Kopffüßler in der Blackbox

HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)

Besuch am
11. Dezember 2017
(Premiere am 8. Dezember 2017)

 

Staatsoper Berlin

Nun ist es endlich soweit – die erste richtige Premiere der Staatsoper Berlin im neure­no­vierten Haus. Und dann gleich der absolute Weihnachts­klas­siker, Hänsel und Gretel, in einer Insze­nierung von Achim Freyer, der auch für Bühne und Kostüm verant­wortlich ist. Die Erwar­tungen sind groß. Bunt ist es geworden, voller fantas­ti­scher Tiere und Figuren, und es wurde gut gesungen. Unter­haltsam halt.

Die Bühne ist eine offene blackbox, eine Spiel­wiese, von LED-Sternchen umrahmt, mit drehbaren Spiegel­türen im Hinter­grund, eine Disco­kugel im Vorder­grund und einem Steg, der über den Graben ragt. Ein Frosch – ohne Krone – beobachtet stumm die ganze Geschichte und hopst hie und da. Viele farben­frohe Kreaturen tummeln sich im Haus des Besen­binders und im Wald auf dem Weg zur Knusperhexe – eine große, weiße Katze, die sich die fernge­steuerte Maus schnappt, ein großer, brauner Bär mit weißen Flügelchen, ein sehr abgema­gerter Wolf mit großen Zähnen, Mannshohe Papageien und vielerlei mehr. Ein übergroßer, gesichts­loser Koch voller Löcher ist Metapher für Hunger; eine dreieckige, gesichtslose Weihnachts­figur stellt den Sandmann dar. Ein grotesker Zirkus­di­rektor überwacht die Traum­se­quenz mit einer Reihe wunder­licher Zirkusnummern.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Das Knusper­häuschen dann eher enttäu­schend klein und bescheiden – Hänsel und Gretel nehmen sich ein rotes Herz, das sie aber auch gleich wieder von der Bühne befördern.  Die Hexe ist in ihrem scheuß­lichen Kostüm kaum zu überbieten, mit einem bösen heraus­ra­genden Finger als Nase und zwei überdi­men­sio­nierten Händen mit rotla­ckierten Finger­nägeln, die Hänsel festhalten. Das erlösende Feuer lässt sich gigan­tisch mit Projek­tionen darstellen, die befreiten Kinder formen eine Regen­bo­gen­riege. Dem Zuschauer wird eine große Fülle an visuellen Reizen geboten.

In seinen „Gedan­ken­splittern zur Konzeption“ schreibt Freyer über eine Welt aus Missbrauch und Gewalt, Ausbeutung, Gewinn und Macht­sucht, auch der Zirkuswelt mit ihren bizarren Figuren, die als normal darge­stellt werden. Dabei geht die Geschichte von Hänsel und Gretel völlig verloren.

Obwohl die beiden Protago­nisten mit überdi­men­sio­nierten Köpfen – stark an die „Kopffüßler“ von Horst Antes erinnernd – herum­laufen und singen müssen, können sich Elsa Dreisig als Gretel und Katrin Wundsam als Hänsel gut bewähren. Es ist überra­schend, dass ihre Stimmen so klar perlend zu hören sind. Aber wie viel ausdrucks­voller wären ihre Charaktere ohne diese artifi­zi­ellen, komik­haften Aufbauten.

Foto © Monika Rittershaus

Da hat es Mutter Marina Pruden­skaya leichter – sie ist von ihrer grell­roten Perücke und dem dazu passenden grell­roten Rock nicht so beein­trächtigt und kann ihre Partie mit fast Wagner­scher Dramatik ausdrücken. Auch Bariton Arttu Katajas Vater­figur in überzo­gener bayeri­scher Kostü­mierung gelingt vorzüglich. Dagegen befriedigt der Tenor von Jürgen Sacher als Hexe kaum – aller­dings ist mögli­cher­weise hier der Kaffee­tas­senkopf mit Bratwurst­lippen schuld an der unter­di­men­sio­nierten Tragweite der Stimme. Corinna Scheurle und Sarah Aristidou sind charmant als Sandmännchen und Taumännchen.

Bei einer solchen visuellen Übermacht wird die Musik zur Unter­malung der Bühne. Dabei versucht Sebastian Weigle, der ja das Orchester bestens aus seiner Zeit als Solohornist kennt, die roman­tische Partitur von Humper­dinck zu vertei­digen. Es gelingt ihm besonders in der Waldszene, in der der Kuckuck, die tiefen Holzbläser und Solovioline ein dichte Natur­at­mo­sphäre schaffen und die vierzehn Engel singen.

Verein­zelte Buhrufe im Publikum – aber insgesamt scheinen die vielen Kinder und ihre Erwach­senen von dieser klassi­schen Oper zur Weihnachtszeit angetan zu sein.

Zenaida des Aubris

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