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Stayin‘ alive

AL BAILE
(Juan Carlos Lérida)

Besuch am
13. April 2017
(Deutsche Erstaufführung)

 

Flamenco-Festival
am Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Unzählige padrones sind auf einer Leine aufge­hängt, die quer über die Bühne gespannt ist. Padrones sind die Schnitt­muster, in diesem Fall die vielfäl­tigen Muster wie Klatsch­folgen, Schritt­be­we­gungen oder Haltungen des Flamencos, die schablo­nenhaft dafür sorgen, dass sich etwas nicht verändern kann, immer wieder gleich herge­stellt wird. Beengend teilen sie die Bühne in eine vordere und hintere Hälfte, nehmen mitunter die Sicht auf die Tanzenden, wenn sie sich im Hinter­grund aufhalten. Die Symbolik ist augen­fällig, wenn man weiß, dass Juan Carlos Lérida, einer, der immer wieder zu den berühm­testen Flamenco-Tänzern der Welt gezählt wird, sich seit langem damit beschäftigt, den tradi­tio­nellen Flamenco zu dekon­stru­ieren, um ihn neu zu erfinden. Nach eigenen Angaben hat er bereits mit vier Jahren in Sevilla begonnen, den Flamenco zu lernen, hat sich intensiv mit zeitge­nös­si­schem Tanz ausein­an­der­ge­setzt und nun will er den spani­schen Folklore-Tanz zerstören. Er darf das, weil er es kann.

Beim Flamenco-Festival, das noch bis zum 17. April am Tanzhaus NRW in Düsseldorf läuft, stellt er den letzten Teil einer Trilogie als deutsche Erstauf­führung vor, deren beide ersten Teile bereits unter den Titeln Al toque und Al cante im Tanzhaus zu sehen waren. Al baile ist nicht nur die Auffor­derung zum Tanz, sondern auch als Überschrift eines Kapitels zu verstehen.

POINTS OF HONOR

Musik  
Tanz  
Choreo­grafie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Drei Körper in rosafar­benen Anzügen sind hinten links in der Ecke der von allen Vorhängen befreiten Bühne inein­ander verknäuelt. Lérida selbst hat sich um Bühne und Kostüme gekümmert. Da liegt er also nun am Boden, der Tanz, in seiner eigenen Kunst­fer­tigkeit gefangen, unfähig, sich weiter zu entwi­ckeln. Zaghafte Bemühungen der Körper, sich vonein­ander zu lösen, gelingen nur schwer­fällig, halbherzig. Das ist die Ausgangs­si­tuation für einen einstün­digen Tanz, der bekannte Figuren und Schritt­folgen andeutet, um sie anschließend nachhaltig aufzu­lösen. Das geschieht lustvoll und mit Spaß, ohne je wirklich komisch zu werden. So ist das gewollt. Selbst die klassische Flamenco-Musik ist verpönt. Und auch das Stayin‘ alive, das Jordi Collet „vom Band“ spielt, findet nur zögerlich Eingang. Am Leben bleiben? So einfach ist es wohl nicht. Dazu ist die Sache zu ernst.

Die Einlage, in der Lérida davon erzählt, dass er seit dem zarten Alter von zwei Jahren am Flamenco und der Entfernung der Stille operiert werde, zählt zu den starken Momenten des Abends. Sein Sprach­gewirr reicht aller­dings kaum, den deutschen Zuschauern sein Anliegen zu verdeut­lichen. Hier wäre eine Lesehilfe, Projektion oder Ähnliches hilfreich gewesen.

Foto © Klaus Handner

Lérida, dessen Körper alters­gemäß hier und da Ansätze zeigt, die andere seines Alters gern verstecken, hat sich zwei Helfer auf die Bühne geholt. Mit dem kleinen Muskel­paket Gilles Viandier – der Wasch­brett­bauch beein­druckt nicht nur weibliche Zuschauer – und dem großen, schlak­sigen David Climent stehen schließlich drei Tänzer auf der Bühne, die zeigen, dass kein Figur-Ideal für den Flamenco notwendig ist, wenn sie die rosafar­benen Sakkos und die kurzär­me­ligen, roten Hemden ablegen – auch hier Symbolik, für tradierte Kostüme, die der Lächer­lichkeit anheim­fallen? Gleichwohl Lérida das Symbol liebt, um die Wahrheit im Ungefähren zu lassen, sind die Bewegungen der drei Tänzer von Fantasie und Abwechslung geprägt. Ein neuer Flamenco? Vielleicht noch nicht ganz. Es bleibt unklar, wo es hingehen soll. Dass Climent sich mit padrones behängt, um sie anschließend abzuschütteln, ist klar. Aber wo bleibt die Lösung, die Auflösung? Im harten, aber überzeu­genden Licht von Marc Lleixa, der die Bühne gerne in drama­ti­schen Recht­ecken ausleuchtet, finden die Tänzer schließlich zusammen, legen sich überein­ander, Lérida ist der in der Mitte. Ob sich in dieser Mittellage der „neue“ Flamenco sorglos einfindet, darf bezweifelt werden. Als das Licht erlischt, ist eines unbedingt einleuchtend: Der Flamenco in seiner herkömm­lichen Form lebt, wird in Frage gestellt, findet aber – noch – keine neuen, überzeu­genden Antworten. Bei aller Meister­schaft des Abends bleiben die Antworten offen.

Das Publikum im halbge­füllten Saal findet das in Ordnung, erfreut sich an der überzeu­genden Mischung aus modernem Tanz und glutvollen, bisweilen persi­flie­renden Flamenco-Einlagen. Der Applaus ist – gerade für Tanzhaus-Verhält­nisse – überwäl­tigend. Nach den Zweifeln, die der Abend offenbart, wird am darauf­fol­genden Abend die Krönung des Flamencos folgen. Patricia Guerrero wird dann in der deutschen Erstauf­führung von Catedral zeigen, welche Erhabenheit der Flamenco in seiner bishe­rigen Form bewirken kann. Vielleicht der Höhepunkt des diesjäh­rigen Flamenco-Festivals.

Michael S. Zerban

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