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ÜBERLEBEN
(Joseph Eybler, Ludwig van Beethoven)
Besuch am
22. September 2018
(Einmalige Aufführung)
Wenn Hermann Max, der ebenso umtriebige wie renommierte Chorleiter der Rheinischen Kantorei, zu Konzerten einlädt, sind Überraschungen garantiert. Auch im 27. Jahr seines Festivals für Alte Musik in Knechtsteden. Die dortige Klosterbasilika am Rande Dormagens war wiederum der stimmungsvolle Schauplatz der Eröffnung des neuen, bis zum 29. September andauernden Festivals, das thematisch um das doppeldeutige Motto „Über Leben“, vielleicht auch „Überleben“, kreist. Wie gewohnt, hat Max auch für dieses Thema mit seiner Spürnase eine Rarität gefunden, die eine Wiederbelebung rechtfertigt.
Eine nicht minder große Überraschung ist ihm allerdings daneben mit der Verpflichtung des Hamburger Ensembles reflektor gelungen. Hinter dem etwas geheimnisvollen Namen verbirgt sich ein etwa 40-köpfiges Symphonieorchester, bestehend aus blutjungen Studenten und Profis der Nordwestdeutschen Philharmonie, das der versierte Geiger und Professor an der Hochschule der Künste Bremen Thomas Klug seit rund drei Jahren zu einem erstaunlich brillanten und nahezu perfekten Ensemble schweißt. Das Orchester besticht nicht nur durch seine außerordentlichen musikalischen Leistungen, sondern durch seine Aufgeschlossenheit, mit der es auch auf der Reeperbahn und in Fabriken gastiert, für jedes noch so ungewohnte Programm zu haben ist, mit Syrern und Jazzern zusammenarbeitet und interessante Programme für Kinderprojekte erarbeitet. Und die unter Hochspannung musizierenden jungen Leute sorgten nach der Pause mit Ludwig van Beethovens 5. Symphonie für einen Abschluss des Abends der Sonderklasse.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dass Beethoven seine Zeitgenossen mit diesem Schlüsselwerk geradezu überrumpelt und ratlos hinterlassen hat, ist für heutige Hörer kaum noch nachvollziehbar. Das Ensemble reflektor liefert allerdings eine so druckvolle und dynamisch explosive Interpretation des hinreichend bekannten Werks, dass zumindest eine Ahnung von der ungeheuren Wirkung der Symphonie durchschimmerte. Die Befürchtung, dass das von Klug angeschlagene Tempo die Musiker in den vielen diffizilen Stellen aus der Bahn werfen könnte, bleibt unbegründet, selbst in den gefürchteten Bass-Läufen des Trios im Scherzo. Mit lupenreiner Intonation und perfektem Zusammenspiel liefern die Musiker eine Interpretation, die in Sachen Beethoven zum Besten und Aufregendsten der letzten Zeit gehören dürfte. Man darf auf die Veröffentlichung der ersten CD gespannt sein, auf der die Symphonie unter dem Titel Gewaltakt mit anderen Werken ähnlich kraftvollen Zuschnitts verewigt wird.

Die politischen und privaten Spannungen, die Beethovens Lebens durchzogen, lassen eine im Fahrwasser der Großen Revolution entstandene Komposition wie die Fünfte problemlos dem „Überlebens“-Motto des Festivals eingliedern. Das gilt auch für das kaum bekannte Oratorium des Beethoven-Zeitgenossen Joseph Eybler „Die vier letzten Dinge“. 1810 in enger zeitlicher Nachbarschaft zu Beethovens 5. Symphonie entstanden, sind Einflüsse des Bonner Meisters unverkennbar. Doch wenn es um Oratorien dieser Zeit geht, steht vor allem Joseph Haydn Pate. Und bereits die an Zerstörung und Vergänglichkeit mahnende Ouvertüre erinnert an die Einleitung zu Haydns Schöpfung. Ebenso wie die Ausgestaltung mancher Rezitative. Freilich wirkt alles nicht ganz so fantasievoll und originell wie bei dem großen Ahnen. Und Hermann Max entscheidet sicher recht, wenn er sich auf einen einstündigen Auszug aus dem Werk beschränkt.
Heutigen Hörern dürfte auch das Libretto Probleme bereiten. In drei Teilen wird mit Hilfe von drei Erzengeln der Untergang der Welt, die Wiedererweckung der Toten im Jüngsten Gericht und die Errettung der Seligen beschreiben. Das wird im Libretto, vor allem im zweiten Teil, recht naiv beschrieben, auch wenn Eyblers Musik ein großes handwerkliches Können erkennen lässt.
Den Löwenanteil der gewählten Ausschnitte haben die Solisten zu bewältigen. Mit Sopranistin Catalina Bertucci, Tenor Andreas Post und Georg Streuber als Bariton beweist Max wiederum ein glückliches Händchen bei der Auswahl seiner Mitstreiter. Ein sehr homogenes Terzett, das den Anforderungen der Partien vollauf gerecht wird.
Und die mit Ausnahme einer recht konventionell gestrickten Fuge nicht allzu anspruchsvollen Chorpassagen sind bei der hervorragend geschulten Rheinischen Kantorei bestens aufgehoben. Wobei das Ensemble reflektor so voluminös in Erscheinung tritt, dass Max streckenweise Mühe hat, das Orchester auf angemessene Distanz zu halten.
Begeisterter Beifall für beide Teile des Konzerts, der sich verständlicherweise nach der effektvollen und furios aufgeführten Beethoven-Symphonie noch steigert.
Pedro Obiera