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Nie gab es mehr Hänsel und Gretel als heute. Die Kritiker von O‑Ton haben sich deshalb exemplarisch Aufführungen quer durch die Republik angeschaut, um herauszufinden, welche Inszenierung empfehlenswert ist. Das Ergebnis ist erfreulicherweise nicht eindeutig.

Das hätte sich Engelbert Humperdinck sicher nicht träumen lassen, als seine Oper Hänsel und Gretel am 23. Dezember 1893 zum ersten Mal in Weimar aufgeführt wurde. In diesem Jahr gab es – gefühlt – so viele Aufführungen wie nie zuvor. Ob Opernhaus oder Stadttheater, kaum eine Musiktheater-Institution, die auf den Klassiker verzichten wollte. Noch immer verorten die Spielpläne den spätromantischen Dreiakter bevorzugt in der Weihnachtszeit, und bis heute hält sich hartnäckig die Werbung von der „Kinderoper“. Häufig wohl einfach in Ermangelung tatsächlicher Kinderopern oder wie die Kooperative Junge Opern Rhein-Ruhr sie nennt: Familienopern, oder auch, weil die Verantwortlichen selbst in der Begrifflichkeit aufgewachsen sind und sie heute nicht mehr hinterfragen. Wie auch immer, die gruselige Handlung der Oper scheint kaum für Kinder geeignet. Da werden Kinder ausgesetzt, die knapp dem Hungertod entrinnen, um in die Hände einer mutmaßlichen Menschenfresserin zu geraten. Anschließend wird die Frau verbrannt, die Kinder entziehen sich jeder Gerichtsbarkeit und kehren gar mit unrechtmäßig erworbenen Reichtümern beladen nach Hause zurück. Was soll die Botschaft einer solchen Oper in der heutigen Zeit sein? Alles ist erlaubt, solange es nur dem eigenen Wohlergehen dient? Sind das die Werte, die wir unseren Kindern vermitteln wollen? Ungeachtet solcher Fragen strömen die Familien zur Weihnachtszeit in die Häuser, die solche Kost anbieten.
Und das Angebot ist riesig. Es reicht vom kleinen Stadttheater im Nirgendwo bis zur Staatsoper in der Bundeshauptstadt. Von der neuen Inszenierung der eher unbekannten Regisseurin am Landestheater über Einfallslosigkeit in kulturellen Flaggschiffen bis hin zu Aufführungen, die seit beinah 50 Jahren gezeigt werden. Da fällt die Auswahl schwer. Nur so viel scheint sicher. Den nächstgelegenen Ort einer Aufführung aufzusuchen, um den geringstmöglichen Aufwand zu betreiben, ist die schlechteste Wahl. Es lohnt, sich um ein wenig mehr zu kümmern als die Entscheidung für die richtigen Sitzplätze.
Denn das haben die nicht repräsentativen Besuche der O‑Ton-Kritiker in der gesamten Republik noch einmal belegt – und nachzulesen ist es in der Partitur ohnehin: Humperdinck, der Wagner-Bewunderer, hat eine Oper geschaffen, die eigentlich nicht umsetzbar ist. Mit den feinziselierten Stimmen von Hänsel und Gretel, Sandmännchen und Taumännchen, die jedem Nachwuchssänger zu höchster Ehre gereichen, geht es gegen ein akustisches Bollwerk von Wagnerscher Wucht. Und auch in diesem Jahr haben sich hier nur wenige Dirigenten Meriten verdient. Die Balance vom Pult aus herzustellen, ist auch, wenn das Orchester auf den tiefstmöglichen Punkt des Grabens heruntergefahren ist, allerhöchste Kunst. Und der Betriebsblindheit vieler Häuser ist bis heute zu verdanken, dass hier keine Übertitel angeboten werden, obwohl die Möglichkeiten bestehen. Hier lohnt sich abseits des Marketings wirklich einmal der Blick auf den Namen und die Vita des Dirigenten.
Bei der Inszenierung wird es unvergleichlich schwieriger. Pedro Obiera hat es auf den Punkt gebracht. Darstellungen als zuckersüßes Weihnachtsmärchen passen nicht in die heutige Regie-Landschaft, konstatiert der Redakteur. Andererseits scheint genau das den Besuchererwartungen zu entsprechen. In Hannover hat man gerade die 500. Aufführung des Lebkuchenhauses gefeiert, in Düsseldorf bereitet man sich auf das 50-jährige Jubiläum mit mehr als 600 Aufführungen vor. Und die Häuser sind ausverkauft. „Wer einmal eine schöne klassische Inszenierung dieser Märchenoper gesehen hat, der möchte auch nichts anderes mehr sehen. Und so spielen die Häuser ihre Inszenierungen so lange, bis irgendwann die Requisiten auseinanderbrechen“, sagt Andreas H. Hölscher nach seinem Besuch in Chemnitz. Entsprechend fallen alle Besprechungen über neue Inszenierungen eher mau aus. Damit sollen neuere Regie-Arbeiten nicht verteufelt werden. Es hat nur die neue Inszenierung noch nicht gegeben, die tatsächlich überzeugt. Das Werk eignet sich einfach nicht für Konsumkritik wie in Wuppertal oder für Puppenköpfe, mit denen Achim Freyer in Berlin Langeweile heraufbeschworen hat. Humperdinck hat seine Oper in dem Bewusstsein geschrieben, ein Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm zu vertonen. Da ging es nicht um visionäre Entwicklungen, sondern allenfalls um die möglichst ergreifende Darstellung des Zeitgeistes. Vielleicht noch um die pädagogische Auffassung, dass Grusel ein hilfreiches Instrument sei. Und viel mehr gibt das Libretto einfach nicht her.
Bleibt also die Frage, ob man sich wirklich auf ein neuzeitliches Werk einlassen will oder doch lieber dem passenden Ambiente der Spätromantik anvertraut. Eindeutig zu beantworten ist das nicht, sondern eher eine Geschmacksfrage. Und da streitet man bekanntlich nicht. Auch wenn Stadttheater und Opernhäuser es bis heute nicht begreifen: Der Zuschauer hat die Wahl seines Theaters. Bei Hänsel und Gretel wird es kriegsentscheidend. Wer nicht nur seine Kinder in die Oper bringen will, um sich ein gutes Gewissen zu verschaffen und deshalb das nächstgelegene Opernhaus aufsucht, fährt eben ein paar Kilometer mehr, um eine ihn ansprechende Aufführung zu besuchen. Lohnend ist es allemal, auch wenn Hänsel und Gretel wirklich keine Kinderoper ist. Und dann kann man sich immer noch die richtigen Sitzplätze aussuchen.
Michael S. Zerban