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Martin Klett und Valentino Worlitzsch - Foto © O-Ton

Lösungen statt Probleme

3. KONZERT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
12. Mai 2018
(Einmalige Aufführung)

 

28. Inter­na­tio­nales Lübecker Kammer­mu­sikfest, Kolosseum Lübeck

London, Heathrow. Cellist Abel Selaocoe reist so, wie es für Musiker üblich ist: eng getaktet. Am Flughafen stellt der gebürtige Südafri­kaner fest, dass seine Brief­tasche mit all seinen Dokumenten entwendet wurde. Was britische Zollbeamte in früheren Zeiten vielleicht mit Ersatz­pa­pieren kulant gelöst hätten, bedeutet in modernen Zeiten das vorzeitige Reiseende. Jemand, der mit einem Cello am Flughafen steht und angibt, dass er in Deutschland zum Konzert erwartet wird, ist vermutlich extrem terror­ver­dächtig. Da muss erst in einem zeitauf­wän­digen Verfahren die Identität geklärt werden. Kennen ja alle die Fälle, in denen ausge­rastete Terro­risten mit Celli wild um sich schlagen und Dutzende von Menschen aus dem Publikum zu Tode gebracht haben. Aller Sarkasmus nutzt nichts, Pianist Martin Klett muss für einen Ersatz seines Partners sorgen. In wahrlich letzter Minute erklärt sich Valentino Worlitzsch bereit einzu­springen. Und so wird aus einem Problem eine Lösung. Denn Worlitzsch erweist sich als idealer Spiel­partner für Klett, der sich neben seinen pianis­ti­schen Fähig­keiten bereits einen hervor­ra­genden Ruf als Arrangeur erarbeitet hat, hier vor allem im Tango. Der ist am letzten Abend des Inter­na­tio­nalen Kammer­mu­sik­festes in Lübeck nicht mehr gefragt. Und so präsen­tieren die beiden Musiker nach einer Debussy-Sonate eine Auswahl aus der Suite Populaire Espagnole des Kompo­nisten Manuel da Falla, ehe es einen Ausflug in die Welt von Robert Schumann gibt.

Warum die Besucher­zahlen am dritten Abend deutlich absacken, mag viele Gründe haben, an Klett und Worlitzsch liegt es sicher nicht. Die können mit ihrem „Spontan­auf­tritt“ beim Publikum deutlich punkten. Am Programm eher auch nicht, denn das kennen die meisten nicht, weil hier der Inter­net­auf­tritt wenig aussa­ge­kräftige Auskunft gibt. Mögli­cher­weise ist es ein Erfah­rungswert der vergan­genen Jahre, dass am dritten Tag im Festival das Pulver verschossen ist. Der Eindruck entsteht auch in diesem Jahr. Die Kurzweil ist dahin. Zwar treten mit dem Delta Piano Trio drei sympa­thische, junge Leute an, aber was Gerard Spronk an der Geige, Irene Enzlin am Cello und Vera Kooper am Klavier aus Antonin Dvořáks Dumky-Trio machen, bedarf dringend der Revision. Denn nicht am Können mangelt es, sondern an der Inter­pre­tation. Die Trauer­klage dient der Überbrü­ckung zwischen den Tänzen. Umgekehrt würde ein eindrucks­volles Werk daraus. Die drei fallen der größten Gefahr eines jeden Kammer­musik-Ensembles zum Opfer. Hier gibt es kein Korrektiv wie im Orchester. Und wenn man einmal auf dem falschen Weg ist, gibt es kaum eine Chance, sich selbst­ständig wieder einzu­n­orden. Größer ist die Gefahr nur noch für Solisten. Auch der Beweis wird gleich heute Abend angetreten.

Im dritten Teil tritt Alexander Markovich auf. Sascha, wie ihn die mitge­reiste Mutter liebevoll nennt, das ist der übliche Kosename für Alexander in Russland, ist laut Jürgen Feldhoff, der das Programm mitge­staltet hat, bekannt für markante Auftritte. Mit dem heutigen Erlebnis hat er aller­dings selbst nicht gerechnet. Markovich ist bekannt dafür, dass er impro­vi­sieren kann. Und er ist derjenige, der Xaver Schar­wenkas Musik immer und immer wieder neu inter­pre­tiert. Aller­dings ist Markovich in keiner guten Verfassung. Und das äußert sich nicht nur in seiner adipösen Erscheinung, sondern auch im Erschei­nungsbild. Die Bekleidung ist, gelinde gesagt, unpassend. Deutlicher formu­liert, eine Zumutung für das Publikum. Das kann passieren, und das ihm selbst das unangenehm ist, sorgt eher für Sympathie. Nicht zuletzt gilt doch die Konvention, dass es nicht um das Aussehen eines Musikers geht, sondern um seine Leistungen.

Alexander Markovich – Foto © O‑Ton

Da aller­dings gibt es doch erheb­liche Einschrän­kungen. Was auf dem Programm­zettel steht, ist eher Makulatur. Bei Markovich gibt es kein peinlich genaues Wenden der Noten­blätter, es gibt sie nicht einmal. Der Mann spielt aus dem Kopf. Dabei kommt es ihm nicht auf die Genau­igkeit an, sondern darauf, das Publikum zu faszi­nieren, es gefangen zu nehmen für das Klavier­spiel. Er, der mit Gergiev zusammen auftritt, ist nicht an der werkge­treuen Wiedergabe, sondern an Impro­vi­sa­tionen zu bestimmten Themen inter­es­siert. Bis dahin ist das völlig legitim. Wer mehr als 40 Jahre lang Klavier spielt, hat das Recht, wenn nicht geradezu die künst­le­rische Pflicht, sich über Grenzen hinweg­zu­setzen. Aber dann muss auch mehr passieren als eine Verge­wal­tigung des Flügels. Das brausende Spiel wäre mögli­cher­weise noch gerecht­fertigt, wenn es denn dann fehlerfrei erfolgte. Aber glück­li­cher­weise gibt es einen Programm­rahmen, der noch eine oder zwei Zugaben beinhaltet – und dann ist üblicher­weise Schluss, egal, wie gut oder schlecht ein Musiker seine Werke darbietet. Markovich ignoriert das kurzerhand. Mehr als eine halbe Stunde muss das Publikum die „Zugaben“ ertragen. Jeder freund­liche Applaus wird als Zustimmung für eine Verlän­gerung verstanden. Am Ende bleibt das traurige Bild eines sehr unglück­lichen Musikers. Denn auch die Impro­vi­sa­ti­ons­fä­higkeit hält sich in Grenzen. Endlich hat das Publikum genug und verlässt den Saal.

Mit einem solchen Ende möchte man eigentlich nicht ausein­an­der­gehen. Da ist erfreulich, dass die Veran­stalter das Problem erkannt haben und für das kommende Jahr Lösungen versprechen. Da könnte man sich ja durchaus vorstellen, dass man den Höhepunkten, die es in diesem Jahr an zwei Abenden gegeben hat, mehr Raum gibt. Eine deutli­chere Kommu­ni­kation des Programms wäre hilfreich, mehr Gäste zu gewinnen. Und letztlich hülfe es, die Neuerungen in der Linie zu intensivieren.

Denn eines ist in den drei Tagen klarge­worden: Das Kammer­mu­sikfest verfügt über eine einzig­artige Atmosphäre, eine gesicherte Finan­zierung, die auch Raum für Experi­mente zulässt, und Menschen, die genügend Finger­spit­zen­gefühl und Wissen mitbringen, die Erfolge der ersten beiden Abende auch auf einen dritten Abend zu übertragen. Und damit darf man sich schon jetzt auf das große Fest freuen, dass man anlässlich des 30-jährigen Bestehens in zwei Jahren feiern wird.

Michael S. Zerban

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