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¡Olé!

EN MIS CABALES
(José Galán)

Besuch am
9. April 2017
(Deutsche Erstaufführung)

 

Flamenco-Festival
am Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Den Ausruf Olé kennen die Deutschen überwiegend als Schlachtruf der Spanier bei Stier­kämpfen oder im Fußball. In diesen Tagen ist er häufiger im Tanzhaus NRW als allge­meiner Ausdruck der Begeis­terung zu hören. Denn vom 7. bis zum 17. April findet das alljähr­liche Flamenco-Festival statt, das sich als „Plattform für das breite Spektrum von ästhe­ti­schen Handschriften des aktuellen Flamenco“ versteht. Sechs deutsche Erstauf­füh­rungen hat Dorothee Schackow, Künst­le­rische Leiterin des Festivals, dafür einge­laden. Zahlreiche Workshops runden das Gesamt­pro­gramm ab.

Am vergan­genen Freitag eröffnete die Daniel Doña Compañia de Danza mit Habitat das Festival, einen Tag später folgte Pastora Galván mit Pastora baila. Am Sonntag möchte man vermutlich dem Abend­krimi im Fernsehen entgehen, setzt die nächste Erstauf­führung, En mis cabales von José Galán, bereits für 18 Uhr an – und wird von schönstem Ausflugs­wetter überrascht. Wie man’s macht …

POINTS OF HONOR

Musik  
Tanz  
Choreo­grafie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Inklusion ist nicht nur ein recht unglück­licher Begriff, sondern das Thema steckt in Deutschland auch noch in den Kinder­schuhen. Par ordre du mufti Kinder mit und ohne Einschrän­kungen einfach mal in ein Klassen­zimmer zu stecken, um zu gucken, was passiert, scheint zudem ein mehr als unglück­licher Einstieg, der den Zugang zum an sich so wichtigen Thema extrem erschwert. Die zwang­hafte Suche nach politisch korrekten Begriffen, die in Deutschland zu einem wahren Kampf um das Verbiegen der Sprache geraten ist, sorgt zusätzlich für eine Verun­si­cherung, die viele eher zum Verstummen bringt, anstatt sie zu ermutigen, sich mit dem Thema ausein­an­der­zu­setzen. Nicht eine geistige Behin­derung ist etwas „Schlimmes“, sondern die Vorur­teile gilt es zu bekämpfen. In anderen Ländern ist man da weiter.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Flamenco-Ausnah­me­tänzer José Galán. Seit seinem siebten Lebensjahr beschäftigt er sich mit dem Tanz. Im Rahmen seiner wissen­schaft­lichen Laufbahn setzt Galán sich mit Tanzpäd­agogik ausein­ander, in der prakti­schen Tätigkeit will er nichts weniger, als den Flamenco zu revolu­tio­nieren. Zwei Dinge, die ganz offen­sichtlich zusam­men­gehen. Das beweist er in Düsseldorf mit einer bereits fünf Jahre alten Produktion, die er Juan Carlos Lérida gewidmet hat, dessen deutsche Erstauf­führung von Al baile – Zum Tanz – am 13. April gezeigt werden wird. En mis cabales ist der Titel seines Werks, was im Deutschen so viel wie In meinem Verstand bedeutet. Inter­es­santer ist aber mögli­cher­weise der Unter­titel Flamenco integrado, der verrät, dass Galán seit Jahren mit Menschen mit körper­lichen und geistigen Abwei­chungen zusammenarbeitet.

Mit dabei sind der Tänzer Helliot Baeza und die Tänzerin Reyes Vergara. Vor noch 40 Jahren hätten ihre Mitmen­schen sie „Mongos“ genannt. Aber nein, Bösar­tigkeit war das nicht. Eher komplette Hilflo­sigkeit gegenüber einem Gen-Defekt, so etwas kannte man nicht, die Eltern solcher Kinder wurden mit der „Pflege“ allein gelassen. Es dauerte lang, ehe man begann, die Stärken von Menschen mit Trisomie 21 zu entdecken. Da wurden sie noch Menschen mit Down-Syndrom genannt und in beschüt­zenden Werkstätten zur Arbeit angehalten. Unver­gessen der Spielfilm, in dem die „skandalöse“ Idee gezeigt wurde, dass zwei solcher Menschen einander lieben und gar Kinder bekommen wollen.

Inzwi­schen betreten diese Menschen die Bühnen der Welt. Dank der Unter­stützung von Choreo­grafen wie José Galán, der dankens­wer­ter­weise die Norma­lität unter­streicht. Bei Galán bekommen Menschen mit einem Gen-Defekt genauso wenig eine besondere Bühne wie ein Diabe­tiker. Sie werden nicht vorge­führt, sondern fügen sich in den Ablauf selbst­ver­ständlich ein. Wie sollte es auch anders sein?

Foto © Klaus Handner

Und weil es eine solche Selbst­ver­ständ­lichkeit ist, kann man sich endlich den inhalt­lichen Fragen zuwenden. Denn schließlich steht die Revolution des Flamencos auf dem Programm. Kann man das? Kann man eine uralte Tradition aufbrechen, in neue Formen überführen, ohne Verluste? Man kann sogar mit Gewinn. Und wie das geht, zeigt Galán an diesem Abend. Palmas, also das rhyth­mische Hände­klat­schen, und die typische Flamenco-Gitarre mit ihrem sehr eigenen Klang reichen dem Tanzmagier nicht mehr. Er holt Schlagzeug und Violine mit auf die Bühne. Während Luati am Schlagzeug sehr zurück­haltend bleibt, setzt Leslie Ann Jordan an der Geige markante, eindrucks­volle Akzente in einer Musik, die so lange ausschließlich der Gitarre vorbe­halten war. Hier findet Javier Gómez gekonnt zu alten Klängen zurück. Und mit dieser Musik wird bereits deutlich, was Galán da betreibt. Er beendet nicht das, was den Flamenco ausmacht, wie es einer echten Revolution entspräche, sondern entwi­ckelt ihn ausge­sprochen behutsam weiter. Am ehesten hört man das in den Gesängen von Inma „La Carbonara“ und Juan de Mairena, von denen zwar nicht in Erfahrung zu bringen ist, was sie aussagen, die aber in ihrem Klang ganz der Tradition folgen. Und so entsagen auch die Kostüme kaum der folklo­ris­ti­schen Momente, wirken aber frisch und modern.

Wenn überhaupt von einer Revolution die Rede sein kann, muss Galán den Tanz an sich gemeint haben. Hier wird kräftig mit Folklore-Vorstel­lungen aufge­räumt. Vanessa Albar zeigt mit einem köstlichen, humor­vollen „Fächer-Tanz“, wie Flamenco heute aussehen kann, ohne auf die klassi­schen Elemente zu verzichten. Besonders klar wird die Verän­derung vom „Stier­kampf-Flamenco“ zu neuen künst­le­ri­schen Ausdrucks­weisen, wenn alle vier Tänzer auf der Bühne auftreten. Nur selten erklingt im hervor­ragend durch­cho­reo­gra­fierten Blau- und Weißlicht von Antonio Valiente noch das Klappern der Flamenco-Schuhe, aber wenn, dann exzessiv und auf den Punkt gebracht. Das hat eine vollständig neue Qualität, die sich dem perfor­mativ-zeitge­nös­si­schen Tanz im übrigen Europa im positiven Sinne annähert, ohne die klassi­schen Flamenco-Quali­täten aufzugeben.

Das Publikum ist restlos begeistert uns springt förmlich von den Sitzen, um der „Revolution des Flamencos“ zu applau­dieren. Oder vielleicht auch, um die Leistungen aller Betei­ligten ausrei­chend zu würdigen. Aber das ist in diesem Fall so ziemlich das Gleiche. Dass während der Aufführung immer wieder Olé zu hören war, ist selbstredend.

Michael S. Zerban

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