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Turbo-Theater

LA CAMBIALE DI MATRIMONIO
(Gioachino Rossini)

Besuch am
20. Juli 2018
(Premiere am 14. Juli 2018)

 

Rossini-Festival, Kurtheater, Bad Wildbad

Herr Ameri­kaner“, wendet sich der englische Kaufmann Tobia Mill an seinen Gast aus der Neuen Welt, den Händler Slook. „Herr Europäer“, antwortet dieser mit gelindem Sarkasmus. Wie vom Zeitgeist bestellt, mutet die farsa comica im Programm des diesjäh­rigen Belcanto Opera Festivals an. Ist doch Rossinis La cambiale di matri­monio – zu Deutsch der Heirats­wechsel – auf ein Libretto von Gaetano Rossi durchaus als ein sehr frühes Unter­fangen im „alten Europa“ zu verstehen, Amerika, diese neue fremde Kultur von Western Saloons und ungebremstem Kapita­lismus, durch den Kakao zu ziehen. Allein schon unter dem Aspekt des clash of cultures ist die äußerst seltene Begegnung mit dem quirligen Einakter im charmanten Kurtheater von Bad Wildbad ein Vergnügen. Doch damit begnügt sich Bariton Lorenzo Regazzo, seit mehr als einem Dutzend Jahren eine feste Größe als Sänger und Dozent an der Oos, keineswegs.

Ihn, den Rossini- und Mozart-Inter­preten, hat es offen­kundig bei seiner ersten Insze­nierung für Wildbad gereizt, den Schabernack von 1810, der der dem 18-jährigen Kompo­nisten die Theater­türen Venedigs öffnet und den Weg zu einer ganzen Serie von scritture, also Aufträgen, bahnt, auf die Spitze zu treiben. Europa, so scheint es, hat im Kultur- und Lifestyle-Poker der beiden Konti­nente immer noch ein As im Ärmel. Hat der Komponist mit seiner schon erstaunlich ausge­bufften Partitur irgendwann sein erstes Pulver verschossen, setzt Regazzo bei Regie und Bühne stets noch einen drauf. So ist eine Turbo-Produktion der farca entstanden, die die enge Grenze zwischen Komödie und Klamauk austestet und sich ganz nebenbei noch einen Reim auf das moderne Regie­theater zu machen sucht.

Ausgangs­punkt dieser cosa rara ist der Entschluss von Slook, sich bei seinem Branchen­kol­legen eine Frau zu kaufen. Mill, der Adressat dieser eigentlich unakzep­tablen Anmutung, wirft aller­dings den angereisten Slook keineswegs aus dem Haus. Da er als neoli­be­raler Markt­wirt­schaftler sich allein von Angebot und Nachfrage leiten lässt, ist es für ihn problemlos, seine eigene Tochter Fanni als Tausch- und Handelsware in das Kalkül einzu­be­ziehen. Der Parcours in dieser wie in vielen anderen Komödien der Opera buffa – verwiesen sei etwa auf Donizettis Don Pasquale – ist damit gesteckt. Fanni, ihrem mittel­losen Lover Edoardo Milfort herzlich zugetan, gelingt es im Verein mit dem selbst­be­wussten Dienerpaar Clarina und Norton, Slook zu überlisten. Damit steht dem lieto fine nichts mehr entgegen. Alle Betei­ligten besingen das Glück Fannis und Edoardos.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Dem Genre nach ist die einaktige farca mit wenigen Solisten, einem nicht zu aufwän­digen Orchester, unter Verzicht auf einen Chor und in der Regel mit nur einem Bühnenbild ein äußerst kosten­güns­tiges Theater­format. All das passt exakt zu den Modali­täten im Kurtheater, wäre da nicht eben Regazzos Grundidee, die Komödie durch die Konstruktion einer Metaebene spekta­kulär bis grotesk zu überwölben. Träger dieser Idee ist – notabene – der Wildbader Erzko­mö­diant selbst, indem er sich als Super­visor und korri­gie­rende Instanz in das Geschehen einbringt. Am Anfang verbirgt sich Regazzo noch hinter einer überdi­men­sio­nalen Ausgabe eines Buches zum modernen Regie­theater. Ein Einfall, der nicht weiter verfolgt wird. Dann bewegt er sich offen in der Szene, gibt mehr oder minder erhel­lende Regie­an­wei­sungen, krittelt an der Aussprache seiner jungen Sänger­kol­le­ginnen und Sänger­kol­legen herum, teilweise in Deutsch, hantiert mit den reichlich ausge­brei­teten Requi­siten und spitzt in teils witzigen, teils billigen Kommen­taren die Handlung noch mehr zu, als Rossini und sein Librettist es bereits eh besorgt haben.

Regazzos Übertrei­bungen arbeiten mit allen, auch plumpen Mitteln. Clarina deutet einen Strip­tease an, den sie recht gut hinbe­kommt. Edoardo gendert im Frauen­kostüm über die Bühne. Slapstick hat Hochkon­junktur. Zum guten Schluss dieser grassie­renden Albernheit landet unter Bemühung des deutsch-öster­rei­chi­schen Psych­iaters Richard von Krafft-Ebing die ganze Sippschaft in der Psych­iatrie. Spätestens hier hat sich die farca zum Komödi­en­stadl gewandelt. Der letzte Schuss trifft den Regisseur, der den Regisseur mimt – immerhin eine versöhn­liche Prise Selbstironie.

Eleonora Bellocci – Foto © Patrick Pfeiffer

Erstaunlich genug – in dieser Pseudowelt von Komödie, die zum Klamauk changiert oder gern auch umgekehrt, kommt das Sextett der Sänger­dar­steller, das von der Kostüm­de­si­gnerin Claudia Möbius adäquat ausge­stattet worden ist, hervor­ragend zurecht. In den Virtuosi Brunenses, die von Jacopo Brusa dirigiert werden, verfügen sie auch über einen glänzend dispo­nierten Rückhalt. Ein zusätz­licher Pluspunkt dieser musika­li­schen Entourage ist GianLuca Ascheri, der am Tafel­klavier unter­haltsame Pointen in Form von Zitaten aus diversen Opern des 19. Jahrhun­derts einstreut. Es ist schlicht ein Vergnügen, ihnen einzeln oder in den diversen sprit­zigen Duetten zuzuhören. Als Offen­barung der Aufführung kristal­li­siert sich gegen Schluss die Sopra­nistin Eleonora Bellocci heraus, die die Fanni singt und mit der so genannten Jubelarie Vorrei spiegarvi il giubilo das Bravour­stück der Aufführung liefert. Als Slook hat Bariton Roberto Maietta pracht­volle Momente, so vor allem mit seinem Entree im Anwesen des engli­schen Kaufmanns im Westernstil seiner Heimat, den Rossini mit einer eleganten und ausführ­lichen Orches­ter­be­gleitung untermalt. Matija Meic gibt Fannis Vater Mill mit virilem Bariton und imposanter Ausstrahlung. In den weiteren Rollen überzeugen Maria Rita Combat­telli als Clarina, Javier Povedano als ihr Pendant Norton sowie Xiang Xu, der den Eduardo je nach Szene mit Ernst und Frivo­lität gibt.

Der empathische, nicht übertriebene Beifall der Besucher gilt vor allem der jungen Sänger­garde, völlig zu Recht, dann auch mit subtiler Nuancierung dem Regisseur. Einen Spaß haben sie alle erlebt, die auf wie die vor der Bühne. Kein schlechtes Fazit eines turbu­lenten Theaterabends.

Ralf Siepmann

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