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Schwarzenberg und Hohenems, Mekka der Kammermusikliebhaber von April bis Oktober, bieten den Konzertbesuchern immer Hochkarätiges im Frühlings- und Sommergewand der Bregenzer Berge. Aber auch im stürmischen Januar dieses Jahres lassen sich dort kleine Kostbarkeiten finden, die einfach nur Freude machen und die Spannung vor den fünf Zyklen erhöhen.

Vom Tal her führen zwei Wege nach Schwarzenberg, der nördlichere über Egg scheint etwas sicherer zu sein, wenn Schnee und Eis vorherrschen. Man fährt ja mitten hinein in die Bregenzer Berge, vorbei an stattlichen, altehrwürdigen Bauerhöfen, bis man auf dem Hochplateau ein paar verstreute Häuser und Höfe findet: man ist in Schwarzenberg angekommen. Unprätentiös liegt es da, im Mittelpunkt des kleinen Ortskerns ein hochaufragender weißer Kirchturm, bewehrt mit schmiedeeiserner Spitze. Schaut man aber näher hin, ist Schwarzenberg eines der schönsten Dörfer des Bregenzerwaldes, es zeugt von altem Reichtum und beherbergt viele Geschichten, liegt es doch an der wichtigen Handelsroute über die Pässe des Bregenzerwaldes ins Rheintal und an den Bodensee. Alte, behäbige Bauernhöfe sind unter den Schnee geduckt, wirken an diesem Tag im Januar oder Jänner, wie der Österreicher sagt, dunkel und schwer. Wolkenverhangen zeigt sich die Hochebene.
Ein Dorf wie aus einem Bilderbuch
Unter dem Nebel aber liegen große Schätze verborgen, wenn man auch etwas genauer hinschauen muss, um sie zu finden. Und als ob der Wettergott ein Einsehen hat, ist am Morgen der Himmel klar und freundlich, die Sonne scheint auf frischen Schnee, und der erste Spaziergang zur Aussichtsbank über dem Dorf bietet einen umwerfenden Blick auf die hohen Berge im Hintergrund und das Dorf mit dem nun zu sehenden Angelika-Kauffmann-Saal, der sich, ganz der Holzstruktur der Bregenzerwälder Häuser angepasst, an das Gemeindezentrum schmiegt. Unauffällig liegt er da im winterlichen Schwarzenberg, ganz anders als im Sommer, wenn tausende Gäste die Konzerte besuchen und die Dörfler sich mit viel Liebe und Hingabe ihrem Festival widmen. Seit bereits 1994 war Schwarzenberg Ziel der damaligen Landpartien und wurde 2001 durch den Umbau des Angelika-Kauffmann-Saales zu einem der beiden Hauptschauplätze der Schubertiade. Mit der Konstruktion des Gebäudes durch den Architekten Hermann Kaufmann wurde die Bauweise mit regionalem Holz im Bregenzerwald wiederbelebt, wie Museumsleiterin Marina Stiehle verrät. Und so ist die Kombination zwischen Natur, qualitativ hochwertigen Kammerkonzerten und Ausstellungen zur Schubertiade-Zeit im Zentrum des Dorfes angekommen, hier genießen pro Jahr 30.000 Besucher die Aussicht, die Atmosphäre, und viele Stammgäste gönnen sich hier immer wieder höchsten Genuss. Sie wohnen in den Gasthöfen im Dorf, aber auch in Privatquartieren, die zum Teil eine halbe Stunde entfernt im hinteren Bregenzerwald liegen. Mit Shuttlebussen kann man bequem den Festspielort erreichen.
In schlichter Holzbauweise mit Weißtannen- und Buchenholz aus der Region errichtet, wirkt der Angelika-Kauffmann-Saal auch im Winter anheimelnd. Das Licht spiegelt sich durch die Sprossenfenster auf dem frisch eingelassenen Parkettboden des Saales, überall dominiert das Holz, und schon bei Gesprächen bemerkt man die fantastische Akustik. Ein Besuch hinter den Kulissen offenbart neben dem großzügigen Foyer im Untergeschoss die Künstlerräume, Orte des Lampenfiebers vor dem Auftritt vor einem Kenner-Publikum.
Lebendige Gegenwart: Das Alte ehren, das Neue grüßen
Aber das ist es nicht allein, was das Festival ausmacht. Eine Spurensuche im Dorf offenbart Sehenswertes. Vorbei an Kindern mit Plastikbaggern, die neben dem nahegelegenen Kindergarten eifrig im Schnee buddeln, passiert man ein prächtiges Bregenzerwald-Haus, typisch mit dem Schopf an der Seite, einem aus Holz gebauten geschützten Eingang und Freisitz, um dort vor den Unbilden des Wetters geschützt zu sein und im Sommer auch die Mahlzeiten einzunehmen. Reiche Bürger haben hier einst gebaut, die Häuser sind zum Teil im städtischen Stil gehalten, behäbig, mit geschwungenen Dächern. Vier große Gasthäuser bestimmen neben der Kirche das Ortsbild, der Adler, altes Traditionsgasthaus, ist erst renoviert worden, öffnet aber nur manchmal, ebenso wie der Ochse. Das Mesnerstüble, im ältesten Haus untergebracht, vom Brand 1755 verschont, ist übers Jahr geöffnet, wie auch der Hirsch mit Fine Dining. Die Krone aber wird nur zu den Zeiten der Schubertiade bewirtschaftet und bietet den Besuchern verschiedenste Köstlichkeiten. Eines der Cafés empfängt im Dorfzentrum seine Gäste, das Café Angelikahöhe lädt am Rande des Dorfes ein. Nur das Gasthaus Schäfle bleibt dauerhaft geschlossen.
Doch auch übers Jahr hinweg lebt das Dorf. In den alten Häusern haben sich Geschäfte niedergelassen. Der Käsladen Vögel versorgt die Dorfbewohner, die nicht in den Supermarkt gehen möchten. Im Erdgeschoss und Tiefparterre lagern feinste Sachen: Obst, Gemüse, das Wichtigste halt für den täglichen Bedarf. Bregenzerwald-Würste hängen da an der frischen Luft, Käselaibe reifen in den Regalen im Kellerchen nach – es riecht fantastisch. Die verschiedenen Bergkäse aus der Gegend darf und muss man probieren! Beim Sig, der Wälder Schokolade, den es am Ladentisch auch gibt, scheiden sich die Geister: eine zähe Masse aus Molke, die bei langem Kochen karamellisiert, mit einer Konsistenz wie Marzipan, schmeckt süß, aber auch salzig und etwas säuerlich. Einen Bäcker gibt es trotz intensiver Bemühungen nicht mehr, dafür bestückt eine Biobäckerei den kleinen Supermarkt.
Ganz innovativ zeigt sich das neue Alpaka-Geschäft von Familie Moosmann, in dem es neben Jacken, Pullovern, Mützen, Socken und anderen Produkten aus Alpakawolle auch bald ein Café geben soll, im wunderbar duftenden Holzhaus mit den großen Fenstern im Erdgeschoss. Der Blumenladen ist auch jetzt geöffnet, hat aber wohl zur Schubertiade seine Hochkonjunktur. Geschenke, Deko, „eine Vielfalt an charmanten Kostbarkeiten“ gibt es bei der alten Poststelle im Laden von Anna Hirschbühl. Und hier findet sich auch, wie in vielen anderen Häusern, ein Ausstellungsraum, oft in Kellern, um die sich Jahr für Jahr Künstler bewerben, und die zur Schubertiade bevölkert werden.
Auf dem Weg zur Kirche geht man am kleinen Tanzhaus, aus Holz gebaut und in der Größe eines Tanzbodens, vorbei, in dem früher Gericht gehalten wurde. Es ist ausgeschmückt von Uwe Jäntsch, der ironisch das Luxusleben aufs Korn nimmt. In der Barockkirche nebenan trifft man sie dann endlich fast persönlich: Angelika Kauffmann. Hier hat sie sich verewigt, hat 1757 die Apostel in Wandbildern gemalt. Auch das Altarbild stammt von ihr, aus Rom hierher transportiert, denn sie hatte eine intensive Verbindung zu dem Ort. Ihr Vater, der auch viele Malereien in der Kirche vollendete, stammte aus Schwarzenberg.
Schubertiade 2024 in Schwarzenberg

Sehr zu Recht ist der Saal der Schubertiade nach ihr benannt, eine Weltbürgerin war sie, zwischen Malerei und Musik konnte sie sich nur schwer entscheiden, überaus begabt war sie für beides. Goethe schrieb von ihr in seiner Italienischen Reise und schätzte sehr ihre Gesellschaft. Die Musik der Schubertiade in dem ihr gewidmeten Saal hätte sie sicherlich gerne gehört. Die Weltstars des Liedgesangs und der Kammermusik treffen sich hier seit 40 Jahren mit dem Schwerpunkt auf Schuberts Werken im Saal mit der phänomenalen Akustik. In diesem Jahr finden im Juni und August zwei Zyklen hier statt, gibt sich das Who is Who der Kammermusikszene die Klinke in die Hand, wird aus den Tiefen der Künstlerzimmer in das gleißende Licht der Bühne treten und in einer Akustik, die mit der in Sälen wie dem Salzburger Mozarteum und der Wigmore Hall verglichen wird, ihr Programm präsentieren. Bei einem Besuch hoch oben im Bregenzerwald kann man die Vorfreude schon spüren, sprechen die Einheimischen voller Freude und Respekt vor dem großen Ereignis und stecken den Besucher damit an.
Hohenems: Die Wiege der Schubertiade
Eine Mozartgemeinde gab es schon seit 1972 in Hohenems, als Organisator Gerd Nachbauer Hermann Prey einlud. 1976 gründeten sie die Schubertiade, seit 1980 ist Nachbauer der Künstlerische Leiter. Und in diesen 48 Jahren ist viel passiert: In Hohenems baute man eine Turnhalle um und erreichte im nach Fürsterzbischof Markus Sittikus benannten Saal ebenfalls eine hervorragende Akustik, sodass die Rundfunkanstalten auch hier immer wieder Aufnahmen produzieren.
Jetzt im Winter liegt der Saal düster auf dem Weg zum Schloss. Er ist umgeben von einem kleinen Park, der nun schneebedeckt ist, aber schon erahnen lässt, wie im Frühling die ersten Konzertbesucher vor den Konzerten und in den Pausen durch die Pergolen spazieren. Im Inneren überraschen harmonische Farben, sandgelb, erdbeerrot, türkis-mint-grün. Der Saal steigt, anders als der in Schwarzenberg, ab der achten Reihe auf. Drei Zyklen Konzerte finden 2024 in Hohenems statt, im Mai, Juli und Oktober. Die bedeutende Kulturgeschichte von Hohenems, gepaart mit altem Handwerk, kann man in den zahlreichen Museen bestaunen, wie Evelyn Gmeiner von der Schubertiade-Organisation erzählt. Und gerne lässt sie einen kurzen Blick in die Häuser zu, ein kurzes Hineinlinsen, das wahre Schätze offenbart.
Interessante Museen

Im Schubertiade-Quartier trifft man zunächst auf das Franz-Schubert-Museum, reich bestückt mit Autografen des Meisters und Namensgebers des Festivals. Im alten Pfarrhof aus der Zeit Schuberts, in einem im Sommer sicherlich idyllischen Garten gelegen, hat man einen wunderbaren Blick auf das historische Hohenems. Im Schubertiade-Museum stehen Personen im Mittelpunkt, die sich um die Schubertiade verdient gemacht haben, allen voran die Künstler der vergangenen Konzerte seit Beginn des Festivals. Elisabeth-Schwarzkopf-Fans, und nicht nur die, finden in ihrem Museum eine reichhaltige Dokumentation ihres Schriftverkehrs, Auftrittsroben und natürlich Bilder aus ihrem Leben. Das Legge-Museum liefert einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen der Schallplattenindustrie und bietet eine Sammlung von Schwarzkopfs Ehemann zu den Künstlern seiner Zeit. Der Stefan-Zweig-Raum ebenda und die Salomon-Sulzer-Galerie in der alten Villa Rosenthal runden das Bild ab. Eine besondere Rarität weist das Nibelungen-Museum auf: die in den Jahren 1755 und 1759 im Palast Hohenems überraschend entdeckten Handschriften C und A des Nibelungenliedes, die hier im Faksimile ausgestellt sind. Des Weiteren werden Umsetzungen des Stoffes bei Richard Wagner und anderen Künstlern dokumentiert. Gleich daneben erinnert die alte Schuhmacherwerkstatt von Karl Nachbauer an die gute alte Zeit, als Schuhe noch individuell hergestellt wurden. Während der Festspielkonzerte sind alle Museen geöffnet. Eines, das auch übers Jahr besucht werden kann, ist das jüdische Museum, das den Weg in das alte jüdische Zentrum des Ortes einleitet. Mit viel Akribie und Liebe werden hier Leben und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung dokumentiert. Weltruf genießt es, das Museum, wie man von Clemens Osl vom Stadtmarketing erfährt, von überall in der Welt kommen Nachfahren der ehemaligen Einwohner hierher. Und eine gut erhaltene Mikwe gibt es auch noch in der Stadt.
Das Stadtzentrum: Historisches fein restauriert
Hohenems war eine durchaus fortschrittliche Stadt, besaß das erste Kaffeehaus in Vorarlberg, die erste Buchdruckerei und die erste Bank. Schlendert man durch das Städtchen, kommt man im Zentrum durch das alte jüdische Viertel, in dem sich nach und nach jetzt wieder kleine Geschäfte angesiedelt haben. Mit Respekt vor der alten Bausubstanz wird vieles revitalisiert. Fein sieht es aus, auch elegant. In der alten Synagoge, die zwischenzeitlich tatsächlich als Feuerwehrhaus diente, können heute wieder Veranstaltungen und Feste stattfinden. In der sich gerade in der Renovierung befindlichen alten Villa von Iwan und Franziska Rosenthal entsteht das neue Literaturhaus, prächtig und mächtig am Eingang der Altstadt liegend. Viele kleine Geschäfte säumen den Weg: Blumen, Deko, schöne Möbel, Fahrräder, Bücher, Bekleidung, Schmuck, ein Bummel durch die Gassen der Altstadt lohnt sich allemal. Kleine Cafés wie das Frida laden gemeinsam mit verschiedenen Restaurants auch im Winter zum Verweilen ein, von traditionell bis sehr fein kann man speisen.
Irgendwie wirkt Hohenems wie ein Murmeltier, das seinen Winterschlaf hält, um dann zu den Festspielzeiten mit guten Reserven neu durchzustarten – man kann sich schon jetzt darauf freuen, hier und in Schwarzenberg, auf über 50 Konzerte im wunderschönen Rahmen.
Jutta Schwegler