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Michael S. Zerban - Foto © O-Ton

Die Kunst des Scheiterns

Drei Tage vor Proben­beginn für sein Rollen­debüt als Lohengrin in Bayreuth hat Tenor Roberto Alagna sein Engagement abgesagt. Die Opernwelt reagiert mit den üblichen Reflexen. In der Tages­presse ist von Mini-Skandal und Skandal die Rede. In den so genannten sozialen Medien hagelt es Hass, Unkenntnis und Liebes­er­klä­rungen der Anhänger des Sängers. 

Roberto Alagna – Foto © Studio Harcourt Paris

Aus Zeitmangel habe er den Text nur bis zum zweiten Akt einstu­dieren können. So, ist zu lesen, sagte Roberto Alagna unmit­telbar vor Proben­beginn sein geplantes Rollen­debüt des Lohengrin in Bayreuth ab. „Skandal!“ ist von den Schrei­hälsen zu hören, die ja schon die ganze Zeit auf die jahres­zeit­üb­liche Nachricht aus Bayreuth gewartet haben. Von einem Mini-Skandal reden die Gemäßigten. Was der eigent­liche Skandal ist, wird dabei nicht so ganz klar.

Roberto Alagna gehört zu den derzeit gefrag­testen Tenören der Welt. Als Helden­tenor im franzö­si­schen und italie­ni­schen Fach heimst er einen Erfolg nach dem anderen ein. Natürlich wäre Bayreuth ein Coup gelungen, wenn ein solcher Sänger erfolg­reich als Lohengrin debütiert. Tenöre, die in der Lage sind, diese Rolle zu übernehmen, gibt es. Aber eine solche Besetzung wäre weitaus weniger spekta­kulär. Also haben sich die Verant­wort­lichen in Bayreuth für ein nur wenig kalku­lier­bares Risiko entschieden. Das ist so lange legitim, so lange das Scheitern des Unter­fangens einkal­ku­liert wird.

Man darf wohl getrost unter­stellen, dass Alagna sich den Entschluss nicht leicht­ge­macht haben wird. Dazu steht für ihn zu viel auf dem Spiel. Nicht nur finan­ziell – die Festi­val­leitung soll bereits angekündigt haben, die Möglichkeit einer Schaden­er­satz­klage juris­tisch prüfen zu lassen, und der Ausfall der Gage wird auch ihn schmerzen – sondern vor allem künst­le­risch sind die Folgen kaum absehbar. Anderer­seits ist oft genug betont worden, dass Kunst auch immer die Möglichkeit des Schei­terns beinhalten muss. Sonst sei sie keine Kunst mehr. Die Schwie­rigkeit für den Künstler ist, den richtigen Zeitpunkt zu finden, an dem er sich das Scheitern einge­stehen muss. Zu dem Zeitpunkt, als Wagner und Thielemann ihn umschmei­chelten, den Vertrag doch zu unter­schreiben, sicher nicht. Sich im dritten Akt des Lohengrin bei der Premiere zu blamieren, wäre ebenso unpro­fes­sionell gewesen wie ein Auftritt bei den Proben mit den Worten „Das wird nichts“. Bleibt also die Zeit vor den Proben.

Die Begründung, aus Zeitmangel den Text nicht gelernt haben zu können, klingt für Außen­ste­hende irritierend. Nur geht es hier nicht darum, in der sechsten Klasse das Heide­röslein auswendig aufsagen zu wollen. Wenn Medien das jetzt – mehr oder minder bewusst – so darstellen, beweist das vor allem eines: Die Unkenntnis der Schrei­ber­linge von der Arbeit des Sängers. Ich empfehle jedem, der glaubt, süffisant aus einem Sänger, der seinen Ruhm hart erarbeitet hat und gerade deshalb ehrlich einge­steht, wo seine Grenzen sind, einen dummen Schulbub machen zu wollen, ein solches Rollen­studium leibhaftig zu erleben, anstatt sich darauf zu beschränken, das Ergebnis vom Fauteuil des Zuschau­er­raums oder der Redak­ti­ons­stube aus zu beurteilen.

Roberto Alagna braucht sicher niemanden wie mich, um ihn in Schutz zu nehmen. Und ich habe auch ganz sicher keine Lust dazu. Auch wenn mir die Ehrlichkeit des Sängers Respekt abnötigt. Ein vorge­scho­bener kleiner Stimm­band­knoten hätte es schließlich auch getan. Aber vielleicht braucht es einen Ordnungsruf, um diese unwürdige Eskala­ti­ons­schrei­berei wenn schon nicht zu verhindern, so denn doch einzudämmen.

Ach ja, wo ist denn nun dieser verdammte Skandal, den die Festspiele im bayeri­schen Oberfranken alljährlich so dringend zu brauchen scheinen, um auf sich aufmerksam zu machen? Nun, der liegt wohl darin, dass die Festival-Verant­wort­lichen trotz des hohen Risikos die Rolle einfach besetzt zu haben scheinen. So viel Mangel an Profes­sio­na­lität traut man kleinen Stadt­theatern zu, die nicht das Budget für eine Doppel­be­setzung haben, aber doch nicht einem Festival, das mit Millionen jongliert. Hätte es den Plan B der Verant­wort­lichen in Bayreuth gegeben, wäre die Nachricht einer Umbesetzung auf ihre eigent­liche Bedeutung zusam­men­ge­schnurrt: Einen Vierzeiler unter Vermischtes.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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