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Bei den Tiroler Festspielen Erl laufen die Sommerfestspiele, als sei nichts geschehen. Gustav Kuhn, inzwischen heftig umstrittener Künstlerischer Leiter, will am Sonntag noch die Götterdämmerung dirigieren. Dabei hat sein Weltenbrand längst begonnen. Jetzt haben fünf Künstlerinnen in einem öffentlichen Brief weitere Vorwürfe erhoben. Die Mächtigen verstehen derweil die Welt nicht mehr.

Früher war irgendwie alles einfacher. Wenn da der lokale Zeitungsredakteur Unregelmäßigkeiten bei den Mächtigen entdeckte und gar beabsichtigte, darüber zu berichten, wurde er schnell eines Besseren belehrt. So oder so ähnlich muss die Vorstellung bei denen, die sich mächtig fühlen, immer noch in den Köpfen herumgeistern. Und nur so ist zu erklären, dass Hans Peter Haselsteiner, Festspielpräsident und Hauptsponsor in Erl, in der Internetberichterstattung eine Vorverurteilung sieht und für „Maestro Kuhn für in höchstem Maße unfair hält“. Gustav Kuhns Anwalt Michael Krüger sprach gar von einer „unwürdigen Menschenjagd gegen einen großartigen Künstler, die hier entfesselt wird“. So reden Menschen, die in ihrem eigenen Kosmos leben und ihre ganz eigene Art von Humor entwickeln. „Aus seinen Vorlieben macht (Kuhn) weiterhin keinen Hehl: Wein, Weib und Gesang, was wir gut nachvollziehen können.“ Das soll Haselsteiner anlässlich der Eröffnung der Festspiele gesagt haben.
Nun ist es in einem Rechtsstaat entgegen der Vorstellungen der Kuhn-Freunde vollkommen legitim, öffentlich Vorwürfe zu erheben. Gegen jedermann. Diese sind dann juristisch zu klären. So ist das Verfahren. Bereits im Mai hatten die Musiker Paul Brugger, Nikolaus Dengg, Markus Obmann, Josef Rein und Marco Treyer in einem offenen Brief Stellung bezogen. Danach habe Kuhn sie als Arschlöcher, Schwänze, Volltrottel und „anderes mehr“ bezeichnet. Er habe das Spiel der renommierten Musiker gar als „Scheiße“ eingestuft und das Prädikat „nicht festspieltauglich“ verliehen. Dass der Dirigent sich damit deutlich außerhalb zivilisatorischer Gepflogenheiten bewegt, wenn das Schreiben zutrifft, ist das eine. Nun aber haben sich auch fünf Künstlerinnen aus der Anonymität gewagt. In ihrem offenen Brief haben Aliona Dargel, Bettine Kamp, Ninela Lamaj, Julia Oesch und Mona Somm Übergriffe seitens Kuhn beschrieben. „Unerwünschtes Küssen auf den Mund oder auf die Brust, Begrapschen unter dem Pullover, Griff zwischen die Beine etc., von obszöner verbaler Anmache ganz zu schweigen. Immer wieder wurden die Grenzen der persönlichen Würde und des Respekts uns gegenüber missachtet und überschritten. Regelmäßig waren wir der ungehemmten Aggression des künstlerischen Leiters ausgesetzt.“ Wein, Weib und Gesang eben.
Inzwischen hat Kuhn in bekannter Manier reagiert und über seinen Anwalt Michael Krüger Klagen in den Raum gestellt, von denen er ja bekanntlich bereits zwei wieder zurückgezogen hat. Sein Mandant werde sich mit den Mitteln des Rechtsstaats zu wehren wissen, äußerte der Ex-Justizminister und scheute gleichzeitig nicht davor zurück, die möglichen Opfer zu diskreditieren. Die „Menschenjagd“ sei von den Künstlerinnen offenbar über Veranlassung des Bloggers Markus Wilhelm in Gang gesetzt worden, mutmaßt der Anwalt, was in der Sache übrigens völlig ohne Belang ist. Und auch für die Medien hat er gleich die nötige Schelte parat. Derart schwerwiegende Angriffe ohne jede Rückfrage und ohne Kenntnis der näheren Umstände zu veröffentlichen, sei schlicht verantwortungslos, behauptet der Jurist. Das ist schlicht falsch.
Als Wilhelm die ersten Vorwürfe in den Raum stellte, musste jedem, der sich auf dieser Erde bewegt, klar sein, dass er damit kurz davor war, eine Lawine loszutreten. Nur jemand, der in einem anderen Universum lebt, konnte ernsthaft glauben, die Vorwürfe mit ein paar markigen Sprüchen und einer Klagewelle in den Griff zu bekommen. Inzwischen mag auch die Politik nicht mehr wegschauen. Lange genug hat sie es versucht. Inzwischen sei das Thema in Wien angekommen, ist zu hören. Bis nach Deutschland scheint es noch eine Weile zu dauern. Die Bertelsmann-Stiftung, die den Gesangswettbewerb Neue Stimmen ausrichtet, deren Künstlerischer Leiter Gustav Kuhn nach wie vor ist, mauert. Man werde sich zu Vorgängen in Erl nicht äußern, heißt es. Und Kuhn bleibe Künstlerischer Leiter des Wettbewerbs, auch wenn hunderte von Schutzbefohlenen in Gestalt junger Sängerinnen davon betroffen sein könnten.
Es stimmt. Von vielen Seiten – selbst Sängerin Elisabeth Kulman äußerte sich in einem eindringlichen Appell – werden mögliche Opfer aufgefordert, die Anonymität zu verlassen und über ihre persönlichen Erfahrungen zu berichten. Aber auch das ist vollkommen legitim und abseits von Vorverurteilung und Menschenjagd. Und hoffentlich fühlen sich nach dem offenen Brief der fünf Künstlerinnen noch viele Menschen, so es sie denn gibt, verpflichtet, ihr Schweigen zu brechen.
Die Kuhn-Adlaten bauen schon vor, wenn sie immer wieder darauf hinweisen, dass die erhobenen Vorwürfe längst verjährt seien, was bei einem 71-Jährigen durchaus zu vermuten ist. Für die möglicherweise Betroffenen darf das keine Rolle spielen. Denn um die gerichtliche Klärung und Rechtsprechung geht es ausschließlich den Möchtegern-Beratern des Dirigenten. Die mutmaßlichen Opfer wollen Aufklärung. Und sie wollen die Genugtuung, egal, wie viele Jahre seit den geschilderten Demütigungen vergangen sind. Dazu ist nicht einmal ein Gerichtsurteil notwendig, und Verjährung ist das Unwichtigste überhaupt.
Kuhn müsste sich im Klaren darüber sein, dass jede weitere Verzögerung mehr Ruß aufwirbeln wird. Aber in Deutschland hat gerade ein zwei Jahre jüngerer Minister gezeigt, um was es tatsächlich geht. Der Altersstarrsinn wird in der demografischen Entwicklung ein immer größeres Problem. Dabei hat die Gesellschaft dafür schon ein probates Mittel parat. In solchen Fällen greift die sofortige Freistellung von der Funktion nachhaltig, bis alle erhobenen Vorwürfe ausgeräumt sind. Im Fall der Tiroler Festspiele Erl wie im Fall des deutschen Innenministers zeigt sich allerdings, dass eine solche Maßnahme nur funktioniert, wenn das Umfeld nicht ebenfalls fest im Machtsystem verstrickt ist.
Eine Prognose allerdings wage ich: Gustav Kuhn wird sehr tief fallen. Und er wird die Tiroler Festspiele Erl ebenso mitreißen wie Haselsteiner, Krüger und die Bertelsmann-Stiftung. In dem Moment, in dem die erste Teilnehmerin am Gesangswettbewerb Neue Stimmen in Gütersloh den Mut findet, sich über spezielle Erfahrungen mit Kuhn zu äußern, egal, wie lange sie zurückliegen, wird Wein, Weib und Gesang zum Fluch für den Künstlerischen Leiter werden.
An der Internetberichterstattung wird es dann nicht liegen. Sondern am Altersstarrsinn eines Mannes, der glaubt, sich alles nehmen zu können und darüber die verletzten Seelen seiner möglichen Opfer vergaß. Erst wenn Klarheit herrscht, werden all die Schwänze, Arschlöcher und Volltrottel Ruhe geben.
Michael S. Zerban