Sommer auf den Poller Wiesen

Wenn der Mai sich schon hochsom­merlich geriert, ist das in der subjek­tiven Erinnerung kein gutes Zeichen für den eigent­lichen Sommer – zumindest in Nordrhein-Westfalen. Das wäre in diesem Jahr besonders schade, denn Jens Kuklik hat für den Open-Air-Sommer seines Atelier Mobile ein buntes Programm aus Theater, Tanz, Konzerten und Ausstel­lungs­for­maten zusam­men­ge­stellt, das den beson­deren Reiz der Spiel­stätte auf den Poller Wiesen noch unter­streichen dürfte.

Aischa-Lina Löbbert als Heidi – Foto © NN Theater Köln

Seit 1987 gibt es das NN Theater Köln. Das sind 35 Jahre, und das ist eine verdammt lange Zeit für ein Theater, das ursprünglich als Straßen­theater gegründet wurde und inzwi­schen „überall dort“ spielt, „wo Menschen zusam­men­kommen: in Stadt­theatern, auf Markt­plätzen, in Kultur­zentren, in Indus­trie­hallen“. Erklärtes Ziel ist, „mit Spiel­freude und Fantasie“ große klassische Vorlagen – trotz ihrer inhalt­lichen Schwere – „stets verständlich und leicht aufzu­be­reiten“. In den vergan­genen Jahren richtete das Ensemble sein Freiluft-Festival im Kölner Friedenspark aus, heuer wird es erstmalig drei Stücke im Atelier Mobile von Jens Kuklik vorstellen.

Im letzten Sommer bezog Kuklik mit seinem Atelier Mobile – travelin‘ theatre das Ufer-Areal am Weidenweg im Kölner Stadtteil Poll. Kurzerhand wurde es mit einem orange­far­benen Zaun umrahmt, eine kleine Bühne und eine Infra­struktur aufgebaut. Erste Auffüh­rungen wie Von Mitläufern und Wider­stand oder Fragments – Starlinks – Medusa wurden mit Begeis­terung angenommen. Mit der Köln-Premiere Odyssee wird das NN Theater Köln am 30. Juni sein kleines Festival eröffnen. Ein buntes Theater­feu­erwerk soll die Eröffnung des Open-Air-Sommers in idylli­scher Umgebung werden. Mit rasantem Rollen­wechsel, schau­spie­le­ri­scher Tiefe, Musika­lität von Schlager bis zu sphäri­schen Klängen und einer ordent­lichen Portion Humor sollen hier auch die heiteren Seiten dieser vielschich­tigen, oft blutrüns­tigen Geschichte beleuchtet werden.

In der nächsten Vorstellung ist Schluss mit griechi­scher Mytho­logie. Dann geht es um ein Kinostück, das 80 Jahre alt ist. Mit Exit Casablanca bekommen die Zuschauer ein Stück zu sehen, das für den Kölner Theater­preis 2021 nominiert war. Und selbst­ver­ständlich darf das Publikum auch hier eine sehr eigene Inter­pre­tation erwarten. Abgerundet wird das kleine Festival mit einem Stück für Kinder ab fünf Jahren. Ob aller­dings Heidi, der Klassiker von Johanna Spyri, tatsächlich nur Kinder anspricht, darf bezweifelt werden. Da wird dann wohl eher die Uhrzeit eine Rolle spielen. Denn das Stück wird am Sonntag­mittag aufge­führt. Die Fans von Atelier Mobile – travelin‘ theatre werden sich besonders auf ein Ensemble-Mitglied von NN Theater Köln freuen dürfen. Denn Aischa-Lina Löbbert verzau­berte das Publikum bereits 2019 als Gelsomina in La Strada – Ein Landstreich.

Vermutlich ziemlich zauberhaft, auf jeden Fall aber hochmu­si­ka­lisch werden die Abende am 15. und 16. Juli bei dem Tanz- und Musik­stück Verbunden, aber nicht verrührt, das das Tanzkol­lektiv .Dencuentro und die Musikband Kalima­rimba aus Chile Mitte Juli zeigen werden. Da werden Teothiuacana, Teponaxtl, Sansulas und Pifilkas zu Gehör kommen. Musik aus Bolivien, die Amanda Romero, Greta Salgado und Constanza Ruiz tänze­risch inter­pre­tieren werden. Am darauf­fol­genden Mittwoch wird es mit dem 1992 gegrün­deten Ensemble Ton und Kirschen unter der künst­le­ri­schen Leitung von David Johnston etwas sprech­thea­tra­li­scher, wenn die Legende vom heiligen Trinker von Joseph Roth aufge­führt wird. 1939 verklärte der Schrift­steller den letzten Lebens­ab­schnitt eines Trinkers mit einer ganzen Anzahl von Wundern und einer gehörigen Prise Erotik. Marcel Reich-Ranicki erkannte darin „vollkommene, vollendete Prosa“. Da darf man sich wohl darauf freuen, was die Wander­thea­ter­gruppe davon auf der Bühne in den Poller Wiesen umsetzt.

Auch die bislang noch offenen Termine des Open-Air-Sommers wird Kuklik mit Gästen der so genannten Freien Szene besetzten. Es lohnt sich also, die Website von Atelier Mobile – travelin‘ theatre ab Mitte Juni im Blick zu behalten. Dann soll sie aktua­li­siert sein und auch Tipps zur Anreise für Menschen außerhalb Kölns bereit­halten. Damit auch in diesem Jahr wieder möglichst viele Theater­be­geis­terte den Weg zu einem Ort finden, der für einen magischen Moment immer gut ist.

Michael S. Zerban

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