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Pedro Obiera - Foto © O-Ton

Hysterie oder Besorgnis?

Es scheint, dass die Kultur­land­schaft als Letzte von den Locke­rungen im Rahmen der Pandemie profi­tieren wird. Mit katastro­phalen Folgen für die Kultur­schaf­fenden und die Kultur­land­schaft Deutschland. Ist der strikte Lockout Ausdruck von ehrlicher Besorgnis oder überstei­gerter Hysterie? Ein Kommentar von Pedro Obiera.

Auf die großen Auffüh­rungen an der Düssel­dorfer Oper müssen wir wohl noch länger warten. – Foto © O‑Ton

Vor Corvid 19 sind alle gleich. Selbst Prinzen und Regie­rungs­chefs müssen sich in die häusliche oder gar klinische Quarantäne zurück­ziehen. Was die Folgen für die Lebens- und Arbeits­be­din­gungen der Menschen angeht, stellt sich das Ausmaß der Corona-Krise aller­dings sehr unter­schiedlich dar. Hier kann sich glücklich schätzen, wer sich auf mächtige Lobby­isten an den Schalt­hebeln der Macht stützen kann. Dazu gehören Kinder, Allein­er­zie­hende, Familien, Saison­ar­beiter und Flücht­linge leider nicht. Nicht einmal die derzeit mit Beifall überschüt­teten Pflege­kräfte, die sich für den Applaus ebenso wenig kaufen können wie das Millio­nenheer der Kultur­schaf­fenden, denen zum großen Teil auf unbestimmte Zeit die Lebens­grund­lagen völlig wegge­brochen sind, die nicht einmal Betriebs­kosten geltend machen können und, nach Lage der Dinge, als Letzte auf geregelte Einkünfte hoffen dürfen.

Sind Theater und Konzert­häuser tatsächlich explosive Brutstätten der Epidemie? Sind Hysterie, Besorgnis oder vielleicht nur Gleich­gül­tigkeit die Gründe für das geringe Interesse der Politiker an der Situation der Kulturschaffenden?

Dass sich die Theater und Konzert­ver­an­stalter unter diesen Umständen mit der Präsen­tation ihrer Pläne für die kommende Saison zurück­halten, ist verständlich. Manche arbeiten Alter­na­tiv­pro­gramme aus. Das Klavier-Festival Ruhr möchte bereits im Juni die ausste­henden Konzerte durch­ziehen. Wobei man sich mit Klavier­abenden und Kammer­kon­zerten etwas leichter auf die geltenden Hygie­ne­maß­nahmen einstellen kann als ein Opernhaus, das mit einem Tannhäuser andere Kräfte mobili­sieren muss.

Die Hoffnung auf größere Sinfo­nie­kon­zerte und Opern­pro­duk­tionen müsste man dabei nicht ganz aufgeben, wenn sich die politi­schen Schalt­stellen der Locke­rungs­regeln nicht nur für die Hiobs­bot­schaften des Robert-Koch-Instituts inter­es­sierten. Denn mehrere wissen­schaft­liche Unter­su­chungen beweisen, dass der von Sängern, Instru­men­ta­listen und Orchestern ausge­hende Ausstoß von riskanten Aerosolen und die damit verbun­denen Infek­ti­ons­ri­siken weit weniger drama­tisch ausfallen als bislang angenommen. Die Bamberger Sympho­niker gaben als erste eine entspre­chende Analyse in Auftrag, die Münchner Bundeswehr-Univer­sität folgte und die sieben Berliner Profi-Orchester erarbei­teten mit Virologen der Charité ein Konzept aus, mit dem sich bereits nach der Sommer­pause Sinfo­nie­kon­zerte reali­sieren lassen könnten. Und ein Gutachten der Wiener Philhar­mo­niker schätzt die Gefahren sogar noch niedriger ein.

Für viele überra­schend dürften die Erkennt­nisse in Hinsicht auf die als besonders „bedrohlich“ einge­schätzten Blasin­stru­mente ausge­fallen sein. Man hat festge­stellt, dass der Luftstrom, den Bläser freisetzen, geringer ist als beim Sprechen. Bei Blech­bläsern reicht der in Schwin­gungen versetzte Luftbe­reich nicht einmal einen halben Meter, bei Holzbläsern können sie einen Meter überschreiten. Aber selbst der Luftstrom der Querflöte überschreitet die magische Grenze von anderthalb Metern nicht. Daher empfehlen die Wissen­schaftler Sitzab­stände von anderthalb bis zwei Metern und nicht, wie bisher, von fünf Metern. Plexi­glas­wände zwischen den Instru­men­ten­gruppen können zusätz­lichen Schutz bieten und das Kondens­wasser, das die Bläser bisher auf dem Boden ausschüt­teten, sollte in Tüchern aufge­fangen werden. Zudem wird eine gute Belüftung empfohlen, was den meisten Konzert­häusern kein Problem bereiten dürfte.

Im Unter­schied zu den Opern­häusern. Die Orches­ter­gräben sind eng und oft stickig. Ob also das Essener Aalto-Theater im September mit Wagners Tannhäuser oder die Deutsche Oper am Rhein mit einer großen Verdi-Oper die Saison eröffnen können, das steht in den Sternen. Was nicht bedeuten muss, dass man auf Opern generell verzichten muss. Denn auch die von Sängern ausge­henden Gefahren haben die Wissen­schaftler in München und Berlin relati­viert. Auch Sänger verbreiten kein höheres Infek­ti­ons­risiko als sprechende Personen. Abstände von zwei Metern reichen auch hier aus. Mit entspre­chenden Hygiene-Maßnahmen für das Publikum dürfte also einem Neustart in die kommende Saison nichts im Wege stehen. Das hat auch Staats­mi­nis­terin Monika Grütters erkannt, die die Charité-Studie „intensiv“ in ihre Überle­gungen einbe­ziehen will. Man darf gespannt sein und hoffen …

Pedro Obiera

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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