1951. Sonntag nimmt die Zuhörer mit auf eine Zeitreise über die Insze­nie­rungs­ge­schichte von Tristan und Isolde seit der Urauf­führung 1865 in München.

Gegliedert hat sie ihren Vortrag wie eine Oper in drei Akten. Das Vorspiel ist die Insze­nie­rungs­ge­schichte des Werkes im histo­ri­schen Abriss. Im ersten Akt spricht Sonntag über die szeni­schen Varianten der Darstellung des Liebes­tranks. Das Inter­mezzo erlaubt dann große Gefühle. „Die alte Weise“, das Englischhorn-Solo aus dem dritten Aufzug des Tristan, wird live von der Oboistin Stephanie Schwartz gespielt. Der zweite Akt zeigt dann wiederum szenische Varianten der Darstellung und Aufführung dieses Solostückes innerhalb der Oper. Der finale Satz muss Isoldes Liebestod zum Inhalt haben, auch hier werden unter­schied­liche Darstel­lungen und Inter­pre­ta­tionen von Wagners wohl ergrei­fendstem Opern­schluss gezeigt.

Vorspiel

Zur musika­li­schen Einstimmung auf den Vortrag beginnt Sabine Sonntag mit einem Musik­bei­spiel aus dem zweiten Aufzug des Tristan mit Jonas Kaufmann in der Titel­rolle aus der aktuellen Münchener Insze­nierung. Die Insze­nie­rungs­ge­schichte des Tristan im histo­ri­schen Abriss beginnt mit einem Bild von der Münchener Urauf­führung 1865 und entwi­ckelt sich zunächst bis zur legen­dären Insze­nierung von Heiner Müller 1993 in Bayreuth. Eine kurze Video­se­quenz gibt Einblicke in die Insze­nierung von Wieland Wagner aus dem Jahre 1962 mit Wolfgang Windgassen und Birgit Nilsson. Götz Friedrich hat es in seiner Berliner Insze­nierung von 1980 als einer der ersten Regis­seure gewagt, den Vorhang zum Vorspiel des ersten Aufzuges zu öffnen. Friedrich selbst hat dazu geschrieben: „Der Vorhang ist von Anfang an offen. Aus dem Dunkeln tauchen die Figuren langsam, wie aus dem Unter­be­wusstsein, auf. Nur so ist auf die Ausein­an­der­setzung mit der Unend­lichkeit des Zeitlichen vorzu­be­reiten.“ Die dazu korre­spon­die­rende Video­se­quenz zeigt Gwyneth Jones als Isolde, die bereits im Vorspiel alle Seelen­qualen durch­leidet. Eine der berühm­testen Insze­nie­rungen aller Zeiten ist sicher die von Jean-Pierre Ponnelle. Seine Bayreuther Tristan-Insze­nierung von 1981 dominierte durch sein Bühnenbild, den überdi­men­sio­nierten Baum, der sich durch das ganze Stück in verschie­denen Darstel­lungen zog und bis heute in der Emotio­na­lität einzig­artig blieb. Mit über 120 verschie­denen Licht­stim­mungen war man auch technisch schon sehr weit fortge­schritten. Dass die Licht­regie zum Schluss aber ins Helle ging statt ins Dunkel, das hat damals zu Streit und kontro­versen Diskus­sionen geführt.

Der Trank

Eine Schlüs­sel­szene im Tristan ist der Trank. Statt des von Isolde gefor­derten Todes­tranks gibt Brangäne ihr den Liebes­trank. Genau diese Situation wird immer wieder von Regis­seuren in ganz unter­schied­licher Ausprägung darge­stellt. Ist der Trank nur eine Metapher? Spielt es überhaupt eine Rolle, welches Mittel Brangäne in den Trank gegeben hat? So unter­schiedlich die Inter­pre­ta­tionen des Tranks sind, so unter­schiedlich ist natürlich die Darstellung auf der Bühne. Sonntag zeigt einige besondere szenische Varianten auf. Mit der legen­dären Einspielung unter Leonard Bernstein, mit Peter Hofmann und Hildegard Behrens in einer halbsze­ni­schen Aufführung beginnt der Reigen. Ganz klassisch gelöst ist diese Szene in der Mailänder Insze­nierung von Patrice Chéreau 2012 mit Waltraud Maier, die kürzlich in einem Rundfunk­in­terview im Rückblick auf ihre Karriere diese Insze­nierung zu den größten Momenten ihrer künst­le­ri­schen Laufbahn zählte. Immer wieder gibt es Insze­nie­rungen, die polari­sieren, ja, sogar abstoßen, was oft zu großen Unmuts­äu­ße­rungen führt. Für die moderne Form des Regie­theaters stehen da beispielhaft die Regis­seure Peter Konwit­schny mit seiner Münchner Insze­nierung 1998, Dmitri Tcher­niakov und seine Berliner Insze­nierung von 2016 und ganz aktuell Calixto Bieito mit seiner Inter­pre­tation an der Wiener Staatsoper, die erst vor wenigen Tagen Premiere hatte und vor allem durch die Darstellung von Andreas Schager und Martina Serafin zu überzeugen wusste, aber nicht durch teils absurde Regieeinfälle.

Die Bayreuther Insze­nierung von Heiner Müller 1993, die durch die kühle Distanz der Protago­nisten unter­ein­ander für viele Diskus­sionen sorgte, lebte aber vor allem durch die Bühnen­bilder von Erich Wonder. Bei der Premiere noch stark abgelehnt, hat sich diese Insze­nierung im Laufe von 34 Auffüh­rungen bis 1999 immer mehr zu einer emotio­nalen Drehscheibe entwi­ckelt und genießt heute unter Wagne­rianern Kultstatus. Die minuten­langen Ovationen nach der letzten Aufführung bleiben für die, die dabei gewesen sind, ein Leben lang im Gedächtnis. Oswald Georg Bauer schreibt in seinem großen Werk über die Geschichte der Bayreuther Festspiele zur Schlüs­sel­szene dieser Insze­nierung: „Tristan und Isolde tranken gemeinsam aus der Schale, und als sie sich langsam erkannten, streifte Isolde, ebenso wie Tristan, unmerklich das metallene Kragen­ge­stänge und den starren schwarzen Umhang ab, in den sie wie in einem Panzer einge­sperrt war. Ihr entblößter Arm glitt über Tristans Schulter, erstmals nahm man ihre Körper­lichkeit wahr in dieser Geste, die langsam, sanft, unendlich zärtlich, subtil erotisch und ungeheu­erlich war, eine Geste, in der Glück und Erschrecken in eins fielen. Sie berührten sich zum ersten Mal, waren endlich zusammen, und sie waren von diesem Moment an verloren.“ Ein Video­aus­schnitt dieser grade beschrie­benen Szene mit Siegfried Jerusalem und Waltraud Meier lassen die Emotionen noch einmal sichtbar und hörbar werden.

Inter­mezzo

Nach der Pause ist es an der Oboistin Stephanie Schwartz, mit ihrem Original Wagner-Englisch-Horn und ihrer Darbietung der „Alten Weise“ auch musika­lisch für Gänsehaut zu sorgen. Dieses Englischhorn-Solo erklingt direkt nach dem Vorspiel zum dritten Aufzug des Tristan, wenn die Melodie zunächst vom Orchester aufge­nommen wird, um dann dem Englischhorn seinen großen Solo-Part zu überlassen, bevor zum Schluss das Orchester die Melodie wieder aufnimmt. Schwartz, 1990 in Ravensburg geboren, entdeckte schon früh ihre Liebe zur Musik. Seit frühester Jugend spielt sie Klavier und Oboe. Nach dem Abitur nahm sie ihr Bachelor-Studium an der Musik­hoch­schule Saarbrücken auf. 2014 bis 2017 studierte sie Master Orches­ter­musik bei Prof. Christian Schmitt an der Musik­hoch­schule in Stuttgart. Schwartz arbeitete bereits mit zahlreichen Orchestern, wie den Augsburger Philhar­mo­nikern, dem Sinfo­nie­or­chester Wuppertal, dem Gürzenich-Orchester Köln sowie dem WDR-Funkhaus­or­chester zusammen. „Die alte Weise“ spielte sie zuletzt im Theater Nordhausen, wo sie Anfang dieses Jahres in der aktuellen Tristan-Produktion engagiert war.

Ihr Englischhorn ist ein Holzblas­in­strument aus der Familie der Oboen-Instru­mente, das einen festen Platz im roman­ti­schen und modernen Sinfo­nie­or­chester hat. Im 19. Jahrhundert wurde das Instrument auch als Alt-Hoboe oder Altoboe bezeichnet. Wie bei allen Oboen-Instru­menten wird der Klang durch ein Doppel­rohr­blatt erzeugt. Das Instrument endet nicht wie bei der Oboe in einem Trichter, sondern hat einen birnen­för­migen Schall­becher, auch „Liebesfuß“ genannt. Dieser verleiht ihm in Kombi­nation mit dem S‑Bogen genannten, gebogenen Verbin­dungs­stück zwischen Rohrblatt und Instru­men­ten­korpus einen gedeckten, warmen, elegi­scheren und weniger durch­drin­genden Klang. Die so melan­cho­lische Melodie, die das Sterben Tristans vorweg­nimmt, spielt Schwartz mit sehr viel Gefühl und großer Innigkeit, die die Besucher an diesem Nachmittag berührt und so manches Auge mit Tränen füllt. Langer Applaus ist der Lohn für diesen so wunder­baren und emotio­nalen musika­li­schen Kurzvortrag.

„Die alte Weise“ 

Sonntag greift das Thema der „alten Weise“ auf und zeigt auch hier an ausge­wählten Beispielen szenische Varianten. Als erstes Beispiel ist es die schon vorher im Vortrag erwähnte Insze­nierung von Dmitri Tcher­niakov in einer Aufnahme aus der Berliner Staatsoper von 2018. Die Szene im dritten Aufzug spielt in einem herun­ter­ge­kom­menen Gutshaus. Man assoziiert alte russische Filme, Provinz, verarmten Kleinadel, existen­zielle Tristesse. Zwei Stühle, ein gussei­serner Kamin, ein Büffet. Hinten eine abgetrennte Schlaf­kammer mit Vorhang. An den Wänden eine alte Tapete mit Burgmo­tiven. Auf einem alten weißen Sofa liegt Tristan. Kurwenal, in Camou­flage-Hose und olivgrüner Leder­jacke kümmert sich rührend um den siechen Tristan. Auf dem Bett sitzt ein Musiker als Hirte und spielt sehnsüchtig wunderbar das Englisch-Horn-Solo. Florian Hanspach-Torkildsen überzeugt hier mit seiner musika­li­schen und szeni­schen Darbietung.

Liebestod

Agnes Sires und Stephanie Schwartz – Foto © O‑Ton

Der Liebestod Isoldens, im Übrigen von Wagner selbst so nie bezeichnet, ist für viele Liebhaber der musika­lische und emotionale Höhepunkt des Werkes. Und gerade in dieser Szene sind musika­li­scher Ausdruck und Regie fast schon schick­salhaft mitein­ander verwoben. Ein Schluss des Werkes, den man nicht nachvoll­ziehen kann, ist auch durch noch so überzeu­genden Gesang nicht zu retten. Ein bezeich­nendes Beispiel dafür ist die Insze­nierung von Simon Stone in Aix-en-Provence 2021. Der dritte Aufzug spielt in einer Pariser U‑Bahn. Isolde, im eleganten Abend­kleid, gibt nach ihrem „Liebestod“ Tristan, der nicht tot ist, dafür ziemlich dumm aus der Wäsche guckt, ihren Ring zurück. Welchen Ring eigentlich? Dann steigt sie mit Melot an der Halte­stelle Châtelet aus, um mit ihm zum Essen zu gehen. Nina Stemme singt die Szene mit berückender Schönheit, doch sie kann emotional bei diesen Bildern nicht berühren. Ganz anders als Waltraud Meier in der von ihr so geschätzten Chereau-Insze­nierung 2012 in Mailand. Auf dem Video sieht man nur Isolde, wie sie sich während des gesun­genen Liebes­todes an den Kopf fasst, und plötzlich von der Schläfe Blut über ihr Gesicht rinnt, ein Moment zum Ateman­halten. Wieder anders, aber auch sehr emotional, Konwit­schnys Münchner Insze­nierung von 1998. Auch hier ist es Waltraud Meier, die den Liebestod singt, die dann mit Tristan von der Bühne abgeht in eine andere, transzen­dente Welt, während eine Überblendung zum Schluss zwei Särge zeigt, die reale Welt.

Diesen zwei konträren Insze­nie­rungen setzt Sonntag zwei Zitate von Regis­seuren gegenüber, die exempla­risch für die unter­schied­lichen Inter­pre­ta­tionen und Darstel­lungen stehen, vielleicht sogar für das Gesamt­ver­ständnis.  So sagte Wieland Wagner 1962 über den Schluss des Werkes: „Der so genannte Tod ist bei Wagner immer der Durch­bruch in die Transzendenz, das Erlebnis des kosmi­schen Eros. Tristan ‚stirbt‘ in einem diony­si­schen Rausch­zu­stand (Fünfvier­teltakt), der Fliegende Holländer, Tannhäuser und Siegfried sterben als ‚Verklärte‘. Denn der Tod erhält in allen Werken Wagners eine Umdeutung von dem Ende des Lebens zum Durch­bruch der Seele in die Transzendenz, in eine höhere Wahrheit. Also der Tod ist nie das Ende des Lebens bei Wagner, sondern der Durch­bruch der Seele in eine höhere Existenz.“ Zu der gleichen Szene wird Peter Konwit­schny 1998 im Programmheft der Bayeri­schen Staatsoper zitiert: „Der Begriff Liebestod, der ja inter­es­san­ter­weise nicht von Wagner stammt, worauf man immer wieder mal hinweisen sollte, ist für mich sozusagen windschief. Ich höre aus der Schluss­musik eine unglaub­liche, ja, eine unbändige Freude heraus. Sie bringt für mich unüber­hörbar zum Ausdruck, dass Tristan und Isolde es endlich nach großen Schwie­rig­keiten geschafft haben, sich allen Verstri­ckungen um sie herum zu entziehen, um von nun an erst wirklich zu leben. Und das heißt in erster Linie: um zu lieben. Deshalb betrachte ich den Tristan als ein so hoffnungs­volles Stück.“ Konträrer als diese beiden Aussagen geht es wohl kaum. Was ist die Wahrheit? Was wollte Wagner selbst? Die Frage schluss­endlich konkret zu beant­worten, ist nicht möglich, auch nicht von Sonntag, die sonst auf fast alle Fragen zu Wagner eine passende Antwort hat. Ihren so spannenden wie auch inhalts­reichen Vortrag beendet sie mit dem Liebestod aus der aktuellen Münchner Insze­nierung mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros. Die Regie dieser Insze­nierung hatte Krzysztof Warli­kowski übernommen, der für seine surrealen und bildhaften Insze­nie­rungen bekannt ist, die auch nicht immer eingängig und auf Anhieb verständlich sind. Am Schluss dieser Aufführung erhebt sich Isolde, die am Boden liegt, noch einmal für ihren Schluss­gesang, um dann tot neben Tristans Leiche zu Boden zu sinken. Eine Video­pro­jektion zeigt zum Schluss die beiden im Hotel­zimmer ausge­streckt auf dem Bett liegen, sich an den Händen haltend, um zu den Schluss­takten der Musik mit einem Lächeln zu versterben, der Suizid quasi als seelische Erlösung. Für den über zweistün­digen Vortrag gibt es von dem Publikum langan­hal­tenden Applaus.

Zugabe

Doch der Wagner-Nachmittag mit Tristan und Isolde ist noch nicht ganz zu Ende. Die Vorsit­zende des Nürnberger Richard-Wagner-Verbandes, Agnes Sires, und die Oboistin Stephanie Schwartz setzen sich zusammen zu einem kleinen künst­le­ri­schen Gespräch, in dem Schwartz über ihre Erfah­rungen als Orches­ter­mu­si­kerin mit dem Werk im Allge­meinen und mit der „alten Weise“ im Beson­deren. Schwartz, die mit dem Lohengrin in München im Alter von neun Jahren ihre erste Wagner-Oper erlebte, ist auch eine ehemalige Stipen­diatin des Richard- Wagner-Verbandes. Sie spricht über die Emotionen während einer Aufführung, aber auch über die harte Arbeit und die Kräfte­ein­teilung während einer mehrstün­digen Aufführung. Und natürlich gehört auch die Nervo­sität dazu, insbe­sondere wenn man das Englisch-Horn-Solo im Tristan auf der Bühne als Teil der Insze­nierung zu spielen hat. „Ich habe meine Seele reingelegt“, so beschreibt Schwartz diese Stelle. Und wenn es im Orches­ter­graben dunkel ist, kurz bevor der Dirigent den Taktstock hebt zum Schlag auf die eins, das ist für Schwartz „der magische Moment“ einer Aufführung. Wieviel gestal­te­rische Freiheit hat sie als Solistin, wenn sie „die alte Weise“ spielt? Auch diese Frage beant­wortet sie ausführlich. Sie hat gewisse Freiheiten, aber es hängt natürlich auch von den musika­li­schen Vorgaben des Dirigenten ab und ob sie diese Stelle im Orches­ter­graben oder auf der Bühne spielt. „Die alte Weise“, die von Oboisten auch gerne zum Vorspielen für freie Stellen im Orchester genutzt wird, hat ihre Linie auf dem G, und dann kommt des Ges, das ist für Schwartz „der Tod, der anklopft.“ Und so endet ein überaus kurzwei­liger Nachmittag zu Wagners Tristan und Isolde mit vielen Emotionen, viel Wissen und der Vorfreude auf die nächste Aufführung.

Andreas H. Hölscher

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