O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Michael S. Zerban - Foto © O-Ton

Sprachliche Entgleisungen

Wer sich über Regeln hinweg­setzt, fühlt sich gut. Und hat Recht. Meistens. Manchmal. Nicht immer. In Deutschland gibt es Recht­schreib­regeln. Und die gibt es ausnahms­weise mal nicht, weil die Bürger gemaß­regelt werden sollen, sondern damit ein Höchstmaß an sprach­licher Klarheit erreicht werden kann. Die Verge­wal­tigung der deutschen Sprache, die viele Kultur­trei­bende inzwi­schen betreiben, ist kaum noch erträglich – weil sie von nichts anderem als Dummheit zeugt.

In Backstuben herrscht Geschlech­ter­gleichheit bei den Bäckern, wie hier im Roscheider Hof – Foto © Helge Klaus Rieder

Als Journalist bekommst du täglich etwa hundert E‑Mails. Und natürlich liest du die nicht mehr. Sondern schaust nur noch auf der Suche nach Stich­wörtern drüber. Alles andere wäre auch unerträglich. Weil die Dummheit eben schwer zu ertragen ist. Da strotzt es nur so von Sternchen, Unter­strichen, Schräg­strichen und Recht­schreib­fehlern, als müssten die Verfasser ihre verspätete Trotz­phase gegen ihre Deutsch­lehrer durch­leben. Die neueste Idee, der Zug, auf den so viele „Kultur­trei­bende“ abfahren, ist die schrift­liche Geschlech­ter­gleichheit. Dabei ist die in Deutschland längst einheitlich durch den Duden geregelt. Bei den Bäckern ist klar, dass es sich um männliche und weibliche Angehörige der Berufs­gruppe handelt. Das ist übrigens in anderen Sprachen auch so. Eine gute Regelung, die Klarheit schafft und für Sprach­öko­nomie sorgt. Neuer­dings wird auf der Suche nach politi­scher Korrektheit immer häufiger die Schreib­weise Bäcker*innen verwendet. Das sieht der Duden nicht vor, es ist ein Schreib­fehler. Ökono­misch ist es völliger Schwachsinn, der Geschlech­ter­gleichheit wird es nicht annähernd gerecht. Schließlich haben wir, so hat ein ameri­ka­ni­scher Professor unter­sucht, mittler­weile mindestens 25 verschiedene Geschlech­ter­auf­fas­sungen. Da sind Schwule, Lesben, Transen nur margi­nales Beispiel von dem, was viele Menschen unter ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orien­tierung verstehen. Bäcker*innen trennen gemeint Bäcker ohne Brüste von Bäckern mit Brüsten. Ist das die kultu­relle Revolution des 21. Jahrhun­derts? Ist das der Fortschritt der Kultur, den alle wollen? Ich finde es peinlich. Wenn ich eine Pudding­schnecke essen will, inter­es­siert mich die Qualität der Pudding­schnecke und nicht die sexuelle oder geschlecht­liche Ausrichtung der Hersteller (sic!). Wenn ich als Bub in die Backstube durfte, bewun­derte ich die Männer – damals gab es da noch keine Frauen – wie sie mit ihrer Routine die tollsten Düfte und Geschmäcker produ­zierten, und ich freute mich über die rundlichen Verkäu­fe­rinnen, die mir beim Hinaus­gehen noch irgendeine Leckerei zusteckten; es gab damals noch keine Verkäufer. Aber es inter­es­sierte mich auch ganz ehrlich überhaupt nicht, ob der Bäcker sich gerade als Schwuler fühlte oder die Fachver­käu­ferin auf dem Weg zur Geschlechts­um­wandlung war. Er war einfach der großartige Bäcker und sie die liebe­volle Verkäuferin.

Und nein, die Zeiten haben sich nicht geändert. Es gelten heute noch die gleichen Regeln. Der Begriff „die Bäcker“ legt fest, dass es sich dabei um eine Berufs­gruppe handelt, in der alle Geschlechter arbeiten. Alle, versteht ihr? Als ob es 1960 nicht schon lesbische Verkäu­fe­rinnen oder schwule Bäcker gegeben hätte. Alles Mumpitz. Als ob seit 1990 nicht jeder verstünde, dass es sich bei den Bäckern um weibliche und männliche, trans­se­xuelle oder, oder … Mitglieder einer Berufs­gruppe handelte. Es ist legitim, Regeln aufzu­brechen, wenn sie überholt sind. Aber wenn die Ampel rot zeigt, ist Schluss mit der Weiter­fahrt. Auch dann, wenn immer mehr Menschen glauben, sich über die Regel hinweg­setzen zu können, wird es dadurch nicht richtiger. Sondern die Unfall­zahlen steigen. Das gilt auch bei der Sprache. Wenn nun neuer­dings Menschen im Kultur­be­trieb anfangen, von Schauspieler(Pause)innen zu reden, erreicht das eine Grenze der Albernheit, die kaum mehr zu überbieten ist. Ach, die redet jetzt über Menschen mit Brüsten oder ohne Eier, oder redet sie über Leute ohne Vagina oder Vagina im Umbau oder über Leute mit weichen Eiern, die sie gern loswerden wollen oder … Nein, nein, da wird ja nur über Schau­spieler geredet. Eine Unter­scheidung, die so peinlich altbacken ist, dass man sich fragt, in welchem Leben diese Menschen unterwegs sind. Wenn Kultur­ar­beiter glauben, sich ideolo­gisch in die Sprache einmi­schen zu müssen, sollten sie wenigstens Lösungen anbieten, die einer modernen Entwicklung von Sexua­lität und Geschlech­ter­gleichheit gerecht werden – und nicht etwa Frauen mittels Sprache wieder an die zweite Stelle rücken, indem sie sie kurzerhand hintan hängen.

Ein Sternchen, Unter­strich oder das Anhängen des weiblichen als zweites Geschlecht führen die Geschlech­ter­de­batte auf das falsche Schlachtfeld. An dieser Stelle sei den Bäckern gedankt, dass sie als Beispiel zur Verfügung standen. Die Intendant*innen werden niemandem helfen, mehr Frauen in Führungs­po­si­tionen zu bringen. Solche Entwick­lungen müssen auf anderen Ebenen statt­finden, und da werden wir sie sicher unter­stützen. Den albernen, absei­tigen Sprach­re­ge­lungen, die Kulturschaffend*innen gegen geltende Regeln durch­zu­setzen versuchen, wird am Ende der Sackgasse nicht einmal eine Regen­bogen-Fahne winken.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

Teilen Sie sich mit: