O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
A MUSICAL BANQUET
(Valer Sabadus, Axel Wolf)
Besuch am
1. September 2017
(Einmalige Aufführung)
Vor dem Festivalpublikum liegt bis zum 9. September noch eine abwechslungsreiche, eine wahrhaft vielseitige Zeit. Vorträge und Führungen, die Vorstellung der größten spielbaren Geige der Welt mit Bogen, für die eigens die Rhapsodie für Riesengeige mit Orchester komponiert wurde, stehen ebenso auf der Agenda wie für die abendlichen Konzerte Künstlernamen, die einem auf der Zunge zergehen.
Zwei dieser Künstler stehen bereits am heutigen Abend auf der Bühne. Und sie haben ein Programm mitgebracht, das kaum in größerem Kontrast zum gestrigen Abend der Moderne stehen könnte. Die Renaissance hält Einzug im Kaisersaal des ehemaligen Klosters St. Mang und schließt damit musikalisch die Lücke zwischen dem ursprünglich dort vorhandenen mittelalterlichen Kloster und dem späteren Barockbau, der darauf gründet. 1610 veröffentlichte der englische Komponist und königliche Lautenspieler Robert Dowland eine Sammlung mit Liedern, Arien und Instrumentalstücken. Die „auserlesenen Lieder der hervorragendsten englischen, französischen, spanischen und italienischen Komponisten“ stellte der Sohn von John Dowland zu einem musikalischen Bankett zusammen.
Valer Sabadus und Axel Wolf haben aus dieser Quelle ein 15 Titel umfassendes Programm zusammengestellt, das sie originell mit A Musical Banquet überschreiben und nun in Füssen vorstellen. Wieder ist der Kaisersaal ausverkauft, wieder sieht man eine große Zahl inzwischen vertraut erscheinender Gesichter, die mit gespannter Erwartung dem Auftritt des Countertenors und des Lautenisten entgegenblicken.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Noch ehe die Besucher so recht registriert haben, dass die beiden Künstler die Bühne betreten haben, erklingen bereits die ersten Lautenschläge und Sabadus stimmt die Arie Sta notte mi sognava an. Der Opernsänger, dem nachgesagt wird, eine neue Generation der Countertenöre einzuläuten, ist schweißüberströmt, begeistert aber von Beginn an mit tadelloser Stimmführung, wenngleich ihm die engelsgleiche Entrücktheit, die bislang seinen Gesang ausmachte, nicht zu verspüren ist, sondern mehr künstlerischem Ausdruck gewichen zu sein scheint. Es dauert keine fünf Minuten, und das Publikum ist schier aus dem Häuschen. Tiefe Verbeugung beider Künstler, Rascheln in den Notenblättern, denn es wird vom Blatt musiziert – und Sabadus braucht das nicht als Erinnerungsstütze, sondern muss stellenweise nach dem Text suchen. Schon geht es weiter mit einem französischen Lied Si le parler et le silence von Pierre Guédron. Sabadus‘ Körper singt mit, verleiht der Alten Musik neuen Schwung. Wieder hingerissener Applaus. Dann muss Wolf die Laute umstimmen. Und endlich auch ein paar Worte von dem Lautenisten. Er spricht nahezu übergangslos von der Bedeutung der Laute in der Renaissance, „weil man damit alles spielen kann“ und geht kurz auf die Bedeutung des Lautenbaus für Füssen ein. Währenddessen sitzt Sabadus sprachlos am Bühnenrand. Wolf spielt drei kurze Instrumentalstücke John Dowlands, ehe der Countertenor wieder hinzutritt, um In a grove most rich of shade von Guillaume Tessier zum Besten zu bringen. Das Spiel setzt sich fort.
Sabadus schweigt, Wolf erläutert zwischendurch den Wechsel auf die Theorbe, „eine Mischung von Gitarre und Harfe“. Bei den Applausen nimmt Sabadus Wolf immer wieder in den Arm, klopft ihm anerkennend auf die Schultern. Auch wenn das musikalische Miteinander stimmt, scheint da doch ein deutliches Missverhältnis in der Rangordnung der beiden Künstler. Denn der Counter muss sich in keiner Weise hinter den Fähigkeiten des Instrumentalisten verstecken. Das Programm zeigt durchaus Ausgewogenheit, und Sabadus gelingt es, vergessen zu machen, dass es sich dabei um jahrhundertealte Musik handelt. Er weiß, Akzente zu setzen, die Dramaturgie zu steuern und den Liedern und Arien Schwung zu verleihen, die ihnen vermutlich im Original nicht zur Verfügung standen.

Dass Sabadus dabei immer wieder auf ähnliches Ausdrucksmaterial zurückgreift, erstaunt. Zwar ist die Bandbreite der Musik ohnehin engen Grenzen unterworfen, aber das hat er bislang immer leichterdings überwunden. Währenddessen schiebt Wolf wiederholt auf verschiedenen Instrumenten Stücke mit durchaus respekteinflößenden Schwierigkeitsgraden wie eine Toccata mit anschließender Chiaccona von Alessandro Piccinini ein. Der Eindruck wächst, dass es sich hier um einen durchaus gelungenen Lautenabend mit Gesangsbegleitung handelt. Zumal es mit der Textverständlichkeit deutlich hapert, ohne dass an anderer Stelle, beispielsweise durch ein paar lockere Moderationen, Verständnishilfen angeboten würden. Das Publikum lässt sich von der merkwürdigen Unausgeglichenheit des Abends nichts anmerken und genießt die Kunstfertigkeit.
Mit Amarilli mia bella schließt das offizielle Programm. Und wenn eine Stimme wie die von Valer Sabadus so hell leuchtet, braucht es kein Licht mehr. Also verlöschen sämtliche Lichter mit den letzten Klängen des Liedes von Giulio Caccini. Das ist überhaupt nicht gewollt. Irgendwo sind sämtliche Sicherungen durchgebrannt. Das Publikum nimmt es mit Humor und hilft mit der Taschenlampenfunktion seiner Handys aus. Herrlich.
Erst bei der zweiten Zugabe scheint Sabadus aufzufallen, dass er bislang keinen Ton gesagt hat, und besteht darauf, Music for a While von Henry Purcell anzusagen. Warum er sich bis dahin in Schweigen gehüllt hat, verrät er allerdings auch jetzt mit keinem Wort.
Wer den Countertenor kennt, weiß, dass an diesem Abend nicht Valer Sabadus dransteht. Das Publikum hält ihm zugute, dass nicht eine Sekunde lang Lustlosigkeit angeklungen ist. Das musikalische Niveau stimmt – und wenn das Gerücht die Runde gemacht hätte, der Sänger leide unter hohem Fieber oder einer schweren Grippe, wäre vermutlich alles noch besser gewesen. Und die Hochachtung für Sabadus ins Unendliche gestiegen. Ist also alles gut, wie es ist.
Weiter geht es am nächsten Abend mit Ronith Mues an der Harfe. Der Kaisersaal bleibt beim diesjährigen Festival Mittelpunkt des Geschehens. Vermutlich funktionieren dann auch die Scheinwerfer wieder, die die Bühne in ein Einheitslicht tauchen. Zum 15. Mal beweist Vielsaitig, dass es ein absolut lohnenswertes Festival ist, das mehr als einen Höhepunkt zu bieten hat. Und während es durch den Regen zurück zum Hotel geht, wächst die Freude auf ein Wiedersehen im kommenden Jahr.
Michael S. Zerban