O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
KING CHARLES III
(Mike Bartlett)
Besuch am
7. Juni 2018
(Premiere)
Pünktlich zum Festival-Beginn ist Schluss mit Sommer. Kräftige Gewitter entladen sich über der Neusser Rennbahn, Standort des Globe-Theaters. Binnen kürzester Zeit ist der Anfahrtsweg überschwemmt. Etliche Besucher haben die Gefahren der Anreise bei Gewitter gescheut. Und die, die gekommen sind, müssen wohl das Traurigste, was einem beim Festival widerfahren kann, in Kauf nehmen. Sie müssen sich in das dem Theaterbau gegenüberliegende Festival-Restaurant zurückziehen. Obwohl man sich im originellen und abwechslungsreichen Gestühl bei einfallsreicher Verköstigung durchaus wohlfühlen kann, das aufmerksame Personal mit Regenschirm-Service aufwartet, entschädigt das sicher nur bedingt für einen lauschigen Sommerabend auf dem Festivalgelände. Die Festival-Besucher lassen sich die gute Laune davon nicht verderben.
Im Januar vergangenen Jahres hat die Bremer Shakespeare-Company die deutsche Erstaufführung von Mike Bartletts 2014 veröffentlichtem Stück King Charles III präsentiert. Es wurde ein absoluter Überraschungserfolg. Klar, dass Rainer Wiertz, Künstlerischer Leiter des Shakespeare-Festivals in Neuss, es sich nicht hat nehmen lassen, die Truppe einzuladen. Und die Bremer sind gern gekommen, das ist schon vor Beginn der eigentlichen Aufführung zu spüren, wenn die Schauspieler sich schon mal unters Volk mischen, um beispielsweise Programmhefte zu verkaufen.
Bartletts Idee ist so einfach wie genial. Er lässt Elizabeth II sterben und Charles die Nachfolge antreten. Damit landet das Publikum in einer Zukunft, die so bizarr ist wie die Gegenwart. Auf einen Sarg wie in Bremen wird hier verzichtet. Stattdessen beginnt die Aufführung unmittelbar nach der Beerdigung – und das ist gut so. Obwohl Charles ausreichend Gelegenheit hatte, sich auf die neue Führungsrolle vorzubereiten, legt er aus Sicht der gewählten Politiker einen satten Fehlstart hin. Eigentlich soll er nur seiner traditionellen Pflicht nachkommen und ein Gesetz unterzeichnen, das die Privatsphäre besser schützen soll. Der künftige König aber hinterfragt das Gesetz, das die Pressefreiheit aushöhlt und damit eines der wichtigsten Grundrechte der Demokratie untergräbt. Der Premierminister ist entsetzt ob des unerwarteten Widerstandes und fest entschlossen, das Gesetz durchzusetzen. Als das Parlament statt einer Überarbeitung des Gesetzes darüber nachdenkt, ob die Unterschrift des Königs überhaupt noch zeitgemäß ist, löst Charles es kurzerhand auf.
Den aufkommenden Tumult versucht die Parlamentsvorsitzende durch eine Pause zu durchbrechen, aber da ist die alte Frage nach der Notwendigkeit einer Monarchie bereits auf der Straße entbrannt. Und so erleben die Zuschauer in der Pause Demonstranten, die lautstark das Foyer stürmen, einen Königsanhänger, der God save the King intoniert, eine Zeitungsverkäuferin, die ein kostenloses, ganz köstlich aufgemachtes Sonderblatt verteilt. Dass die Schauspieler sich in einer dreistündigen Aufführung keine Ruhepause gönnen, ist schon eines Sonderapplauses wert.
Während der Regen weiter heftig auf das Dach des Theaters prasselt, erleben die Zuschauer den Fortgang des Gewitters um den Machtkampf, ständig hin- und hergeworfen zwischen Drama und Komödie, politischen Grundsatzfragen, kleingeistiger Interessensvertretung und Liebesgeschichten. Ganz nebenbei beantwortet Bartlett eine der drängendsten Fragen der britischen Monarchie. Charles muss auf den Thron verzichten, um ihn für William und Kate freizumachen und somit die Stabilität der Monarchie zu sichern.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Schauspiel | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Es ist ein pralles, saftiges, lebhaftes und überaus kluges Theaterstück, dass Regisseur Stefan Otteni mit Verve inszeniert. Peter Scior bereitet ihm dafür eine liebevoll durchdachte Bühne, die mit Vorhängen, einem verschiebbaren Podium und ein paar Requisiten auskommt. Heike Neugebauer hingegen tobt sich bei den Kostümen aus. Kaum ein Szenenwechsel, der nicht mit einem Kostümwechsel einhergeht, was auch damit zusammenhängt, dass bis auf die Hauptfigur alle Schauspieler mehrere Rollen wahrnehmen.

Das Ensemble tritt in Originalbesetzung an, erweist sich als spielfreudig, präzise und absolut textsicher. Großartig Peter Lüchinger in der Rolle von Charles als altem, nachdenklichem Mann, der unter der Last seiner Verantwortung zunehmend verfällt. Das ist nuanciert bis in die kleinste Geste, immer haarscharf an der Narrenrolle vorbei und damit umso eindrücklicher. Svea Auerbach verdeutlicht unaufdringlich selbst monarchieunkundigen Zuschauern die unglückselige Rolle der Camilla. Plötzlich wird das ganze Drama der Beziehung, das sonst so oft Gegenstand der Häme in der Boulevardberichterstattung ist, nachvollziehbar. Dass in der Ehe von Kate und William eigentlich die Frau die Hosen anhat, arbeitet Petra-Janina Schultz vorbildlich, lebendig und engagiert heraus und ficht als „Königsmörderin“ gleich auch noch die Gender-Debatte aus, während Markus Seuss einen William zeigt, der zwar der Macht nicht abgeneigt, aber doch im Wesen seiner Mutter allzu ähnlich ist. Harry kämpft währenddessen um sein Recht auf Privatsphäre. Warum Tim Lee das so zappelig aufführt, wird nicht ganz klar. Und davon kann ihn auch Theresa Rose als Jessica nicht abbringen, die rollenbedingt vor allem im zweiten Akt ihren ganz großen Auftritt hat. Erik Rossbander überzeugt als Premierminister, bleibt aber als oberster Militär schablonenhaft, während Michael Meyer gelungen die Konflikte des Oppositionsführers herausarbeitet. Als Pressesprecher des Königshauses verdeutlicht Tobias Dürr wie die anderen auch einen ausgesprochen natürlichen Umgang mit der in Blankversen gehaltenen Sprache. An den Stellen, wo es ein wenig zu sehr nach „Reim dich oder ich fress dich“ klingt, wird gern mal persifliert, so dass jede Künstlichkeit im Keim erstickt wird.
Nach mehr als drei Stunden geht ein starkes Stück Theater kurzweilig zu Ende, das selbst die Holzbänke vergessen macht und von einem grandiosen Ensemble begeisternd auf die Bretter gebracht wird, die doch die Welt bedeuten. Das wird wohl jedem klar, der Charles dabei zusieht, wie er mit dem Besen in der Hand zu seiner eigentlichen Berufung zurückkehrt und sich der Gartenarbeit widmet. Das Publikum ist hingerissen und bedankt sich langanhaltend. Im doppelten Wortsinn hat die Bremer Shakespeare-Company die Herzen und Hirne der Zuschauer im Sturm erobert und die Messlatte für das Festival gleich zu Beginn auf die oberste Stufe gelegt. Chapeau.
Michael S. Zerban