Fehlender Weihnachtsglimmer

HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)

Besuch am
9. Dezember 2017
(Premiere)

 

Opernhaus Wuppertal

Die seit über 120 Jahren ungebro­chene Beliebtheit von Engelbert Humper­dincks Märchenoper Hänsel und Gretel bei Alt und Jung kann nicht darüber hinweg­täu­schen, dass sich Regis­seure heute zunehmend schwer damit tun, die Zielgruppe des Kassen­knüllers richtig einzu­schätzen. Auch wenn sich der enge Vertraute Richard Wagners das Werk als „Puppen­stu­ben­weih­fes­tival“ vorstellte und vor allem den Kindern eine Freude bereiten wollte, passen Darstel­lungen als zucker­süßes Weihnachts­märchen nicht in die heutige Regielandschaft.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Mit diesem Problem hat sich jeder Regisseur ausein­an­der­zu­setzen. Auch der in Tunesien geborene, in Deutschland noch relativ selten hervor­ge­tretene Wahl-Berliner Denis Krief am Wupper­taler Opernhaus. Knusper­häuschen, Besenritt, funkelnde Sterne und einen effektvoll explo­die­renden Backofen sucht man vergebens. Ein paar Projek­tionen von Speze­reien aus der Super­markt­theke müssen für den Hexen­zauber ausreichen, so dass der letzte Akt recht ernüch­ternd wirkt. Das können die darstel­le­ri­schen Leistungen des stimmlich recht klein dimen­sio­nierten Tenors Mark-Bowman-Hester trotz wilder Perücke und bedrohlich langer Finger­nägel kaum ausgleichen.

Gerade der besonders märchen­hafte Schlussakt wird dadurch mit einem Realismus beladen, den das Stück nicht verträgt. Dafür hält sich Krief im ersten Akt, in dem die Armut der Besen­bin­der­fa­milie im Mittel­punkt steht, zurück und beschränkt sich in der zwar kärglich ausge­stat­teten, aber weiträumig und recht gemütlich angelegten Hütte auf eine recht harmlose Darstellung des Familienlebens.

Catriona Morison als Hänsel – Foto © Bettina Stöß

Die Unent­schlos­senheit zwischen kindge­rechter Milderung und drasti­schem Realismus führt in Wuppertal, und nicht nur dort, zu einem unein­heit­lichen Gesamt­ein­druck, den Krief durch seine von ihm selbst kreierten Bühnen­bilder mit ihren teilweise eindrucks­vollen Projek­tionen verstärkt. Bilder unheim­licher Waldsze­narien, die mitunter noch bedroh­licher wirken als die Auftritte der Knusperhexe.

Die stilis­tische Gratwan­derung zwischen Kinder- und Erwach­se­nen­theater betrifft auch die musika­lische Umsetzung. Den beliebten schlichten Kinder­liedern setzt Humper­dinck mächtig „wagnernde“ sympho­nische Gemälde gegenüber, die auch in den Werken seines Idols Richard Wagner Platz finden könnten. Die neue Musik­chefin des Wupper­taler Opern­hauses, Julia Jones, betont mit viel Klangsinn und Energie die grandiosen, farbig schil­lernden Klang­bilder, wobei die klang­liche Balance zwischen Orchester und Sänger mitunter aus dem Gleich­ge­wicht gerät. Das wirkt sich nachteilig auf die Textver­ständ­lichkeit aus und überfordert kleinere, aber pointiert artiku­lie­rende Stimmen wie die der Wupper­taler Knusperhexe. Übertitel sollten allmählich auch für alle deutsch­spra­chigen Auffüh­rungen selbst­ver­ständlich sein.

An stimm­lichem Durch­set­zungs­ver­mögen fehlt es dem Rest des Ensembles freilich nicht. Heraus­ragend Catriona Morison, die den Hänsel kulti­viert und klang­schön wie einen verarmten Octavian singt, gefolgt von Ralitsa Ralinova als spiel­freudige Gretel mit ihrem hell leuch­tenden, in den Höhen freilich etwas scharfen Sopran. Makellos präsen­tiert sich das Elternpaar mit Alejandro Marco-Buhrmester und Belinda Williams. Nina Koufo­christou ergänzt mit ihrer besonders jugendlich wirkenden Stimme als Tau- und Sandmännchen das Ensemble. Ein beson­deres Lob verdient der engagierte Auftritt des Kinder­chors der Wupper­taler Bühnen.

Viel Beifall für eine unent­schlossene, gleichwohl kurzweilige Neuin­sze­nierung des Weihnachtsklassikers.

Pedro Obiera

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