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Michael S. Zerban - Foto © Lennart Rauße

Gelungene Aktion

Mit der Aktion #alles­dicht­machen haben namhafte Schau­spieler alles erreicht, was sie überhaupt bewirken konnten. Seitdem müssen die Akteure reflex­hafte Gegenwehr von Medien und Kollegen ertragen, die ihrer­seits tatenlos zusehen, wie Kultur und Gesell­schaft einen heute noch nicht zu überschau­enden Schaden nehmen. Ein Plädoyer für mehr Kunst.

Jan Josef Liefers – Bildschirmfoto

Verzweifeln Sie, aber zweifeln Sie nicht“, schließt Jan Josef Liefers den vielleicht besten Auftritt seines Lebens ab. Knapp anderthalb Minuten hat der Schau­spieler gesprochen. Mit beißender Ironie verweist er auf die Rolle „der Medien“ während der Pandemie. Das Video ist Bestandteil einer künst­le­ri­schen Aktion unter dem Hashtag #alles­dicht­machen, mit der 53 bekannte Schau­spieler darauf hinweisen, dass kritische Fragen zu den Maßnahmen der Politik in der Corona-Krise nicht erwünscht sind, ein Diskurs mit Macht unter­bunden wird. Es sind samt und sonders Personen des öffent­lichen Lebens, die frei von jedem Verdacht sind, der AfD, anderen rechten Gruppie­rungen, Querdenkern oder Verschwö­rungs­er­zählern nahezu­stehen. Mit ihren ein- bis zweimi­nü­tigen Videos tragen Ulrich Tukur, Meret Becker, Wotan Wilke Möhring und andere promi­nente Schau­spieler mit künst­le­ri­schem Ausdruck vor, dass es zu dem, was die Politik gerade in Deutschland veran­staltet, eine ganze Reihe kriti­scher Fragen gibt. Sie liefern das ab, auf was jeder vernünftig denkende Mensch seit mehr als einem Jahr wartet. Dass sich Kultur aktiv mit der gesell­schafts­po­li­ti­schen Situation ausein­an­der­setzt und dazu mit ihren Mitteln äußert.

Man könnte sich mit diesen Videos jetzt rational ausein­an­der­setzen und stellte vermutlich fest, dass der eine Auftritt gelun­gener als der andere ist, manche richtig gut sind, aber alle bei aller gebotenen Kritik respektvoll bleiben. Weder wird die Existenz eines Virus angezweifelt, noch wird die Arbeit von Pflege­kräften und ärztlichem Personal diskre­di­tiert oder gar pietätlos mit den Menschen umgegangen, die in Folge einer Corona-Infektion verstorben sind. Nichts dergleichen. Schließlich ging es den Darstellern nicht darum, eine politische Front aufzu­bauen, sondern um ihre ureigene Aufgabe: Das Publikum mit Fragen zu konfron­tieren, die im gesell­schafts­po­li­ti­schen Diskurs eigentlich dringend erörtert werden müssten, aber schlicht nicht mehr statt­finden. Dabei konnte so manch einer zeigen, dass er wahrhaftig mehr drauf hat als das seichte Zeug, das im Fernsehen von ihm zu sehen ist. „Befreit euch von eurer eigenen Meinung. Denn keine eigene Meinung ist die beste Meinung“, trägt beispiels­weise Nina Gummich brillant vor. Da hat sie vermutlich noch nicht mit den Meinungs­ma­chern gerechnet, denn sie lächelt noch.

Seit mehr als einem Jahr warten wir darauf, dass Künstler sich gegen das Unrecht zur Wehr setzen, das ihnen wider­fährt. Nichts ist passiert. Verbände haben Briefe an die Regierung geschrieben, wie ungerecht doch die Schließung von Kultur­stätten wäre, Selbst­hil­fe­gruppen fordern finan­zielle Hilfs­pakete, die funktio­nieren, übrigens vergebens. Das ist alles im eigenen Saft geschmort und gewendet. Eisiges Schweigen der Inten­danten. Gut, hier und da mal ein „Protestsong“. Und immer wieder ist das Publikum schnell abgefertigt. „Ihr fehlt uns“, ist da zu hören. Künst­le­rische Ausein­an­der­setzung? Null. Laut werden gegen Missachtung der Grund­rechte? Fehlanzeige.

Anscheinend mit gutem Grund. Wer Kritik äußert, wird mundtot gemacht. Umgehend. Gründlich. Das haben „die Medien“ einen Tag nach der Veröf­fent­li­chung der Videos gezeigt. Ja, da wurde ein Exempel statuiert. Von Medien, denen Liefers die Maske vom Gesicht gerissen hat. Wo kommen wir da auch hin? Als der Bundestag die „Bundes­not­bremse“ durch­winkte – welch ein Begriff – gab es gefühlt nicht halb so viele Kommentare wie am Tag nach der Veröf­fent­li­chung der Videos von ein paar Künstlern. Blätter wie der Spiegel überschlugen sich förmlich mit geifernden Kommen­taren. Medien wie öffentlich-recht­liche Fernseh­sender, die sich seit Monaten als Herolde der Regierung verkaufen. Eine Angst­ku­lisse aufbauen, in der sie mit nicht überprüf­baren Zahlen um sich werfen, die in keinen unbedingt notwen­digen Kontext gesetzt werden. Medien, die den SPD-Politiker Lauterbach als Scharf­macher der Nation vor die Kameras zerren. Reflexhaft wie Pawlowsche Hunde beim Klingeln einer Glocke fallen sie über die „Abtrün­nigen“ her. Kein noch so abwegiges Argument ist ihnen zu schade, keine Irreführung ausrei­chend. Der Beifall kommt von der falschen Seite. Oh, seit wann entscheiden Schau­spieler, welcher Beifall ihnen recht ist? Gerade diese Schau­spieler dürften sich gar nicht beschweren, weil sie doch nicht in einer prekären Situation leben. Das Andenken der Corona-Toten werde geschändet, ist da gar zu lesen. Kommen­ta­toren wie Imre Grimm vom Redak­ti­ons­netzwerk Deutschland oder Julia Westlake vom Norddeut­schen Rundfunk sind sich nicht zu schade, wutschäumend und polemisch Unwahr­heiten zu verbreiten, selbst­ver­ständlich immer mit Glottis­schlag in der Stimme. In der Abend­nach­rich­ten­sendung des ZDF wird gar mittels einer Grafik sugge­riert, die Hälfte der Schau­spieler habe ihre Videos wieder zurück­ge­zogen. Falsch!

Der Journa­lismus in Deutschland hat heute den mühsam aufrecht erhal­tenen Anschein von Unschuld verloren. Wenn irgend­jemand noch daran gezweifelt hat, dass es statt Bericht­erstattung nur noch Meinung gibt, ist heute eines Besseren belehrt worden. Dass er sich dabei willfäh­riger Helfer bedient, wurde noch nie so deutlich wie nach dieser kleinen künst­le­ri­schen Aktion. Da wanzen Schau­spieler vor die Kamera, um ihren Kollegen in den Rücken zu fallen, bei denen man jeden einzelnen fragen kann: Welchen künst­le­ri­schen Beitrag hast Du eigentlich im letzten Jahr geleistet? Die Antwort wird immer gleich ausfallen. Keinen. Der Grünen-Politiker Robert Habeck betrachtet die Kunst­aktion als „unange­messen“. Warum? Keine Antwort. Nicht nötig. Selbst geltungs­süchtige Pflege­kräfte werden vor die Kamera oder den Fotoap­parat gezerrt, um zu bekunden, wie abscheulich diese Schau­spieler sich verhalten. Regis­seure, die seit einem Jahr ihre Balkone pflegen, fühlen sich bemüßigt, die Kunst­aktion zu kriti­sieren. Wo waren sie im vergan­genen Jahr? Außer auf dem Balkon? In keinem Fall setzt sich irgend­jemand sachlich mit der Kunst­aktion ausein­ander. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.

Oder doch. Wenn 53 Schau­spieler mit einer Aktion ausreichen, um „die Medien“ zum wilden Stier zu machen, was wäre wohl, wenn Theater, Regis­seure, Schau­spieler, Sänger, Tänzer und andere Künstler – wir wollen hier ja alle meinen – gemeinsam aufge­standen wären? Dann wäre diese Republik heute vermutlich eine andere. Dann regierte vielleicht weiter die Vernunft anstatt heute die Moral. Letztere braucht keine Grund­rechte, aber in ihrem Sinn funktio­nie­rende Medien.

Michael S. Zerban

Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin oder des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

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