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Nun wird es also tatsächlich still um die Kultur. Seit dem 25. November steht fest, dass in diesem Jahr keine Aufführungen mehr stattfinden werden. Und wieder sind die Kulturschaffenden darauf kaum vorbereitet. Das ist angesichts bevorstehender Budget-Kürzungen im kommenden Jahr kaum nachvollziehbar. Ein völlig überraschender Impuls kommt ausgerechnet von einer Lotto-Gesellschaft.

Carsten Brosda, neuer Präsident des Deutschen Bühnenvereins, wies im Fernseh-Interview darauf hin, dass die „Kulturorte“ so schnell wie möglich wieder geöffnet werden müssten. Aber da war es schon zu spät. Auch die letzten Optimisten mussten am frühen Abend des 25. November erfahren, dass es in diesem Jahr keine Aufführungen mehr geben werde. Damit müssen also wieder Kartenrückgaben organisiert werden – wie schön, die Theater sind beschäftigt. So, wie sie sich im Shutdown ausgesprochen geschäftig zeigten. Quer durch die Bundesrepublik wurde geprobt, was das Zeug hielt, Pressemitteilungen wurden massenhaft versendet, um darauf hinzuweisen, dass Premieren für den 1., 2., 3. und 5. Dezember angesetzt seien. Natürlich war das keine Sisyphos-Arbeit, sondern ein klares Zeichen dafür, dass die Theater einsatzbereit sind und also alle Budgets gerechtfertigt sind. Als Signal für das kommende Jahr, in dem die nächsten Budget-Verhandlungen anstehen, wird das nicht reichen. Im nächsten Jahr sind die Kassen der Kommunen leer, und es ist ja kein Geheimnis, an welcher Stelle da zuerst gespart wird. Dieser kommunalpolitische Reflex wird verstärkt auftreten, zumal die Regierung ja heuer gezeigt hat, wie „überflüssig“ die Kultur ist.
Aber auch die Kulturschaffenden haben sich im zweiten Shutdown nicht mit Ruhm bekleckert. Verständlich vielleicht, wenn man unterstellt, dass ja der Shutdown nur einen Monat dauern sollte, obwohl schon im Vorfeld eigentlich absehbar war, dass es dabei nicht bliebe. Insbesondere die Solo-Künstler werden für ihre Zurückhaltung im Internet abgestraft werden. Sie haben ja ihre „Drohung“ wahrgemacht und sich mit Videos im Internet zurückgehalten. Gab es im ersten Shutdown noch zahlreiche Versuche, sich mit Videos bemerkbar zu machen und in Erinnerung zu bleiben, was einigen von ihnen immerhin ein paar Engagements im Sommer einbrachte, wird die Situation jetzt schwierig. Denn Gastspiel-Engagements wird es nicht geben. Und zwar vor dem nächsten Frühjahr nicht. Mindestens. Damit haben sich viele selbst aus dem Rennen geschossen. Ja, sie behalten Recht. Ohne Kunst wird’s still haben sie auf ihre Fahnen geschrieben. Aber nicht in der Unterhaltungsbranche, und das war absehbar, sondern um die Solo-Künstler.
„Angesichts der akuten Notlage vieler Künstler in diesen Zeiten der Corona-Krise nehmen wir unsere gesellschaftliche Verantwortung wahr. Wir möchten dazu beitragen, dass die lebendige Kunst- und Kulturszene erhalten bleibt und dass die Menschen gerade in dieser Zeit die kulturelle Vielfalt unseres Bundeslandes erleben können“, sagt Andreas Kötter, Sprecher der Geschäftsführung von Westlotto. Ausgerechnet aus der Glücksspiel-Branche winkt also jetzt eine kleine Hilfe. Westlotto treibt die Solo-Künstler auf den richtigen Weg. Unter der Überschrift 500X500 für die NRW-Kultur lobt die Glücksspiel-Gesellschaft 500 Euro für Videos aus, die von Schauspielern, Sängern und Musikern der verschiedensten Genres in Nordrhein-Westfalen eingereicht werden. Damit soll, sagt die Lotto-Gesellschaft, „die prekäre finanzielle Situation, in die die freischaffende Kulturbranche durch die Corona-Pandemie geraten ist, etwas abgefedert werden“. Nun werden also auch die Künstler, die sich bislang weigerten, ein Video als Zukunftsinvestition zu begreifen, animiert, sich im Internet zu engagieren. Jetzt ist also – zumindest in NRW – nicht falscher Stolz, sondern Kreativität gefragt. Größere Ensembles werden sich durch diese Summe sicher nicht angesprochen fühlen, und das ist ja auch gewollt. Aus heutiger Sicht eine großartige Aktion, die vielleicht Initialzündung für Solo-Künstler sein könnte. Eine Initialzündung, sich auf künftige Zeiten einzurichten, in denen sie nicht mehr selbstverständlich an große Bühnen eingeladen werden, weil die mit ihren Ensembles auskommen.
Corona könnte eine Chance sein. Wenn wir uns vom Gedanken verabschieden, dass tausende älterer Herrschaften in einen Kulturtempel strömen und eine Fassade hochhalten, die schon lange unehrlich im Sinne der Kunstfreiheit geworden ist, sondern uns an den Gedanken gewöhnen, Spitzenkräfte in Kulturzentren, Kirchen oder Kneipen, auf kleinen Bühnen eben, zu erleben. Der Gedanke ist nicht so dramatisch, wie er für die Alten klingt. Sondern eine Chance, über neue Finanzierungsmodelle und den Erhalt der Kultur nachzudenken. Nein, nicht den Erhalt, sondern eine – endlich wieder – gesunde Weiterentwicklung. Damit können die Entscheidungen von Merkels Kaffeekränzchen nicht richtiger oder legitimer werden, aber sie können eine Chance bieten, wenn Solo-Künstler für sich daraus die richtigen Lehren ziehen. Auf den Staat ist kein Verlass mehr. Das muss nicht nur die Kultur in diesen Tagen lernen.
Michael S. Zerban