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Foto © Christoph Krey

Solide und eindrücklich

KING HENRY V.
(William Shakespeare)

Besuch am
12. Juni 2018
(Premiere)

 

Shake­speare-Festival Neuss, Globe-Theater

Die Schlacht von Azincourt am 25. Oktober 1415 verän­derte nicht nur nachhaltig die englisch-franzö­si­schen Verhält­nisse, sondern wurde auch zur histo­ri­schen Grundlage eines Theater­stücks, das – zugegeben – auch nicht wesentlich jünger ist. 1599 wurde King Henry V. von William Shake­speare zum ersten Mal aufge­führt. Ein dreistün­diges Stück, das vor Pathos, Patrio­tismus und langat­migen Monologen nur so strotzt.

Natürlich gehört auch ein solches Werk in den Kanon eines Shake­speare-Festivals. Auch wenn davon längst nicht so viele Besucher wie üblich überzeugt sind. Zur Aufführung lädt die Compagnie Shake­speare at the Tobacco Factory aus Bristol ins Neusser Globe-Theater ein. Insze­niert hat das Stück Elizabeth Freestone. Es braucht eine Weile, um sich auf ihre Umsetzung einzu­lassen. Da ist zum einen der ungewohnte Tonfall der antiquierten engli­schen Sprache, der ein Verständnis erst mal unmöglich zu machen scheint, zum anderen wirkt die Bühnen­ge­staltung eher eindi­men­sional und schließlich ist die Perso­nen­führung zunächst alles andere als originell.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Erst allmählich erschließen sich die Feinheiten der Regie. Lily Arnold beschränkt sich bei der Bühnen­ge­staltung auf die beiden unteren Ebenen. Im Theater würde man wohl sagen, auf die Ebenen 0 und ‑1. Auf der Ebene 0, die immer die eigent­liche Bühne ist, hat sie verschiedene Draht­ge­stelle aufgebaut, unter denen sich ein Haufen Dreck befindet. Der Hinter­grund ist schwarz abgehängt und bietet den einen Zugang. Der andere Zugang ist der über die Rampe von Ebene ‑1, also der Aufgang vom Haupt­eingang her. Der ist laut und aufdringlich und wird zu oft genutzt. Die Draht­ge­stelle werden im Laufe des Spiels immer wieder verschoben. So können die verschie­denen Spielorte angedeutet werden. Wie genial das ist, erschließt sich erst, als die beiden Camps der Kriegs­gegner verbild­licht werden. Freestone verlegt die Handlung in ein unbestimmtes Heute. Dazu findet Arnold großartige Kostüme, die einer­seits die Königs­häuser in die Manage­ment­ebene verschieben, anderer­seits so gekonnt gemacht sind, dass sie die Kriegs­si­tuation verdeut­lichen, ohne allzu martia­lisch daher­zu­kommen. Denn Freestone geht es nicht darum, Krieg zu spielen, sondern die psycho­lo­gische Entwicklung darzu­stellen. Und das gelingt ihr vorzüglich. Das eigent­liche Meisterwerk besteht aber darin, die Geschichte an gegen­sätz­lichen Orten mit demselben Personal so zu erzählen, dass man es versteht. Die drama­ti­schen Effekte abseits der Texte setzt Matthew Graham mit seinem Licht, für die nötigen Hinter­grund­ge­räusche und die Eigen­kom­po­si­tionen sorgt Giles Thomas, der sich dabei auf die Lautsprecher beschränkt. Wenige Live-Gesänge wirken dabei sehr eindringlich.

Foto © Christoph Krey

Das Besondere des Werkes ist, dass hier eine Erzäh­lerin zum Einsatz kommt, für die Entste­hungszeit noch sehr ungewöhnlich. Joanne Howarth sorgt dafür, dass Zeit- und Ortssprünge nachvoll­ziehbar überbrückt werden. Abseits der Erzähl­ebene glänzen die Schau­spieler mit Textsi­cherheit und Glaub­wür­digkeit. Dass Freestone mit ständigen Standard­si­tua­tionen aufwartet, in denen sich die Schau­spieler um einen Monolog versammeln, erscheint angesichts des Stücks unabwendbar. Gerettet wird die Angele­genheit mithilfe großar­tiger Schau­spieler. Aus der Rolle fällt hier ausge­rechnet Henry. Ben Hall kann als König wenig überzeugen. Stimme und Gestik stimmen oft nicht überein. Und so oft, wie er sich über die Nase streicht, wirkt er eher wie ein Kokainist als ein König. Das kann wohl nicht gewollt sein. Besonders erwäh­nenswert ist dagegen Amy Rockson, die als Montjoy die wichtige Mittlerin spielt. Heledd Gwynn bleibt zwar als Katharine eher im Hinter­grund, wenn man von ihrem großen Monolog im Camp absieht, überzeugt aber als Figur. Mit eben der Szene in den Camps gewinnt Freestone. Es gelingt ihr, die Sinnlo­sigkeit des Krieges stark darzu­stellen, ohne auf mehr Blut und Tote als notwendig abzustellen. Auch der roman­tische Schluss in Form der Vertrags­ver­hand­lungen mit gleich­zei­tigem Heirats­ver­sprechen bleibt ohne Kitsch. Die Sinnlo­sigkeit aller Kriege wird bei Freestone mindestens so deutlich, wenn sie beinahe kinohafte Situa­tionen herstellt, wie die Leich­tigkeit, Lösungen zum Frieden zu finden. Dass die dann schon mal in Hochzeiten münden, kann ja so schlimm nicht sein.

Das Publikum reagiert nach sage und schreibe drei Stunden mit eupho­ri­schem Applaus. Es ist der Beifall dafür, dass eine Regis­seurin ein über vierhundert Jahre altes Stück so modern präsen­tiert hat, wie es eben nur geht, ohne moder­nis­tisch zu wirken. Bravo.

Michael S. Zerban

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