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Mit der Aktion #allesdichtmachen haben namhafte Schauspieler alles erreicht, was sie überhaupt bewirken konnten. Seitdem müssen die Akteure reflexhafte Gegenwehr von Medien und Kollegen ertragen, die ihrerseits tatenlos zusehen, wie Kultur und Gesellschaft einen heute noch nicht zu überschauenden Schaden nehmen. Ein Plädoyer für mehr Kunst.

Verzweifeln Sie, aber zweifeln Sie nicht“, schließt Jan Josef Liefers den vielleicht besten Auftritt seines Lebens ab. Knapp anderthalb Minuten hat der Schauspieler gesprochen. Mit beißender Ironie verweist er auf die Rolle „der Medien“ während der Pandemie. Das Video ist Bestandteil einer künstlerischen Aktion unter dem Hashtag #allesdichtmachen, mit der 53 bekannte Schauspieler darauf hinweisen, dass kritische Fragen zu den Maßnahmen der Politik in der Corona-Krise nicht erwünscht sind, ein Diskurs mit Macht unterbunden wird. Es sind samt und sonders Personen des öffentlichen Lebens, die frei von jedem Verdacht sind, der AfD, anderen rechten Gruppierungen, Querdenkern oder Verschwörungserzählern nahezustehen. Mit ihren ein- bis zweiminütigen Videos tragen Ulrich Tukur, Meret Becker, Wotan Wilke Möhring und andere prominente Schauspieler mit künstlerischem Ausdruck vor, dass es zu dem, was die Politik gerade in Deutschland veranstaltet, eine ganze Reihe kritischer Fragen gibt. Sie liefern das ab, auf was jeder vernünftig denkende Mensch seit mehr als einem Jahr wartet. Dass sich Kultur aktiv mit der gesellschaftspolitischen Situation auseinandersetzt und dazu mit ihren Mitteln äußert.
Man könnte sich mit diesen Videos jetzt rational auseinandersetzen und stellte vermutlich fest, dass der eine Auftritt gelungener als der andere ist, manche richtig gut sind, aber alle bei aller gebotenen Kritik respektvoll bleiben. Weder wird die Existenz eines Virus angezweifelt, noch wird die Arbeit von Pflegekräften und ärztlichem Personal diskreditiert oder gar pietätlos mit den Menschen umgegangen, die in Folge einer Corona-Infektion verstorben sind. Nichts dergleichen. Schließlich ging es den Darstellern nicht darum, eine politische Front aufzubauen, sondern um ihre ureigene Aufgabe: Das Publikum mit Fragen zu konfrontieren, die im gesellschaftspolitischen Diskurs eigentlich dringend erörtert werden müssten, aber schlicht nicht mehr stattfinden. Dabei konnte so manch einer zeigen, dass er wahrhaftig mehr drauf hat als das seichte Zeug, das im Fernsehen von ihm zu sehen ist. „Befreit euch von eurer eigenen Meinung. Denn keine eigene Meinung ist die beste Meinung“, trägt beispielsweise Nina Gummich brillant vor. Da hat sie vermutlich noch nicht mit den Meinungsmachern gerechnet, denn sie lächelt noch.
Seit mehr als einem Jahr warten wir darauf, dass Künstler sich gegen das Unrecht zur Wehr setzen, das ihnen widerfährt. Nichts ist passiert. Verbände haben Briefe an die Regierung geschrieben, wie ungerecht doch die Schließung von Kulturstätten wäre, Selbsthilfegruppen fordern finanzielle Hilfspakete, die funktionieren, übrigens vergebens. Das ist alles im eigenen Saft geschmort und gewendet. Eisiges Schweigen der Intendanten. Gut, hier und da mal ein „Protestsong“. Und immer wieder ist das Publikum schnell abgefertigt. „Ihr fehlt uns“, ist da zu hören. Künstlerische Auseinandersetzung? Null. Laut werden gegen Missachtung der Grundrechte? Fehlanzeige.
Anscheinend mit gutem Grund. Wer Kritik äußert, wird mundtot gemacht. Umgehend. Gründlich. Das haben „die Medien“ einen Tag nach der Veröffentlichung der Videos gezeigt. Ja, da wurde ein Exempel statuiert. Von Medien, denen Liefers die Maske vom Gesicht gerissen hat. Wo kommen wir da auch hin? Als der Bundestag die „Bundesnotbremse“ durchwinkte – welch ein Begriff – gab es gefühlt nicht halb so viele Kommentare wie am Tag nach der Veröffentlichung der Videos von ein paar Künstlern. Blätter wie der Spiegel überschlugen sich förmlich mit geifernden Kommentaren. Medien wie öffentlich-rechtliche Fernsehsender, die sich seit Monaten als Herolde der Regierung verkaufen. Eine Angstkulisse aufbauen, in der sie mit nicht überprüfbaren Zahlen um sich werfen, die in keinen unbedingt notwendigen Kontext gesetzt werden. Medien, die den SPD-Politiker Lauterbach als Scharfmacher der Nation vor die Kameras zerren. Reflexhaft wie Pawlowsche Hunde beim Klingeln einer Glocke fallen sie über die „Abtrünnigen“ her. Kein noch so abwegiges Argument ist ihnen zu schade, keine Irreführung ausreichend. Der Beifall kommt von der falschen Seite. Oh, seit wann entscheiden Schauspieler, welcher Beifall ihnen recht ist? Gerade diese Schauspieler dürften sich gar nicht beschweren, weil sie doch nicht in einer prekären Situation leben. Das Andenken der Corona-Toten werde geschändet, ist da gar zu lesen. Kommentatoren wie Imre Grimm vom Redaktionsnetzwerk Deutschland oder Julia Westlake vom Norddeutschen Rundfunk sind sich nicht zu schade, wutschäumend und polemisch Unwahrheiten zu verbreiten, selbstverständlich immer mit Glottisschlag in der Stimme. In der Abendnachrichtensendung des ZDF wird gar mittels einer Grafik suggeriert, die Hälfte der Schauspieler habe ihre Videos wieder zurückgezogen. Falsch!
Der Journalismus in Deutschland hat heute den mühsam aufrecht erhaltenen Anschein von Unschuld verloren. Wenn irgendjemand noch daran gezweifelt hat, dass es statt Berichterstattung nur noch Meinung gibt, ist heute eines Besseren belehrt worden. Dass er sich dabei willfähriger Helfer bedient, wurde noch nie so deutlich wie nach dieser kleinen künstlerischen Aktion. Da wanzen Schauspieler vor die Kamera, um ihren Kollegen in den Rücken zu fallen, bei denen man jeden einzelnen fragen kann: Welchen künstlerischen Beitrag hast Du eigentlich im letzten Jahr geleistet? Die Antwort wird immer gleich ausfallen. Keinen. Der Grünen-Politiker Robert Habeck betrachtet die Kunstaktion als „unangemessen“. Warum? Keine Antwort. Nicht nötig. Selbst geltungssüchtige Pflegekräfte werden vor die Kamera oder den Fotoapparat gezerrt, um zu bekunden, wie abscheulich diese Schauspieler sich verhalten. Regisseure, die seit einem Jahr ihre Balkone pflegen, fühlen sich bemüßigt, die Kunstaktion zu kritisieren. Wo waren sie im vergangenen Jahr? Außer auf dem Balkon? In keinem Fall setzt sich irgendjemand sachlich mit der Kunstaktion auseinander. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.
Oder doch. Wenn 53 Schauspieler mit einer Aktion ausreichen, um „die Medien“ zum wilden Stier zu machen, was wäre wohl, wenn Theater, Regisseure, Schauspieler, Sänger, Tänzer und andere Künstler – wir wollen hier ja alle meinen – gemeinsam aufgestanden wären? Dann wäre diese Republik heute vermutlich eine andere. Dann regierte vielleicht weiter die Vernunft anstatt heute die Moral. Letztere braucht keine Grundrechte, aber in ihrem Sinn funktionierende Medien.
Michael S. Zerban