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Michael S. Zerban - Foto © O-Ton

Jetzt Kultur stärken

Als in der Schweiz beschlossen wurde, Veran­stal­tungen zu streichen, bei denen mehr als 1.000 Besucher zu erwarten wären, lächelten deutsche Kultur­schaf­fende. Muss man es denn gleich übertreiben? Seit dem 10. März brechen in Deutschland die Dämme, und nun lächelt niemand mehr. Weil einem Minister nichts Besseres einfällt, übernimmt er kurzerhand die Regelung. Ungeachtet der Konse­quenzen, die erheblich schlimmer ausfallen könnten als ein paar ausge­fallene Vorstellungen.

Die Deutschen haben das Hände­wa­schen als zivili­sa­to­rische Errun­gen­schaft entdeckt. Sehr schön. Dass es sich bei diesem Volk um eine Horde von Tauge­nichtsen handelt, die aus Kranken­häusern nicht nur Desin­fek­ti­ons­mittel, sondern gleich die Spender mit dazu stehlen, ist eine neue Erkenntnis. Hamster­käufe wurden wenigstens von einem Teil der Bevöl­kerung noch belächelt. Aber die Panik nimmt zu vor einem Virus, von dem anzunehmen ist, dass er nicht annähernd so aggressiv ist wie der Grippe-Virus. Die Medien eilen sensa­ti­ons­lüstern von Hype zu Hype, erwecken eine Weltun­ter­gangs­stimmung, und der Politik fällt nichts weiter ein, als die totale soziale Isolation anzustreben.

Ende vorletzter Woche verkündete die Schweiz, keine Veran­stal­tungen mehr zuzulassen, bei der mehr als 1.000 Zuschauer zugegen sind. In der Schweiz gab es viel Spott ob dieser Entscheidung. In Deutschland lächelte man über die Eidge­nossen. Das hat sich jetzt geändert. Der Gesund­heits­mi­nister, fachliche Kompetenz wird ihm hier ausdrücklich abgesprochen, hat entschieden, die gleiche Regelung in Deutschland vorzu­schlagen. Nicht einen Deut hat er anscheinend über die Konse­quenzen nachgedacht.

Die offen­baren sich schneller, als ihm lieb ist. Große, staatlich unter­stützte Theater-Häuser, die sich kaum Gedanken über Verdienst­aus­fälle oder Ähnliches machen müssen, stellen ihren Betrieb ab dem 10. März ein. In Nürnberg, Augsburg, Berlin und anderswo machen diese Insti­tu­tionen mal eben einen Monat – oder länger – dicht. Andere begrenzen die Zuschau­er­zahlen, um den Betrieb aufrecht­zu­er­halten. Tatsächlich trifft es aber nicht diese Häuser, sondern einmal mehr geht es um die Kleinen, die sich im Kultur­be­trieb oft kaum über Wasser halten können.

Denn natürlich leuchtet es jedem ein, dass der Virus nicht erkennt, ob in einem Raum 999 Personen oder 40 Personen versammelt sind. Und so ist es ja auch in den so genannten Sozialen Medien als Stimmungsbild zu erkennen. Schon stöhnen die kleinen Bühnen, dass die Besucher­zahlen zurück­gehen. Ob sie die Krise durch­stehen, wird man sehen. Bislang sieht nicht viel danach aus. Und inwieweit solche für die Kultur überle­bens­wich­tigen Gruppen von Kultur­schaf­fenden ihr Überleben schaffen, obwohl die Besucher vorsorglich zu Hause bleiben, wird man sehen. Die Regierung hüllt sich über solche Kleinig­keiten in Schweigen.

Viele Bürger empfinden die getrof­fenen Maßnahmen als Hysterie, auch wenn sie in den Medien tagtäglich als richtig empfohlen werden. Man könne so die Anste­ckungs­gefahr nicht schmälern, aber abfedern, ist überall zu hören und zu lesen. Und das sei evident. Wenn man es nur laut und lange genug behauptet, wird es schon geglaubt. Dabei ist es so blödsinnig wie die Hamster­käufe von Mehl, Nudeln und Toilettenpapier.

Wenn die großen Häuser ihre Pforten schließen, ist das ihre Sache. Wenn aber die Bürger daraus schließen, dass es generell gefährlich sei, Auffüh­rungen zu besuchen, wird das in der Kultur einen Erdrutsch verur­sachen. Das gilt es, im Sinne unserer kultu­rellen Freiheit zu verhindern. Ich fordere Sie, liebe Besucher von O‑Ton, ausdrücklich auf, den kleineren Veran­staltern in dieser Zeit den Rücken zu stärken. Gehen Sie zu Veran­stal­tungen der so genannten Freien Szene, gehen Sie ins Kabarett, gehen Sie überall hin, wo Kultur­schaf­fende durch­halten. Es geht nicht mehr darum, Unter­haltung oder Erkenntnis geboten zu bekommen, sondern unsere wertvolle Kultur­land­schaft zu erhalten.

Die Zielgruppen des Virus‘ sind bekannt. Alte Menschen, Kinder und Menschen mit chroni­schen Erkran­kungen müssen sich wohl poten­ziell bedroht fühlen. Alle anderen können jetzt die Künstler unter­stützen, die alter­nativ versuchen, Kultur zu vermitteln. Nutzen Sie jetzt die Möglichkeit, Ihre Solida­rität unter Beweis zu stellen. Damit es „die Kleinen“ auch morgen noch gibt, die uns – oft auch nur in Stadt­teilen – die Kultur liefern, die wir zum Leben brauchen.

Es gibt noch eine andere Gruppe von Menschen, die an den unüber­legten Ideen der Regierung Schaden nehmen könnte. Das sind nämlich die Menschen, die über die kultu­rellen Ereig­nisse in Deutschland berichten. Ihnen wird plötzlich die Grundlage ihrer Bericht­erstattung entzogen. Was erst mal nicht so wichtig klingt, wird sich in den kommenden Monaten zu einem grund­le­genden Problem ausweiten. Auch bei O‑Ton wird es Änderungen geben. Wir werden unsere Bericht­erstattung der geänderten Sachlage anpassen. Aber nicht vermindern. Im Gegenteil werden wir mit geschärftem Blick über dieje­nigen Kultur­schaf­fenden berichten, die „den Betrieb aufrecht­erhalten“. Um ihnen Mut zu machen, Ihnen Alter­na­tiven aufzu­zeigen und somit mithelfen, einen Kultur­be­trieb aufrecht­zu­er­halten, den die Regierung allzu leicht­fertig aufgibt.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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