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Im Guckkasten der Hyper-Ästhetik

TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)

Besuch am
18. März 2017
(Premiere)

 

Opéra national de Lyon

Wieder ist das Opernhaus in Lyon bis auf den nahezu letzten Platz gefüllt. Eine Wagner-Premiere gibt es auch hier nicht alle Tage, egal, wann sie entstanden ist. Diese Aufführung von Tristan und Isolde hat Heiner Müller 1993 insze­niert, zu einer Zeit also, als ihm sein gesamtes künst­le­ri­sches Reper­toire zur Verfügung stand. Heiner Müller, der Superstar …

Was eigentlich ist Erinnerung? Eine Einfluss­nahme äußerer oder innerer Gescheh­nisse auf das Hirn, das tatsäch­liche Ereig­nisse so umfor­mu­liert, dass wir sie im Rückblick ertragen. Oder auch, besonders in Kreisen von Opern­lieb­habern und ‑kritikern, eine ständige Verklärung, die die Vergan­genheit als unein­holbar erklärt. Bis heute wird die Stimme der Maria Callas von vielen zur Referenz erklärt, obwohl die Aufnahmen ihrer Stimme höchst einfach waren und mit den heutigen Hörge­wohn­heiten nur noch sehr bedingt korre­lieren. Nicht viel anders verhält es sich mit einem Heiner Müller. Befragt man Menschen, die seine Insze­nie­rungen noch selbst erlebt haben – der Theater­macher ist 1995 verstorben – entsteht der Eindruck, als habe es vor oder nach ihm kein Regie-Theater gegeben.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Entspre­chend hoch sind die Erwar­tungen und das Glänzen in den Augen der Älteren, die in Bayreuth seine Tristan-und-Isolde-Regie selbst durch­litten haben. Die Oper Lyon hat die Insze­nierung im Rahmen ihres Festival Mémoires in die zweit­größte Stadt Frank­reichs geholt. Und ruft damit das Krachen im Gebälk des Regie-Theaters erneut hervor. Um, das sei vorweg gesagt, einen Mythos zu zerstören. Eine solche Mammut­aufgabe scheint kein Haus mehr alleine stemmen zu können. Also ist die neue Produktion in Zusam­men­arbeit mit dem Landes­theater Linz entstanden, wo das Stück ab dem 15. September des kommenden Jahres zu erleben sein wird.

Müller hat seine Darsteller wie Schach­fi­guren in einer ungewöhn­lichen Bühnen­kon­stel­lation bewegt, die seinerzeit Erich Wonder entwarf. Überra­schend ist auf der Bühne ein Guckkasten aufgebaut, der nach vorn mit Gaze abschließt. Drei unter­schied­liche Bilder gibt es. Zum einen den rohen, schrägen Holzbau für den ersten Akt, eine Bühne, die mit Harni­schen vollge­stellt ist, und schließlich eine steinerne Wüste, durch die sich Tristan im Liebestod zu quälen hat. Für die Kostüme sorgte Yohji Yamamoto. Beleuchtet wurde das von Manfred Voss. Ulrich Niepel hat die äußerst diffe­ren­zierten Licht­ef­fekte nachemp­funden. Stephan Suschke hat die Gescheh­nisse auf der Bühne rekon­struiert. Und er hat, wie Müller, auf die Liebes- zugunsten einer Leidens­ge­schichte verzichtet. Vor allem aber hat er die überzeichnete Ästhetik der 1980‑, 1990-er Jahre, die stili­sierte Statik und eine aufge­riebene Symbolik nachgezeichnet.

Und genau damit zeigt Suschke, dass es mit den Mémoires nicht funktio­niert. Was 1993 als Sensation galt, hat sich im Heute überlebt. Die als Licht­geo­metrie nachvoll­zo­genen Rechtecke, einst als neue Theater­äs­thetik gefeiert, verlieren sich heute in der Bedeu­tungs­lo­sigkeit. Kostüme, die einst einen neuen Stil prägten, haben den Weg in die Nachhal­tigkeit nicht gefunden. Jetzt erscheinen sie antiquiert, eine Isolde in Sack und Asche wirkt in der Gegenwart eher befremdlich, und wenn sie schließlich als schil­lernde Konser­vendose auftritt, hilft das auch nicht weiter.

Foto © Bertrand Stofleth

Unglück­li­cher­weise müssen sich Ann Petersen als Isolde und Alejandro Marco-Buhrmester in der Rolle des Kurwenal auch noch als indis­po­niert ankün­digen lassen. Viel zu aufwändig die Proben, als dass man jetzt noch für Ersatz sorgen könnte. Schmal­lippig wird die fehlende Dispo­sition verkündet. Insgesamt darf man an diesem Abend mit den Sängern nicht zufrieden sein. Petersen klingt nicht verkühlt, sondern überfordert. Ihre Isolde ist von schnei­dender Schärfe in den Höhen und fehlender Textver­ständ­lichkeit gezeichnet. Aber auch Daniel Kirch klingt als Tristan eher so, dass in der Pause vermutet wird, er hebe sich für den letzten Akt auf, was ja durchaus keine Seltenheit ist. Das bewahr­heitet sich nicht. Wenn aber weder Tristan noch Isolde glänzen und König Marke eine Enttäu­schung ist, wird der Abend lang.

Immerhin sorgt abermals Hartmut Haenchen für musika­lische Genüsse. Er bringt seine umfang­reiche Wagner-Erfahrung ein, leitet das Orchester der Oper Lyon mit Verve und weiß sich meist mit den Instru­men­ta­listen eng verbunden. Nur einzelne Worte dringen an das Ohr des Hörers und so konzen­triert man sich alsbald auf die Musik, die im Haenchen-Dirigat den Richard Wagner hervor­treten lassen, dessent­wegen man in der Oper sitzt.

Zurück­hal­tender Applaus beendet einen sehr langge­wor­denen Abend.

Im Resümee hat man in drei Vorstel­lungen sehr unter­schied­liche Aspekte der Erinne­rungen erlebt, deren Gedanken über den Tag hinaus­reichen. Ganz im Sinne des Inten­danten, der zur Diskussion über ein Thema anregt, das vielleicht viel eher nach Deutschland gehört hätte. Aber da inter­es­siert es ja keinen.

Nach dem Festival, das noch bis zum 5. April andauert, könnte es aber durchaus sein, dass man auch im Geburtsland des Regie-Theaters den Diskurs erneut aufgreift. In Lyon jeden­falls hat ein sehr angenehmes Festival-Klima Einzug gehalten, das Lust auf mehr macht. Im kommenden Jahr wird man sich dann sehr stark auf Verdi konzentrieren.

Michael S. Zerban

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