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Präzision trifft Tempo

CLARASCURO
(Ángel Muñoz)

Besuch am
19. April 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Flamenco-Festival, Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Eines der erklärten Ziele des Flamenco-Festivals am Tanzhaus NRW in Düsseldorf, das über die Ostertage statt­findet, ist, neue Entwick­lungen im Flamenco statt Folklore zu zeigen. Das lief bislang so halbwegs gut. Auf einen echten Durch­bruch, das Aha-Erlebnis, müssen die Festival-Besucher ausge­rechnet auf Karfreitag warten. Den Tag, an dem der Staat den christ­lichen Religionen beispringt und von Amts wegen Ruhe verordnet. In Düsseldorf ist es ein echter Sommertag. Noch auf dem Weg zum Tanzhaus am frühen Abend zeigt die Tempe­ra­tur­an­zeige im Auto 26 Grad. Auch wenn derzeit keine Kurse der Akademie statt­finden, weil die Oster­ferien auch für das Tanzhaus gelten, herrscht reges Treiben. Das Interesse der Teilnehmer also ungebrochen. Und das, obwohl der Text zu Claroscuro, so heißt die Choreo­grafie von Ángel Muñoz, viel Dunkelheit androht. „Inspi­riert von Meistern der Malerei wie Ribera oder Rembrandt setzt Muñoz sich im Halbschatten mit dem Okkulten ausein­ander und macht sichtbar, wie wir die Dunkelheit sehen können und was sie uns sehen glauben macht“, heißt es da.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Erfreulich, dass es bei der Ankün­digung bleibt. Denn Antonio Valiente sorgt für diffe­ren­ziertes, spannungs- und abwechs­lungs­reiches Licht, bei dem nichts Wesent­liches der Dunkelheit anver­traut wird. Selbst als Muñoz in der Eingangs­szene auf einem Stuhl sitzt, auf den er am Ende wieder zurück­kehren wird, richten sich die Spots auf und um ihn herum. Ein bisschen sieht er schon aus wie Richard Gere in Atemlos 1983 – und von der Rasanz des Films gibt es an diesem Abend gleicher­maßen viel zu erleben. Seine Tanzkunst, die er in seiner Heimat­stadt Córdoba studiert und seither weiter vervoll­kommnet hat, ist eindrucksvoll bis zur Gänsehaut. Der Mann funktio­niert wie ein Schweizer Uhrwerk. Ruhig und genau die Armbe­we­gungen, während seine Schritte in derselben Präzision unvor­stellbare Geschwin­dig­keiten erreicht, die allen­falls den Rhythmus gezielt wechseln, aber nie ins Leere laufen. Geradezu erleichtert kann man nach Ablauf der etwa 80 Minuten dauernden Aufführung zumindest etwas Schweiß auf seiner Stirn erkennen. Von Pausen kann man ja nicht sprechen, wenn er nach einzelnen Auftritten die Bühne kurzzeitig verlässt, schließlich reicht die Zeit gerade, das Kostüm zu wechseln – und vermutlich doch einmal kurz mit dem Handtuch die Stirn zu trocknen. Eine Geschichte erzählt der Tänzer nicht, aber er verlegt seinen Flamenco kurzerhand in die Gegenwart, indem er eine zeitge­nös­sische Musik wählt, die ihre Wurzeln im Flamenco nicht leugnen will.

Ángel Muñoz – Foto © Klaus Handner

Unter­stützt haben ihn mit ihren Kompo­si­tionen und Arran­ge­ments Artomático, Miguel Ortega und Diego Villegas. Die elektro­nische Live-Musik, Samples und Sequenzen produ­ziert Artomático an seiner Musik-Bar, die am linken Bühnenrand viel Platz einnimmt. Hier greift er behutsam auf Misch­regler, Computer und Tasten­in­stru­mente zurück. Die selbst­ge­wählte Zurück­haltung ist notwendig, um den Künsten Villegas zu lauschen, der gleich vier Instru­mente in das Geschehen einbringt. Beginnend mit der Flöte, folgt von Auftritt zu Auftritt die Klari­nette, die Mundhar­monika und das Saxofon, immer gern jazzig angehaucht und stets im Dialog mit Muñoz, wenn er nicht gerade ein kleines Solo zum Besten gibt.

Ortega steuert Gesang und Gitar­ren­klänge bei. Auch an diesem Abend wieder alles elektro­nisch verstärkt, wobei Chipi Cacheda zwar ein feines Gespür für die Balance von Instru­menten und Stimme unter­ein­ander, aber kaum für die Gesamt­laut­stärke hat. Da erreicht der Klang dann schon mal die Dezibel­zahlen einer Diskothek. Das ist unnötig – im Gegenteil könnte hier ein wenig Under­statement durchaus stärker wirken. Zumindest bräuchten sich dann die Kinder nicht zwischen­durch die Ohren zuzuhalten und könnten noch gebannter, als sie es ohnehin schon tun, dem Geschehen auf der Bühne folgen. Hier wird die Spannung über den gesamten Abend gehalten, und die Zeit verfliegt. Ein wahrhaft großer, zeitge­nös­si­scher Flamenco-Abend, der es an Kunst­fer­tigkeit mindestens mit den Altvor­deren aufnehmen kann, aber befreit von jeder Folklore daherkommt.

Das Publikum bedankt sich auf das Lebhaf­teste und lange, ehe es auf dem Nachhau­seweg noch von der Faszi­nation des eben Erlebten zehrt.

Michael S. Zerban

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