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Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Und alle haben es gewusst

Das Festspielhaus Erl wird fünf Jahre alt, und alle freuen sich. Alle? Ein Blogger hat jetzt Dokumente veröf­fent­licht, die eher ein Haus des Schre­ckens zu zeichnen scheinen. Noch ist die Gemengelage unklar, aber vieles deutet darauf hin, dass in den Tiroler Bergen alles andere als eine Hochkultur gepflegt wird.

In Erl gibt es wenig zu lachen. – Foto © Xiomara Bender

Wenn das stimmt, was Markus Wilhelm aus Sölden dieser Tage auf seinem Blog veröf­fent­licht hat, können wir nur hoffen, dass die Überschrift einer Tages­zeitung sich bewahr­heitet. „Eine Ausnah­me­erscheinung im europäi­schen Kultur­leben: Gustav Kuhn“ heißt es da. Der heute 72-jährige Musiker lässt sich in seiner Heimat feiern wie ein Weltstar, seitdem er 1989 die Festspiele in Erl gründete. Zwei Jahre zuvor übernahm er die künst­le­rische Leitung des inter­na­tio­nalen Gesangs­wett­be­werbs Neue Stimmen der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh, die er bis heute innehält. An seine Seite trat 2005 der Bauun­ter­nehmer und ehemalige Politiker Hans Peter Hasel­steiner als Präsident der Tiroler Festspiele Erl. „Sein Wirken ermög­lichte den Bau des neuen Festspiel­hauses. Die feier­liche Eröffnung des Festspiel­hauses erfolgte am 26. Dezember 2012“, ist im Presse­ma­terial des Hauses nachzulesen.

Was dort nicht steht, ist, wie das Haus geführt ist. Wilhelm reicht dazu Dokumente nach, die ein wenig rühmliches Bild zeichnen. Da sind Ausschnitte aus Arbeits­ver­trägen, persön­liche Korre­spon­denzen und mehr zu sehen, von denen Wilhelm sagt, dass sie allesamt echt seien. Versucht man, die wesent­lichen Vorwürfe zu extra­hieren, dann ist da zu lesen, dass die Musiker – und wohl auch Choristen – aus Minsk einen Tagessatz von 35 Euro erhalten, ein Sänger mit einer Gage von rund 2.200 Euro für zwei Monate wohl eher am unteren Ende der Gehalts­liste steht. Für die Musiker ist das ein Vielfaches dessen, was sie in der Heimat verdienen. Das kennen wir von den Ernte­helfern. Und es muss mir niemand erzählen, er hätte gedacht, dass die Orchester eines kleinen Festspiel­hauses in den Alpen großartige Gehälter bekämen. Mit vergleichs­weise geringen Besucher­zahlen, einem nicht allzu üppigen Landes­zu­schuss und ein paar, wenn auch solventen Sponsoren macht man in einem inzwi­schen ganzjäh­rigen Festspiel­be­trieb keine großen Sprünge. Da braucht man kein Betriebswirt zu sein, um das zu sehen. Und jeder in der Branche weiß, dass Sänger, die nicht zu den ganz Großen gehören, vor allem die Anfänger, miserabel entlohnt werden. Auch da fügt sich Erl eher in das Gesamt­ge­schehen Oper ein. Und es ist doch auch kein Geheimnis, dass in Proben­phasen keiner, der Regisseur zualler­letzt, auf die Uhr schaut, um die vorge­schriebene Stundenzahl einzu­halten. Wobei vermutlich gilt: Je schlechter Regisseur oder Dirigent, desto länger und unerfreu­licher verlaufen die Proben. Dass darunter am meisten Darsteller und Musiker zu leiden haben, liegt in der Natur der Sache.

So ist nur allzu verständlich, dass es im Laufe der Jahre etliche Menschen gibt, die gern bei passender Gelegenheit mal nachkarten und dem künst­le­ri­schen Leiter ein paar deutliche Worte hinter­her­rufen. Damit muss man rechnen, wenn man als „Maestro“ immer noch glaubt, sich durch einen rüden Umgang mit dem Personal und Verzicht auf alle Manieren auszeichnen zu können. Dass das Haus nun gleich mit Klagen droht, weil Wilhelm solche Dokumente geballt veröf­fent­licht, mag zwar zum aufge­zeigten Stil passen, der Sache angemes­sener wäre aber sicher eine Stellung­nahme gewesen. Wenn, ja, wenn nicht zu befürchten wäre, dass noch ganz andere Dinge ans Licht kommen könnten.

Inzwi­schen hat der Blogger einen weiteren Brief veröf­fent­licht, von dem er sagt, dass er echt sei. Was da steht, hat aller­dings nichts mehr mit der „üblichen“ Ausbeutung in Kultur­be­trieben zu tun. Die Verfas­serin lässt es an deutlichen Worten nicht fehlen. Spricht von Verge­wal­tigung in Kuhns Zimmer, von öffent­licher sexueller Beläs­tigung bis hin zum „Blow-job in der Tiefgarage“. Alte Männer, die glauben, dass ihr finan­zi­eller Reichtum ihnen sexuelle Übergriffe gestatte, kennen wir aus anderen Milieus. „Und immer wussten es alle“, gibt die Verfas­serin erschüt­ternd zu Protokoll. Da tut man sich mit der Unschulds­ver­mutung erst mal schwer. Wilhelm kündigt derweil eine Fortsetzung seiner Veröf­fent­li­chungen an. Weder von Kuhn noch von der Bertelsmann-Stiftung gibt es bislang eine Stellung­nahme. Dabei dürfte man von dem alten Mann, der so gern und beherzt austeilt, doch erwarten, dass er so schnell wie möglich Konse­quenzen zieht, wenn auch nur ein Quäntchen Wahrheit in solchen Vorwürfen liegt.

Nach Film und Theater hat also nun auch die Hochkultur ganz offiziell ihre Unschuld verloren. Da werden Besucher wie Sponsoren in Zukunft etwas genauer hinschauen müssen, wen und was sie da so finan­ziell unterstützen.

Michael S. Zerban

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