O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Andreas H. Hölscher - Foto © O-Ton

Zurück vom Ring

Die Neuin­sze­nierung von Wagners Ring des Nibelungen bei den diesjäh­rigen Bayreuther Festspielen hat einen Sturm der Empörung entfacht. Doch ist die kollektive Ablehnung auch angebracht? Werfen wir einen Blick zurück auf „Neu-Bayreuth“, werden wir feststellen: So viel Neues ist gar nicht geschehen. 

Festspielhaus Bayreuth – Foto © Peter E. Rytz

„Weißt Du, wie das wird?“ So fragt die Zweite Norn im Vorspiel von Richard Wagners Götter­däm­merung ihre Schwester, der sie das Seil zuwirft. Zuvor hat die Erste Norn schon die Frage gestellt: „Weisst Du wie das ward?“ Der Kenner des Werkes weiß natürlich, was am Ende dieser Szene passiert. Das Seil reißt, und die Szene endet mit den treff­lichen Worten der drei Nornen: „Zu End‘ ewiges Wissen! Der Welt melden Weise nichts mehr: – hinab zur Mutter, hinab!“ Die Nornen-Szene steht symbo­lisch für das, was sich gerade bei den diesjäh­rigen Bayreuther Festspielen ereignet hat.

Als sich am 5. August 2022 gegen 22.30 Uhr der Vorhang über die Premiere der Götter­däm­merung und damit auch über die gesamte Neuin­sze­nierung von Wagners Ring des Nibelungen bei den diesjäh­rigen Festspielen senkt, bricht ein regel­rechter Buh-Orkan im Publikum los, der als beispiellos gilt und neben dem Team um Regisseur Valentin Schwarz auch den Dirigenten Cornelius Meister und die Darstel­lerin der Brünn­hilde, Iréne Theorin, erfasst. Selten war sich ein Publikum so einig in einer kollek­tiven Ablehnung, in einigen Medien wurde tags drauf von den „Wutbürgern aus Bayreuth“ gesprochen, und der „Mythos Bayreuth“ sei nun endgültig zerstört. Doch was ist der Hinter­grund der so drasti­schen Reaktion? Ist es nur die Ablehnung einer Insze­nierung, die nach Meinung vieler Zuschauer in der Handlung nichts mehr mit Wagners Ring zu tun hat?

Das ist kein neues Phänomen, auch nicht in Bayreuth. Gilt dieser Orkan der Ablehnung stell­ver­tretend nicht eher der Festspiel­leitung, insbe­sondere Katharina Wagner? Anlass genug, etwas tiefer hinter die Kulissen zu schauen und die Frage zu stellen, ob es den „Mythos Bayreuth“ heute überhaupt noch gibt, ob es ihn jemals gab und wenn ja, ob er in der Zukunft Bestand haben wird. Auf eine einge­hende Kritik der aktuellen Insze­nie­rungen in Bayreuth verzichte ich an dieser Stelle ganz bewusst, denn davon hat es in den letzten drei Wochen seit Eröffnung der diesjäh­rigen Festspiele im Überfluss gegeben. Doch um die Reaktion des Publikums verstehen und nachvoll­ziehen zu können, lohnt sich der Blick zurück.

Im vergan­genen Jahr gab es in Bayreuth ein beson­deres Jubiläum zu feiern, nämlich den 70. Jahrestag des Beginns der Ära „Neu-Bayreuth“. Doch was hat es mit diesem Begriff auf sich, und ist er mittler­weile nicht doch veraltet? Oder erleben wir gerade eine Zäsur, die „Neu-Bayreuth 2022“ neu definiert? Wenn man diesen Begriff googelt, findet man einen inter­es­santen Artikel von Johannes Jacobi, den er unter dem Titel Neu-Bayreuth und seine Vorgänger in der Zeit veröf­fent­licht hat. Doch seine Ausfüh­rungen zu Neu-Bayreuth geraten sehr kurz, kein Wunder, der Artikel ist vom 30. November 1962. Jacobi spricht vom „Enkel-Bayreuth“, und bezieht sich dabei auf die Brüder Wieland und Wolfgang Wagner, Enkel des Kompo­nisten Richard Wagner und Begründer der Ära „Neu-Bayreuth“. Doch was bedeutet „Neu-Bayreuth“ wirklich, wie war seine Entwicklung und wo stehen die Bayreuther Festspiele heute, 146 Jahre nach ihrem Beginn und 71 Jahre nach ihrem Neuanfang?

Weißt du, wie das ward?

Am 30. Juli 1951 konnten die Bayreuther Festspiele nach sieben­jäh­riger Pause wieder­auf­ge­nommen werden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Brüder Wieland und Wolfgang Wagner gleich­be­rechtigt als Festspiel­leiter und Regis­seure tätig. Mit Wieland Wagners Neuin­sze­nierung des Parsifal begann die Epoche von Neubay­reuth. Sie war vor allem von Wielands revolu­tio­nären Neudeu­tungen der Wagner­schen Werke geprägt, die weltweit zum Vorbild wurden. Für diese erste Aufführung des Parsifal zeichnete Wieland Wagner für Regie und Bühnenbild verant­wortlich, und der Dirigent Hans Knapperts­busch gab sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen. Gespielt wurde auf nahezu leerer Bühne, fast ohne Requi­siten und ohne jeden Bezug zu histo­ri­scher Realität. Das Zitat von Gurnemanz „Zum Raum wird hier die Zeit“ schien Wirklichkeit geworden zu sein. Für die Altvor­deren, die Anhänger des „alten Bayreuth“, muss es ein Kultur­schock gewesen sein. Dennoch – dieser Wielandsche Parsifal markierte den Beginn einer neuen Epoche der Bayreuther Festspiele: „Neubay­reuth“. Beispielhaft für Wieland Wagners Deutungen seiner Insze­nie­rungen seien die Worte aus einem Interview vom 12. August 1963: „Ja, ich möchte sagen, dass beim Theater der Weg das Ziel ist; es gibt beim Theater niemals verbind­liche Lösungen, und hat man eine verbind­liche Lösung gefunden – das zeigt die Arbeit aller wirklich großen Theater­leute – dann ist sie bereits tot, und man muss eine neue Lösung finden.“ Eine Aussage, die man auch so auf die heutige Sicht­weise der Wagner-Insze­nie­rungen übertragen kann.

Wieland Wagners Theater­arbeit beruhte auf den Prinzipien: Deuten, Klären, Sichten und Sicht­bar­ma­chung tieferer Struk­turen jenseits der Szenen­an­wei­sungen. So schuf er ein neuar­tiges Insze­nie­rungs­modell zwischen Mythos und Moderne, zwischen dem alten Griechentum und Freuds Psycho­analyse, zwischen Brecht und Aischylos, zwischen Natura­lismus und Spiri­tua­lismus, Konkretheit und Abstraktion. Wieland Wagner insze­nierte meist auf einer kreis­för­migen Spiel­fläche, seiner „Welten­scheibe“, die gerne scherzhaft auch „Wielands Kochplatte“ genannt wurde. Auf der das ewige All symbo­li­sie­renden Bühne kreierte er seine tiefen­psy­cho­lo­gisch-abstrakten Insze­nie­rungen mit einer ganz eigenen Körper­sprache. „Hier gilt’s der Kunst“ ist quasi das Motto des Neuan­fangs. Die nur 15 Jahre währende Schaf­fens­pe­riode Wieland Wagners in Bayreuth war nicht nur ein entpo­li­ti­sierter Neuanfang, sondern auch die Basis des Schaffens für viele Regis­seure, die folgen sollten.

Abstraktion und Verdichtung

Dass Wieland Wagners Sicht­weise eine ganze Generation von Regis­seuren beein­flusst hat, liegt auf der Hand. Robert Wilson und Romeo Castel­lucci seien hier stell­ver­tretend genannt. Während Wilson mit seinen choreo­gra­fierten Insze­nie­rungen, den schon fast zeitlu­pen­mäßig anmutenden sparsamen Bewegungen weg vom Realismus für eine Fortführung der Ideen Wieland Wagners steht, zielen Castel­luccis Arbeiten auf eine ganzheit­liche Wahrnehmung der Gesamtheit der Künste ab, wie man in der Don-Giovanni-Insze­nierung bei den letzt­jäh­rigen Salzburger Festspielen erfahren konnte. In Wagners Parsifal lässt er den Gral einfach aus, indem zur Verwand­lungs­musik ein geschlos­sener Vorhang im hellen Licht zu sehen ist, auf dem ein Apostroph einge­blendet ist. Es ist die wörtliche Umsetzung des Zitates „der zeigt sich nicht“. Ob Castel­lucci damit wirklich in einer Nachfol­ge­tra­dition von Wieland Wagner zu betrachten ist, scheint durchaus diskussionswürdig.

Zu den bedeu­tendsten Auffüh­rungen in Bayreuth der letzten 50 Jahre gehören zweifelsohne neben den Produk­tionen Wieland Wagners der Tannhäuser von 1972 in der Insze­nierung von Götz Friedrich, der sogenannte Jahrhun­dertring 1976 von Patrice Chéreau, der Fliegende Holländer 1978 von Harry Kupfer, Werner Herzogs Lohengrin von 1987 und Heiner Müllers Tristan von 1993. Auch der Parsifal in der Insze­nierung von Stefan Herheim 2008 und der aktuelle Tannhäuser aus dem Jahre 2019 von Tobias Kratzer, an dem sich aller­dings die Geister scheiden, dürfen sich in diese Liste einreihen. Barrie Koskys letzt­jährig zu Ende gegangene Produktion der  Meister­singer von Nürnberg hat auf humor­volle Art, vor allem im ersten Aufzug, den „Wagner-Clan“ unter die Lupe genommen und hat nach der letzten Vorstellung schon fast Kultstatus erreicht. Konsens dürfte darüber herrschen, dass der letzte Ring in Bayreuth von Frank Castorf und die aktuelle Insze­nierung des Fliegenden Holländer von Dmitrij Tcher­niakov in ihrer Bedeut­samkeit für die Rezep­ti­ons­ge­schichte der Bayreuther Festspiele nur eine Randnotiz darstellen.

Was die aktuelle Neuin­sze­nierung des Ring des Nibelungen von Valentin Schwarz betrifft, so ist es vielleicht noch verfrüht, den endgül­tigen Stab der Verdammung zu brechen. Schwarz werden neben der inhalt­lichen Verfremdung des Werkes auch viele handwerk­liche Regie­fehler vorge­halten. Das Besondere der Bayreuther Festspiele ist ja ihr Werkstatt­cha­rakter. Das Regieteam hat also in den nächsten Jahren durchaus noch Zeit für notwendige Korrek­turen, wenn sie die denn überhaupt wollen. Der Jahrhun­dertring von Patrice Chéreau und Heiner Müllers Tristan sind Beispiele von Insze­nie­rungen, die zur Premiere vom Publikum abgelehnt wurden und zum Schluss nach mehrjäh­riger Auffüh­rungs­dauer vom Publikum gefeiert wurden. Das dem aktuellen Ring dieses Schicksal wider­fahren könnte, erscheint zum momen­tanen Zeitpunkt so unvor­stellbar wie eine Wagner-Aufführung auf dem Mond.

Zäsur

Im Laufe der Geschichte von „Neu-Bayreuth“ hat es immer wieder bedeutsame Einschnitte gegeben. Nach Wieland Wagners viel zu frühem Tod im Jahre 1966 mit nur 49 Jahren übernahm sein Bruder Wolfgang die alleinige Leitung der Festspiele, die er bis zu seinem Abschied zum Ende der Festspiele 2008 insgesamt über 50 Jahre innehatte. Es war Wolfgang Wagner, der die Festspiele für neue Regis­seure und neue Gedanken öffnete, ohne dabei auf eigene Insze­nie­rungen zu verzichten. So erlebte die Neuin­sze­nierung des Tannhäuser 1972 durch Götz Friedrich und in den Bühnen­bildern von Jürgen Rose den bis dahin größten Bayreuther Theater­skandal. Friedrich, ein Schüler Walter Felsen­steins, insze­nierte den Tannhäuser explizit als Gesell­schafts­kritik. „Die reaktionäre Wartburg­ge­sell­schaft meine er ganz konkret in dem Publikum wieder­zu­finden, das auf den Grünen Hügel pilgert, um Kunst und Frieden zu finden“, schreibt Oswald Georg Bauer in seinem großen Band über die Geschichte der Bayreuther Festspiele. Friedrich, DDR-Bürger, wollte politische Aktua­lität und der dekadenten westlichen Gesell­schaft den Spiegel vorhalten. Bauer beschreibt nicht nur detail­liert die für die damalige Zeit revolu­tionäre Neuin­sze­nierung, sondern beleuchtet auch den gesell­schaft­lichen Diskurs, den die Aufführung auch außerhalb der Festspiele auslöste. Doch nicht nur die Publi­kums­schelte Fried­richs sorgte damals für heftige Diskus­sionen, auch eine neue Art von Leben­digkeit auf der Bühne, die man bisher so nicht kannte, sorgte für Unruhe. So lief Gwyneth Jones in der Rolle der Elisabeth vor ihrer Hallenarie völlig aufgelöst hin und her, was für so manchen altein­ge­ses­senen Wagne­rianer einem Sakrileg gleichkam. Übertroffen wurde dieser Tannhäuser-Skandal nur vier Jahre später von dem, was die Jahrhun­dertring-Insze­nierung von Patrice Chéreau im Jubilä­umsjahr 1976 auslöste. Pierre Boulez dirigierte, Richard Peduzzi entwarf die Bühnen­bilder. Doch was als Skandal begann, endete 1980 als der größte Triumph der Festspiele. Chéreau wollte weg von Symbolen und Mythos, hin zum Mensch­lichen in der Geschichte, die er ganz nahe an die Zuschauer bringen wollte. Wenn man sich ohne Emotionen die Aussagen von Valentin Schwarz zu seinem Ring anschaut, dann sind die erstmal gar nicht so weit weg von Chéreau. Auch Schwarz will keine Symbolik, keinen Mythos, sondern er möchte eine „Famili­en­ge­schichte“ erzählen, und bedient sich dabei gerne beim Strea­ming­dienst Netflix, wo solche „Geschichten“ angeblich reihen­weise abrufbar sind. Die meisten Serien bei Netflix sind durchaus spannend, viele haben den typischen ameri­ka­ni­schen Humor und eignen sich für ein Alter­na­tiv­pro­gramm, wenn das öffentlich-recht­liche Fernsehen im Sommerloch den Tatort aus der Konserve präsen­tiert. Doch taugt der Vergleich überhaupt? Mal davon abgesehen, dass die meisten Zuschauer in Bayreuth mit diesem Strea­ming­dienst überhaupt nichts anfangen können, verbietet sich der Vergleich. Netflix ist ausschließlich kommer­ziell orien­tiert, hier zählt nur die Quote. Die Bayreuther Festspiele, und das darf man bei aller Diskus­si­ons­freude nicht vergessen, werden zu einem Großteil durch öffent­liche Gelder und Spenden finan­ziert, die Eintritts­gelder decken da nur einen geringen Anteil der Kosten.

Weißt du, wie das wird?

Für den Blick in die Zukunft sei Oswald Georg Bauer und sein Werk zur Festspiel­ge­schichte noch einmal zitiert: „Wagner wollte das Ringen um das Unmög­liche! Bayreuth muss bemüht sein, der Ausnah­me­zu­stand des Theaters zu sein, nur so hat es seine vom Gründer geschaffene Daseins­be­rech­tigung. Es war immer groß und bedeutend, wenn es wider­ständig war, wenn es voraus dachte, Entwick­lungen nicht kopierte, sondern eigene Entwick­lungen schuf.“ Ob das Zitat nun auch für den aktuellen Ring und für Valentin Schwarz gilt, sei dahin­ge­stellt. Spannend wird es werden, wenn die Bayreuther Festspiele 2023 einen neuen Parsifal auf die Bühne bringen. Der US-ameri­ka­nische Regisseur Jay Scheib, Professor am renom­mierten Massa­chu­setts Institute of Technology, soll Richard Wagners letzte Oper insze­nieren. „Im besten Fall wird man nicht immer sagen können, was echt ist und was nur virtuell”, sagte Scheib im Vorfeld. Darum soll es auf dem Grünen Hügel „das erste Mal eine komplette Insze­nierung in Augmented Reality geben”. Konkret bedeutet das, dass zu einem echten Bühnenbild virtuelle Elemente dazu kommen, die nur mit einer entspre­chenden Brille zu erkennen sind. Ob das technisch umsetzbar ist, und ob die altein­ge­ses­senen Wagne­rianer in Bayreuth sich auf dieses Experiment einlassen werden, wird sich dann zeigen.

In der Gesamt­schau muss natürlich auch die Rolle von Katharina Wagner beleuchtet werden, seit 2015 alleinige Leiterin der Festspiele und damit künst­le­risch verant­wortlich für die Beset­zungen, seien es Regis­seure, Dirigenten oder Sänger. Viele, die jetzt aus der Emotion heraus die Demission Wagners fordern, sollten aber weiter­denken. Weißt du, wie das wird? Der „Mythos Bayreuth“ lebt auch seit der Eröffnung der Festspiele 1876 vom Kompo­nisten Richard Wagner und seinen Nachfahren. Natürlich reicht der Name „Wagner“ alleine nicht aus, um die künst­le­rische Leitung der Festspiele zu legiti­mieren. Über Katharina Wagners Fähig­keiten und Fertig­keiten und ihr Geschick sowie ihre Kommu­ni­ka­ti­ons­stra­tegie gibt es genauso viele diver­gente Meinungen wie über die aktuellen Insze­nie­rungen in Bayreuth. Dass etwas passieren muss, da sind sich Experten wie Wagne­rianer einig. Ob es mit einem Wechsel in der Festspiel­leitung alleine getan ist, darf aller­dings bezweifelt werden. Dass die Struk­turen nicht trans­parent sind, auch das ist allgemein bekannt. Der „Mythos Bayreuth“ aber lebt vor allem durch den Werkstatt­cha­rakter und den Anspruch, dass die Besten ihres Faches in Sachen Wagner in Bayreuth wirken. Und hier muss der Hebel angesetzt werden. Talente müssen gesucht und verpflichtet werden, unver­brauchte Stimmen und Dirigenten. Regis­seure, die wirklich eine Geschichte erzählen können. Und es muss Mentoren und Tutoren geben, die ihre Erfah­rungen aus Bayreuth an die nächste Generation weiter­geben. Als Beispiel sei hier der Dirigent Christian Thielemann genannt, der seit Felix Mottl der einzige lebende Dirigent ist, der alle zehn in Bayreuth aufge­führten Werke Wagners dirigiert hat. Wenn nicht er, wer sonst soll einem jungen und mit dem Bayreuther Graben nicht vertrauten Dirigenten die notwen­digen Hilfe­stel­lungen geben? Ob so etwas durch­setzbar und prakti­kabel ist, wissen vielleicht nur die Nornen. Aber eine unauf­ge­regte Diskussion könnte mögli­cher­weise Abhilfe schaffen.

Als ich vor über dreißig Jahren zum ersten Mal nach Bayreuth „gepilgert“ bin, war die ganze Stadt im Wagner-Fieber. Jedes Geschäft hatte während der Festspiele eine Büste, ein Plakat, einen Klavier­auszug von Wagner im Schau­fenster. Man fühlte sich als Stadt mit den Festspiel­gästen und dem Festspielhaus verbunden, und man konnte den „Mythos Wagner“ förmlich spüren. Als ich vor vierzehn Tagen anlässlich des Schubert-Lieder­abends von Konstantin Krimmel im Haus Wahnfried die Zeit hatte, einen ausge­dehnten Spaziergang durch Bayreuths Innen­stadt zu machen, da habe ich mit Mühe ein einziges Geschäft entdeckt, wo etwas versteckt im Schau­fenster eine Richard-Wagner-Büste stand. Ansonsten merkte man in der Stadt selbst nicht, dass Festspielzeit ist. Das ist auch ein Indikator dafür, wie weit sich die Bayreuther Festspiele vom Alltag entfernt haben.

Ein weiteres Beispiel für die Entfremdung der Festspiele ist die aktuelle Preis­po­litik. Sie führt dazu, dass sich, ähnlich wie bei den Salzburger oder Münchner Opern­fest­spielen, nur noch betuchte Menschen eine Wagner-Aufführung in Bayreuth leisten können. Wenn ich für den Premieren-Ring in der besten Platz-Kategorie über 1.700 Euro zahlen muss, dann ist schnell klar, dass Bayreuth in Zukunft nur noch für eine kleine Minderheit erschwinglich ist. Das muss Bestandteil der zukünf­tigen Diskussion sein.

Fakt ist, so wie in diesem Jahr kann und darf es nicht weiter­gehen. Eine offene Diskussion über eine Neuaus­richtung der Festspiele darf keine Tabus mehr enthalten, sie muss schonungslos die Neuin­sze­nierung des Ring aufar­beiten, aber auch die Rolle Katharina Wagners als Leiterin kritisch hinter­fragen und eine solide Preis­po­litik für die Zukunft definieren. Oder um mit Hagens letzten Worten im Ring zu schließen: Zurück vom Ring!

Andreas H. Hölscher

Kommentare geben die persönliche Meinung  des Verfassers, aber nicht in jedem Fall die Auffassung von O‑Ton wieder.

Teilen Sie sich mit: