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Foto © Christoph Krey

Gewitter im Globe

KING CHARLES III
(Mike Bartlett)

Besuch am
7. Juni 2018
(Premiere)

 

Shake­speare-Festival Neuss, Globe-Theater

Pünktlich zum Festival-Beginn ist Schluss mit Sommer. Kräftige Gewitter entladen sich über der Neusser Rennbahn, Standort des Globe-Theaters. Binnen kürzester Zeit ist der Anfahrtsweg überschwemmt. Etliche Besucher haben die Gefahren der Anreise bei Gewitter gescheut. Und die, die gekommen sind, müssen wohl das Traurigste, was einem beim Festival wider­fahren kann, in Kauf nehmen. Sie müssen sich in das dem Theaterbau gegen­über­lie­gende Festival-Restaurant zurück­ziehen. Obwohl man sich im origi­nellen und abwechs­lungs­reichen Gestühl bei einfalls­reicher Verkös­tigung durchaus wohlfühlen kann, das aufmerksame Personal mit Regen­schirm-Service aufwartet, entschädigt das sicher nur bedingt für einen lauschigen Sommer­abend auf dem Festi­val­ge­lände. Die Festival-Besucher lassen sich die gute Laune davon nicht verderben.

Im Januar vergan­genen Jahres hat die Bremer Shake­speare-Company die deutsche Erstauf­führung von Mike Bartletts 2014 veröf­fent­lichtem Stück King Charles III präsen­tiert. Es wurde ein absoluter Überra­schungs­erfolg. Klar, dass Rainer Wiertz, Künst­le­ri­scher Leiter des Shake­speare-Festivals in Neuss, es sich nicht hat nehmen lassen, die Truppe einzu­laden. Und die Bremer sind gern gekommen, das ist schon vor Beginn der eigent­lichen Aufführung zu spüren, wenn die Schau­spieler sich schon mal unters Volk mischen, um beispiels­weise Programm­hefte zu verkaufen.

Bartletts Idee ist so einfach wie genial. Er lässt Elizabeth II sterben und Charles die Nachfolge antreten. Damit landet das Publikum in einer Zukunft, die so bizarr ist wie die Gegenwart. Auf einen Sarg wie in Bremen wird hier verzichtet. Statt­dessen beginnt die Aufführung unmit­telbar nach der Beerdigung – und das ist gut so. Obwohl Charles ausrei­chend Gelegenheit hatte, sich auf die neue Führungs­rolle vorzu­be­reiten, legt er aus Sicht der gewählten Politiker einen satten Fehlstart hin. Eigentlich soll er nur seiner tradi­tio­nellen Pflicht nachkommen und ein Gesetz unter­zeichnen, das die Privat­sphäre besser schützen soll. Der künftige König aber hinter­fragt das Gesetz, das die Presse­freiheit aushöhlt und damit eines der wichtigsten Grund­rechte der Demokratie unter­gräbt. Der Premier­mi­nister ist entsetzt ob des unerwar­teten Wider­standes und fest entschlossen, das Gesetz durch­zu­setzen. Als das Parlament statt einer Überar­beitung des Gesetzes darüber nachdenkt, ob die Unter­schrift des Königs überhaupt noch zeitgemäß ist, löst Charles es kurzerhand auf.

Den aufkom­menden Tumult versucht die Parla­ments­vor­sit­zende durch eine Pause zu durch­brechen, aber da ist die alte Frage nach der Notwen­digkeit einer Monarchie bereits auf der Straße entbrannt. Und so erleben die Zuschauer in der Pause Demons­tranten, die lautstark das Foyer stürmen, einen Königs­an­hänger, der God save the King intoniert, eine Zeitungs­ver­käu­ferin, die ein kosten­loses, ganz köstlich aufge­machtes Sonder­blatt verteilt. Dass die Schau­spieler sich in einer dreistün­digen Aufführung keine Ruhepause gönnen, ist schon eines Sonder­ap­plauses wert.

Während der Regen weiter heftig auf das Dach des Theaters prasselt, erleben die Zuschauer den Fortgang des Gewitters um den Macht­kampf, ständig hin- und herge­worfen zwischen Drama und Komödie, politi­schen Grund­satz­fragen, klein­geis­tiger Inter­es­sens­ver­tretung und Liebes­ge­schichten. Ganz nebenbei beant­wortet Bartlett eine der drängendsten Fragen der briti­schen Monarchie. Charles muss auf den Thron verzichten, um ihn für William und Kate freizu­machen und somit die Stabi­lität der Monarchie zu sichern.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Es ist ein pralles, saftiges, lebhaftes und überaus kluges Theater­stück, dass Regisseur Stefan Otteni mit Verve insze­niert. Peter Scior bereitet ihm dafür eine liebevoll durch­dachte Bühne, die mit Vorhängen, einem verschieb­baren Podium und ein paar Requi­siten auskommt. Heike Neuge­bauer hingegen tobt sich bei den Kostümen aus. Kaum ein Szenen­wechsel, der nicht mit einem Kostüm­wechsel einhergeht, was auch damit zusam­men­hängt, dass bis auf die Haupt­figur alle Schau­spieler mehrere Rollen wahrnehmen.

Petra-Janina Schultz – Foto © Marianne Menke

Das Ensemble tritt in Origi­nal­be­setzung an, erweist sich als spiel­freudig, präzise und absolut textsicher. Großartig Peter Lüchinger in der Rolle von Charles als altem, nachdenk­lichem Mann, der unter der Last seiner Verant­wortung zunehmend verfällt. Das ist nuanciert bis in die kleinste Geste, immer haarscharf an der Narren­rolle vorbei und damit umso eindrück­licher. Svea Auerbach verdeut­licht unauf­dringlich selbst monar­chie­un­kun­digen Zuschauern die unglück­selige Rolle der Camilla. Plötzlich wird das ganze Drama der Beziehung, das sonst so oft Gegen­stand der Häme in der Boule­vard­be­richt­erstattung ist, nachvoll­ziehbar. Dass in der Ehe von Kate und William eigentlich die Frau die Hosen anhat, arbeitet Petra-Janina Schultz vorbildlich, lebendig und engagiert heraus und ficht als „Königs­mör­derin“ gleich auch noch die Gender-Debatte aus, während Markus Seuss einen William zeigt, der zwar der Macht nicht abgeneigt, aber doch im Wesen seiner Mutter allzu ähnlich ist. Harry kämpft während­dessen um sein Recht auf Privat­sphäre. Warum Tim Lee das so zappelig aufführt, wird nicht ganz klar. Und davon kann ihn auch Theresa Rose als Jessica nicht abbringen, die rollen­be­dingt vor allem im zweiten Akt ihren ganz großen Auftritt hat. Erik Rossbander überzeugt als Premier­mi­nister, bleibt aber als oberster Militär schablo­nenhaft, während Michael Meyer gelungen die Konflikte des Opposi­ti­ons­führers heraus­ar­beitet. Als Presse­sprecher des Königs­hauses verdeut­licht Tobias Dürr wie die anderen auch einen ausge­sprochen natür­lichen Umgang mit der in Blank­versen gehal­tenen Sprache. An den Stellen, wo es ein wenig zu sehr nach „Reim dich oder ich fress dich“ klingt, wird gern mal persi­fliert, so dass jede Künst­lichkeit im Keim erstickt wird.

Nach mehr als drei Stunden geht ein starkes Stück Theater kurzweilig zu Ende, das selbst die Holzbänke vergessen macht und von einem grandiosen Ensemble begeis­ternd auf die Bretter gebracht wird, die doch die Welt bedeuten. Das wird wohl jedem klar, der Charles dabei zusieht, wie er mit dem Besen in der Hand zu seiner eigent­lichen Berufung zurück­kehrt und sich der Garten­arbeit widmet. Das Publikum ist hinge­rissen und bedankt sich langan­haltend. Im doppelten Wortsinn hat die Bremer Shake­speare-Company die Herzen und Hirne der Zuschauer im Sturm erobert und die Messlatte für das Festival gleich zu Beginn auf die oberste Stufe gelegt. Chapeau.

Michael S. Zerban

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