O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Die Ankündigung, dass das Auftrittsverbot zum 30. Mai aufgehoben wird, entpuppt sich als Chuzpe. Anstatt diese Ankündigung konstruktiv in die Tat umzusetzen, werden „strenge Auflagen“ erlassen, die es unmöglich erscheinen lassen, die Türen von Veranstaltungsräumen oder Spielstätten wieder zu öffnen. Die Regierung spielt mit dem geschenkten Vertrauen.

Die Zeichen stehen auf Sturm in Deutschland. In Berlin, München, Stuttgart und wer weiß, wo noch, demonstrieren Menschen. Wer jetzt moralisch empört mit zitterndem Zeigefinger auf die Menschen zeigt, die sich da ohne Abstand und Maske im Gesicht zusammenrotten, sollte sich vielleicht überlegen, ob er oder sie gerade der deutschen Blockwart-Mentalität erliegen. Die Menschen, die sich da zu Tausenden versammeln, haben ebenfalls Ängste, die sie mindestens so antreiben wie diejenigen, die sich nur noch mit Mundschutz und Handschuhen aus dem Haus trauen.
Ja, die Angst geht um in Deutschland. Und Angst war immer schon ein schlechter Ratgeber. Der Regierung, offenbar selbst von Ängsten getrieben, scheint das Ruder aus der Hand zu gleiten. Sie erinnert an einen Schrankenwärter, der weiß, dass zwei Züge aufeinander zu rasen, und die Schranken schnell herunterlässt, um dann geschwind das Stellwerk zu verlassen, anstatt die Weichen umzustellen. Das vorschnell geschenkte Vertrauen der Bevölkerung wird hemmungslos missbraucht und verschenkt, indem man die versprochenen Hilfeleistungen mit Tricksereien wieder aushebelt. Der hübscheste Trick heißt „strenge Auflagen“. Damit kann man leichterdings alle Ankündigungen an der Hintertür wieder einsammeln. Die Gastronomie darf wieder öffnen. Hurra! Ist das nicht großartig? Die Regierung sorgt dafür, dass sich rund 70.000 von rund 220.000 Unternehmen nicht in Luft auflösen. Na ja. Die „strengen Auflagen“ werden dafür sorgen, dass Wirtschaften und Restaurants gerade mal so weit öffnen können, dass sie ganz sicher nicht wirtschaftlich arbeiten können. Nein, es geht hier nicht um eine neue Verschwörungstheorie, sondern um Zahlen, die real existieren.
Ähnlich verhält es sich mit den Theatern. Ein kurzer Jubel, als verkündet wird, dass sie am 30. Mai wieder öffnen dürfen – vorbehaltlich der „strengen Auflagen“ und einer Maximalteilnehmerzahl von 1.000 Personen. „Kein Problem“, war allerorten im Vorfeld zu hören. Inzwischen haben die Häuser die „strengen Auflagen“ durchgerechnet. Folge: Wohl kaum eines macht in dieser Saison noch mal die Türen auf. Selbst kleine Privattheater winken ab, denen das Wasser schon seit letztem Monat bis zum Hals steht. Schauspieler, die auf der Bühne einen Mindestabstand von sechs Metern einhalten sollen, um anschließend zum Friseur zu gehen? Garderoben mit mindestens 20 m² pro Person – meine Herren, die gibt es gar nicht. Die müssen erst noch gebaut werden. Catering gestrichen, dafür aber mehr Personal, um Personenansammlungen vornehmlich vor den Frauenklos zu vermeiden. Nein, da braucht man über eine Öffnung nicht mehr nachzudenken. Das ist komplett absurd.
Auch die Festivals, die noch kurz hofften, zumindest ein Minimalprogramm über den Sommer zu präsentieren, müssen angesichts solcher Vorschriften resignieren. Und wen trifft das? All die Künstler, die ohnehin schon um ihre Existenz kämpfen. Die Grenzschließungen tun ihr Übriges. Einen Solisten aus dem Nachbarland einladen, um wenigstens beim Publikum in Erinnerung zu bleiben? Nichts da.
Du kannst es drehen und wenden, wie du willst: Es geht den freischaffenden Künstlern an den Kragen. Hilfsprogramme für Solisten wenden sich gegen sie. 9.000 Euro auf dem Konto, die für notwendige Betriebsausgaben ausgegeben werden dürfen. Dafür kannst du dir nicht mal eine Gitarre kaufen, wenn du schon eine hast. In Bayern gibt es den wertvollen Ratschlag, mal gegenzurechnen, ob man nicht eher Sozialhilfe in Anspruch nimmt, weil sich das eher rechnet als die Hilfsprogramme. Das kann man freundlich mit „Faust in die Fresse“ umschreiben. Daran wird auch das Lippenbekenntnis der Kanzlerin nichts ändern. Im Gegenteil. Die Situation spitzt sich zu. Nein. Die Künstler werden nicht vor dem Reichstag aufmarschieren. Sie werden dahin marschieren, wo sie Geld verdienen, um zu überleben, und das wird nicht die Kultur sein. Mit hysterisch überzogenen Maßnahmen wird die Regierung dafür sorgen, dass Künstler im Nichts verschwinden. Denn sie haben, anders als zwischen 1939 und 1945, nicht die Möglichkeit, sich in anderen Ländern eine neue Existenz aufzubauen – was ja auch schon oft genug schiefging. Aber die Regierung kann ihre Hände in Unschuld waschen. Sie hat schließlich das Auftrittsverbot ab Ende Mai wieder aufgehoben. Oder?
Nicht so ganz. Die Schäden sind bereits heute immens. Die Bevölkerung versteht nicht mehr, warum ihr Unterhaltung und Erkenntnis vorenthalten werden. Statt die Kultur zu stützen, redet die Regierung über Prämien für Autokäufe. Gut, die Kreativen haben sich in den letzten zwei Monaten nicht wirklich gut verkauft. Schockstarre, Versuche, das eigene Leben zu finanzieren, standen im Vordergrund. Und wer von ihnen hat schon einmal eine Krise in dem Ausmaß erlebt? Aber jetzt muss es auch mal gut sein damit. Wer sich aktuell noch darauf verlässt, Hilfe von Staat oder Veranstaltern zu bekommen, steht auf verlorenem Posten. Was hilft, ist die Eigeninitiative. Die große Hoffnung könnte Open-Air unter einfachsten Bedingungen heißen. An den Kreativen liegt es, einen nie erlebten Kultursommer zu inszenieren. Die Unterstützung der Bevölkerung und der Wirtschaft wird es den Kulturschaffenden abseits der staatlichen Institutionen leicht machen. Es wird keine einfache Zeit, aber das „unternehmerische Risiko“ scheint derzeit überschaubar. Denn die Bevölkerung ist, anders als die Regierung, bereit, die Kulturschaffenden zu unterstützen. Und da sollte es wohl ein Leichtes für kleinere Ensembles, Compagnien und Schauspielgruppen sein, mit Hilfe von Sponsoren, Crowdfunding und Eintrittsgeldern Aufführungen zu ermöglichen. Es liegt jetzt an jedem einzelnen Künstler, gegen die Absurditäten von „strengen Auflagen“ Kultur zu ermöglichen. Und wenn wir gerade wieder so viel über Helden reden: Lasst uns die Helden der Kultur auf Äckern und Weiden feiern, wenn denn nicht einmal der Kirchhof in Frage kommt, weil sich da die Nachbarn über die Lärmbelästigung beschweren. Wenn uns die Künstler endlich dazu einladen.
Michael S. Zerban