O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
ROMEO Y JULIETA
(William Shakespeare)
Besuch am
27. Juni 2018
(Einmaliges Gastspiel)
Es gehört zum guten Ton, dass es beim Shakespeare-Festival in Neuss bei einer Aufführung eine Pause gibt. Schon um den exklusiven Zusatz-Service nutzen zu können, der sich zunehmender Beliebtheit erfreut. 30 Besucher bekommen die Möglichkeit, sich einen „Picknick-Korb“ für zwei Personen aushändigen zu lassen. Die ideale Beilage zu einer Flasche Wein. Frisches Baguette, Salami, ein paar Frikadellen und erlesene Käse-Sorten, Butter und ein Chutney sowie eine Portion Weintrauben verschönern die Pause. Das alles zu einem überschaubaren Preis. So lässt sich das Festival noch einmal so gut genießen, wie gesagt, wenn es eine Pause gibt. Das ist bei Romeo y Julieta ausnahmsweise nicht der Fall. Aber selbstverständlich darf man sich auch vor und nach der Vorstellung in kulinarischen Genüssen ergehen.
Und nach dem Stück, das die Theatergruppe Projecte Ingenu aus Barcelona aufführt, gibt es durchaus Grund, sich noch einmal zusammenzusetzen und bei einem Glas Wein Eindrücke auszutauschen. In fast zwei Stunden liefern die spanischen Theaterleute modernes Theater ab, das so eindrücklich wirkt, dass man nicht einmal die Sprache verstehen muss. Denn in Neuss wird Sprache zur Herausforderung. Die Spanier sprechen kurzerhand auf der Bühne das, was sie am besten können: Spanisch. Die Übertitel liefern lediglich Szenenbeschreibungen auf Englisch. Und der – man kann es nicht anders sagen – armselige Abendzettel, dessen wichtigste Aufgabe es zu sein scheint, für die Sponsoren des Festivals zu werben, bringt auch nur oberflächliche Erkenntnisse. Macht aber nix.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Schauspiel | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Wenn jemand wie Marc Chornet ein Stück so schön erzählt, wird Sprache zur Nebensache. Dann dient sie zwar immer noch der Lautmalerei, ist aber zum Verständnis von Emotionen und Fortgang der Handlung nicht mehr zwingend notwendig. Und Chornet kann fabelhaft erzählen. Laura Clos hat eine Bühne entworfen, die mit zwei Metallgestellen, vier Stühlen, zwei davon mit Sitzfläche, und Holzstäben auskommt. Damit kann man Tische bauen, Orte herstellen und einen eindrucksvollen Sarg bauen, der abschließend wieder mit Stäben versiegelt wird, die zwischendurch noch als Kampfmittel gedient haben. Hier schlägt die Fantasie Flügel. Die Kostüme von Clos und Teresa del Junca stehen dem in nichts nach. Eine Mischung aus sexy, modern und zeitlos – das muss man erst mal hinkriegen. Dazu kommt wieder das Fünkchen überbordender Fantasie, mit dem man den Montagues ein schwarzes Kapuzenmäntelchen umhängt und sie damit deutlich von den Capulets abgrenzt. Dass Julia im Tüll-Röckchen – noch dazu zwischenzeitlich mit Rollkragenpulli – auftritt, überspielt die Darstellerin mit ihrer Ausstrahlung. Wunderbar auch das Licht von Justo Gallego, der aus wenigen Mitteln schnelle Lichtwechsel schafft, die der Dramatik der Entwicklung Rechnung tragen. In solchem Umfeld macht es Chornet Spaß, die allzu bekannte Handlung mit subtilem Humor, intelligenten Choreografien von Victor Rodrigo und einer Musik zu untermalen, die von John Dowland, einem Zeitgenossen Shakespeares, inspiriert ist. Da muss der Chor auf der Bühne ran. Kein Problem für die Darsteller, die mit sichtlichem Vergnügen Melodien summen, kleine Lieder anstimmen oder Rhythmen anschlagen, die das Theatervergnügen anpeitschen.

Der Dialogüberhang wird so mühelos entkräftet. Chornet stellt die Liebe in Zusammenhang mit dem Krieg. „Das eine macht ohne das andere keinen Sinn“, sagt er. Und er schert sich einen Dreck um männliche und weibliche Rollenzuweisungen, die Shakespeare vorgenommen hat. Wenigstens Romeo und Julia bleiben Männlein und Weiblein. Während Marti Salvat als Romeo der Rolle verhaftet bleibt, gelingt es Roser Tapias, als Julia einen Zauber zu entwickeln, der die Zuschauer begeistert. Christina López ist als Prinz in der misslichen Rolle der Erzählerin. Hier muss man sich auf den Klang der Stimme verlassen, der aber durchaus trägt. Förmlich entfesselt präsentiert Tom Guillemat die Amme. Monologe sind seine Spezialität, als schweigende Statue einer Madonna in der Kirche schlägt er allerdings dem Fass den Boden aus. Benvolio wird überragend von Neus Pàmies interpretiert. Und Rosa Serra steht ihr als Mercutio in nichts nach. Erotische Berührungen und Bewegungen finden unentwegt statt, aber immer unaufdringlich, wie selbstverständlich. Auch Ioan Cadina als Lord Capulet und Xavi Torra als Lady Capulet, Paris und Tybalt begeistern.
Da verfliegt die Zeit, bis das Publikum im sehr gut besetzten Globe-Theater in Neuss sich endlich in brausendem Applaus ergehen kann. Das Stampfen der Füße auf dem Holzboden wirkt wie eine Befreiung, musste man sich doch mit Szenenapplausen zurückhalten, und es gibt kein Halten mehr. Auch zu stehenden Ovationen, eher die Ausnahme in Neuss, lassen die Zuschauer sich hinreißen.
Noch bis zum 7. Juli dauert das Shakespeare-Festival, das auch in diesem Jahr wieder mit einer Vielzahl abwechslungsreicher, charmanter, witziger, aber auch nachdenklicher Veranstaltungen aufwarten kann. Und wenn die Wettervorhersagen stimmen, kann sich das Festival auch noch zu einem echten Sommerfest entwickeln. Verdient wäre es.
Michael S. Zerban