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SIMPLICISSIMUS
(Christina Siegfried)
Besuch am
23. September 2018
(Einmaliges Gastspiel)
Der Sonntagnachmittag ist im Familienleben immer krisenanfällig, gerade, wenn die Kinder noch klein sind. Familienväter umgehen das gern geschickt mit Ausflügen. Blöd aber, wenn es aus Kübeln schüttet und die Temperaturen gerade mal um zehn Grad gefallen sind. Da rückt der Kinderspielplatz in unendliche Ferne. Also: Ab ins Theater! Das Festival Alte Musik Knechtsteden bietet dazu das Format Landpartie an. Im zu einem heimeligen Konzertsaal umgebauten, ehemaligen Bullenstall des Klosters Knechtsteden lädt das Festival zum szenischen Familienkonzert ein. Mit dem für Kinder völlig unverständlichen Titel Simplicissimus. Aber das macht es ja gerade spannend. Und so traben die Familien, unter Regenschirmen versteckt oder in wetterfeste Kleidung eingepackt, über das Klostergelände, um die Aufführung zu erleben, die ziemlich marginal mit „Instrumentalwerke und Tänze aus dem 17. Jahrhundert“ angekündigt ist. Dass sich trotzdem viele Besucher einfinden, kann nicht am Text im Programmheft liegen. Der ist so knochentrocken, dass man schon als Erwachsener eigentlich nicht so richtig weiß, warum man sich das antun soll.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Schauspiel | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Wenn da nicht dieser Simplicissimus wäre. Eine wunderbare literarische Gestalt, die Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen 1668 im Schelmenroman Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch erschaffen hat. 1975 stellte Matthias Habich in seiner größten Rolle einen kongenialen „Simplex“, wie Melchior Sternfels von Fuchshaim als Protagonist im Verlauf des Romans genannt wird, in einem Fernsehvierteiler dar. Kein Geringerer als Regisseur Fritz Umgelter zeichnete einen verschmitzten Gesellen, der im Geschehen des 30-jährigen Krieges immer wieder in lebensbedrohliche Situationen gerät, aus denen er sich listig befreit, um daraus Glück zu schöpfen. Der komplexe Stoff eignet sich natürlich für ein einstündiges Familienkonzert nicht. Also hat Christiane Siegfried eine Spielfassung geschaffen, die sich – mindestens ebenso schlau – auf das Thema Wahrheit kapriziert. Ist Wahrheit unabdingbar? Oder gibt es erlaubte Notlügen, vielleicht einfach nur Schummeleien, um Schlimmeres zu verhindern? Angestiftet von einer weiblichen Person, erzählt der Simplicius eine Lebensgeschichte, die so abenteuerlich ist, dass man nicht wirklich alles glauben möchte. Aber wem schadet eine spannend erzählte Geschichte?

Und ziemlich aufregend ist das ja, was der Schauspieler Thomas Streipert da über das Leben des Simplicissimus zu berichten weiß. Begleitet wird er dabei vom Ensemble all’improvviso, das tatsächlich auf dem Original nachempfundenen Instrumenten jener Zeit Musiken aus dem 17. Jahrhundert beisteuert. Martin Ehrhardt greift auf Blockflöten, Einhandflöte und Trommel zu, Michael Spiecker hat eine echte Barockvioline zur Hand, Miyoko Ito weiß mit einer Viola da Gamba zu entzücken und Christoph Sommer entführt mit Laute und Barockgitarre in die Vergangenheit. Das wirkt frisch und heutig, kein bisschen angestaubt und viel Spaß gibt es auch. Für die nötige Bewegung im Szenenbild sorgt die be- und verzaubernde Mareike Greb mit Tanz, Verkleidung und Schauspiel. Kaum möchte man die Augen von ihr lassen, wenn sie sich in barocken Tänzen versucht, Streipert zuspielt oder die Bühne mit einfachsten Mitteln wie Plakaten oder Pappschablonen ausstattet.
Die Kinder, die das möchten, werden sofort der Obhut ihrer Eltern entzogen und bekommen vor den Stuhlreihen ihr eigenes Reich auf Sitzkissen, von wo aus sie die abenteuerliche Reise des Simplex aus nächster Nähe mitverfolgen können. Das „Mitmachtheater“, das Erwachsene für so wichtig halten, hält sich in überschaubaren Grenzen. Da wird gemeinsam gesungen, die Kinder dürfen die wogende See mit Stoffbahnen nachspielen und bei der Zugabe dürfen sie sogar mittanzen. Das ist sehr angenehm, weil hier niemand verpflichtet wird, sondern es sich um Angebote handelt, die die Kinder auch allzu gern annehmen. Tanzende Kinder auf der Bühne als letztes Bild eines ausgesprochen kurzweiligen Nachmittags – mehr geht wohl kaum.
Dass die Moral hier in kleinen Portionen angeboten wird und nicht auf dem zugespitzten Zeigefinger, krönt das kluge Stück, das Eltern, Großeltern und Kindern über die Maßen gefällt. Und so fällt der Applaus ausführlich aus. Und jetzt mal ganz ehrlich: Was die Truppe aus Halle an der Saale da anbietet, ist Musiktheater vom Feinsten.
Michael S. Zerban