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SHREEFPUNK PLUS STRINGS UNPLUGGED
(Matthias Schriefl)
Besuch am
31. August 2017
(Einmalige Aufführung)
Die schwüle Hitze des Eröffnungstages ist unter tiefdräuenden Wolken verschwunden. Das Thermometer sinkt im Laufe des Vormittags auf unter 20 Grad Celsius. Das ist ein Unterschied von vierzehn Grad binnen Stunden. Was noch nach einer guten Nachricht klingen könnte, erweist sich schon bald als Schauernachricht. Schwere Regenfälle wechseln mit Gewittern bis tief in die Nacht hinein. Angekündigt ist, dass diese Wettersituation bis Samstag anhalten soll. Längst sind im Hotelzimmer sämtliche Sitzgelegenheiten mit feuchter Bekleidung behängt, während in den Fluren die Hitze der vergangenen Tage nachbrütet.
Auf das Festival Vielsaitig hat solche Unbill kaum Einfluss. Tagsüber laufen in der Musikschule der Stadt die Meisterkurse des Verdi-Quartetts. Zusätzlich wird am späten Vormittag eine Führung im Barockkloster St. Mang angeboten. So verkürzt sich die Zeit bis zum nächsten Höhepunkt des Festivals trotz des Wetters auf ein erträgliches Maß. Im strömenden Regen geht es also in der Dunkelheit wieder zum Kaisersaal. Neue Musik steht auf dem Programm. In Kombination mit den Witterungsbedingungen kann das für jeden Veranstalter eine herbe Enttäuschung bedeuten. Nicht so in Füssen. Hier ist der Saal wieder bis auf den letzten Platz ausverkauft. Auf den Stühlen im Nebensaal nehmen wie am Vorabend Teilnehmer der Meisterkurse Platz. Nach der Pause bleiben die Plätze überraschenderweise leer. Da gibt es wohl noch viel zu lernen.
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Matthias Schriefl hat sich in der Welt der klassischen Kammermusik noch keinen allzu großen Namen gemacht. Was ihn vergleichsweise unbelastet lassen dürfte. Im Allgäu geboren und aufgewachsen, gilt er im Jazz als Trompeter und Komponist längst als Ikone. Im Rahmen einer Welttournee macht er mit seiner um ein Streichquartett erweiterten „Band“ Shreefpunk nun auch Halt in Füssen, um sein neues Programm Shreefpunk Plus Strings Unplugged zu präsentieren.
Jazz und Klassik? Da steht das böse Wort Cross-over gleich im Raum. Nicht so bei Schriefl. Er überträgt nicht irgendwelche Musik von einem Genre ins andere, sondern erfindet seine Musik neu unter Auslassung aller Genre-Grenzen. Natürlich finden sich da auch klare Jazz-Anteile, zumal ja nicht das gesamte Programm neu komponiert wurde. Aber auch diese „Jazz-Stücke“ sind deutlich von seinem Studium der klassischen Musik geprägt. Und „selbstverständlich“ gibt es auch hier deutliche – wie überflüssige – Brüche, neuzeitlichem Kompositionsverständnis geschuldet. Das bringt für die einzelnen Stücke keine wirklichen Gewinne, ist aber längst nicht so absurd, wie man das bei anderen Komponisten empfindet. Und im Laufe des Abends entsteht eine glaubwürdige Konsistenz, die das Gesamtwerk, wenn man es als solches bezeichnen will, trägt.
Das Publikum lässt sich auch von anderen Dingen begeistern. Da sind zum einen die mundartlichen Anmoderationen, die für viel Spaß und mitunter auch Dialog sorgen, etwa, wenn es um schwäbische, Allgäuer oder bayerische Dialektfeinheiten geht. Zum anderen sind es vor allem die „handwerklichen“ Fähigkeiten Schriefls, die für Staunen sorgen, etwa wenn er das Alphorn für Jazz-Interpretationen nutzt oder Trompete und Alphorn gleichzeitig spielt. Aber auch die Atemreserven des Trompeters sind über die Maßen beeindruckend. Neben der Trompete und dem Alphorn kommen auch verschiedene Flügelhörner und das Sousaphon zum Einsatz.
Unterstützung findet Schriefl, der sich gern in schrillen Anzügen und mit buntgefärbter Sonnenbrille zeigt, bei den anspruchsvollen Arrangements in Gunter Pretzel, der auch bei den Münchner Philharmonikern die Bratsche spielt. An der Geige bleibt Claudia Schwab eher im Hintergrund und setzt das Instrument stark im Rhythmus ein. Sehr erfolgreich habe sie ihr Musikstudium in Graz abgebrochen, erzählt Marie-Theres Härtel über sich selbst. An diesem Abend überzeugt sie mit virtuosem Umgang mit dem Violoncello und ihrer Stimme. Alex Morsey spart beim Bass weder am Instrument noch in der Stimme mit Engagement. Das oft filigrane Spiel von Alex Eckert auf Gitarre und Ukulele zeigt, warum die E‑Gitarre erfunden wurde. Er geht im Ensemble häufig unter.
Ob Jodler wie zu Beginn die Südtiroler Rundungen, erstklassige Jazz-Arrangements wie bei Barcelona, Neue Musik wie Amsterdam oder Songs à la Keine Angst vor Shreefpunk: In mehr als zweieinhalb Stunden bleibt die Spannung bei zwölf Sücken aufrechterhalten, ist ausreichend Platz für Humor und jede Menge Platz, Neues zu entdecken. So muss ein Konzertabend sein.
Findet auch das Publikum und bedankt sich begeistert, wenn auch angesichts der fortgeschrittenen Zeit eher kurz. Gutgelaunt verabschieden sich die Gäste in den nächtlichen Regen – und es versteht sich von selbst, dass das Konzert auch am nächsten Tag noch Stadtgespräch sein wird.
Michael S. Zerban