Schön gestorben

ROMEO Y JULIETA
(William Shakespeare)

Besuch am
27. Juni 2018
(Einma­liges Gastspiel)

 

Shake­speare-Festival Neuss, Globe-Theater

Es gehört zum guten Ton, dass es beim Shake­speare-Festival in Neuss bei einer Aufführung eine Pause gibt. Schon um den exklu­siven Zusatz-Service nutzen zu können, der sich zuneh­mender Beliebtheit erfreut. 30 Besucher bekommen die Möglichkeit, sich einen „Picknick-Korb“ für zwei Personen aushän­digen zu lassen. Die ideale Beilage zu einer Flasche Wein. Frisches Baguette, Salami, ein paar Frika­dellen und erlesene Käse-Sorten, Butter und ein Chutney sowie eine Portion Weintrauben verschönern die Pause. Das alles zu einem überschau­baren Preis. So lässt sich das Festival noch einmal so gut genießen, wie gesagt, wenn es eine Pause gibt. Das ist bei Romeo y Julieta ausnahms­weise nicht der Fall. Aber selbst­ver­ständlich darf man sich auch vor und nach der Vorstellung in kulina­ri­schen Genüssen ergehen.

Und nach dem Stück, das die Theater­gruppe Projecte Ingenu aus Barcelona aufführt, gibt es durchaus Grund, sich noch einmal zusam­men­zu­setzen und bei einem Glas Wein Eindrücke auszu­tau­schen. In fast zwei Stunden liefern die spani­schen Theater­leute modernes Theater ab, das so eindrücklich wirkt, dass man nicht einmal die Sprache verstehen muss. Denn in Neuss wird Sprache zur Heraus­for­derung. Die Spanier sprechen kurzerhand auf der Bühne das, was sie am besten können: Spanisch. Die Übertitel liefern lediglich Szenen­be­schrei­bungen auf Englisch. Und der – man kann es nicht anders sagen – armselige Abend­zettel, dessen wichtigste Aufgabe es zu sein scheint, für die Sponsoren des Festivals zu werben, bringt auch nur oberfläch­liche Erkennt­nisse. Macht aber nix.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Wenn jemand wie Marc Chornet ein Stück so schön erzählt, wird Sprache zur Neben­sache. Dann dient sie zwar immer noch der Lautma­lerei, ist aber zum Verständnis von Emotionen und Fortgang der Handlung nicht mehr zwingend notwendig. Und Chornet kann fabelhaft erzählen. Laura Clos hat eine Bühne entworfen, die mit zwei Metall­ge­stellen, vier Stühlen, zwei davon mit Sitzfläche, und Holzstäben auskommt. Damit kann man Tische bauen, Orte herstellen und einen eindrucks­vollen Sarg bauen, der abschließend wieder mit Stäben versiegelt wird, die zwischen­durch noch als Kampf­mittel gedient haben. Hier schlägt die Fantasie Flügel. Die Kostüme von Clos und Teresa del Junca stehen dem in nichts nach. Eine Mischung aus sexy, modern und zeitlos – das muss man erst mal hinkriegen. Dazu kommt wieder das Fünkchen überbor­dender Fantasie, mit dem man den Montagues ein schwarzes Kapuzen­män­telchen umhängt und sie damit deutlich von den Capulets abgrenzt. Dass Julia im Tüll-Röckchen – noch dazu zwischen­zeitlich mit Rollkra­gen­pulli – auftritt, überspielt die Darstel­lerin mit ihrer Ausstrahlung. Wunderbar auch das Licht von Justo Gallego, der aus wenigen Mitteln schnelle Licht­wechsel schafft, die der Dramatik der Entwicklung Rechnung tragen. In solchem Umfeld macht es Chornet Spaß, die allzu bekannte Handlung mit subtilem Humor, intel­li­genten Choreo­grafien von Victor Rodrigo und einer Musik zu unter­malen, die von John Dowland, einem Zeitge­nossen Shake­speares, inspi­riert ist. Da muss der Chor auf der Bühne ran. Kein Problem für die Darsteller, die mit sicht­lichem Vergnügen Melodien summen, kleine Lieder anstimmen oder Rhythmen anschlagen, die das Theater­ver­gnügen anpeitschen.

Foto © Christoph Krey

Der Dialog­überhang wird so mühelos entkräftet. Chornet stellt die Liebe in Zusam­menhang mit dem Krieg. „Das eine macht ohne das andere keinen Sinn“, sagt er. Und er schert sich einen Dreck um männliche und weibliche Rollen­zu­wei­sungen, die Shake­speare vorge­nommen hat. Wenigstens Romeo und Julia bleiben Männlein und Weiblein. Während Marti Salvat als Romeo der Rolle verhaftet bleibt, gelingt es Roser Tapias, als Julia einen Zauber zu entwi­ckeln, der die Zuschauer begeistert. Christina López ist als Prinz in der misslichen Rolle der Erzäh­lerin. Hier muss man sich auf den Klang der Stimme verlassen, der aber durchaus trägt. Förmlich entfesselt präsen­tiert Tom Guillemat die Amme. Monologe sind seine Spezia­lität, als schwei­gende Statue einer Madonna in der Kirche schlägt er aller­dings dem Fass den Boden aus. Benvolio wird überragend von Neus Pàmies inter­pre­tiert. Und Rosa Serra steht ihr als Mercutio in nichts nach. Erotische Berüh­rungen und Bewegungen finden unentwegt statt, aber immer unauf­dringlich, wie selbst­ver­ständlich. Auch Ioan Cadina als Lord Capulet und Xavi Torra als Lady Capulet, Paris und Tybalt begeistern.

Da verfliegt die Zeit, bis das Publikum im sehr gut besetzten Globe-Theater in Neuss sich endlich in brausendem Applaus ergehen kann. Das Stampfen der Füße auf dem Holzboden wirkt wie eine Befreiung, musste man sich doch mit Szenen­ap­plausen zurück­halten, und es gibt kein Halten mehr. Auch zu stehenden Ovationen, eher die Ausnahme in Neuss, lassen die Zuschauer sich hinreißen.

Noch bis zum 7. Juli dauert das Shake­speare-Festival, das auch in diesem Jahr wieder mit einer Vielzahl abwechs­lungs­reicher, charmanter, witziger, aber auch nachdenk­licher Veran­stal­tungen aufwarten kann. Und wenn die Wetter­vor­her­sagen stimmen, kann sich das Festival auch noch zu einem echten Sommerfest entwi­ckeln. Verdient wäre es.

Michael S. Zerban

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