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CATEDRAL
(Patricia Guerrero)
Besuch am
14. April 2017
(Deutsche Erstaufführung)
Dorothee Schackow ist auch in diesem Jahr wieder für das Programm des Flamenco-Festivals am Düsseldorfer Tanzhaus NRW verantwortlich. Und es ist ihr gelungen, eine beachtliche Bandbreite des Flamencos aufzuzeigen, die mit dem Vorurteil der Folklore-Veranstaltung nachhaltig aufräumen kann. Am Karfreitag ist es nicht ganz so einfach, Flamenco auf die Bühne zu bringen, denn in Nordrhein-Westfalen ist größtmögliche Stille für diesen Feiertag vorgesehen. Das geht so weit, dass in gastronomischen Betrieben keine Musik gespielt werden darf. Eine durchaus betrübliche Angelegenheit, die Wirte schon mal zu umgehen versuchen, indem sie leise Kirchenmusik im Hintergrund laufen lassen. Solche Vorschriften sind durchaus diskussionswürdig. Schließlich ist das Christentum in Deutschland keine Staatsreligion, sondern letztlich Privatsache. Diskotheken und ähnliche Betriebe konterkarieren solche Bevormundung, indem sie zu Mitternachtspartys einladen, die einen regen Zuspruch erfahren. In sehr eng gesteckten Grenzen vergibt die Stadt Düsseldorf allerdings Ausnahmegenehmigungen. So zum Beispiel, wenn ein enger kirchlicher Bezug gegeben ist. Und da gab es offenbar bei dem Stück von Patricia Guerrero mit dem Titel Catedral keine Schwierigkeiten, auch wenn es dabei zu laut zugeht und von Christi Leiden kaum etwas zu sehen ist.
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Bühnennebel scheint beim diesjährigen Flamenco-Festival der große Renner zu sein. Catedral setzt sich dabei von anderen Aufführungen insofern ab, als hier wenigstens interessante Effekte erzielt werden. Auf Effekte hat es Guerrero eindeutig abgesehen. Sie will keine Flamenco-Aufführung, sie will großes Musiktheater. Und das gelingt ihr auch. Die Bühnentechnik hat über Tag ganze Arbeit geleistet und Bühne und Seitenbühne wieder mit schwarzem Samt verhängt. Auf den Seitenbühnen sind große Lautsprecher platziert, im Hintergrund der Bühne ist ein kleiner Podest aufgebaut, auf dem die beiden Perkussionisten, der Sänger und der Gitarrenspieler Platz finden. Rechts davon steht ein Stuhl, der mit einer roten Husse verkleidet ist, daneben eine Lampe. José Maria Rivera schafft ein ausgeklügeltes Lichtdesign, das sowohl Guerrero immer wieder äußerst intensiv in Szene setzt als auch dramatische Ornamentik auf die Bühne zaubert. Die Kathedrale ruft mit einem Glockenspiel zum Beginn einer Messe der etwas anderen Art. Zum elektrisch verstärkten Geräuschpegel auf der Bühne spielt Angel Olaila immer wieder Geräusche und Klänge zu. Das ist alles überzogen laut und trübt etwas den Gesamteindruck. Ein besonderes Merkmal dieser Festival-Woche. Hervorragende Arbeit hat Laura Capote mit ihren Kostümen geleistet. Historisch anmutende Kleider, die an den spanischen Hof erinnern, werden elegant zur Schau getragen, abgelegt, um die darunterliegenden schwarzen, schlichten, langen Kleider freizugeben. Später präsentieren sich die Tänzerinnen in silberfarbenen Seidenkleidern, über die sie schwarze Umhänge gehüllt haben, während Guerrero sich letztlich in einem unpassenden, bordeauxfarbenen Wollkleid zeigt.

In Bühnenbild und Choreografie entwickelt Patricia Guerrero Bilder zwischen Weltentrücktheit und Exorzismus. Szenen, die in einem Horrorfilm ebenso Platz finden wie in einem Video über La Seu, dem Bischofssitz in Palma de Mallorca, stattfinden könnten. Da blüht das gesamte Flamenco-Repertoire zwischen der Solistin und Maise Marquez, Ana Agraz sowie Mónica Iglesias auf, ohne auch nur den Ruch vergangener Moden zu versprühen. Das ist Flamenco von heute in höchster Dramatik und Geschwindigkeit. Auch wenn man den Flamenco nicht als Hochleistungssport leiden mag, ist der körperliche Einsatz mehr als eindrucksvoll.
Und Guerrero zeigt, wie viel Potenzial noch in der vergleichsweise kleinen Tanzform Flamenco steckt. Sie hat nicht nur den Sänger José Angel Carmona verpflichtet, sondern sorgt mit den Zwillingen Pérez – Daniel tritt als Countertenor, Diego als Tenor an – für den nötigen Kirchengrusel. Wermutstropfen für deutsche Besucher ist, dass sie keinerlei Zugang zu den Gesangstexten finden. Gleich zwei Perkussionisten, Augustin Diassera und David „Chupete“, unterstützen den famosen Gitarristen Juan Requena. Diassera und Requena haben die Musik für diesen überwältigenden Abend komponiert. Und was in der klassischen Musik irgendwie kaum noch möglich scheint: Sie übertragen den Geist vergangener Zeiten in die Gegenwart.
Das Publikum im heute wieder gut gefüllten Saal erhebt sich spontan von den Sitzen, trampelt mit den Füßen, feiert die gezeigte und empfundene Kathedrale des Flamencos minutenlang. Wer das Werk verpasst hat, bekommt morgen noch einmal Gelegenheit, den sakralen Aspekt des Festivals zu genießen. Bis Ostermontag einschließlich dauert das Festival. Bei dem vorhergesagten Wetter ist ein Besuch sicher eine gute Alternative zu ursprünglich geplanten Alternativen. Denn hier gibt es Glut statt Regen.
Michael S. Zerban