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Die Bilder, die aus Erl herüberschimmern, wirken reichlich bizarr. Während Gustav Kuhn und sein Anwalt versuchen, die möglichen Opfer zu schmähen, will man in Tirol Ruhe in die Affäre bringen und benennt vorsorglich schon mal den Nachfolger des Künstlerischen Leiters. In welchen Funktionen Bernd Loebe, bislang und dann parallel Intendant der Frankfurter Oper, tatsächlich tätig wird, bleibt wieder offen. Da wird in Erl bekanntlich sehr genau unterschieden.
Eine Oper kann noch so absurd sein, sie wird niemals die Wirklichkeit übertreffen. Gerade hat sich Gustav Kuhn, Künstlerischer Leiter, Geschäftsführer und Dirigent der Tiroler Festspiele Erl, der gerade von allen Ämtern beurlaubt, suspendiert oder sonstwie befreit ist, in einem Interview der Nachrichtensendung ZIB 2 des österreichischen Fernsehens selbst schuldig gesprochen. Dem Moderator Armin Wolf, der den Charme eines Finanzbeamten ausstrahlt und damit unbestechlich wirkt, kommt Kuhn mit Schwafeleien nicht aus. Nein, man müsse sich nicht darüber unterhalten, wo die Grenzen sexueller Belästigung seien, unterbricht er die Ausflüchte des Musikers, der von mindestens fünf Frauen beschuldigt wird, sexuell und sprachlich übergriffig gewesen zu sein. Und er lässt auch nicht zu, dass Kuhn die möglichen Opfer weiter verhöhnt. Während der „Maestro“, wie Kuhn sich gern nennen lässt, sich ständig weiter entlarvt, lässt man in Erl nichts unversucht, Ruhe in die Affäre zu bringen.
Jetzt hat Hans Peter Haselsteiner, Bauunternehmer, ehemaliger Politiker und Präsident der Tiroler Festspiele Erl die reguläre Nachfolge Kuhns zum September kommenden Jahres bekanntgegeben. Ungeachtet der Bewerbungen von fünfzehn Männern und sieben Frauen ist die Entscheidung zugunsten von Bernd Loebe ausgefallen. Der hat sich nicht beworben, sondern wurde gefragt, ob er die Position übernehmen wolle. Loebe ist Intendant der Frankfurter Oper und wird diese Aufgabe zusätzlich übernehmen. Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich. „Ich traue mir zu, beides zu schaffen“, sagt der Opernmanager. Das wirft Fragen auf. Ein Genie, das gleich zwei Häuser leiten kann, gibt es ja immerhin eher selten. War Loebe also in seiner bisherigen Funktion nicht ausgelastet – dann sollte die Stadt Frankfurt doch noch einmal ernsthaft über seine Stellenplatzbeschreibung nachdenken – oder sind die Festspiele in Erl tatsächlich so unbedeutend, dass man sie „mal so nebenbei“ leiten kann? Das Bild, das in der Öffentlichkeit entsteht, ist fatal. Intendanten bekommen ein „fürstliches“ Gehalt, weil sie so wahnsinnig beschäftigt sind, am Ruhm ihres Hauses zu arbeiten? Seit heute gilt diese Vorstellung sicher nicht mehr. Offenbar sind sie hoffnungslos überbezahlt, wenn sie Zeit genug haben, nebenbei ein weiteres Haus zu leiten.
Von Generalmusikdirektoren kennt man das. Wie beispielsweise Axel Kober, der als GMD sein Haus so gut im Griff hat, dass er mal eben für zwei Monate an die Wiener Staatsoper entsendet werden kann, was sein Management als „Ritterschlag“ bezeichnet und die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg auf ihren Musik-Chef verzichten lässt. Jetzt sind also auch Intendanten für ein Haus entbehrlich, damit sie sich einem zweiten widmen können. Für Arbeitnehmer, die sich Jahr für Jahr mit ihren Kollegen um die Urlaubszeiten zanken müssen, weil sie so unentbehrlich sind, dabei allerdings ein Zehntel eines Intendanten-Gehaltes verdienen, dürfte das kaum noch nachvollziehbar sein.
Aber Loebe hat bereits ein Patentrezept parat, wie die Deutsche Presse-Agentur verlauten lässt. Er werde den Blick nach vorn richten. Hochbegabte, jüngere Dirigenten und Nachwuchssänger wolle er für die Festspiele verpflichten. Und Brigitte Fassbaender soll dann von 2021 einen neuen Ring des Nibelungen inszenieren. Das klingt kaum nach einem schlüssigen Konzept, sondern nach unausgegorenen Ideen eines alten, weißen Mannes. Oder um es anders zu sagen: Eines Mannes, der versucht, sein Vermögen auf unredliche Weise zu vermehren. Und damit sich das auch lohnt, hat Loebe gleich einen Fünfjahresvertrag unterschrieben.
Bis diese unglückselige Konstellation in Kraft tritt, bleibt der Adlatus von Gustav Kuhn, Andreas Leisner, interimistisch im Amt des Erler Intendanten. Der hat sich als Erfüllungsgehilfe seines Chefs in der Vergangenheit bewährt und ist von daher eine ausgezeichnete Wahl. Denn bei aller Postenschacherei muss es ja auch noch Menschen geben, die die Arbeit erledigen.
Michael S. Zerban
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