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Wieder ist das Opernhaus in Lyon bis auf den nahezu letzten Platz gefüllt. Eine Wagner-Premiere gibt es auch hier nicht alle Tage, egal, wann sie entstanden ist. Diese Aufführung von Tristan und Isolde hat Heiner Müller 1993 inszeniert, zu einer Zeit also, als ihm sein gesamtes künstlerisches Repertoire zur Verfügung stand. Heiner Müller, der Superstar …
Was eigentlich ist Erinnerung? Eine Einflussnahme äußerer oder innerer Geschehnisse auf das Hirn, das tatsächliche Ereignisse so umformuliert, dass wir sie im Rückblick ertragen. Oder auch, besonders in Kreisen von Opernliebhabern und ‑kritikern, eine ständige Verklärung, die die Vergangenheit als uneinholbar erklärt. Bis heute wird die Stimme der Maria Callas von vielen zur Referenz erklärt, obwohl die Aufnahmen ihrer Stimme höchst einfach waren und mit den heutigen Hörgewohnheiten nur noch sehr bedingt korrelieren. Nicht viel anders verhält es sich mit einem Heiner Müller. Befragt man Menschen, die seine Inszenierungen noch selbst erlebt haben – der Theatermacher ist 1995 verstorben – entsteht der Eindruck, als habe es vor oder nach ihm kein Regie-Theater gegeben.
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Entsprechend hoch sind die Erwartungen und das Glänzen in den Augen der Älteren, die in Bayreuth seine Tristan-und-Isolde-Regie selbst durchlitten haben. Die Oper Lyon hat die Inszenierung im Rahmen ihres Festival Mémoires in die zweitgrößte Stadt Frankreichs geholt. Und ruft damit das Krachen im Gebälk des Regie-Theaters erneut hervor. Um, das sei vorweg gesagt, einen Mythos zu zerstören. Eine solche Mammutaufgabe scheint kein Haus mehr alleine stemmen zu können. Also ist die neue Produktion in Zusammenarbeit mit dem Landestheater Linz entstanden, wo das Stück ab dem 15. September des kommenden Jahres zu erleben sein wird.
Müller hat seine Darsteller wie Schachfiguren in einer ungewöhnlichen Bühnenkonstellation bewegt, die seinerzeit Erich Wonder entwarf. Überraschend ist auf der Bühne ein Guckkasten aufgebaut, der nach vorn mit Gaze abschließt. Drei unterschiedliche Bilder gibt es. Zum einen den rohen, schrägen Holzbau für den ersten Akt, eine Bühne, die mit Harnischen vollgestellt ist, und schließlich eine steinerne Wüste, durch die sich Tristan im Liebestod zu quälen hat. Für die Kostüme sorgte Yohji Yamamoto. Beleuchtet wurde das von Manfred Voss. Ulrich Niepel hat die äußerst differenzierten Lichteffekte nachempfunden. Stephan Suschke hat die Geschehnisse auf der Bühne rekonstruiert. Und er hat, wie Müller, auf die Liebes- zugunsten einer Leidensgeschichte verzichtet. Vor allem aber hat er die überzeichnete Ästhetik der 1980‑, 1990-er Jahre, die stilisierte Statik und eine aufgeriebene Symbolik nachgezeichnet.
Und genau damit zeigt Suschke, dass es mit den Mémoires nicht funktioniert. Was 1993 als Sensation galt, hat sich im Heute überlebt. Die als Lichtgeometrie nachvollzogenen Rechtecke, einst als neue Theaterästhetik gefeiert, verlieren sich heute in der Bedeutungslosigkeit. Kostüme, die einst einen neuen Stil prägten, haben den Weg in die Nachhaltigkeit nicht gefunden. Jetzt erscheinen sie antiquiert, eine Isolde in Sack und Asche wirkt in der Gegenwart eher befremdlich, und wenn sie schließlich als schillernde Konservendose auftritt, hilft das auch nicht weiter.

Unglücklicherweise müssen sich Ann Petersen als Isolde und Alejandro Marco-Buhrmester in der Rolle des Kurwenal auch noch als indisponiert ankündigen lassen. Viel zu aufwändig die Proben, als dass man jetzt noch für Ersatz sorgen könnte. Schmallippig wird die fehlende Disposition verkündet. Insgesamt darf man an diesem Abend mit den Sängern nicht zufrieden sein. Petersen klingt nicht verkühlt, sondern überfordert. Ihre Isolde ist von schneidender Schärfe in den Höhen und fehlender Textverständlichkeit gezeichnet. Aber auch Daniel Kirch klingt als Tristan eher so, dass in der Pause vermutet wird, er hebe sich für den letzten Akt auf, was ja durchaus keine Seltenheit ist. Das bewahrheitet sich nicht. Wenn aber weder Tristan noch Isolde glänzen und König Marke eine Enttäuschung ist, wird der Abend lang.
Immerhin sorgt abermals Hartmut Haenchen für musikalische Genüsse. Er bringt seine umfangreiche Wagner-Erfahrung ein, leitet das Orchester der Oper Lyon mit Verve und weiß sich meist mit den Instrumentalisten eng verbunden. Nur einzelne Worte dringen an das Ohr des Hörers und so konzentriert man sich alsbald auf die Musik, die im Haenchen-Dirigat den Richard Wagner hervortreten lassen, dessentwegen man in der Oper sitzt.
Zurückhaltender Applaus beendet einen sehr langgewordenen Abend.
Im Resümee hat man in drei Vorstellungen sehr unterschiedliche Aspekte der Erinnerungen erlebt, deren Gedanken über den Tag hinausreichen. Ganz im Sinne des Intendanten, der zur Diskussion über ein Thema anregt, das vielleicht viel eher nach Deutschland gehört hätte. Aber da interessiert es ja keinen.
Nach dem Festival, das noch bis zum 5. April andauert, könnte es aber durchaus sein, dass man auch im Geburtsland des Regie-Theaters den Diskurs erneut aufgreift. In Lyon jedenfalls hat ein sehr angenehmes Festival-Klima Einzug gehalten, das Lust auf mehr macht. Im kommenden Jahr wird man sich dann sehr stark auf Verdi konzentrieren.
Michael S. Zerban