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Michael S. Zerban - Foto © O-Ton

Erinnerungen an einen Schwerenöter

Nun hat es also den großen Plácido Domingo erwischt. Associated Press, eine große ameri­ka­nische Nachrich­ten­agentur, bezichtigt ihn in einem Beitrag, der unter anderem im Holly­wood­re­porter veröf­fent­licht wurde, der sexuellen Beläs­tigung. Acht Sänge­rinnen und eine Tänzerin unter­stellen dem Sänger, sie bei persön­lichen Begeg­nungen sexuell belästigt zu haben. Die Vorgänge liegen um die 30 Jahre zurück.

Plácido Domingo in jüngeren Jahren – Foto © Condor Press

Mit 48 Jahren im besten Mannes­alter, wie man so schön sagt, hat der Tenor Plácido Domingo bereits eine steile Karriere hinter sich. 1941 in Madrid als Sohn der Zarzuela-Sänger Pepita Embil und Plácido Domingo Ferrer geboren, verbrachte er seine Kindheit ab dem achten Lebensjahr in Mexiko, wo er auch seine ersten Auftritte absol­vierte. Nach einem dreijäh­rigen Engagement in Tel Aviv gelang ihm 1966 mit Alberto Ginas­teras Don Rodrigo an der New York City Opera der inter­na­tionale Durch­bruch, und fortan bewegte er sich auf allen großen Bühnen dieser Welt. Sein Einfluss ging längst weit über die Bühnen­bretter hinaus. Als künst­le­ri­scher Berater, später Künst­le­ri­scher Leiter der Oper von Los Angeles entschied er auch über Engage­ments. Dass er Einfluss und Können gern nutzte, um sich jungen Damen und ihrer Karriere anzudienen, war ein offenes Geheimnis. In jener Zeit nannte man solche Männer Schwe­re­nöter, und die Frauen wussten auch damals schon, dass man sich solche Männer besser vom Leibe hält.

30 Jahre später vermag Domingo noch immer als Bariton oder Dirigent ganze Arenen zu füllen, sein Opern-Nachwuchs­wett­bewerb Operalia gehört zu den erfolg­reichsten der ganzen Welt. Und der inzwi­schen 78-jährige Sänger hat vermutlich andere Sorgen als die Frage, wie man einer jungen Frau erfolg­reich nachstellt. Jetzt aller­dings holt ihn die Vergan­genheit ein. Associated Press, eine Nachrichten- und Presse­agentur mit Sitz in New York, hat dieser Tage einen Artikel unter dem Titel Opern­sänger Plácido Domingo der sexuellen Beläs­tigung angeklagt veröf­fent­licht. Da zuckt wohl auch erst mal jemand zusammen, der kein Fan von Domingo ist. Erst die Unter­zeile verrät, dass es 30 Jahre dauerte, bis es acht Sänge­rinnen und einer Tänzerin an die Öffent­lichkeit treibt, um sich an die „sexuellen Beläs­ti­gungen“ des Sängers zu erinnern, acht von ihnen anonym. Der Artikel zählt auch ausführlich die Vorwürfe der Damen auf – und man darf bei solcher Überschrift getrost davon ausgehen, dass hier zuvör­derst die schlimmsten Verfeh­lungen aufge­führt werden. Danach legte Domingo wohl gern mal einer Frau die Hand aufs Knie, tauchte auch schon mal unauf­ge­fordert in der Damen­gar­derobe auf, küsste die jungen Sänge­rinnen hier und da unerwartet auf den Mund statt auf die Wange, telefo­nierte hartnäckig hinter ihnen her und sparte nicht mit Einla­dungen zum Essen und in seine Wohnung. Nach solcherlei Unartig­keiten wartet man gespannt darauf, wann denn nun bei der Lektüre endlich die sexuellen Beläs­ti­gungen auftauchen. Immerhin berichtet eine der Sänge­rinnen davon, auf seine sexuellen Avancen einge­gangen zu sein. Ganz so der steile Hengst war er aber wohl nicht, denn nach zwei Begeg­nungen beendete die junge Frau die Affäre bereits wieder.

Domingo beließ es bei einer allge­meinen Stellung­nahme gegenüber Associated Press. „Die Unter­stel­lungen dieser ungenannten Personen, die mehr als 30 Jahre zurück­liegen, sind zutiefst beunru­higend und in der Darstellung ungenau“, sagt er zu den Erinne­rungen und fährt fort: „Trotzdem ist es schmerzlich zu hören, dass ich jemanden erschrocken haben könnte oder dafür gesorgt haben könnte, dass sich jemand unwohl fühlt – ganz egal, wie lange es her ist und entgegen meiner besten Absichten.“ Er habe geglaubt, dass all seine Inter­ak­tionen und Bezie­hungen stets willkommen und einver­nehmlich gewesen seien. Was sollte er auch sonst sagen?

Nun könnte der moralin­saure Mitmensch einwenden, Domingo habe hier seine Position ausge­nutzt, und wirklich werden die zitierten Frauen nicht müde zu betonen, wie groß ihre Angst um ihre Karriere gewesen sei und wie groß die psychische Verstörung, die vereinzelt gar bis heute anhalte. Wer so dachte und denkt, hat aber wohl ein ganz anderes Problem als sexuelle Beläs­ti­gungen. Schon 1980 waren die Frauen tough genug, dem Mann, der sie ungewollt auf den Mund küsst, eine zu schallern und sich das für die Zukunft zu verbitten, Karriere hin oder her. Nach drei Jahrzehnten ist es geradezu unanständig, eine billige – und offenbar meist missglückte – Anmache zu einer sexuellen Beläs­tigung hochzu­sti­li­sieren. Wie heißt es so richtig? Da schweigt des Sängers Höflichkeit. Weder die Agentur noch die anonym zitierten Frauen haben der #Metoo-Bewegung einen Gefallen getan, weil sie damit echte Übergriffe, die anderen Frauen oder Männern wider­fahren, bagatel­li­sieren. Wer die Hysterie schürt, braucht sich nicht zu wundern, wenn sein Anliegen nicht mehr ernst­ge­nommen wird.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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